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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Robert Bobers Pariser Dokumentation.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. Oktober 2011

(zu:  Robert Bober (2011) Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen.
München: Verlag Antje Kunstmann.)

Eine für Stadtsoziologen und Ethnografen wenig überraschend These lautet, dass der gebaute Raum mit seinen diversen Einschreibungen von Architektur bis zur Gebrauchsspur selbst schon die Rolle eines kulturellen Archivs übernimmt. Je intensiver und vielschichtiger ein Stadtleben ist, desto nachhaltiger neigen diese Spuren zu sein. Die künstlerische oder literarische Auseinandersetzung mit dem konkreten Stadtraum nimmt diesen Effekt auf und hebt ihn auf zusätzliche Stufe: Die Spuren einer Stadt werden im Werk in einer separierten und übertragbaren Form aufgezeichnet.

Für das mit solchen Auf- und Nachzeichnungen nun wahrlich nicht zu knapp versehene Paris legte jüngst der Münchner Verlag Antje Kunstmann mit der Übersetzung eines Erinnerungsromans mit dem so bedeutungsverheißenden wie sperrigen Titel Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen. (On ne peut plus dormir tranquille quand on a une fois ouvert les yeux) ein weiteres Dokument auf den Stapel literarischer Parisiana.

Der mit Dokumentarfilmen und als Assistent François Truffaut bekannt gewordene Robert Bober beschreibt das Bemühen des etwa zwanzigjährigen Bernard Appelbaum im Paris der 1960er Jahre über die Reflexion seiner Familienvergangenheit seine Identität zu finden. Truffaut selbst tritt kurz auf und dazu eine große Vielfalt an Figuren vorwiegend aus Paris/Belleville, aber auch aus Berlin, Przytyk und New York, wobei die Erinnerungsspuren zeitlich bis zum ersten Weltkrieg zurückreichen. Als Kind polnisch-jüdischer Immigranten verlor Bernard seinen Vater 1942, als dieser bei einer Razzia verhaftet wurde. Bernard war zwei Jahre alt, blieb also nahezu ohne konkrete Erinnerung an ihn. Nach dem Krieg heiratet die Mutter einen Mann, mit dem sowohl sie wie auch Bernards Vater in ihrer Jugend befreundet waren. Die Ähnlichkeit zwischen dieser Dreieckskonstellation und dem Startpunkt des Buches, Truffauts Film Jules et Jim an dem Robert Bober als Regieassistent mitwirkte, scheint schon beinahe ein wenig erzwungen. Der Stiefvater stirbt 1949 bei einem Flugzeugabsturz, wodurch der mittlerweile geborene Stiefbruder Bernards in eine parallele Situation gerät.

Truffaut

Spiegeln Sie die Welt beim Cineasten. Eine Grabplatte ist immer auch ein steingewordener Karteivermerk: Sie verweist auf eine gewesene Existenz und der Name wird zum verbindenden Metadatum unzähliger Erinnerungsketten. Nach wie vor legen Menschen am Grab Truffauts auf dem Friedhof von Montmartre Briefe an den Regisseur nieder und danken ihm für sein Werk. Bei Heinrich Heine, gleich gegenüber, lässt sich das selbe Phänomen beobachten. Auch wenn der Mensch selbst tot ist, so hat doch die Kultur ihre Verfahren, ihn sehr präsent zu halten. Robert Bobers Buch trägt (a) dazu bei und (b) eine Erinnerungslinie an Truffaut, an Paris und an die Mitte des letzten Jahrhunderts in diesem Herbst in unsere Gegenwart.

Die Grundstruktur des Plots führt also mehrere unwahrscheinliche, aber durchaus noch glaubhaft vermittelte Geometrien zueinander. Auch wenn man den Eindruck Alex Rühles nicht teilen mag, der in seiner Besprechung des Bandes für die Süddeutsche Zeitung meint, das Buch sei „eines der schönsten Bücher, die je über Paris geschrieben wurden“, so ist es doch, obschon literarisch und auch handwerklich eher unspektakulär, aus anderen Gründen sehr der Lektüre wert. Diese gewinnt zusätzlich, wenn man ein bisschen mit den Heimat-Arrondissements der Protagonisten vertraut ist und vielleicht auch schon mal die Gelegenheit hatte, über den Parkfriedhof Père Lachaise zu spazieren, diesem riesigen begehbaren Archiv der Pariser Geschichte. Dann stellt sich noch stärker die Verbindung des Lesers zu dem her, was Claire Devarrieux in ihrer Besprechung des Buches für Libération »Elles sont le sel de Paris« nannte: Den einzelnen konkreten Schicksalen, die in ihrem Zusammenwirken den Kultur- und Erinnerungsraum Stadt ergeben.

