LIBREAS.Library Ideas

Zwei Ansichten und eine Prise Marriage Plot

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. November 2011

Eine Betrachtung.

von Ben Kaden

(Zitate aus Jeffrey Eugenides (2011): The Marriage Plot.  New York: Farrar, Strauss and Giroux)

„She was going to play the field this time, and therefore had been flirting with rich old Harvard, urbane Columbia, cerebral Chicago, and trustworthy Michigan, as well as giving face time even to lowly Baxter.“ (Jeffrey Eugenides, S.180)

Es stehen Madeleine Hanna nach ihrem College-Abschluss in Jeffrey Eugenides (Post-)Campus-Novel “The Marriage Plot” viele, fast zu viele Ziele vor Augen und zudem genügend Aufregung ums Herz. Swoopy-Freddie-falconesque Bowling Green ist allerdings weder von dem einen noch von dem anderen betroffen. Vermutlich wechselt man mit einem College-Abschluss in Providence einfach nicht in eine kleine Universitätsstadt, in der auch die Nationale Zugmaschinen-Meisterschaft der USA ausgetragen wird. Zur selben Zeit, zu der die Protagonisten Madeleine, Leonard Bankhead und Mitchell Grammaticus nach dem Willen ihres Schöpfers im Efeu-Status der Brown-University ihren Abschluss anstreben (bzw. in der Sommerfrische weilen) und bevor sich eine ganze Palette von postgradualem Zurechtfinden und Scheiden und Scheitern und Wiederaufstehen eröffnet, schlendert mutmaßlich ein José, dessen Nachnamen wir nicht kennen, durch die späte Julihitze Ohios und zupft aus einem Postkartenständer eine Ansicht der dortigen William T. Jerome Library.

Bowling Green - Library

Bowling Green - Library

Auf die Rückseite notiert er ein paar Grüße an einen Freund Yves und schickt sie in die kleine Gemeinde Sucé-sur-Erdre in der französischen Region Loire Atlantique. José schwärmt in coolsten (trés cool) Tönen von seiner Reise, bedankt sich für einige Fotografien und spricht die Hoffnung auf ein Wiedersehen in Paris aus. Dort hätte er im Jahr darauf auch Mitchell treffen können und die in New French Feminisms versinkende (Ex-)Freundin seines College-Zimmernachbaren und Reisekameraden Larry. („She was holding a book, her expression more that of a library patron who’d be momentarily distracted than that of a girl eagerly awaiting her boyfriend’s arrival from across the sea.” S. 135)

Viel lässt sich leider aus der Botschaft auf Karte nicht ablesen. Zum Motiv fällt kein Wort. Es fällt jedoch etwas auf: Die Beschreibung spricht von der „New College Library“, obschon die Eröffnung der Bibliothek zum Zeitpunkt der Sendung 14 Jahre zurücklag. So liegt die Vermutung nah, dass José irgendwo eine Ansichtskarte aus der Eröffnungszeit fand. Dies wird dadurch gestützt, dass die Karte von der Dexter Press stammt, einem traditionsreichen Ansichtskarten-Hersteller aus West-Nyack, NY mit einer enormen Produktionsleistung in den 1960ern. Im Jahr 1981 existierte das Unternehmen allerdings nicht mehr. Der Firmengründer Thomas Dexter hatte es bereits 1972 verkauft. Im Jahr 1980 ging es mit einem anderen Hersteller zusammen. Heute lebt es, falls dies jemanden interessiert, unter dem Namen MWM Dexter recht glanzlos irgendwo in Aurora, Missouri als Printdienstleister weiter.

Die Bildseite zeigt den neungeschossigen Bibliotheksbau, der vom damalige State-Architect Carl E. Bentz im Stil und mit dem Material der Zeit errichtet sowie mit einem schön geschwungenen Terrassenbereich versehen wurde. Die vorgelagerte Plaza betonte den Charakter der Bibliothek als Ort der Begegnung . Innen gab es natürlich Freihandaufstellung, Carrels und alles, was zur Entstehungszeit dem Stand des modernen Bibliothekswesens entsprach.

Man kann sich daher Eugenides‘ Zentralfigur hier tatsächlich erst frühestens in den 1980er vorstellen, wenn man liest:

„After getting out of Semiotics 211, Madeleine fled to the Rockefeller Library, down to B Level, where the stacks exuded a vivifying smell of mold, and grabbed something – anything, The House of Mirth, Daniel Deronda – to restore herself to sanity.“ (S. 47)

Man darf das übrigens wirklich ein stückweit. Denn das Gebäude der John D. Rockefeller, Jr. Library, in dem sich Madeleine mit Edith Warton von Derridas Grammatologie kuriert, ist nur um weniges älter und war nur um weniges teurer.

Die Kunst am Bau in Bowling Green stammt von Don Drumm, der in den 1960er Jahren an der Universität als Artist-in-Residence lebte und sich selbstredend, wie glaubhaft überliefert ist, der traditionsreichen Banausenfrage ausgesetzt sah, was seine abstrakten Formen eigentlich bedeuten sollen.

