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Die Stimme des Systems. Zu Melanie Feinbergs literaturtheoretischer Informationswissenschaft.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 25. November 2011

Anmerkungen von Ben Kaden

zu: Melanie Feinberg, (2011) How information systems communicate as documents: the concept of authorial voice. Journal of Documentation, Vol. 67 Iss: 6, S.1015 – 1037. DOI: 10.1108/00220411111183573

Abstract:

Der Beitrag setzt sich mit dem Ansatz Melanie Feinbergs, literaturwissenschaftliche Methoden und Konzepte für die bibliotheks- und informationswissenschaftliche Analyse von Informationssystemen (z.B. Bibliotheken) heranzuziehen, auseinander. Er folgt der Idee einer rhetorischen Prägung solcher Systeme und besonders von in ihnen auftretenden Kategorisierungen und Klassifikationsprozessen und erkennt den prinzipiellen Wert einer solchen transdisziplinären Methodologie an. Soll deren Einsatz gelingen, sind, so das Ergebnis, methodische Anpassungen nötig. Dies gilt umso mehr für eine mögliche Anwendung auf digitale Informationssysteme.

Einleitung: Die Rhetorik des Alltags (direkt zum fachlichen Teil des Beitrags)

Die kommunikative Alltagswelt ist gemeinhin ein mit Rhetorik rundum durchsetzter Zustand. Jeder Geschäftsbrief, jede Zeitungsmeldung und jede Umverpackung trägt eine rhetorische Aufladung. Inhaber einer Bahncard können dies derzeit an einem anschaulichen Beispiel nachvollziehen: Die Abteilung Kundenbindung stand nämlich jüngst vor der Herausforderung, diesen die anstehende Preiserhöhung möglichst so zu vermitteln, dass es nicht zu Kündigungen kommt.

Die Lösung ist so typisch wie einfallsarm: In einer Stockfoto gesättigten Faltbroschüre, die vielerlei Extraangebote (Skiverleih, Bonuspunkte bei einer Hotelkette, Gewinnspiel für zwei Freikarten für Max Liebermann, „Flinkster. Mein Carsharing“) anpreist, findet sich auf der letzten Innenseite in gleicher Struktur und Typographie eine mit zwei lachenden Fahrgästen illustrierte Information: BahnCard Preisanpassung.

Wer bis dahin überhaupt blättert, liest die Standardfloskel mit den weiter gestiegenen Kosten („insbesondere Personal und Energie“), welche eine Preiserhöhung unvermeidlich machten. „[T]rotz der Preisanpassung“, so betont das Texterteam der Bahn, „können wir Ihnen […] auch weiterhin ein umweltgerechtes und preisgünstiges Mobilitätsprodukt anbieten.“ Die hier zum Ausdruck kommende Rhetorik ist simpel: Die Verantwortung für die Preishöhung wird auf eine abstrakte Ebene externalisiert (Personal, Energie). Sie „lässt sich […] leider nicht vermeiden.“ Man hätte dem Kunden dies gern erspart, doch die Umstände zwingen zu einer Verschlechterung des Angebotes. Daher muss der Grundvorteil noch einmal betont werden: Zuerst kommt die Umwelt und damit das gute Gewissen des Kunden, wobei „umweltgerecht“ ein semantischer Hohlkörper ist. Welcher Umwelt wird man wie gerecht? Emissionsfreie Elektromotoren sind nur so emissionsfrei, wie die Herstellung des für sie erforderlichen Stroms. Und der kann natürlich gleichermaßen aus einem störanfälligen Kernreaktor im europäischen Ausland oder einem Kohlekraftwerk kommen. Zumal Gerechtigkeit im Verhältnis Mensch-Umwelt ohnehin ein kaum bestimmbares Verhältnis ist. Daher wird neben dem Umweltgerechtigkeitssinn auch noch die kostenrationale Karte gespielt: „preisgünstig“. Auch das geht nur bedingt auf, denn eine Preiserhöhung bei gleicher Leistung wird zwangsläufig als weniger günstig wahrgenommen.

Der Ausdruck „Mobilitätsprodukt“ kommt schließlich aus der Kiste des Neusprech der institutionalisierten Unternehmenskommunikation und soll vor allem die Professionalität des Dienstleisters unterstreichen. Glücklicherweise ist man nicht so weit ins Fadenscheinige gegangen, zu argumentieren, dass man bei 50% Preisnachlass nun mehr spart, da ja auch die Normalpreise angepasst werden.

