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Eigenlob und Fremdlob aus Wendezeiten. Rezension

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 12. Oktober 2011

Rezension zu: Baron, Günter & Riese, Reimar (Hrsg.) / Wendezeit – Zeitwende in deutschen Bibliotheken : Erinnerungen aus Ost und West. – Berlin : BibSpider, 2011

Es ist nicht wirklich so, dass allgemein nach neuen Büchern über die Wendezeit verlangt wird, gerade nicht mit solch einer Spezialisierung wie dem Bibliothekswesen. Aber es hat auch niemand etwas dagegen, wenn sie erscheinen. Ungefähr so unmotiviert wird auch das Herausgeberwerk von Günter Baron und Reimar Riese aufgenommen werden. Es füllt keine Lücke im Wissensstand, es liefert keine wirklich neuen Einsichten, aber es ist auch kein schlechtes oder gar vollkommen überflüssiges Buch. Man ist nach dem Lesen weder begeistert noch abgeneigt.

Wendezeit – Zeitwende in deutschen Bibliotheken beginnt mit der Aussage, dass zwar viele Quellen zum Themenbereich Wende im deutschen Bibliothekswesen erscheinen seien, aber noch wenig subjektive Berichte von Handelnden dieser Zeit vorlägen. Dies soll mit den Werk geändert werden. Abgesehen davon, dass die Behauptung, es gäbe ausreichende Quellen zur Wendezeit, etwas überrascht, kann man dem Ansinnen selber nicht widersprechen. Allerdings schaffen es die publizierten Texte nicht ganz, die Möglichkeiten einer solchen Dokumentation auszuschöpfen. Dies wird seinen Grund auch darin haben, dass nur ein Teil der Angefragten einen Text geschrieben hat. Allerdings hätten die Herausgeber auch stärker eingreifen können.

In der Gesamtheit besteht das Buch aus Berichten von Personen, die positiv aus der Wende herausgekommen sind, von Personen, die nach der Wende etwas aufgebaut und verändert haben. Und vor allem von Personen, die in den fünf neuen Bundesländern und Berlin etwas verändert haben. Kein einziger Text beschäftigt sich mit den alten Bundesländern, nur in den beiden Texten über Berlin (Antonius Jammers zu den Sondersammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin, Claudia Lux zur Vereinigung von Stadtbibliothek und Amerika-Gendenkbibliothek zur Zentral- und Landesbibliothek) kommen überhaupt Einrichtungen aus Westdeutschland wirklich vor. Ansonsten scheint es in diesem Buch, als hätten die Veränderungen nach der Wende nur im Ostdeutschen und Berliner Bibliothekswesen stattgefunden, nicht im Westdeutschen. Dabei wird im Vorwort der beiden Herausgeber darauf verwiesen, dass die Wendezeit gleichzeitig auch die Zeit der breitflächigen Einführung der EDV im Bibliothekswesen war, ein Fakt, der zu weitergehenden Reflexionen hätte führen müssen. Allerdings wird dieser Zusammenhang kaum aufgegriffen.

Es fehlen zudem die Stimmen derer, die mit der Wende verloren, Kolleginnen und Kollegen, die entlassen, heruntergestuft oder in der Vorruhestand geschickt wurden; es fehlen auch die Stimmen derer, deren Projekte nicht umgesetzt wurden. Und es fehlen die Stimmen derer, die nicht an einem der beiden Pole (Gewinn oder Verlust) anzusiedeln wären. Nicht zu vergessen: Es fehlen die Stimmen der „einfachen“ Bibliothekarinnen und Bibliothekare. In diesem Buch sprechen bis auf Carola Pohmann nur Leiterinnen und Leiter von Bibliotheken sowie Professoren.

Es ist auffällig, dass in den Berichten selber kaum von Alternativen die Rede ist. Sehr oft erscheint es so, als wäre das, was umgesetzt wurde, einzig deshalb richtig, weil es umgesetzt wurde. Die Offenheit der Geschichte ist in diesen Texten selten zu finden. Das ist, gerade im Bezug auf die Möglichkeiten nach 1989, unhistorisch. Insoweit scheint das Buch in seinen schlechtesten Stellen von „Ostnostalgischen“ entworfen worden zu sein, um als Feindobjekt zu dienen.

Daneben aber haben die Autorinnen und Autoren selbstverständlich das Recht, sich einmal selber zu loben. Egal, ob man ihre Entscheidungen richtig oder falsch findet, kommt man nicht umhin, anzuerkennen, dass sie das Bibliothekswesen in den neuen Bundesländern und Berlin geprägt haben. Und sie loben sich nicht zu knapp. Teilweise, so zum Beispiel in dem Text von Birgit Dankert, nimmt dieses Selbstlob so sehr Überhand, dass man sich unwillkürlich fragt, gegen wenn die Autorin sich verteidigen will. Zumeist aber ist das Selbstlob ob der Aufbau- und Managementleistungen berechtigt und zudem eingelassen in ein allgemeines Lob aller Beteiligten. Die Autorinnen und Autoren nutzen ihre Texte dazu, sich bei allen möglichen Beteiligten an den jeweils von ihnen begleiteten Prozessen zu bedanken: Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Beamten und Ministern. Man hat teilweise den Eindruck, als hätte es nach 1989 im Bibliothekswesen nur das eine Ziel gegeben zusammenzuwachsen. Und dieses Ziel wäre von allen Beteiligten nach kurzen Anpassungsphasen kollegial und kompromissbereit angegangen worden. Man braucht keine historische Ausbildung, um zu wissen, dass das nicht stimmt. Die Texte sind nicht viel mehr, als Selbstbilder der Beteiligten.

