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Cybersemiotik in Aktion: Michael Buckland verortet die Informationswissenschaft konsequent im Sozialen.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 2. Januar 2012

(zu: Michael Buckland (2012) What Kind of Science Can Information Science Be? In: Journal of the American Society for Information Science and Technology, Volume 63, Issue 1. S. 1-7.  DOI: 10.1002/asi.21656.)

Ben Kaden

Auch bei der jüngsten Diskussion über die Stärkung bibliotheks- und informationswissenschaftlicher Forschung, die ich mit Hans-Christoph Hobohm in dessen Weblog LIS in Potsdam im Anschluss an einige Aussagen eines Beitrags von Andreas Degwitz im Tagesspiegel führe, balancieren wir wieder am Rand der klassischen Leerstelle der eigentlichen Essenz unserer Disziplin. Andreas Degwitz umreisst das Forschungsprogramm in folgender Weise:

„Wir brauchen eine umfassende Diskussion. Wir brauchen Forschung zu den noch immer offenen Fragen, ob und, wenn ja, in welcher Weise das Internet Wissen schafft. Der Ansatz einer Antwort mag vielleicht in der Vermutung liegen, dass das Internet zu vernetzter Erkenntnis führt, die am Stamm unserer Ökosysteme reift.“

Als Bibliotheksdirektor des Berliner Grimm-Zentrums weiß Andreas Degwitz natürlich um das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft einen Straßenzug weiter und wenn man möchte, kann man seinen Artikel als Plädoyer für das Fach lesen. Hans-Christoph Hobohm tut dies auch – weniger vielleicht mit Berlin als mit Potsdam im Hinterkopf – sieht die Disziplin aber ziemlich gefährdet. Ich realisiere manche Schwierigkeiten ebenfalls, denke jedoch, dass es weniger die Großförderung ist, an der es uns mangelt, sondern wenigstens zum Teil auch einfach die generell nach wie vor eher geringe Sichtbarkeit der Bibliotheks- und Informationswissenschaft (angesichts ihrer eigentlichen Möglichkeiten bei der Analyse digitaler Kommunikationsräume). Sobald mein jüngster Kommentar in der LIS-in-Potsdam freigeschaltet ist, wird man dort die Aussage lesen:

„Zudem kann man auch ohne große Forschungsförderung immerhin die Methode der Review, also der kritischen Beobachtung des Geschehens pflegen. “

Wobei ich mit Review mehr als die Sichtung von Literatur meine. Review bezieht sich für mich auf die Sichtung aller Diskurse und vielleicht auch darüber hinaus aller Kommunikationen, mit denen wir Kultur strukturieren. Ich würde dennoch zunächst den Schwerpunkt auf die Diskurse als Formen geregelten Kommunikationsvollzugs legen, da man sich sonst schnell in einer Unendlichkeit von Kulturprozessen verliert.

Michael Buckland liefert nun in der aktuellen Ausgabe (Januar 2012) von JASIST im ersten Beitrag des Jahrgangs einige Argumente, an die sich sowohl Andreas Degwitz‘ wie auch meine Vorstellungen recht gut anschließen lassen. In What Kind of Science Can Information Science Be? erläutert er nicht, was wir uns als Informationswissenschaft wünschen oder was uns die Informationswissenschaft derzeit ist, sondern, welche Möglichkeiten sie seiner Meinung nach hat, wenn man ihre Kernbestandteile konsequent betrachtet.

Dabei zeigt sich für Michael Buckland (im Anschluss an die Cybersemiotik Søren Briers), dass informationstechnische und informationstheoretische Ansätze für die Disziplin unzureichend bzw. unzutreffend sind, wenn es darum geht, den Menschen und sein konkretes informationelles Handeln bzw. Informationsverhalten in den Blick zu nehmen:

„This approach is based on Wiener’s Cybernetics, Shannon-Weaver information theory, logic, set theory, and computation. It is inadequate because it fails to accommodate the cultural realities of knowing and communicating, the phenomenological complexity of perception and understanding, or the interaction of the social and the personal. The result is a general confusion among many alternative meanings of the word “information” and an approach to  information behavior that is inhospitable to both communication and learning.“

Folgerichtig arbeitet Michael Buckland eine prinzipiell kulturwissenschaftlich zu nennende Perspektive heraus. Die „knowledge free-zones“ von Informatik, den physikalischen Aspekten der Information (Entropie, etc.) sowie der Informationstechnologie trennt er davon ab. Denn es kann in einer auf konkrete lebensweltliche Phänomene bezogenen Informationswissenschaft nicht – wie beispielsweise in der analytischen Philosophie – um Wissen im Sinne von Wahrheit gehen. Sondern in Bezug auf die alltägliche informationalle Praxis des Menschen nur um Wissen als funktionierendes Provisorium bzw. kulturelles Phänomen:

