LIBREAS.Library Ideas

Ein Augenblick im Dezember. Die Jahresausklangskolumne.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 22. Dezember 2011

„nicht vergessen auch im neuen jahr immer positiv denken“

– die Auswertung der Suchbegriffe, mit denen man über die Suchmaschinen zu LIBREAS-Inhalten findet, offenbaren mitunter sehr viel über die Suchbefindlichkeiten im Netz. Die Topanfrage dieser Woche vor Weihnachten war aber nicht der obige NLP-nahe Imperativ einer glücksverheißenderen Selbstausrichtung, sondern schlicht und einfach: Erotika. Außerdem suchten unsere Gäste nach unter anderem

– „arabische pornografie“,
– „babystrich berlin 2011“,
– „cyber-sexy library“,
– „internet buzzwörter“,
– „einfluss der medien auf die gesellschaft kurz“,
– „the kids are not alright“,
– „welchen wochentag „frankfurter allgemeine“ mit wissenschaftsteil“.

Immerhin auf eine Suchanfrage lässt sich präzise antworten: Mittwoch. Bedauerlicherweise verirrt sich ansonsten anscheinend niemand auf der Suche nach dem Mysterium der „Liebe“ auf unsere Seiten – und vielleicht fehlen uns die Inhalte. Oder die passende Suchmaschinenoptimierung auf die Zielgruppe hin, denn eigentlich gleiten hin und wieder schon zarte Anspielungen auch auf dieses Thema zwischen den Zeilen dieses Weblogs. Muss man nun Oliver Pfohlmanns eher traurig stimmendes Resümee seiner Sammelrezension zur Liebe in den Zeiten des Internets in der gestrigen Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung übernehmen, das in der übercodierten Oberflächenwelt von der kleinen Kostbarkeit wahrer Nähe oder dem sanften Hauch der Andeutung nichts übrig lässt und nur dem dampfwalzenden Sportsex huldigt, dessen disziplinäre Einordnung unter dem Schlagwort „Gaming“ durch die Häuser läuft?

„So kurz heute der Weg ins Bett ist, so hürdenreich kann er werden, soll daraus etwas «Ernstes» werden. Einige beschränken sich daher bewusst auf das zynische «gaming» mit dem Ziel, möglichst viele Partner ins Bett zu bekommen; ihre erste Regel lautet: Emotionale Distanz wahren! Nicht nur Männer, auch Frauen führen Online-Statistiken über ihre Aufreiss- oder Abschlepp-Erfolge, professionell aufbereitete Kuchen-Diagramme inklusive.“

Sicher geht die Waren- und Leistungsgesellschaft nicht spurlos an unserem Privatleben vorüber und wer in seinen 12-Stunden-Arbeitstag gewohnt ist, permanent evaluiert zu werden und seine Kollegen einer harten Kosten-Leistungs-Rechnung zu unterziehen, muss schon eine gewisse Grundreife mitbringen, um die selben Prinzipien aus den Resträumen zwischenmenschlicher Kontakte auszuklammern und sich trotz allem auf eine „authentische tiefe Erfahrung der Andersheit“ (Alain Badiou) einzulassen, die weitaus gefährlicher und kontingenter sein muss, als das auf- und abrechnende Zusammenfinden auf Zeit und mit einer Klausel zur einvernehmlichen Trennung, falls eine mehr versprechende Option in Sichtweite gelangt oder die vereinbarte Zeit vorüber ist. So ist die aufgeklärte und wunderlose just-in-time Informationsgesellschaft nicht gerade die Brutstätte für Sehnsüchte nach blauen Blumen und möglicherweise verstörenden und unberechenbaren Zuneigungen, die sich vertraglichen Regelungen entziehen. Doch wieso funktioniert die Rationalisierung an dieser Stelle nicht. Wieso denkt man auf dem S-Bahnsteig des Bahnhofs Friedrichstraße kurz nach der Büroschlußzeit an And they all look broken hearted? Die Hyperironie unsere Überkultur, in der jeder alles schon gesehen und gehört hat und sich bestenfalls mit einer weißen Spur am Nasenflügel in einer Samstagnacht in eine andere, jedoch fein eingehegte Ausschweifungswelt auf Zeit zu werfen bereit ist, macht es schwer für die unscheinbaren, stilltiefwassernen Türen im Gewöhnlichen und doch scheinen wir nicht davon loszukommen. Gerade zur Weihnachtszeit bauen wir uns ein Mäuerchen aus Geschenkkartons in der Hoffnung, die Pforte in diese anachronistische Welt aus Hingabe, Loslassen und Geborgenheit genau darin zu finden. Selten genug gelingt es.

LIBREAS möchte aus aktuellem Anlass seinen LeserInnen ausnahmsweise weder frische R-Codes noch Reflektionen über die Digitale Bibliothek in die Feiertage geben, sondern nur eine ganz unspektakuläre Autofiktion über das Sehen und Schließen. Wir wünschen allen unseren LeserInnen ruhige Tage, möglichst wenig Cyberrealität und alle Liebe, die sie sich selbst wünschen.