Auf der Karte sieht man eine Seite dieser Wandgestaltung, die direkt in den Beton geschnitten wurde. Zudem keine Menschen, dafür aber junge Bäume und auch dieses Indiz spricht für eine eher ältere Abbildung.  Die spitzbedachten Gebäude am rechten Bildrand gehören den Bruderschaften Pi Kappa Phi und Phi Delta Telta. Mit viel Mühe erkennt man links hinter dem innersten Spitzdach zweieinhalb Fenster des Gebäuderiegels, in dem die Jungs vom Pi Kappa Alpha residieren. Das ist deshalb erwähnenswert, weil die Mitglieder dieser Bruderschaft die vermutlich bekannteste Alumna der Universität, die Schauspielerin Eva Maria Saint, dereinst zum Pi Kappa Alpha Dream Girl ausriefen. Man muss das alles natürlich nicht wissen und darf diese Fakten sofort wieder vergessen. Nur wenn man gerade The Marriage Plot liest, ist das Wissen um solchen Konstellationen mitunter erstaunlich hilfreich, wenn es darum geht, die Mentalität des College-Lebens nachzuvollziehen. Eva Marie Saint verließ die Universität freilich 20 Jahre bevor der Bibliotheksneubau begann.

Und ob die alte Bibliothek das vermittelte, was Madeleine in der der Brown University spürt, bleibt ebenfalls ein Geheimnis aller Zeitzeugen:

„She went to the library to work on her marriage-plot thesis, but the sex-fantasy atmosphere – the reading room eye contact, the beckoning stacks – made her desperate to see Leonard.” (S.65)

(Denkt man nun an Den unsichtbaren Dritten (North By Northwest, 1959) und die von Eva Marie Saint gespielte Eve Kendall, dann würde sich aus einer solchen Verbindung eine überaus faszinierende Konstellation ergeben. Denn ein derartiges biblioerotisches Verlangen nach dem dortigen Leonard kann und will man ihr wirklich nicht unterstellen. Nicht jede Fiktion lässt sich in einer anderen reibungslos remixen.)

Columbia University Library

Columbia University Library

Die interessantere Ansichtskarte zeigt ein weitaus häufiger anzutreffendes Motiv:  Die Low Memorial Library der Columbia University in Manhattan gesehen aus südöstlicher Richtung. Verlängerte man The Marriage Plot auf der bildungsbiographischen Zeitleiste, so scheint es nicht abwegig, dass sich Madeleine Hanna wie so viele andere Studierende auf diesen Stufen zwischen zwei Kursen („one on the eighteenth-century novel (Pamela, Clarissa, Tristam Shandy) and another on triple-deckers, taught from a poststructuralist perspective by Jerome Shilts“, S. 402) niedergelassen haben wird:

„Madeleine’s arrival at Columbia, it turned out, would coincide with the first class of women being admitted to the university as undergraduates, and she took this as a good omen.“ (S.402)

Die real vorliegende Ansichtskarte stammt aus den 1930er Jahren und vom Traditionshaus Tichnor Brothers Inc. zu deren Produktionsgeschichte ein (für Kartophile mit dem Sammelgebiet USA) empfehlenswertes Flickr-Archiv gibt. Das Exemplar ist allerdings motivisch nicht besonders exotisch, denn es greift auf eine klassisch zu nennende Keystone-Ansicht zurück, auf die auch andere Herstellern zurückgriffen (u.a. die Belmont Greeting Card Co., Inc. und Alfred Mainzer, Inc.).

Das Bibliotheksgebäude aus dem Jahr 1895 dürfte zu den bekanntesten Vertretern seiner Art gehören. Es zählt, wie auch die New York Public Library, offiziell zum nationalen Kulturerbe der USA (National Historic Landmark). Im Jahr 1954 wurde es sogar zum Motiv auf einer Sonderbriefmarke mit einer Auflage von 110 Millionen Exemplaren (Stanley Gibbons Nr. 1026, Scotts Nr. 1029, mehr dazu auch hier). Die Briefmarke ist mit dem Motto der 200 Jahrfeier der Columbia-Universität versehen: „Man’s Right to Knowledge and the Free Use Thereof“, das, Achtung kurzer Exkurs, in der Festansprache Dwight D. Eisenhowers zum Jubiläum selbstverständlich seinen Niederschlag fand:

„The pursuit of truth, its preservation and wide dissemination; the achievement of freedom, its defense and propagation; these purposes are woven into the American concept of education. The American university–neither the property of a favored class, nor an ivory tower where visionaries are sheltered from the test of practice–every American university fundamentally is dedicated to Columbia’s Bicentennial theme-„Man’s right to knowledge and the free use thereof.“ (Volltext der Rede)

Die englischsprachige Wikipedia zitiert die Formulierung auch als einen Vorläufer dessen, was man heute als Libre knowledge bezeichnet. Die Freiheit des Wissens und der Wissenschaft, auch in Deutschland grundgesetzlich verankert, wurde so 1954 von der Postverwaltung der USA mit der Low Memorial Library in Millionenauflage für den Gebrauch auf Postsendungen – also Kommunikationsmitteln – verbunden. Sie brachte damit nicht nur mit Nachdruck ein wissenschaftliches Selbstverständnis an die Schalter, sondern manifestierte diese Grundeinstellung zugleich für alle philatelistische Ewigkeit.