„Enabling people to become better informed (learning, becoming more knowledgeable) is, or should be, the central concern of information studies and information services are, in practice, more directly concerned with knowing about than with knowing how or knowing that.“

Weder Fakten noch logisch präzise Kausallinien sind demnach er Gegenstand des Faches, sondern die Best-Practice und vielleicht noch alternative Praxen. Die Second-Hand-Knowledge, die uns handlungsfähig macht, besteht aus dem Wissen, was in Dokumenten gebunden, also codiert vorliegt. Und hinter so gut wie jedem Dokument steht eine Intention, ein Interesse von Autoren bzw. Herausgebern und mitunter auch Vermittlern. Die Notwendigkeit der Auswahl aus dem beständigen Strom von Dokument gewordenen Kommunikationsvorschlägen (=Botschaften) lässt uns ohnehin mit weitgehend im mutmaßlichen, ausschnitthaften und fragmentierten Perspektiven zurück. (Michael Buckland spricht von einer „document-pervaded society“.) Eingehegte Bereiche der Wissenschaftskommunikation haben es dabei noch vergleichsweise leicht. (sh. dazu auch hier) Öffnet man den Bezugsrahmen hin zu einer allgemeinen Öffentlichkeit – die Digitalisierung und nicht zuletzt die Open-Access-Ansätze forcieren diese Entwicklung – verschärft sich das Problem.

Michael Buckland folgt seinem kulturpragmatischen Ansatz sehr konsequent und weist auch das vermeintlich stabile Fundament der Bibliometrie in schwankende Schranken:

„Both bibliometrics and information retrieval bring methods developed in and for formal (logical, well-defined)  environments and use them on objects and in environments that are not formal, logical, or well-defined. This yields useful results but also necessarily compromised, incongruous processes.“

Nützlich? Ja. Aber mit beschränkter Geltung. Somit entfernt Michael Buckland die Informationswissenschaft von Tendenzen, sie den formalen bzw. Naturwissenschaften zuzuschlagen. Der Autor erkennt natürlich, dass er Teilen der etablierten Informationswissenschaft damit widerspricht, argumentiert aber, dass das Problem die Methodologie bestimmen sollte und nicht umgekehrt.

Man könnte dem allerdings entgegenhalten, dass bestimmte Probleme erst durch bestimmte Verfahren überhaupt erkennbar und bestimmbar werden. Das Problem existiert für eine Wissenschaft deshalb in einer bestimmten Form, weil Erkenntnisverfahren und Terminologie es in dieser Form beschreibbar machen. Diesen dispositivtheoretischen Schritt vermisst man ein wenig im Aufsatz, obschon er implizit in den Relationen zwischen den Phänomenen, die Michael Buckland zum Abschluss des Textes aufzählt, selbstverständlich enthalten ist. Nicht ganz unproblematisch ist an seiner Argumentation allerdings der Begründungsbezug immerhin der Informationswissenschaft auf das Phänomen des Wissens. Natürlich: Information ist – übrigens in Kombination mit Rauschen und Redundanz – die Vermittlungsform von Wissen. Aber im Prinzip steht seine Konzeption einer angewandten Wissenssoziologie bzw. -anthropologie deutlich näher, als dem, was tatsächlich im 20. Jahrhundert unter der Bezeichnung Informationswissenschaft herausgearbeitet wurde. Diese Tradition wird man nicht einfach zur Informatik und vielleicht in Bereiche der Physik auslagern können, um im Anschluss das Gefäß „Informationswissenschaft“ anders zu befüllen. Insofern kann man sich angesichts der bei Michael Buckland entworfenen Ausrichtung des Fachs fragen, ob die Bezeichnung überhaupt noch angemessen ist oder ob er nicht eine neuartige Disziplin, die sich aus der Informationswissenschaft entwickeln kann, beschreibt. Oder ob wenigstens angesichts der Konzentration auf mit Dokumenten vermittelte Kommunikationen nicht (Bibliotheks- und) Kommunikationswissenschaft oder gar Wissenswissenschaft stimmiger wären. Aus meiner Sicht, die viele im Aufsatz enthaltene Elemente mit nicht geringem Wohlwollen betrachtet, bewegen wir uns auf dieser Entwicklungslinie des Faches ohnehin geradewegs auf einen Bereich zu, der bereits eine andere, sehr treffende Bezeichnung besitzt: die Kultursemiotik.

