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Die Beurteilung junger Talente in der Wissenschaft

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 2. Dezember 2011

Ein Wort zu: Kamalski, Judith and Riese, Colby (2011): Individual Researcher Assessment: from Newby to Expert. In: Research Trends (25) Nov. 2011

von Walther Umstätter

Der Ansatz ist auf den ersten Blick interessant. Man prüft ob ein Autor einer Publikation noch unbekannt ist, eine vielversprechende Zukunft („a promising future“) hat, ob er schon wiederholt publizierte und damit „underway to the next stage“ ist, oder als „established and independent„ angesehen werden kann.

Trotzdem ist es ein Beispiel, wie man Szientometrie nicht betreiben sollte, denn wenn ich wissen will, ob ein Autor talentiert ist, dann gibt es zunächst nur eins, zu prüfen, ob seine Publikationen sehr gut, gut, mittelmäßig oder sogar unsinnig sind. Da kann es natürlich auch hilfreich sein, zu prüfen, von wem er wie zitiert wird. Aber die Tatsache, dass er in Datenbanken wie Scopus auftaucht, sollte nicht überbewertet werden.

Im Gegenteil, durch das Internet werden sogar Systeme wie Web of Science immer stärker relativiert. Ihr Versuch, bestimmte Zeitschriften, durch einen hohen Impact Factor an der Spitze der Wissenschaft zu halten, wird immer schwieriger und fragwürdiger. Hier sollte man echte Szientometrie nicht mit Reklame für bestimmte Datenbanken, Periodika oder Monografien verwechseln. Nur am Rande sei bemerkt: Judith Kamalski ist ein „Publishing Information Manager“ bei „Elsevier’s Research and Academic Relations department“ und Colby Riese ist „Marketing Communications Manager“ bei Elsevier.

Schon bei Eugene Garfield, war immer klar, dass seine szientometrischen Publikationen in erster Linie als promotion activity  für seinen Science Citation Index dienten, aber ohne dass er dadurch sein wissenschaftliches Renommee aufs Spiel setzte. Gerade weil seine Beiträge so fundiert waren, ist es ihm gelungen, die im SCI zitierte amerikanische Wissenschaft so unverzichtbar zu machen.

Bislang war der normale Einstieg vom „Newby“ zum Experten dadurch gegeben, dass beispielsweise ein Doktorand mit dem ihn betreuenden Doktorvater zusammen seine ersten Publikationen verfasste, um dann mit dieser neu gewonnenen fachlichen Anerkennung zunehmend allein zu publizieren, um danach mit seinen Erkenntnissen wiederum die nächste Newcommer-Generation zu inspirieren. Immerhin setzte so mancher Doktorvater dabei seinen guten Ruf aufs Spiel. Wobei nicht jeder Betreuer so gut weg kommt, wie Robert A. Good, der den Summerlin Skandal (1974) überstehen musste.

Dass wir daneben zunehmend junge Autorinnen und Autoren haben, die über Projektgelder gefördert werden, deren Sponsoren ein großes Interesse daran zeigen, die Ergebnisse (wenn sie den Geldgebern genehm sind), allgemein bekannt zu machen, indem sie auf Tagungen geschickt werden, ihre Vernetzung mit anderen Mitstreitern gefördert wird und die in der Gefahr stehen, keine Projektgelder mehr zu bekommen, wenn ihre Ergebnisse nicht das bringen, was erwartet wird, ist eine der größten Gefahren der Big Science. Man erinnere sich nur daran, wie lange es der Tabakindustrie gelungen ist, zu vermeiden regresspflichtig gemacht zu werden, weil sich immer wieder sogenannte Wissenschaftler fanden, die beispielsweise belegt haben, dass Rauchen nicht zu Krebs führt. Auch heute ist es für etliche
Wissenschaftler schwierig, die Gelder zu bekommen, um nachzuweisen, dass die globale Erwärmung möglicherweise nicht ausschließlich anthropogener Natur ist.

Es ist eine wachsende Gefahr, wenn zunehmend Experten eingestellt, berufen oder gefördert werden, nur weil sie „gut vernetzt“, „oft zitiert“ oder „in peer reviewed journals“ publiziert haben, ohne dass ihre Untersuchungsergebnisse, Theorien oder Thesen genauer hinterfragt werden. Dazu gibt es nicht nur Berufungskommissionen, in denen schon so manche Fehlbesetzung zur Erheiterung über ahnungslose Kollegen geführt hat. Es ist auch der Grund, warum nicht alles Elite ist, was sich so nennt.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag erschien zuerst am 30.11.2011 in der Mailingliste Inetbib.

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