Dem Absender der gezeigten Karte stand die bibliophilatelistische Must-Have-3 Cent-Briefmarke natürlich noch nicht zur Verfügung. Denn seine Sendung ging bereits am 22. Januar 1939 gegen 14:30 in die Beförderung. Zur Frankierung verwendete er die 3 Cent-Marke der Presidential Series aus dem Jahr 1938 (Gibbons No. 803, Scott’s No. 807), die gleich 130 Milliarden Mal gedruckt wurde und eine Standardfrankierung der Zeit darstellt.

Die genaue Geschichte im Hintergrund lässt sich aus der verschickten Nachricht leider genauso wenig rekonstruieren, wie es bei Josés Kurzmitteilung an Yves der Fall war. Aber sie eröffnet ein ungleich weiteres Spektrum an Assoziationen, denn wenn im Jahr 1939 jemand mit dem Namen Bettelheim aus New York, wo er frisch eintraf, an eine Frau nach Wien („Vienna, Germany“) schreibt, dass es er a) um Nachsicht für eine Abreise ohne Abschied bittet („I did so only to spare your feelings and my own“.) sowie b) berichtet, dass er zwar noch keine vernünftige Anstellung finden konnte, New York aber eine prachtvolle Stadt sei („a glorious city“), dann stellt sich zeithistorisch sofort eine bestimmte Vermutung ein.

Die Absenderadresse verweist auf einen Block in der Upper East Side, der knapp drei Meilen (durch den Central Park) von der Low Memorial Library entfernt ist. Man könnte nun die Fantasie spielen lassen, um eine Beziehung zwischen Bibliothek, Botschaft und der nicht mehr rekonstruierbaren Wiener Adresse herzustellen.

In jedem Fall fühlt man sich bei einer längeren Auseinandersetzung mit dieser Spur in die frühe Mitte des letzten Jahrhunderts historischen Verwerfungen nah. Den Anstoß für einen Roman hat man mit der Karte jedenfalls schon auf den Tisch. Was zu dessen Ausarbeitung fehlt, sind eventuell literarische Zähigkeit und Fähigkeit eines Jeffrey Eugenides, der in seiner Dreiecksgeschichte aus den frühen 1980er Jahren unter Mithilfe realer Ereignisse sogar ein dickes Seil zwischen der gegenwärtigen Weltlage und Mitchells Europareise spannt. Nachdem dieser sich noch einmal in New York mit Madeleine traf (im längst vergessenen damaligen Über-In-Club Downtown Beirut („bar drinks $1 till 10 pm“) und später im noch immer sehr vermissten und deutlich bekannteren Literaten-Hang-Out Chumley’s – das zum Thema Kulturspeicher Literatur), um sie „on Bedford Street, at three a.m.“ (S.183) doch noch zu küssen, gelangt er über Venedig schließlich an der Südostspitze des europäischen Festlands an:

„In late November they reached Greece. […] Gazing from the balcony of this hotel, Mitchell had a revelation. Greece wasn’t part of Europe. […] He might have been in Beirut. The thick smog was mixed with tear gas on a daily basis as police battled protesters down in the streets. Protest marches occurred constantly, against the government, against CIA interference, against capitalism, against NATO, and in support of the return of the Elgin marbles. Greece, the birthplace of democracy, stymied by free speech. […] The photographs [in that day’s edition of I Kathimerini] showed Prime Minister Papandreou.” (S. 208f.)

Der letzte Satz wäre auch in einer Erzählung mit der Spielzeit um den Beginn des Bibliotheksbaus in Bowling Green genauso glaubwürdig gewesen, wie insgesamt Jeffrey Eugenides‘ – für alle, die mit der Biografie David Foster Wallace‘ vertraut sind besonders – eigenartig berührender Roman, der sich so sonderbar und fast etwas bemüht am Ende in der Sicherheit einer plötzlichen literaturwissenschaftlichen Selbstreferenz fängt. Auf dem Weg dahin streut er ein reichliches Dutzend kleine Bezugspunkte zu Bibliotheken von der erwähnten Roosevelt Library über eine indische Leihbücherei bis zu einer Privatbibliothek in Neuengland. Legt man nun beides, Bibliothekspostkarten und Roman, so nebeneinander, wie ich es versuchte, entsteht unweigerlich die Frage, ob aus unserer Sicht wirklich entscheidbar ist, was das wahrhaftigere Dokument ist: Die Motive der Ansichtskarten und ihre für uns in ihren Implikationen und Verbindungen kaum entschlüsselbaren Botschaften oder die meisterhaft durchkomponierte Zeitzeugenfiktion.

04.11.2011

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