Die typische Zielgruppe des Mobilitätsprodukt, die man leicht anhand der Angebotsslogans des Bonusprogramms („Immer dabei, immer flexibel.“, „Ankommen, wohlfühlen, genießen.“) bestimmen kann, also die konsumfreudigen, erlebnisorientierten Vielfahrer, werden der Bahn ihr Angebot natürlich weiter abkaufen. Denn das Mobilitätsprodukt ist für sie alternativlos. Was sie von der in der Broschüre halb versteckten Botschaft halten, steht auf einem anderen Blatt. Andererseits ist es eine sehr schwere Herausforderung, eine solche offensichtliche Angebotsverschlechterung positiv zu vermitteln. Das weiß der Kunde und daher nimmt er diese Nachricht auch auf ihre Kernbotschaft („kostet jetzt mehr“) reduziert war, während er den Rest einfach als übliches Drumherumgeklingel so ignoriert wie während der Fahrt den redundanten Hinweis auf den gedeckten Tisch im Bordrestaurant im Wagen 8.

I

Ähnliche Probleme treten natürlich auch bei der Kommunikation in Informationssystemen auf. Je nutzer- oder gar kundenorientierter sich eine Bibliothek definiert, desto mehr steht sie vor der Herausforderung, ihre Botschaften bestimmten Standards gemäß aufzubereiten und zu vermitteln. Diese rhetorische Wende ist noch gar nicht so alt. Wer aber meint, zuvor spielte es keine Rolle, der irrt. Überall wo Gestaltungsraum ist, findet sich auch eine rhetorische Aufladung. Selbst wenn sie nur der Nutzerabwehr dient.

Kann man nun den Informationssystemen darüber hinaus einen literarischen Ausdruckswert zuschreiben? Vermutlich nicht. Sie sollen eigentlich nur reibungslos funktionieren, beim Weg zu den Inhalten möglichst wenig im Weg stehen und dennoch natürlich kontextsensitiv dort Orientierung und Hilfe bieten, wenn man irrezugehen droht. Ansonsten gilt: Je weniger man das System als Reibung im Informationsprozess spürt, desto besser. Was noch? Nun – es muss verlässlich und in gewisser Weise berechenbar sein. Verführerisch sein? Vielleicht nicht ganz. Es gibt einen graduellen semantischen Unterschied zwischen seduce und entice. Aber eine gewisse Anziehungskraft sollte es schon besitzen. Meint Melanie Feinberg, Informationswissenschaftlerin an der School of Information der University of Texas. Und fragt in der aktuellen Ausgabe des Journal of Documentation nach den rhetorischen Möglichkeiten, mit denen ein Informationssystem, zum Beispiel eine Bibliothek, sein Selbstbild so kommunizieren kann, dass sich die Nutzer darauf einlassen bzw. sich damit identifizieren.

Damit, wie sich dieser Schritt von der ersten Affizierung zum Vertrauen vollzieht bzw. gestaltet werden kann, beschäftigt sie sich seit ihrer Promotionsschrift aus dem Jahr 2008. Verschiedene Detailaspekte elaborierte sie im Anschluss in einer Reihe von Einzelpublikationen (u.a. Feinberg, 2009). Im vorliegenden Aufsatz setzt sie sich nun mit der Figur des auktorialen Erzählers („authorial voice“) in Informationssystemen auseinander. Das Originelle ihres Konzeptes liegt aus meiner Sicht in der Annäherung an Informationssysteme – und nicht etwa an die Inhalte – aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive. Betrachtet man einen Fachaufsatz als eine Art Mikro-Informationssystem – was durchaus möglich ist – dann stellt sich eine interessante innere Schleife her. Mehr oder weniger bewusst kann man direkt am Beispiel prüfen, ob das, was kommuniziert werden soll, auch funktioniert.