Library Lovers

Von wegen Kuchendiagramm: Für das Symboldbild im Dezember 2011 ist das gebackene Eichhörnchen in Puderzuckerstaub viel angemessener.

………………..

Die Liebe zur Bibliothek. Ein Fall auf freier Strecke.

Der S-Bahn-Waggon, der am 16.12.2011 gegen 11:30 als Linie S 75 Berlin durchquerte, war aus zwei Gründen weithin bekannt und identifizierbar: Einerseits trug er auf seine Flanke aufgetragen ein etwas verwaschenes Graffiti, das von sich behauptete, Ausdruck einer „full range madness“ zu sein, die sich aus dem Waggon nur spiegelverkehrt und so als fast schöneres Farbflächenbild zeigte, welches hier und da über die Fenster in den Blick schwappte und die Stadt durch die spärlichen Lücken unsauberer Strichführung als bunt gebrochenes Reisebild huschen ließ.

An der Fahrerkabine trug der Zug zudem drei Signaturen in Silberchrom, die nicht nur darauf verwiesen, dass sich jemand, der sich mit dem Kürzel MS beschreibt, in irgendeiner kurz zurückliegenden Nacht seinen Kick aus der Bezeichnungspraxis am Gleis holte. Die Markierungen verknüpften den Waggon auch unverwechselbar mit einem Pressefoto, welches die Tagesspiegel-Berichterstattung zum S-Bahnausfall vom 15.12. als Symbol des Stillstands begleitete: Ich saß in keinem anderen als dem tags zuvor öffentlichkeitswirksam vor dem S-Bahnhof Alexanderplatz liegengebliebenen Wagen aus dem die Fahrgäste „wegen Verzögerung auf unbestimmte Zeit“ schließlich von ihrem Halt auf freier Strecke zu einer Wanderung auf der Stadtbahntrasse antraten. Der Waggon erlangte durch einen hastig angebrachten Schriftzug in Kopplung mit einem großstadtabbremsenden Ereignis eine besondere Eigenheit. Er war nicht mehr einer von vielen. Für mich und MS war es der Waggon – aus unterschiedlichen Gründen.

Ich gründelte in ihm als Beobachter. Damit war ich bereits mitten in einem Identifikationsspiel, dem semiotischen Bermudadreieck der Sinnzuschreibung und Interpretationsketten, mit dem sich auch der ödeste Kulturraum, die Nicht-Orte und Transiträumchen des dahindezembernden Alltagsgraus, noch immer mannigfaltig auszeichnen lassen. So spannten sich die vom ersten Frost bezogenen Oberflächen zu einem überraschenden Trampolin für Erkenntnisübungen, denn man beginnt, im Waggon und der Blickkontaktvermeidung gefangen, meist langsam mit einer Kleinigkeit, die wieso auch immer die Aufmerksamkeit erhascht, gewinnt mit dieser zunehmend an Schwung, und springt in der Sinngenese hoch bis sich von einem Augenaufschlag aus der Blick auf das Weltganze zu eröffnen scheint. Das ist ganz nach dem kleinen Haltepunkt eines Wittgenstein’schen Allgemeinplatzes das Ganze einer sehr eigenen, nur selbstverbindlichen Welt. Ihre Grenzen ergeben sich durch die Überschneidung des akuten Horizonts der Situierung des Beobachters mit dessen virtuellen Horizontlinien und der Sprache, die dieser dafür findet und vielleicht in von den Schlägen des Gleises verzitterter Mikrogrammatik in die Aufschreibbüchlein zu konservieren versucht. Erfahrungsgemäß sind diese Grenzen oft von Stereotypien und Schlüsselorientierung bestens bewacht. Erfahrungsgemäß wird nichts in diesen Zeilen konserviert. Erfahrungsgemäß helfen sie aber bei der Jetzt-Wahrnehmung.

An anderen Tagen beginnt man die Mikro-Semiosis womöglich anders, nämlich mit dem eigenen aufgewühlten Weltganzen und sinkt in der Aufmerksamkeit nach und nach auf ein bestimmtes, plötzlich erst relevant werdendes Detail zusammen, das sich unerwartet fähig zeigt, alles einfach so umstürzen, aus den heiteren Himmeln genauso wie den wolkenverhangenen.

Während ich dies in einer vom eingefallenen Wetters dieser Tage kaltgespülten Schleife dachte, stieg am Bahnhof Lichtenberg eine junge fremde Frau in ihren, wie man so sagt, Twenty-Somethings zu, brach mit einem kräftigen Strawberry-Blonde durch die Schichtwolken der bisherigen Fahrt  und erteilte mir – ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, ohne es zu merken – eine weitere Lektion in autoanalysegekoppelter Schlüsselreizung.

