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Die kleine Schwester der Filmmusik. Soundtracks für E-Books. Ein Gastbeitrag von Oliver Bendel.

Posted in LIBREAS aktuell by libreas on 20. Oktober 2011

Im Radiofeuilleton des Deutschlandradio Kultur berichtete heute Dirk Fuhrig über die Möglichkeiten intaktiver Elemente bei E-Books: Wenn das Buch sprechen lernt. In der Tat erscheint das Medium mit mehr Potential ausgerüstet, als dass man sich auf die reine Textwiedergabe im Sinne eine Simulation des gedruckten Buches beschränken sollte. Diese Facette auszunutzen könnte ein Teil dessen sein, womit sich Verlag im 21. Jahrhundert neu erfinden. So wie es der Autor Ben Tarnoff im Roundtable-Weblog bei Lapham’s Quarterly ebenfalls an diesem Donnerstag als Alternativszenario zum gern vorhergesagten finalen Niedergang der Branche einforderte:

„This is the possibility that book publishing, despite its many antiquated practices and inefficiencies, is more adaptive than its critics give it credit for; and that the current convulsions, far from being unprecedented, are only the most recent phase in a centuries-long story of radical reinvention. The production and distribution of books have changed dramatically over the last twenty decades, and whenever they do, the publishing landscape endures another of those wrenching spasms that periodically clobber anyone adventurous enough to build a business on such quaky ground.“ (The Worst Business in the World )

Ob die radical reinvention allein über das simulierte Papier erfolgreich sein kann, ist trotz der derzeit extrem forcierten Werbung für die entsprechenden Lesegeräte ziemlich offen. Entsprechend spannend ist, welche Alternativen und Weiterentwicklungen zum traditionellen E-Book entwickelt werden und sich behaupten.

In einem Gastbeitrag für dieses Weblog beschreibt nun Oliver Bendel eine der Optionen zur multimedialen Anreicherung elektronischer Bücher.

(red.)

Die kleine Schwester der Filmmusik

Soundtracks für E-Books

13. Oktober 2011 – Oliver Bendel, Winterthur

Stellen Sie sich vor, Sie lesen ein Buch und hören nebenbei Musik. Ein Roman wäre eine gute Wahl. Ein Schmöker meinetwegen. Zugegeben, das ist keine außergewöhnliche Situation. Nun stellen Sie sich vor, die Musik kommt aus dem Buch. Sie entweicht zwischen den Seiten, nein, zwischen den Zeilen. Die letzten Klänge – Flöte, Geige, Klavier –, dann Stille, ein Räuspern, das von Ihnen stammen könnte, dann Klänge der Natur. Sind das nicht Wellen, und hat der Held nicht gerade das Meer erreicht? In Ihrer Vorstellung haben sie das Buch vielleicht schon weggeworfen. In den Teich Ihrer Wirklichkeit. Mit einem Blubbern geht es unter. Sie können sich in aller Ruhe auf diesen Artikel konzentrieren, der sich einem Thema widmet, das den lesenden Teil der Menschheit spalten wird.

In Japan gibt es schon lange Soundtracks für elektronische Bücher. Der englische Begriff zielte ursprünglich auf die gesamte Vertonung von filmischen Werken. Heute wird er mehr oder weniger gleichgesetzt mit der Filmmusik; diese hat also eine Schwester, die Buchmusik, bekommen. Die „Booktracks“ (die durchaus Effekte enthalten können) werden beim Lesen abgespielt; über eine Fortschrittsanzeige, z.B. in Form eines Pfeils, sieht man, welche Stelle im Text die Musik bzw. das Geräusch gerade untermalt. Die Anzeige lässt sich ausblenden, und tatsächlich kann man sich von dem Pfeil verfolgt fühlen, auch wenn er nicht auf einen selbst gerichtet ist.