Die Attraktion ist da. Natürlich überrascht der Ansatz, denn wenigstens in der hiesigen Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist die Idee, Informationssysteme als Erzählungen aufzufassen, nicht allzu tief verankert. Man weiß aber um das universelle Potential der Semiotik. Was zum Zeichen kann, lässt sich auch als Text begreifen und analysieren. Die Anwendungen der texttheoretischen Methoden- und Konzeptbandbreite, die uns das 20. Jahrhundert zur Hand gab, auf die Strukturzeichen von Informationssystemen, erscheint also als ein gangbarer Weg. Rückenwind kommt von Clare Beghtol, die dieses Phänomen einmal so fasste:

„Like other theoretical units such as words and sentences, every classification system is a postulated construct imposed on “reality” for some express purpose.” (Beghtol, 2001)

Und:

„We need to be able to incorporate point of view in the systems.“ (ebd.)

Man ist als Leser nun gespannt, wie dieser Weg begangen wird. Bereits an den beiden im Zitat angedeuteten Grundbausteinen Textualität und Perspektivität/Zweckorientierung (die Relationalität tritt bei Clare Beghtol noch dazu) wird es plausibel, wenn Melanie Feinberg, die Clare Beghtols Arbeiten natürlich kennt, die Idee einer instrumentellen Neutralität solcher Systeme bezweifelt und nach Möglichkeiten sucht, um mit dieser Einsicht wissenschaftlich umzugehen. Dass literaturwissenschaftliche Methoden als Erkenntnishebel zulässig sind, steckt übrigens auch in Clare Beghtols Beitrag. Nachdem sie drei Forschungsdimensionen, u.a. die kulturelle Gebundenheit von Klassifikationen, formuliert hat, schließt sie ihren hier zitierten Beitrag mit der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen elementaren Methodenorientierung:

„This research should be conducted without ‘methodological anxiety‘ […] using all means at our disposal.” (ebd.)

Melanie Feinberg folgt dieser Maxime. Der von ihr gewählte Kücheneinstieg mag nicht jedem als das perfekte Rezept vorkommen, ist aber ebenso exakt Ausdruck dessen, was sie beschreibt: Den Systemen bzw. der Textualität der Systeme ist auf einer kommunikativen bzw. kommunizierenden Ebene eine individuelle/spezifische Prägung eingeschrieben, die man entweder annehmen und kultivieren kann. Oder man versucht sie zu verschleiern, zu verneinen oder irgendwie auszuschließen.

Auch dann entgeht man dem Phänomen der Prägung nicht, denn das Verschleiern, Negieren und der Ausschluss stehen gleichfalls für einen solchen spezifischen Zug. Wo ein menschlicher Akteur gestaltet, da bleibt auch eine (institutionalisierte) Handschrift. Und zwar bereits in der konzeptionellen Grundanlage. Melanie Feinberg ist selbstverständlich nicht die erste, der dies auffällt. (vgl. zur sozialen Konstruktion von Klassifikationen auch Olsen, 2010) Die wegweisende Arbeit der jüngeren informationswissenschaftlichen Geschichte zu diesem Thema stammt von Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star, die mit Sorting Things Out eine Rundumsensibilisierung für die Bedingtheit jeder Klassifikation entwarfen. Die Autorin versucht nun, das Ganze auf eine praktische Anwendbarkeit zu erweitern. Ihr Ziel ist es, über die Sensibilisierung hinausgehend Wege der Gestaltbarkeit von Informationssystemen herauszuarbeiten. Dafür projiziert eine quasi-hermeneutische Sicht nicht etwa auf die Inhalte, sondern auf die Art und Weise, wie diese Inhalte organisiert werden. Und sie fragt, was wir daraus für die Gestaltung solcher Systeme lernen können. Indem sie es unternimmt, sich den lesbaren Systemstrukturen über die Methode des „Close Reading“ zu nähern, zeigt Melanie Feinberg zunächst durchaus überzeugend, wie auch geisteswissenschaftliche Ansätze fruchtbar in den Methodenpool der Bibliotheks- und Informationswissenschaft integrierbar sind.

II

Dabei geht es ihr hier anhand des Phänomens der „authorial voice“ (also der auktorialen Erzählperspektive im System und ihrer Rolle für bei der Informationsvermittlung) darum, Optionen zu entwickeln, um anstelle einer ungesteuerten, zufälligen rhetorischen Prägung von Informationssystemen selbige auf dieser rhetorischen Ebene gezielt, systematisch und zweckorientiert auszugestalten:

„We can make the rhetorical expression inherent in information systems systematic and purposeful, instead of accidental and haphazard.” (Feinberg, 2011)