2 Antworten

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  1. Walther Umstaetter said, on 3. Januar 2012 at 12:47

    Es ist ja ein alter Streit, wo die Informationswissenschaft zu verorten ist. Während die Bibliothekswissenschaft früher ja meist in den Geisteswissenschaften beheimatet war und die eigentliche Informationswissenschaft, auf der Basis der Informationstheorie, der Naturwissenschaft (Boltzmann, Shannon, Schrödinger, Wiener etc.) zuzuordnen ist, erkannte schon Harnack 1921, dass eine moderne Bibliothekswissenschaft eine Nationalökonomie des Geistes sein sollte und damit einen wirtschaftswissenschaftlichen Charakter besitzt. Im Laufe der Online-Revolution wurde dann immer mehr Sozialwissenschaftler(inne)n klar, welche Bedeutung diese Revolution auch für die Gesellschaft insgesamt hat.

    Abgesehen davon, dass die fundamentalen Erkenntnisse aus der Informationstheorie, mit der daraus folgenden Semiotik und der Wissensorganisation von der Biologie, bis zur Philosophie oder Psychologie in alle Wissensbereiche hinein wirkten, leidet sie bis heute darunter, dass zu viele Informationswissenschaftler(innen) die vielfältigen Aussagen einer Formel, wie -H = Summe pi x ld pi (in der H der mittlere Informationsgehalt einer Nachricht, pi die Wahrscheinlichkeit mit der die jeweiligen Zeichen dieser Nachricht eintreffen und ld der Logarithmus zur Basis 2 ist), mit allen ihren Konsequenzen, nicht nachzuvollziehen vermögen. Das hat auch zur Folge, dass die Semiotik und die Wissensmessung, ohne den Unterbau dieser Informationstheorie immer wieder in die Irre gehen. Diese Informationstheorie ist also nicht inadäquat für die Semiotik, Wissensorganisation bzw. Kulturwissenschaft, sondern im Gegenteil, das klar umrissene Fundament dieser Wissenschaftsbereiche, die damit zu oft verwechselt werden. Denn es gilt weiterhin: „In particular, information must not be confused with meaning“. Die Bedeutung ist erst Gegenstand der Betrachtung in der Semiotik, und Wissen erfordert logische oder empirische Begründungen, von denen in der Informationstheorie noch keine Rede ist. Kultur, als gesellschaftlicher Lernvorgang, ist dagegen eine noch höhere Ebene, weil sie insbesondere auf dem beruht, was Popper die Welt 3 nannte.

    Der Versuch, die Informationstheorie auf der Ebene der Kulturwissenschaften zu diskutieren, erscheint damit zwar legitim, weil sie, wie bereits gesagt, auch dort revolutionäre Wirkung zeigte, aber nicht so trivial, wie das oft erscheint, sondern indirekt über die Informatik, die Semiotik, die Wissensorganisation.

    Das eigentliche Problem liegt also darin, dass wir in der natürlichen Sprache (meist bei Laien) unter „better informed (learning, becoming more knowledgeable)“ verstehen, obwohl dies bei präziser Definition, höchst unterschiedliche geistige Gegenstände sind. Diese Begriffskonfusion belastet auch die fachliche Diskussion immer wieder, denn wir können die Grundformel der Informationstheorie, die sich aus der Entropie ergab, nicht der Mathematik oder der Physik entreißen, nur damit sich Soziologen oder Philosophen nicht mehr damit beschäftigen müssen. Sie ist ein Fundament unserer heutigen Wissenschaft, in allen Fächern und insbesondere in der Informationswissenschaft, mit Informatik und Bibliothekswissenschaft. Am ehesten wäre daher die Bibliothekswissenschaft von heute in der Wirtschaftsinformatik anzusiedeln, ganz im Sinne Harnacks Nationalökonomie des Geistes. (Digitale) Bibliotheken als Bildungs-, Macht- und Wirtschaftsfaktor der modernen Gesellschaft wären auch sicher weniger gefährdet als sie es heute sind.

    Die hier geäußerte Ansicht unterscheidet sich von der M. Bucklands also weniger grundsätzlich als graduell. Informationswissenschaft ist nicht nur die Informationstheorie, sondern schließt auch ihre Konsequenzen in der Semiotik und der Wissensorganisation bis hin zum Kulturmanagement ein. Als Bibliothekswissenschaft steht ihre volkswirtschaftliche Rolle im Vordergrund. Die Informationstheorie aber aus der Informationswissenschaft weitgehend auszuklammern ist höchst gefährlich. Insofern ist sie „unzureichend“ aber keinesfalls „unzutreffend“ für die Informationswissenschaft.

    W. Umstätter

  2. […] der die Leisungskennzahl von einer Publikation im Jahr bereits in der ersten Woche des Jahres 2012 erfüllte, übertrifft das Soll in der zweiten Woche mit einem Grundsatzpapier zur Obsolescence in Subject […]


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