LIBREAS.Library Ideas

Telex und Touchscreen. Zum Medienwandel im Zeitalter des Post-Briefs.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by libreas on 28. Dezember 2011

Manche meinen, dass wer sich die Zukunft des gedruckten Buches vor Augen führen möchte, mal einen Blick auf die Zukunft des papiergebundenen Poststücks (Brief, Post- oder Ansichtskarte) werfen sollte. Wo Digitaltechnik dominiert und die Nachrichtenübertragung beschleunigt, kann der langsame, materialgebundene Austausch von Inhalten nicht überleben. Meint man. Und dort, wo rein ökonomisch gedacht werden muss, gibt es deutliche Signale, dass nicht alles an dieser Ansicht verkehrt ist. Roger Angell schreibt in der ersten Januar-Ausgabe des New Yorker einen entsprechend einsichtigen Artikel und nennt nur noch wenige zwingende Anwendungsfälle für Briefpost:

„Letters aren’t exactly going away. Condolence letters can’t be sent out from our laptops, and maybe not love letters, either, because e-mail is so leaky. Secrets—an expected baby, a lowdown joke, a killer piece of gossip—require a stamp and a sealed flap, and perhaps apologies do as well (“I don’t know what came over me”). Not much else.“

Es ist fraglich, ob Postunternehmen mit Trauerbekundungen überleben können, denn obwohl man in diesem Fall meistens gern auf die pietätsärmeren Einmischungen in den digitalen Netzwerken verzichten mag und erfahrungsgemäß häufig im Fall des Betroffenseins mit pietätsärmeren Einmischungen gutmeinender Face-to-Face-Kommunikanten genug zu tun hat, ist einem – ebenfalls erfahrungsgemäß – das Kondolenzpostaufkommen nicht immer prioritär. Manchmal könnte man sogar auch gut darauf verzichten – wenn sich nämlich die beiden Varianten kreuzen. Liebesbriefe lassen sich dagegen vielleicht nicht bevorzugt über Pinnwände aber – erfahrungsgemäß zum Dritten – in gleicher Intensität elektronisch in die Herzen oder daran vorbei entsenden. Wer sich wie Josef Murau bei Thomas Bernhard erinnert „[M]eine Schulbücher waren schmutzig, meine Schrift war schlampig, beinahe unleserlich“, dem verspricht die digitale Lebenswelt ohnehin einen in formalen Dingen an Tadeln ärmere Lebenszeit und vielleicht sogar ein bisschen besseren Reproduktionserfolg. Denn wo einst die Begehrte die geheime aber verschmierte Botschaft nicht lesen konnte, kann nun das Buhlen in bester Web-Typography eindeutig lesbar auf ihrem Tablet auftanzen. Schulbücher, die Urplage für geschundene Kinderrücken und Schmierfläche für ungeduldige Kinderhände, wachsen nun auch langsam aus den Kinderstuben und ins Schulbuchmuseum. Grenzenlos hat auch einiges mit ranzenlos gemein.

„His hands were weak and shaking
from carrying far too many
books from the bookshop.