Die Rolle schließt nicht zuletzt ein, dass System bzw. (die in ihm vorliegenden Kategorisierungen und Klassifizierungen) als solches mit einer eigenen Identität auszustatten. Deren Zweck ist es, eine Art Vertrauens- oder Verlässlichkeitsbeziehung zwischen Nutzern und System zu erzeugen. Melanie Feinberg benutzt dafür (mit Kenneth Burke) den Ausdruck identification und betont, dass „auktorial“ im Sinne einer allgemeingültigen Allwissenheit und autonomen Gestaltungsmacht spätestens seit den Diskussionen der Postmoderne als Illusion entlarvt gelten muss. Für digitale und vernetzte Informationsstrukturen möchte man ergänzen, dass gerade die Gestaltung solcher in ein Gesamtnetzwerk von Normen und anderen Dispositiven zu integrierenden technischen Oberflächen nicht autonom erfolgen kann. Identität wird hier tatsächlich oft nur auf der Bezeichnungsebene mehr oder weniger frei konstruierbar.

Jedes Informationssystem, so meine These, kann nur als Ergebnis von Netzwerkeffekten mit einem vergleichsweise kleinen Spielraum gedacht werden. Dagegenhalten lässt sich allerdings, dass sich jede als Kommunikation intendierte Schöpfung auf bestimmte fixe Zeichenstrukturen stützen muss. Die eigentliche Schöpfungskraft liegt in der Relationierung und Rekombination derselben mit der Absicht, eine bestimmte begriffliche Sinnebene zu erschließen. Solange wir uns also an die Prämissen halten, sind wir frei in der Gestaltung. Damit würde der auktoriale Erzähler im System auf dieser Ebene tatsächlich ein Phänomen, dass als eigenständiger Gestaltungsaspekt wahrgenommen wird:

„The experience of voice, as manifested through textual evidence, has its own existence whether or not this sense of voice represents a key to the author’s authentic self or into a culture’s particular discourses and contradictions.” (Feinberg, 2011)

Gerade also die rhetorische Gestaltung von wahrnehmbaren Rahmen- bzw. Interaktionselementen gewinnt an Bedeutung. Denn hauptsächlich sie wird von den Rezipienten (=Nutzern) gelesen, interpretiert und bewertet. Die Rhetorik dient dazu, sie zu dieser Handlung zu motivieren und sich auf das System einzulassen. Entsprechend geht es Melanie Feinberg in der Detailstudie um den „persuasive impact“ der Systemrhetorik. Letztere ist fest in den Ordnungs- und Relationsprozessen im System verankert:

„We may find voice not merely in the nomenclature used for categories or other primarily expressive techniques, but also in the constitution of classes and their relationships, and in the assignment of categories to selected resources. The way that classes are defined and used, in addition to the way that they are named, may show the confluence of imagination and vision that the concept of voice represents.” (ebd.)

In der Umsetzung fokussiert Melanie Feinberg die Auseinandersetzung zunächst auf die Wechselwirkung zwischen dem Sachinhalt und die mit ihm verbundenen Proximitäten in der konkreten Präsentation sowie dem dahinter stehenden Präsentationskonzepts, beispielsweise anhand der Aufstellung in den Regalreihen der Prelinger Library. Sie nimmt dabei weniger die konkreten Infrastrukturmerkmale als die generellen Organisationsprinzipien sowie die Auswahlpraxis bezüglich des Materials in den Blick:

„The unique selection and arrangement of such materials bespeaks a larger purpose to the collecting and constitutes a singular experience, a form of narrative expressive of a particular vision and style.” (ebd.)

Die Prelinger Library erweist sich als ein außergewöhnliches Beispiel, das sich gerade nicht der traditionellen bibliothekarischer Normierung fügt. Die Analyse betrachtet also, für die Literaturwissenschaft nicht unüblich, ein herausragendes Einzelwerk und nicht die Konfektionsware beispielsweise des öffentlichen Büchereiwesens. Wir bewegen uns bei der Prelinger Library sozusagen im Rahmen der klassifikatorischen Avantgarde:

„The Gardens category is next to Cemeteries. That they are both parts of the urban landscape is, I think, the main connection, as the surrounding categories relate to urban services. But gardens and cemeteries also both feature lawns and flowers, and may be quite similar on a structural level, if not in their overall purpose. This connection accentuates the wry tone that the Prelinger embodies. Secondary meanings with droll undertones are sprinkled throughout the category structure.” (ebd.)