Die Frau war bis zur Unauffälligkeit mittelgroß und schlank und doch fügte sie sich im Blick nicht sofort in den Zustand, der sie mit den anderen Mitreisenden zu einer für die Großstadt so typischen Daseinstapete werden lassen könnte, zu gesichtslosen Wintermänteln, die den Raum solang schleierhaft durchziehen, bis man zu eng an sie herangedrückt wird und sie erzwungenermaßen ein Gesicht erhalten.

Die junge Frau trug eine violette Strickmütze, aus der sich eine widerspenstige Strähne gelöst hatte und nun in einen sanften Bogen über die Schläfe zog. Aus einer Nachlässigkeit entwickelte sich eine zarte Geometrie. Sie stellte ihren offensichtlich vielgereisten Trekkingrucksack mit dem oben aufgespannten eingerollten Bogen Geschenkpapier behutsam neben sich. Aus der Art der Ausführung einer Alltagshandlung und einem Detail wurden erkennbare Eigenschaften (Sorge um jemand Drittes, der beschenkt werden wird). Sie legte sich die Tasche der Marke ta_sche (bzw. tausche) mit ihrem gelben Taschenkörper und dem rosé-farbenen Überklapp als eine Art Schild vor den Körper. Aus einem Zug der Körpersprache wurde ein erkennbares Gefühl (Transitraum, keinen Kontakt bitte).

Der Blick hinter den in ein kantiges dunkles Gestell gefassten Gläsern ihrer Brille, ein Gestell, das sich derzeit häufig findet und zuletzt eine Woche darauf in einem Intercity der SBB hinter Zürich auf dem hellblauen Anatomielehrbuch einer später auf dem Bahnsteig in Basel in die Nacht rauchenden noch jünger wirkenden, hektischen Medizinstudentin wieder auftauchen wird, brach sich, nachdem alles in der Nische des S-Bahnwaggons in eine stimmige und sichere Ordnung gebracht worden war, mutmaßlich an anderer Stelle. Nämlich nach innen. Sie saß still, doch ihre schmalen hellen Hände mit den kurzen Fingernägeln und einem breiten silbrig scheinenden Ring am linken Zeigefinger, unternahmen doch ab und an kurze Wanderungen über das gelbe Polyesterschutzwällchen auf ihrem Schoß, ohne Aufwand und Ziel, so als begleiteten sie Melodiefragmente, die die Gedanken tragen: milde Lieder der Organisation des Unterwegsseins.

Ihre in die Schäfte schwarzer Stiefel eingefädelten grauen Jeans standen dagegen reglos und diszipliniert auf dem über die Weichenstellungen bebenden Schwingbogen des Waggons. Sie gelangten erst wieder in Bewegung, als sich der Zug dem Ostbahnhof näherte, der nächsten Etappe eine Reise ins Weihnachten.

Ich überlegte, da ich es aus der nicht allzu großen, aber doch nennenswerten Entfernung schwer erkennen konnte – ein in den tintenblauen Formeln seines Notizblocks umher tauchender TU-Student mit einem mutmaßlich auch unter hohem Druck wasserdicht messenden großblättrigen Chronometer am linken Handgelenk saß ihr weitaus näher, jedoch ohne einmal mit einer Wimper in ihre Richtung zu zucken – ob die goldschimmernde Brosche an der linken Brusttasche ihrer schwarzen Jacke eine spielende Katze darstellt oder einfach eine abstrakte Form schönen Schwungs, als sie plötzlich aufstand und mir ein viel vertrauteres und eindeutig erkennbares Zeichen zeigte: Am Schoß ihrer Jacke prangte gleich eines kuriosen Sternchens vor der unergründlichen Leinwand eines schurwollenen Nachthimmels ein kleiner weißer Button mit einem rosa Herzlein und der einzig möglichen, denkbaren, wünschbaren Aufschrift: Library Lovers. Wie nun alles passte von der Sanftheit über die Brille bis zur Disziplin.

Wie konnte ich widerstehen, sie anzusprechen, mich vorzustellen und sie in die Café-Nische am westlichen Durchgang der Bahnhofspassage einzuladen, um über den Schwung einer Tasse Cappuccino ausgehend vom Gemeinsamkeit stiftenden Element der sinnlichen Bindung an das Kulturphänomen Bibliothek alles zu erfahren, was zu erfahren ist; um dank der mildtätigen Verstörungskraft des Zufalls nach und nach bis zur Auflösung gerührt zu werden wie die Schokoladenflocken auf der Sahnehaube; um so eine internationale Verbindung zu knüpfen, die die eigene Perspektive in vielerlei Hinsicht für eine weite, weitere Welt eröffnet? Das frage ich mich jetzt zwei Tage später in einem ganz anderen Zug immer noch und es paradiert eine Reihe von Gründen, die für diese Schilderung nicht weiter von Belang sind, durch meine Gedanken bis sie in Göttingen aussteigen, „Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges“. Die Türen schließen. Ach, was man so alles sieht. Und wie.

22.12.2011

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