Für uns ist die Geschichte dahingehend besonders bemerkenswert, weil in ihr eine Dokumentarin vorkommt: Bernard trifft auf einem Flohmarkt – auch ein Streupunkt von persönlichen Archivstücken – während er in alten, gelaufenen Ansichtskarten stöbert, auf eine junge Frau namens Odile. Diese ist nicht nur ebenfalls kartophil, sondern beschäftigt sich sogar professionell mit dem Spuren und Spurenlesen, also dem gezielten Erinnern, was in der Szene zum Boulevard Saint-Martin (S.119ff.) wunderbar ausgebreitet wird. Im selben Zusammenhang wird ihr Beruf erläutert:

„Und außerdem wollte ich von Odile erfahren, was es bedeutet, Dokumentarin zu sein. Worin diese Arbeit genau besteht. Wie man das lernt.“ (S. 122)

Es fällt auf, dass – vielleicht im Gegensatz zur Bibliothekarin – der Beruf der Dokumentarin für Bernard so ungewöhnlich ist, dass ihm eine genauere Vorstellung vom Berufsbild fehlt. Gleichzeitig ist er aber selbst auf der Suche nach Zugängen zu seiner Vergangenheit, weshalb ihm die professionelle Perspektive auf solche Entschlüsselungspraxen sehr anziehend erscheinen muss. Und Odile, der Robert Bober leider kein allzu einprägsames Gesicht gibt, beantwortet die Frage offensichtlich im nüchternen Stil einer Auskunftsdienstleistung:

„Da ihr das ein bisschen kompliziert zu erklären schien, hatte sie mir eine Definition gegeben, wie ich sie in ähnlicher Form sicher in jedem Wörterbuch finden hätte können: dass ein Dokumentar oder eine Dokumentarin jemand sei, der Schriftstücke und andere Unterlagen suche, manchmal finde und dann ordne – in Hinblick auf eine Veröffentlichung oder für eine öffentliche Einrichtung.“ (S.122)

Ganz lehrbuchhaft ist dies natürlich nicht. Aber dafür ist der Weg der Ausbildungsbiografie umso wirklichkeitsnäher:

„Nach dem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft sei sie auf das Nationale Institut für Dokumentationstechniken gegangen und habe dort ihren Abschluss gemacht.“ (S.122)

Mit diesem Abschluss, so Robert Bobers Odile, kann man dann entweder per Festanstellung oder freiberuflich tätig sein. Damit reicht es der Figur Odile leider auch mit Erläuterungen und sie vertröstet Bernard für genauere Beschreibungen ihrer Arbeit auf ein anderes Mal, das sich im Buch leider nicht niederschlägt. Eine Einsicht jedoch wird noch dokumentiert. Und diese ist uns auch vertraut. So erinnert Bernard von diesem Treffen in der Brassierie Paul-Bert

„vor allem eine Bemerkung, die sie hinzugefügt hatte, ohne dass ich sie vollständig verstand, dass sie nämlich erst am Tag, an dem sie entdeckte, möglicherweise mehr Freude am Suchen als am Finden zu haben, begriffen habe, dass sie wirklich Dokumentarin geworden sei.“ (S.123)

Entsprechend dampft Bernard im Anschluss an diese kuriose Reflektion über den dokumentarischen Beruf die Definition auf eine eigene schlichte Formel zusammen:

„Und ich hatte Odile die folgende Definition des Berufsbildes Dokumentar vorgeschlagen: »Ein Dokumentar ist ein Neugieriger von Beruf.«“ (S.125)

Was französisch vermutlich etwas eleganter klingt. Auf deutsch liest es sich jedenfalls ebenso nett wie simpel, ein Eindruck der sich leider an einigen Stellen des Buches einstellt: Es wirkt mitunter sehr bodenständig, was gar nicht negativ gemeint ist, denn dem Autor geht es ganz offensichtlich nicht um literarische Virtuosität, sondern um ein authentisches Fassen von Gegebenheiten. Die Leitmotive sind Erinnerung und Identität, die sich in den staubigen Pariser Arbeiter- und Handwerkerquartieren naturgemäß eine andere Form suchen müssen als in der sinnlichen Sommersehnsucht von Combray.

Schließlich hilft Odile Bernard einen Ort der Recherche nach den für ihn wichtigen Spuren zu finden: Die Zeitungsabteilung im Salle ovale der Bibliotheque Nationale. Bernard recherchiert dort die Hintergründe des Flugzeugunglücks, bei dem sein Stiefvater starb. Die Dokumentarin weiß selbstverständlich genau, wo die Alltagsnachrichten einer Nation im Prozess archiviert werden:

„»Die Zeitungen informieren uns auch über das, woran man sich nicht erinnert«, hatte sie gesagt. »Sie sind da und warten, dass man sie liest.« […] So fand ich mich eines Tages im Saal der Zeitschriften und Periodika wieder […]“