Erstaunlich ist allerdings, dass in fast keinem Text die damaligen Entscheidungen begründet werden. Fast immer sieht es so aus, als wäre sie folgerichtig getroffen worden. Das ist etwas enttäuschend, insbesondere wenn man den Anspruch der Herausgeber ernst nimmt, welche die Beiträge als – wenn auch vorsichtig zu interpretierende – Quelle zur Geschichte verstanden wissen wollen. Einzig der Beitrag von Claudia Lux ermöglicht einen Einblick in die von ihr getroffenen Entscheidungen. Lux begründet ihre Entscheidungen mit den Situationen in den beiden Häusern der heutigen ZLB. Auch das ist nicht unproblematisch – in vielen Bereichen werden ihr die damaligen und heutigen Angestellten der ZLB widersprechen –, aber es ist zumindest nachvollziehbar.

Grundsätzlich aber ist das Buch eher ein lockeres Erzählen von Erfolgen. Das ist teilweise amüsant, aber selten mehr. Wer sich für die persönlichen Kontakte einige der Autorinnen und Autoren in der Wendezeit interessiert, wird sich unterhalten fühlen, insbesondere beim Beitrag von Engelbert Plassmann, der das extensiv betreibt.

Was den Texten allerdings nicht gelingt, ist es, die Gefühlswelt und die politische und biographische Offenheit der Wendezeit wiederherzustellen. Vielmehr verlassen sich die Erzählungen zu oft darauf, dass die Lesenden sich in die damalige Zeit hinein versetzen können. Das ist allerdings längst nicht mehr der Fall. Nicht unbedingt, weil es verdrängt worden wäre, sondern weil seitdem neue Generationen geboren sind. Generationen, die die Wende als Kinder oder gar nicht mehr erlebt haben stellen schon längst einen gewichtigen Teil der Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie der Nutzerinnen und Nutzer dar. Denen können diese Texte wenig vermitteln, weil ihnen die Rahmung fehlt.

Letztlich ist Wendezeit – Zeitwende in deutschen Bibliotheken ein Buch von Menschen, welche die Wende aktiv genutzt haben, um Institutionen aufzubauen oder zu verändern und dies anderen Menschen, die sich in diese Situation versetzen wollen, einmal erzählen wollten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Eine Antwort

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  1. W. Umstaetter said, on 17. Oktober 2011 at 15:25

    Es ist wirklich bemerkenswert, dass der Rezensent so deutlich erkennt, dass man sich schon nach zwanzig Jahren kaum noch in die damalige Zeit hinein zu versetzen vermag. Auch seine Wahrnehmung, dass viele der damals agierenden Personen den Eindruck hatten, fast unausweichlich das zu tun, was rasch getan werden musste, und nur wenig Spielraum in ihrem Handeln sahen, was nicht heißt, dass man nicht unzählige Fehler hätte machen können, und sicher auch vereinzelt gemacht hat, ist richtig. Tatsache ist, dass heute noch lebende Personen, die den Eindruck haben vor, bei und nach der Wende positives geleistet zu haben, sehr viel leichter darüber berichten können, als diejenigen, denen man möglicherweise noch heute ihre Fehler nachweisen kann.

    Dass man auch in diesem Buch, wie in fast allen der Bibliothekswelt, noch weit mehr hätte aufarbeiten können, als es geschehen ist (s. Veränderungen in Westdeutschland etc.) ist richtig, hätte aber sicher den Rahmen gesprengt. Ehrlich gesagt hat der Autor dieser Zeilen einst auch gedacht, er könne zumindest den Wandel am „Institut für Bibliothekswissenschaft und wissenschaftliche Information“, über „Institut für Bibliothekswissenschaft“ zum „Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (in seinem Buch „Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum“) mit all der Tragik, die sich in der „Wendezeit“ ereignete, aufarbeiten. Das wäre aber nicht möglich gewesen, ohne neue Ungerechtigkeiten zu erzeugen, da historische Aufarbeitungen immer auch massive Verkürzungen erzwingen. Außerdem sollte man nicht verkennen, dass die „Wendezeit“ eine menschlich und politisch höchst aufwühlende Phase war, dass sie aber in der eigentlichen Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens vom Informationszeitalter zum Zeitalter der Wissensorganisation eine vergleichsweise geringe Rolle spielte. Insofern hat der Rezensent nicht ganz unrecht, wenn er die Berücksichtigung der gleichzeitigen Veränderungen der EDV in „Westdeutschland“ anmahnt.

    W. Umstätter


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