Bereits Stummfilme wurden musikalisch angereichert. Man las die Monologe und Dialoge und die Beschreibungen und lauschte der Musik. Später war Musik ebenfalls eine selbstverständliche Zugabe. Manchen Regisseuren war sie ein Fremdkörper in ihrem Werk, und wenn ein Lied gespielt wurde, schwenkten sie alsbald auf den Urheber, etwa den Plattenspieler oder den klimpernden Helden. Musik hat im Film verschiedene Funktionen. Sie kann die emotionale, suggestive, immersive Wirkung verstärken. Oder, gewollt oder ungewollt, abschwächen. Lieder können das Bild ergänzen und hinterfragen, über den Ton und den Text. Auch in Computerspiele wird Musik eingearbeitet. Geräusche schließlich sind aus heutigen Filmen genauso wenig wegzudenken wie Monologe und Dialoge, und wie diese gehören sie meist zur Realität des Gezeigten.

Buchmusik und -geräusche können ebenfalls die emotionale Wirkung verstärken, können den Leser noch mehr in die Geschichte hineinziehen und ihn mitleiden und -freuen lassen. Daneben tun sich alle Möglichkeiten auf, die auch bei Filmen bestehen. Eine Besonderheit ist sicherlich, dass man die Musik, die man normalerweise beim Lesen hört, ausmachen oder leiser stellen muss. Bei einem Kino- oder Fernsehfilm würde man genauso wenig die eigene Musik durchzusetzen versuchen, schon weil man etwas verstehen will. Wie beim Film wird es beim Buch solche Tracks geben, die neu komponiert und geschrieben wurden, und solche, die aus vorhandenen Stücken zusammengesetzt sind. Buchmusik wird man wie Filmmusik unabhängig vom „Hauptwerk“ kaufen können.

Ein Unternehmen im westlichen Kulturkreis, das auf Soundtracks für Bücher setzt, ist Booktrack. Auf der Website heißt es:

Booktrack represents a new chapter in the evolution of storytelling, and an industry „first“ in publishing, by creating synchronized soundtracks for e-books that dramatically boost the reader’s imagination and engagement. The companyʼs proprietary technology combines music, sound effects and ambient sound, automatically paced to an individual’s reading speed.

Der Anbieter betont den Einfluss auf „imagination“ und „engagement“. Dass die Einbildungs- und Vorstellungskraft leiden könnte, wird nicht thematisiert. Auch Brechtsche Verfremdungseffekte, die man mit Buchmusik und -geräuschen erzeugen könnte, werden nicht erwähnt. Warum auch, das Unternehmen ist jung, sein Text auf der Website ist Werbung, psychologische und ästhetische Gedanken kann es sich später machen. Und seine Geschäftsidee verdient es, bei allen Vorbehalten, beschrieben und diskutiert zu werden.

E-Books werden nicht nur mit Musik, sondern auch mit Bildern und Videos angereichert. Ich experimentiere seit Jahren mit Links, ASCII-Art und Wikipedia-Zitaten. Dennoch räume ich der literarischen Autonomie des Werks einen hohen Stellenwert ein. Letzten Endes kommt es auf die Funktion und Menge der Erweiterungen an. Und darauf, ob man Filme und Bücher als Social-Media-Events konzipiert. Das ist dann meine Sache nicht mehr; ich lasse als Autor meine Puppen nicht nach dem Feedback der Leser tanzen, und als Leser will ich von Kommentaren verschont bleiben.

Die Medien haben die Buchmusik bereits entdeckt. Bis die Wissenschaft etwas Substanzielles beizutragen hat, wird wahrscheinlich eine Weile vergehen. Die Süddeutsche Zeitung sprach bzw. schrieb am 2. August 2011 von der „Hintergrundmusik“. Der Soundtrack „soll, angepasst an die Lesegeschwindigkeit, während der gesamten Lektüre im Hintergrund laufen“. Auch ZEIT ONLINE benutzte das naheliegende Wort und regte sich am 8. September 2011 über das „Hintergrundrauschen“ auf. Der Redakteur zitierte eine wortgewaltige Passage aus Moby Dick und fragte sich, „welche neue Eventkomponente“ ein Meeresrauschen dieser hinzufügen könnte. Keine, war die Antwort, oder nicht mehr als „Tsssssssch, Tsssssssch“. Und der genervte Redakteur wünschte sich Experimente im Bereich der E-Books herbei, die allerdings schon seit Jahren existieren und über die man sogar auf ZEIT ONLINE lesen kann.