Und so findet sich in einem Roman aus dem Jahr 2010 nicht zuletzt die Tatsache wieder, dass man in den 1960er Jahren mit einem Informationsbedürfnis wie dem Bernards in einen solchen Saal in der Rue Richelieu gehen konnte. Bernard stößt in einer Sonderausgabe von France-Soir schließlich auf die Meldung zum Flugzeugabsturz am Monte Redono auf den Azoren, der deswegen besonders aufsehenerregend war, weil eines der großen Boxtalente dieser Zeit (und ein Freund/Liebhaber von Edith Piaf) Marcel Cerdan, an Bord war. Die ebenfalls beim Absturz getötete höchstbegabte Violinistin Ginette Neveu spielte dagegen offensichtlich weder für Bernard noch für France-Soir eine erwähnenswerte Rolle. Die Bericht zum Unglück im Time Magazine hebt diesen Aspekt ebenfalls hervor:

„For most Frenchmen, however, the most important single item in Suzanne’s waybill was tough, pompadoured Marcel Cerdan, the idolized middleweight boxing champ who last June dropped his title to Jake LaMotta in Detroit.“

Dass das Time-Zitat hier auftaucht, steht beispielhaft für eine Anfälligkeit, die der Bernards bei der Zeitungsschau gleicht:

„Bald wurde mir bewusst, dass ich mich auch bei Dingen aufhielt, die nichts mit dem Gegenstand meiner Suche zu tun hatten.“

Natürlich hat sich Robert Bober selbst sehr in solche Aussagen eingeschrieben. Genau in diesem Gedanken, dass eigentlich der Weg das Ziel sei, folgt sein Roman. An dessen Ende steht Bernard vor dem, was seine Herkunft bündelt: Er findet seinen Vater, an den er keine reale Erinnerung hat, als Gegenstand eines eindringlichen Dokumentes:

„Auf diesem – beträchtlich vergrößerten – Foto hatte mein Vater seine Größe als Mensch wiedergefunden. Da standen wir, gemeinsam, ganz nahe, einander gegenüber, in der gleichen Reglosigkeit. Wir waren im selben Alter. Er lächelte mir zu.“ (S.254)

Ist man mit Bernard an dieser Stelle in einem Ausstellungsraum der Gedenkstätte bei Oświęcim angekommen, dann erkennt man, nicht ohne berührt zu sein, die Essenz des Buches: Aufzuzeigen, wie eng Identität, Ereignis, Erinnerung, Aufzeichnung, Spur und Spüren miteinander verwoben sind. Über Spuren in diverse Vergangenheiten erzeugen wir eine Beziehung zwischen uns und der Welt. Jeder Mensch ist darin ein historisches Wesen. Dies wird beispielhaft an einer Biografie des 20. Jahrhunderts gezeigt, die mit den fast formal geschilderten Eckdaten einer Vita einsetzend allmählich zahllose Anknüpfungspunkte und Verbindungslinien erschließt. Allein schon dadurch, nämlich als Kultur- und Erinnerungsspeicher, erhält „Wer einmal die Augen öffnet…“ seinen bleibenden Wert.

(bk)

Eine Antwort

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  1. W. Umstaetter said, on 17. Oktober 2011 at 20:54

    Die Franzosen sind trotz Grande Bibliotheque und Centre Pompidou sicher nicht besonders berühmt für ihr modernes Bibliothekswesen, sie sind es eher für ihre französische Dokumentation. Man denke nur an die traditionsreiche Datenbank PASCAL. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass hier an Stelle einer Bibliothekarin eine Dokumentarin zu Wort kommt. Für einen Dokumentar ist es natürlich auffällig, dass die Dokumentarin im Buch „suche, manchmal finde und dann ordne“. Das erinnert an Stille Post, wenn man weiß, dass Dokumentation als sammeln, Ordnen und verfügbar machen („… the collection and storage, classification and selection, dissemination and utilisation of all types of information“, FID, 1960), definiert ist. Dokumentare suchen also nicht um zu ordnen, sondern ordnen um zu finden. Dass sie darüber hinaus Recherchespezialisten sind, soll die „Definition“, »Ein Dokumentar ist ein Neugieriger von Beruf.« deutlich machen.

    Man sollte meinen, dass solche Erwähnungen von Dokumentarinnen in der Literatur einen bemerkenswerten Einfluss auf das Image dieses Berufszweiges haben. Dass ist aber nach bisheriger Erfahrung nicht der Fall. Im Gegenteil, um so länger sich die Bibliothekarin mit Dutt, Pumps und Nickelbrille in Bibliotheken Deutschlands, den USA oder Großbritanniens hält, um so weniger erwarten Bibliotheksbenutzer solche Klischees in realen Bibliotheken. Auch die sehr viel modernere Dokumentarin ändert daran nichts. Vergleichbar dazu sind die zahlreichen Filme über bornierte Pauker seit der Feuerzangenbowle (von Hans Reimann und Heinrich Spoerl 1933), über die sechziger Jahre hinweg, bis heute keinen Einfluss auf das Verhalten von Schülern in den Schulen hatten.

    W. Umstätter


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