Und diese bietet mutmaßlich in gewisser Weise überzeichnete Varianten dessen, was es zu analysieren gibt:

„As with the Prelinger Library, the construct of authorial voice works on multiple levels, through the combination of selecting, describing, and labeling concepts, and through the integration of concepts with presentation elements. As the quality of difference between one expression of a position and another, within the same genre structure, the voice shapes the nature of the use experience as it both conveys a message and encourages the audience to accept, or at least to be receptive to, the message.” (ebd.)

III

Selbstverständlich liest man das mit Interesse, vielleicht auch mit Begeisterung und zieht den einen oder anderen Schluss aus der Analyse. Aber der Schritt zur Verallgemeinerung scheint auch trotz der angedeuteten Grundmatrix an den Beispielen nicht umfassend zu gelingen. Neben der Auswahl der Beispiele – auch die Warburg Institute Classification ist ein zugegeben hoch interessanter Seitenpfad der Klassifikationsgeschichte (und zudem „often been called the inspiration for [Prelinger’s] classification and arrangement system„) – erweist sich diesbezüglich der Rückbezug auf Kenneth Burke, den die Autorin als Prämisse der Analyse setzt, möglicherweise als eher hinderlich:

„According to Burke’s courtship model, the author first entices the audience by emphasizing essential differences between author and audience (heightening the “mystery”) and then, as the audience’s attention is engaged, by showing how the audience and author, despite their divisions, also share deep similarities (such as working for the same goal or other characteristics), resulting in the identification between author and audience.” (ebd.)

Das Umwerben, Verführen und für eine intendierte Botschaft Empfänglich-machen der Bibliotheksnutzer mag für bestimmte Bereiche des Bibliotheksmarketings essentiell sein. Es scheint mir aber Rolle und Aufgabe der Bibliothek ein Stück weit zu überschätzen. Jedenfalls, wenn man sie auch als alltäglich zu nutzendes Informationssystem versteht. Zahlreiche jüngere Bibliotheksbauten mit sehr deutlicher architektonischer Rhetorik scheinen zwar dagegen zu sprechen. Aber für mich als Bibliothekswissenschaftler steht auch dahingehend die Funktion im Mittelpunkt. Diese besitzt fraglos ihre rhetorischen Prägungen. Courtship jedoch dürfte im Regelfall keine dahinterstehende Motivation sein.

Der Blick auf die Architektur verdeutlicht Melanie Feinbergs Ansatz allerdings anschaulich und auf seine Art: Im Gegensatz zu den häufig restringiert übernommenen funktionalen rhetorischen Bestandteilen im Betriebsablauf sind die Gebäude zumeist ausgesprochen bewusst auf die Frage hin reflektiert, welche übergeorndete Botschaft wie vermittelt werden soll.

Insgesamt geht es vermutlich nicht allen Nutzern darum, von Bibliotheken und Informationssystemen umworben, verführt und verzaubert zu werden. Nicht jeder muss über besondere rhetorische Gestaltungsmittel zusätzlich ins Informationssystem gelockt werden. Mitunter reicht ein schnöder individueller Informationsbedarf (z.B. eine Seminararbeit), der nicht zwingend an einen Erlebnisbedarf gekoppelt sein muss. (sondern z.B. an Credits, die Anreiz genug sind)

Sicher: Es besteht auch in einem denkbar elementaren Nutzungsszenario ein Grundgefälle zwischen dem System (=dem Author) und den Nutzern (=der Audience): Das Informationssystem verfügt über etwas, was der Informationsbedürftige begehrt. In einem definierten Bedingungsrahmen wird es ihm zugänglich gemacht, also kommuniziert und dadurch entsteht eine Gemeinsamkeit und Identifikation des Nutzers mit dem System. Die Rechnung geht auf dieser Abstraktionsebene ganz gut auf. Doch statt Verführung kann dies auch alternativ über ein rationales Aushandeln bzw. einen formalisierten Metadialog realisiert werden.

Das Konzept der „authorial voice“ wird in digitalen Informationsumgebungen zusätzlich herausgefordert. Denn gerade in diesen verschieben sich Möglichkeiten und Verfahren der rhetorischen Einflussnahme. Wer eine API kennt, kann sich im Prinzip den Metatext „System“ in gewissem Umfang umschreiben. Pipes, wie sie Yahoo! unter dem Slogan „Rewire the web“ anbietet oder auch Feed-Verwaltungssysteme wie Netvibes dürften für Melanie Feinbergs Ansatz das sein, was der „Nouveau roman“ für den realistischen Roman war. Wenn wir im Bild bleiben, verliert der Autor Teile seiner Werkherrschaft.