It was the best feeling.“

Solche Wunschträume von Leuten, die sich zeitgemäß sallyeloo nicknamen, sprechen nur noch die Generationen an, die sich auch aufrichtig am Tiny Book of Tiny Stories erfreuen. Allen anderen muss die Bürde und der Kult ums Buch so aktuell sein, wie unseren Eltern die Geschichten aus der Gartenlaube. Das Problem für die Post und Massenverlage liegt nun darin, dass sie strukturell nur über einen Massenmarkt überleben können. Während kleine bibliophile Pressen immer noch ihre Zielgruppe finden, wird die Briefbeförderung tatsächlich zum Problem, wie die US-Post gerade merkt. Als viel zu groß aufgestellter Shrinking Media-Anbieter muss sie doch mit der Flächigkeit des Landes und den realen Distanzen kämpfen. Die Briefbeförderung lässt sich im Gegensatz zum Buch denn auch kaum zum Luxusgut stilisieren. Digitaltechnik übrigens auch nur schwer. Das iPhone mag designtechnisch bis in die letzte Ecke überzeugen. Es ist aber auch dort angekommen und ein – wie eine U-Bahn-Fahrt zeigt – nahezu schichtenübergreifendes Alltagsutensil, das sich im vollgespritzten Blaumann genauso gut findet wie in der Hermès-Bag. Wie früher Kondolenzbriefe und Urlaubspostkarten. Das Vertu-Constellation gibt es nun zwar auch mit Touchscreen in Krokodilleder, was aber so stilbemüht daherkommt, wie ein BTX-Terminal vor einem Pollock. Eleganz beruht bekanntlich auf einer wie naturgegebenwirkenden Harmonie zwischen Inhalt und Form. Womit der Unterschied zwischen iPhone und Vertu-Riegel deutlich sein dürfte. Man könnte auch den SPIEGEL-Jahrgang des Jahres 1991 sicher mit Goldschnitt versehen. Aber gerade das wirkte billig.
Bei mobiler Kommunikationstechnologie, dies meine These zum Mittwoch, ist aufgrund der niedrigen Zugangshürden die soziale Botschaft jedenfalls hinfällig und wenn man dem Mobiltelefonie-Markt etwas zugute halten mag, dann, dass er idealtypisch zeigt, wie Rundumdemokratisierung durch Konsum bewerkstelligt werden kann. Vor dem Funknetz sind alle, ob Edelmann oder Knapp, vielleicht nicht gleich gleich aber doch sehr ähnlich und werden nächsten Samstag kurz nach 12 am Samstag von Berlin-Mitte aus wie jedes Jahr niemanden per Handy erreichen.

Früher – also Anfang der 1990er – sah die Welt noch anders aus. Netzzugang war ein Luxus. Und das erste Fundstück des Tages zeigt, dass Information im Netz in dieser Zeit folgerichtig gern auch als selbstverständliches Lebensstilelement der Coolen und Reichen verkauft wurde:

BTX

Das Bundfaltennetz: Welche Oldies sind topaktuell? Zu BTX-Zeiten musste man oft noch dem eigenen Geschmack und nicht dem YouTube-Ranking vertrauen. Jedenfalls dann, wenn man kein MultiTel der Post besaß. Auch ansonsten ist die Welt vor 20 Jahren heute kaum weniger vorstellbar, als es 1991 die Informationswelt in 20 Jahren war. Wobei die Herrenanzüge dieser Zeit unzweifelhaft futuristischer geschnitten waren. Keine Frage!

Vor dem Horizont der Wende zum berührungsempfindlich Display, das die Tastatur auf die Straße des Aussterbens schickt, auf der Fotofilme, Brief und Buch bereits in ihren Sonnenuntergang schlendern, ist das Fundstück aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24.03.1993 fast noch interessanter, auch wenn man damals den eigentlich Punkt noch nicht verstand: „Menschen, die mit den Tastaturen herkömmlicher Rechner und elektrischen Schreibmaschinen nicht zurecht kommen“ greifen nicht unbedingt lieber zum Schreibstift. Sondern wischen sich die Botschaften, die sie brauchen, heran.

Damit kommt in gewisser Weise die Welterschließung per Hand, das haptische Element zurück, weswegen die midasierende Touchscreen-Kultur, die das wertvoll und nutzbar macht, was ich direkt berühre, weniger künstlich erscheint, als die QWERTZ-Eingabetechnokratie. Der Touchscreen ist das bisher jüngste Glied in der evolutionären Kette der Interaktionswerkzeuge und die scharfe Kante, die der Computermaus das Plastikrückgrat bricht.

Touchscreen

Touchscreen, Tochscreen now. I wanna feel your body. - Samantha Fox' 1986er Überhit (mit diversen Unterremixen in den 1990ern) hat nun wirklich nichts mit Digitaltechnik zu tun (außer vielleicht beim Abmischen). Und wenn man ihn heute hört, wirkt er entsetzlich schleppend. Wen aber gern unfreiwillig krude Assoziationen überfallen, der bekommt dennoch schon mal die Verknüpfung "Tatsch Mie" (wie wir es damals mitsangen) und Tadschskrien, wie die Generation unserer Kinder es nennt, mitgeliefert und kann daraus nichts anderes machen, als eine bedeutungsarme Bildunterschrift. Fax für Dr. Schreiber.

(bk)

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