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Drei Gefahren für die Szientometrie.

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 3. Dezember 2011

Ein Wort zu: H. Moed, A. Plume, M. Aisati & P. Berkvens (2011) Is science in your country declining? Or is your country becoming a scientific super power, and how quickly? In: Research Trends (25) Nov. 2011

von Walther Umstätter

Wer die szientometrische Literatur schon seit längerem verfolgt weiß, dass die Zeitschrift Scientometrics schon frühzeitig damit begann, immer wieder die Wissenschaft verschiedener Länder miteinander zu vergleichen. Die   meisten Publikationen dieser Art waren allerdings nicht viel Wert, da sich schon sehr bald herausstellte, dass der Science Citations Index (heute Web of Science) mit seiner Quellenauswahl keinesfalls ein korrektes Abbild der weltweiten Wissenschaftslandschaft war.

Im Prinzip hatte Eugene Garfield das auch gar nicht behauptet. Wir erinnern uns, dass er seine erste Auswahl an Zeitschriften danach ausrichtete, welche (meist amerikanischen) Journals am häufigsten zitiert wurden. Hinzu kam, dass ihn die Biochemie besonders interessierte. Vermutlich weniger, weil er selbst Chemiker ist, als vielmehr darum, weil er wusste, dass die Pharmaindustrie viel Geld und viel Bedarf an seinen Datenbanken hatte.

Wenn also Moed et al. nun zu zeigen versuchen, dass Scopus eine bessere Basis für solche Untersuchungen ist, dann liegt der Verdacht nahe, dass es hier mehr um einen Wettbewerb zwischen WoS und Scopus geht, als um wirklich wissenschaftliche Erkenntnisse. Das erkennt man auch daran, dass der Titel: „Is science in your country declining?“ den Eindruck erweckt, Scopus sei in allen Ländern WoS überlegen, obwohl es in dem Beitrag nur um den Vergleich von China und den USA geht. Die Quintessenz des Beitrags ist einfach:

„Scopus tends to have a more comprehensive coverage, especially of Chinese journals, while WoS has more selective journal coverage.“

Diesen Vergleich zwischen Scopus und WoS kommentiert dann auch der „Comment“ von Loet Leydesdorff.

Wenn es in Péter’s Digital Reference Shelf  2004 noch hieß:

„Although Scopus and WoS are said not to be in direct competition, they certainly have the same target audience and the same exquisite search strategy.“

und dass 75% in englischer Sprache sind, versteht man allerdings den Vergleich von Moed et al. nur schwer. Zumal auch in Scopus 34.6% aus dem Bereich Gesundheit und 27% aus den life sciences stammt. Das sind über 60%.

Niemand wird bezweifeln, dass China, Indien und etliche andere Länder seit Jahrzehnten immer stärker in die Wissenschaft einsteigen, und dass das die Vormachtstellung der USA in der Wissenschaft weiterhin erheblich schmälern wird. Interessant ist, dass diese Länder auch zu erheblichem Anteil in ihrer jeweiligen Landessprache publizieren und sich zunehmend auch eigene Datenbanken aufbauen. Hinzu kommt, dass Manfred Bonitz und Andrea Scharnhorst in einem solchen Ländervergleich (2002) nachweisen konnten, dass sich die Länder in der Wissenschaft immer stärker auf bestimmte Wissenschaftsbereiche konzentrieren. Nicht selten hängt das natürlich mit ihrer Wirtschaft zusammen. Damit führt jede themenbezogene Datenbank zu einem verzerrten Bild – von der Geheimhaltung in den verschiedenen Ländern und Forschungsbereichen ganz abgesehen.

Die Globalisierung geht seit längerem zu einer immer stärkeren Arbeitsteilung in der Wissenschaft über. Waren um 1900 noch etwa 90% der Wissenschaft in deutsch, englisch und französisch, so ist dieser Anteil heute weit, weit geringer. Darum gibt es ja auch eine neue Diskussion zum Thema „Wissenschaftssprache Deutsch“ gegenüber den zunehmenden Bemühungen, durch englischsprachige Publikationen leichter in die alten klassischen Datenbanken Biosis, ChemAbs, Medline, SCI etc. zu kommen.

Die Szientometrie leidet heute unter drei Gefahren:

1. Viele alt erfahrene Szientometriker geraten in die Gefahr noch mit veralteten Vorstellungen aus der Little Science zu arbeiten.

2. Den meisten Newcomern fehlt die Basis der Erfahrung, weil sie das Fach nicht studiert bzw. erlernt haben.

3. Die größte Gefahr liegt aber darin, dass die Wissenschaft immer mehr zu einer pseudowissenschaftlichen Reklame für Produkte, Institutionen oder Dienstleistungen vorkommt, und das unter dem Deckmantel der Professionalität. Dazu empfiehlt sich bei den Autoren des Beitrags auch nach ihrer Verbindung zu Elsevier zu recherchieren.

Literatur

Bonitz, Manfred; Scharnhorst, Andrea (2002): Überlegungen zu einer Theorie des Matthäuseffektes für Länder. In: Heinrich Parthey, Walther Umstätter (Hrsg.): Wissenschaftliche Zeitschrift und Digitale Bibliothek: Wissenschaftsforschung Jahrbuch 2002. 2. Auflage. Berlin: Gesellschaft für Wissenschaftsforschung, 2011. S. 83-88 (Jahrbuch als PDF-Download)