Ich werde als Wissenschaftler und als Autor mit Interesse verfolgen, welche Formen von Buchmusik entstehen und von wem sie stammen. Ein Verleger hatte mir in Aussicht gestellt, mit DJ BoBo zusammenzuarbeiten. Ich vermute, der Schweizer Star hat nie von seinem Glück erfahren, oder von dem Kelch, der an ihm vorübergegangen ist. Vielleicht wird der Wert mancher Booktracks – man denke an berühmte Soundtracks – weniger im Verhältnis zum Hauptwerk, mehr in ihnen selbst zu suchen sein, so dass sie mehr als ein Nebenwerk sind. Es werden grauenhafte Produkte in die Online-Kataloge gelangen. Und sinnhafte Produkte, über die es sich nachzudenken und die es zu konsumieren lohnt. Kaum bezweifeln lässt sich, dass Lesen und Musik für viele Menschen zusammengehören. Manchen fällt das Lesen (oder das Lernen) sogar leichter, wenn unter ihnen ein vertrauter Klangteppich ist, eine Art fliegender Teppich, mit dem sie die Weite ihres Gehirns erkunden. Dass Multitasking nicht funktioniert, dass die Aufmerksamkeit in den gleichzeitig genutzten Kanälen abnimmt, wurde in Studien gezeigt; allerdings bedeutet das Hören von bekannter bzw. angenehmer Musik kaum eine Ablenkung.

Nun werden einem also Geräusche und Musik vorgegeben. Gut möglich, dass man abgelenkt wird. Gut möglich auch, dass man hingelenkt wird zu bestimmten Aspekten. Immerhin hat die Buchmusik ja zu tun mit dem Buch, wurde für dieses konzipiert, und in einigen Fällen mag es sich um eine glückliche Verbindung handeln. Ich brauche das Buch als Tonträger nicht, aber warum sollte ich diese Erkenntnis ausgerechnet beim Lesen, diesem ausgesprochen individuellen Vorgang, zum Maßstab erheben? Damit sind wir wieder bei Ihnen. Es liegt an Ihnen, ob die Buchmusik (in Erzählungen und Romanen) die Beststellerlisten oder (auf Scheiben und in Dateien) die Hitparaden stürmt. Am besten stellen Sie sie auf die Probe, zum Beispiel mit Hilfe von „Sherlock Holmes“. Das Buch ist mitsamt Beilage im App Store erhältlich. Und wenn Sie nach mehr verlangen, finden Sie auf der Website von Booktrack interessante musikalische Beispiele. Auch Klänge der Natur werden Sie vernehmen, etwa – in „The Ugly Duckling“ – das „quack, quack“ einer Ente.


Links

Artikel auf ZEIT ONLINE

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-09/buch-soundtracks

Website von Booktrack: http://www.booktrack.com

Zum Autor

Prof. Dr. Oliver Bendel arbeitete in Deutschland und in der Schweiz als Projektleiter im Bereich Neue Medien und leitete technische und wissenschaftliche Einrichtungen an Hochschulen. Heute lebt er als freier Schriftsteller in der Schweiz und lehrt und forscht als Professor für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft (Fachhochschule Nordwestschweiz), mit den Schwerpunkten E-Learning, Wissensmanagement, Social Media, Mobile Business und Informationsethik.

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4 Antworten

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  1. W. Umstaetter said, on 21. Oktober 2011 at 11:27

    Ist das die Neuentdeckung von Multimedia?

  2. […] zu dem Gelesenen die passende Musik oder Geräusche (= Booktracks) ertönen? Ein Gastbeitrag bei Libreas geht dieser Frage […]

  3. […] vollständige Artikel von Oliver Bendel ist erhältlich über das Blog der Zeitschrift libreas, der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Zeitschrift der Humboldt-Universität in […]

  4. […] vollständige Artikel von Oliver Bendel ist erhältlich über das Blog der Zeitschrift libreas, der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Zeitschrift der Humboldt-Universität in […]


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