So reizvoll mir die Elaboration des Burke’schen Ansatzes scheint, so problematisch sehe ich die vorgenommene Zuspitzung auf den Übergang vom Geheimnis zur Identifikation („initial mystery to be transformed into identification“). Eine derartige Eingrenzung des Blickwinkels dürfte sich bei der Entwicklung und Gestaltung von Informationssystemen kaum als umfassend zweckgemäß erweisen.

IV

Das ändert nichts daran, dass die Perspektivität (bzw. das Bias), die sich in der Gestaltung niederschlägt und damit verbundene Ausschlüsse unbedingt systematisch erforscht und im Fachdiskurs thematisiert werden müssen. Statt aber als Ausgangspunkt die Trennung zwischen Informationssystem und Nutzern sowie eine anschließende Inkorporierung zu betonen, erscheint es mir angemessener und praktikabler, die Verständigung schon vor dem eigentlichen Informationshandeln ins System zu integrieren. Manche subsumieren dies schlicht unter dem Ausdruck „Zielgruppenorientierung“. Dabei kommen wir wiederum in ein kleines Dilemma, welches etwas von Melanie Feinberg wegführt, aber in diesem Kontext hochrelevant ist: Wenn wir nämlich davon ausgehen, dass wir ein Bias und bestimmte rhetorische Spuren desselben nicht vermeiden können, stellt sich tatsächlich die Frage, woran wir diesen bei einer bewussten Gestaltung orientieren. Fokussieren wir konsequent die Zielgruppe, entsteht die Gefahr einer so genannten Filter Bubble, also eines strukturell verankerten Tunnelblicks.

Wollen wir dies vermeiden bzw. ausgleichen, dann brauchen wir eine übergeordnete Orientierung, über die wir nur bedingt verfügen. Melanie Feinberg bietet als Lösung eine Art aktive produktive Distraktion an:

„An information system’s usefulness and interest, in this view, is located partly in its ability to illuminate perspectives that differ from a user’s current way of thinking and that challenge existing ideas and expectations regarding the collection’s subject matter, exploiting the “recipe nature” of information systems to an extent much greater than is currently typical.” (ebd.)

Vor dem Hintergrund allgemeiner westlicher kultureller Werte ist dies nachvollziehbar. Es zeigt sich darin gleichermaßen eine wertspezifische Voreingenommenheit. Kombinatorische Vielfalt in Verbindung mit einem Aufklärungsideal ist für uns gewiss ein weitgehend konsensfähiger Ansatz. Der eigenen Falle entgehen wir dennoch nicht. Der Informationsethik eröffnet sich hier ein schönes weites Feld der Reflektionsarbeit.

Zudem ist fraglich, ob ein derart idealisiertes Prinzip allen Informationsbedarfen gerecht wird. Jede informationelle Handlung an eine Herausforderung von Nutzererwartungen zu knüpfen, könnte auch geradewegs in einen Zustand kognitiver Überlastung führen.

Melanie Feinberg weiß das auch, denn sie schränkt zum Ende ihres Aufsatzes die Reichweite ihres Ansatzes wieder etwas ein: „I am not suggesting that all information systems should focus on achieving coherence as rhetorical documents“ (ebd.). Eventuell sind meine Einwände deshalb auch etwas zu spitzfindig. Andererseits bleibe ich ja nah bei ihr, denn auch diese Auseinandersetzung mit ihrem Aufsatz versteht sich als „continued exploration of critical interpretation“. (ebd.)

V

Ich möchte noch auf eine interessante Schlussfolgerung, die Melanie Feinberg im Anschluss an Jack Andersen zieht, eingehen. Es handelt sich um die Idee der Betrachtung eines Informationssystems als gewissermaßen eigenständige Form. Spricht man einem Informationssystem eine eigene bestimmte Identität zu, wird es zum Objekt mithin zum Dokument und kann als solches (oder auch als „artistic work“) betrachtet werden.

In einem anderen Aufsatz schreibt die Autorin:

„In foregrounding the expressive potential of information systems and their character as themselves types of documents, this study suggests that it is both possible and productive to view information system design, or the selection, arrangement, description, and provision of access to documents, as a form of writing” (Feinberg, 2009)

Ein systemischer Ansatz, der von Verschachtelungen und Wechselbeziehungen einzelner Informationssysteme ausgeht und wie es z.B. bei Metasuchmaschinen oder Mash-Ups der Fall ist, wird diese Sicht schon aus Gründen der Konzeptionierbarkeit gern annehmen.

Ich würde bei der Objektdeutung allerdings nur zu Hälfte mitgehen. Gerade im Web und bei Mash-Ups zeigt sich, dass sich die Abgrenzbarkeit dessen, was wir „Dokument“ nennen, in der Dynamik und Temporalität der Verknüpfungen verliert (sh. dazu ausführlicher Kaden, 2011). Das Objekthafte wird zum Prozess (vielleicht dem „writing“ des Systems als Schreibprozess) relativiert und muss symbolisch explizit konstruiert werden. Die Systeme auch als „Erzählungen“ sind also prinzipiell geöffnet. Die Effekte der Sozialen Software sind derzeit zwar häufig eher kumulativ. Das bedeutet aber nicht, dass sich nicht perspektivisch ganz neue Relationierungs- und Ausgabeverfahren etablieren.

Umso wichtiger wird dabei vermutlich eine gewisse Grundstabilität bestimmter rhetorischer „Marker“ in den Informationsinfrastrukturen. Wie dies aussehen soll, dürfte ein zentrales Thema für das Informationsdesign werden. Dass sich langfristig tatsächlich stabile „uniform modes of retrieval“ (Feinberg, 2011) halten, scheint mir dagegen nicht sicher. Zwar verfügen wir über grundlegende technische Standards der Relationierung. Aber angesichts der Tatsache, dass sich die semantischen Technologien nach wie vor vergleichsweise in einem sehr frühen Stadium befinden, ist es schwer, halbwegs zuverlässige Aussagen über zukünftige Formen zu treffen. Gründliche Verschiebungen auch auf Konzeptebene sind m. E. durchaus im Bereich des Erwartbaren. Wie „uniform“ deren Ergebnisse ausfallen, scheint mir heute noch kaum abschätzbar.

Eine Schwäche im Aufsatz Melanie Feinbergs scheint mir folglich darin zu liegen, dass sie Informationssysteme in ihrer lektüreorientierten Methodologie als zu statisch interpretiert bzw. dass sie die systemische Performativität der Informationsprozesse vernachlässigt. Die Bibliothek erscheint bei ihr vor allem als ein in seiner Rhetorik weitgehend stabiler, auslesbarer Text. Ich denke, dass sich Informationssysteme und auch gebäudeverhaftete Bibliotheken durch die Wechselwirkung mit der Nutzung sowie – falls sie sich von der Nutzung unterscheidet – in ihrer Bestands- und Strukturgestaltung permanent verändern (müssen). Wir erleben sie als Schreiben im Prozess und nicht als festen Text und hier liegt ein wichtiger Unterschied zu einer literaturwissenschaftlichen Methode, die sich auf geschlossene Werke richtet. Während ein fixierter Text mit seiner auktorialen Erzählperspektive formal zeitstabil bleibt, sich die Transformation bei der Lektüre also ausschließlich beim Lesenden vollzieht, sind Informationssysteme gerade nicht derart eingefroren. Will man die auktorialen Elemente bewusst gestalten, gilt es gerade diese Wechselwirkungsdynamik zu integrieren. Wir müssen also fragen, wie aktiv und bewusst diese Veränderungen, diese sich schreibende Schrift gesteuert werden kann.

VI

Selbstverständlich muss man sich bei der Gestaltung , der Entwicklung und dem Routinebetrieb von Informationssystemen systematisch und kritisch reflektierend mit den Kriterien der Bestandsentwicklung und -auswahl, der organisationalen Grundstruktur und den Zugangswegen bis hin zum Interface- und Informationsdesign auseinandersetzen. Gerade auf der Zugangsebene, also im Prinzip für den Bereich der Informationsästhetik, bieten sich das Verfahren der analytischen „Lektüre“/ des „Close Readings“ eines Systems oder andere literaturwissenschaftliche Verfahren und Konzepte geradezu an.

Konzeptionell wäre ein Informationssystem bzw. eine Bibliothek als „Erzählung“ – mit Gérard Genette – als ein metadiegetisches System zu verstehen, in dem sich die Inhalte als intradiegetische Subsysteme eingliedern lassen. Die Methoden müssten jedoch um in die Methodologie unserer Disziplin integrierbar zu sein, stärker dieser Konstellation und dem Erkenntniszweck angepasst, also methodisch bibliotheks- und informationswissenschaftlich stärker spezifiziert werden, als es Melanie Feinberg bislang vornimmt. Besser als Kenneth Burke scheint mir ohnehin für diesen Zweck beispielsweise die Kultursemiotik Jurij Lotmans geeignet. (Was allerdings auch seine Ursache in persönlichen Vorlieben haben kann.)

Was sich mir generell auch abseits einer ambitionierten literatur-/kulturwissenschaftlichen Ausleuchtung von Informationssystemen und –prozessen, als Erkenntnis zeigt, ist das Gebot einer Konstruktionstransparenz: Da Informationssysteme grundsätzlich ein gewisses Bias in sich tragen, gilt es genau dieses (mit-)abzubilden, darzustellen und die dahinter stehenden Ziele zu erläutern. Die aus den Geisteswissenschaften bekannte Praxis der kritischen Interpretation bietet dafür unstreitig ein vielversprechendes methodisches Fundament.

Einer derartigen Bewusstmachung der Bedingtheit – vielleicht im Rekurs auf das Konzept einer Self-Concious-Narration (Culler, 2002, S. 128) – von Verfahren zur Informationsorganisation auf Seiten der Information Professionals folgt der Schritt, dies auch gegenüber den Nutzern zu verdeutlichen. (Informationsethisch schließt sich die Frage an, inwieweit diese Rezipienten selbst in die Systemgestaltung eingreifen dürfen.) In diesem Sinne müssen die Systeme möglicherweise um eine pragmatische Dimension angereichert werden: Es ist erforderlich, die lesbare Struktur so zu gestalten, dass sie sowohl ihre Konstruktivität wie auch ihren rhetorischen und semantischen Gehalt aufzeigt. Wobei wir wieder beim Design wären. Informationssysteme nehmen grundsätzlich im Status eine Metaposition gegenüber den Inhalten ein. Daher erscheint es durchaus stimmig, sie aus literaturwissenschaftlicher Sicht metafiktional zu begreifen. Und zusätzlich mindestens textergonomisch. Und wer weiß: Möglicherweise kann sich eines Tages, sofern die Adaption gelingt, die Literaturwissenschaft im Rekurs methodologisch für die Analyse von neu entstehenden Formen der Netzliteratur anregen lassen.

Literatur

Beghtol, Clare (2001): Relationships in classificatory structure and meaning. In: Bean, C., Green, R. (Hrsg:) Relationships in the Organization of Knowledge. Boston: Kluwer Academic Publishers, S.99—114. S. 109

Bowker, Geoffrey; Star, Susan Leigh (1999): Sorting things out : classification and its consequences. Cambridge, Mass. : MIT Press

Culler, Jonathan (2002) Literaturtheorie. Eine kurze Einführung. Stuttgart: Philipp Reclam jun. S. 128

Feinberg, Melanie (2008) Classification as Communication: Properties and Design. University of Washington. http://www.ischool.utexas.edu/~feinberg/Feinberg%20dissertation.pdf

Feinberg, Melanie (2009): Information system design for communication: the use of genre as a design element. In: Proceedings of the Annual Meeting of the American Society for Information Science and Technology. Vol. 46, 1, S. 1-18. . DOI: 10.1002/meet.2009.1450460232

Feinberg, Melanie (2011) How information systems communicate as documents: the concept of authorial voice. In: Journal of Documentation, Vol. 67 Iss: 6, pp.1015—1037. DOI: 10.1108/00220411111183573

Kaden, Ben (2011) Referenz, Netzwerk und Regelkreis. Herausforderungen digitaler Kommunikationsumgebungen für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft. In: Information – Wissenschaft und Praxis 62 (2011) (im Druck)

Olsen, Hope A. (2010) Social Influences on Classification. In: Bates, Marcia J. ; Maack, Mary Niles (Hrsg.): Encyclopedia of Library and Information Sciences, 3rd. Edition. Boca Raton: CRC Press, S. 4806-4813

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