LIBREAS.Library Ideas

Auslöschung des Papiers. Ein Beitrag im Cabinet Magazine erklärt, was die Informationsgesellschaft von der Aktenvernichtung lernen kann.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. September 2011

zu: D. Graham Burnett; Sal Randolph (2011) The Memory Hole has Teeth. Toward a field guide to shred. In: Cabinet. A Quarterly of Art an Culture. Issue 42. S. 70-77

„Shred is the versicolor confetti saluting the end of the age of the book –

and the party is just getting started.“ (D. Graham Burnett, Sal Randolph)

I

Über dem digitalen Lebensalltag mit all seinen Abhängigkeiten von der Rechentechnik schwebt nicht nur eine schwerelose Cloud, sondern auch eine weitere, bisweilen sehr dunkle Wolke. Denn manchmal, wenn man beispielsweise eine arglose E-Mail an einen freundlichen Menschen schreibt, färbt sich der Bildschirm wie vom Blitz getroffen um und anstelle des Eingabefensters präsentiert sich ein Blue Screen, dessen Farbe nicht für das himmlische Datenparadies der Cloud steht, sondern für einen handfesten Hardwareschaden im physischen Laufwerk. Wenn man sich dann auf die akute Odyssee der Datenrettung begibt, offenbart die unendliche Leichtigkeit der digitalen Information die Bleischwere, die dahinter stehen kann. Jedenfalls, wenn der automatische Backup des Rescue-and-Recovery auf demselben Gerät stattfindet. Immerhin erfährt man vom Fachmann, wie viel man eigentlich in den vergangenen drei Jahren an Informationsmengen auf dem Arbeitsrechner ansammelte. 220 Gigabyte informationellen Handelns stehen derzeit am Letheufer und sind bereit zur Einschiffung. Aber man tut, was man kann.

Neben der Verzweiflung, die vielleicht drei oder vier Texten im Entwurfsstadium dreidutzend E-Mails und der Sammlung legal erworbener MP3s, die irgendwo dort abgeladen sind, gilt, hält sich – und das ist die eigentliche Überraschung – die Verlustangst in erstaunlichen Grenzen. Vermissen würde man vielleicht eines der 220 Gigabytes. Da die Lage aber keinen gezielten Zugriff erlaubt, muss man eben retten, was zu retten ist. Die Lage erzwingt ein alles oder nichts. Das Sortieren und Aussondern kann erst nach der Rettung folgen.

Ein schöner Nebeneffekt dieser Notlage sind ein, zwei kleine Überlegungen zu den verschiedenen Dimensionen der Bindungen und Lösungen in diesem Zusammenhang:

  1. Der Mensch sieht sich an bestimmte Daten gebunden, die nicht verloren gehen sollen. Diese haben Unmengen Daten um sich, die eigentlich unwichtig sind. Teilweise sind sie mit diesen untrennbar verbunden. Das Verlorengehen entspricht einer Art digitalen Vergessens.
  2. Diese Daten sind im Digitalen an einen Träger gebunden, zu dem man in diesem – im Unterschied zu bestimmten Formen von physischen Trägern (Briefpapier, Bücher) – keine Bindung spürt. Vorsorgliche Zeitgenossen kalkulieren sogar und tauschen die entsprechenden Endgeräte nach den von der Herstellern mehr oder wenigen gewünschten Zyklen in Zweijahresfrist aus. Die Daten werden kopiert. Der Rest ist das Schweigen über das Problem des Elektroschrotts.
  3. Dies bedeutet, dass Daten oder Informationen mit den jeweiligen Trägern nur eine Bindung auf Zeit eingehen – an sich kein sonderlich frischer Gedanke. In der Analogkultur mit vergleichsweise dauerhaft stabilen Trägermedium stand er nur selten bewusst im Raum und erst das Problem des Säurefraßes brachte die Vergänglichkeit dieser Bindung zurück ins Bewusstsein der Nutzer.

II

 „Information is, within certain interesting constraints, medium independent. “ So stellen es der Historiker D. Graham Burnett und die Künstlerin Sal Randolph passend in einem Beitrag der aktuellen Ausgabe (No. 42) des Cabinet Magazine fest. Die wie nahezu immer höchst inspirierte und inspirierende Ausgabe widmet sich passend zur Zwangslage dem Thema Forgetting. Der Essay von Burnett und Randolph beschäftigt sich jedoch fast gegenteilig zu meinem akuten Problem mit der viel interessanteren Frage, wie sich Vergessen aktiv ausführen lässt.

In „The Memory Hole has Teeth“ geht es um die kulturwissenschaftliche Erkundung der Vernichtung von Datenbindungen auf dem langlebigen Trägermaterial Papier. Die aktive Document Destruction ist für Bibliotheken meist bestenfalls ein Randthema und im Sinn der Idee des langzeitarchivierenden Bewahrens selbst im Zirkel der Deakquisitoren eine Tabuzone. Die Vernichtung von Büchern wird als Sakrileg empfunden, was immer dann besonders spürbar wird, wenn man doch einmal fünf Bände z.B. des gedruckten Science Citation Index aus dem Jahr 1983 in den Papiercontainer wirft. In dem Maße jedoch, in dem sich eigentliche Publikationsinhalt mit Nutzungsdaten und anderen temporären Informationseinschreibungen vermischt, also prinzipiell im Nutzungsgeschehen jeder Art von Digitaler Bibliothek, erfordert schon der Datenschutz eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie entsprechende Bindungen wieder lösbar werden. Der Information Lifecycle muss, so meine Schlussfolgerung, auch sein Schließen in dieser Hinsicht mitbedenken bzw. die von Burnett und Randolph angeführte Tatsache, dass

 “that dialectics of preservation and destruction (presence and absence? reproduction and extinction? survival and death?) are universally understood to be ubiquitous in the history of information – in the history of ist production, inscription, storage, management, and use.“ (S. 71)

Es gibt sicher Gründe, wieso uns die kulturelle Evolution besonders zu Akkumulationswesen werden ließ. Aber der aufblühende Zeitgeist des prinzipiellen Access-Paradigma deutet darauf hin, dass sich auch andere Seinsweisen denken und leben lassen. Das gilt nicht zuletzt für unseren Umgang mit Information.

Freudianisch, die zitierte Passage deutet es an, kann man von Bewahrung und Zerstörung auch schnell zur Dialektik von Eros und Thanatos finden. Abgeklärter ist jedoch die Überlegung, ob wir nicht mit dem Eintritt in digitale Informationskulturen und angesichts der stetigen Informationsüberflüsse tatsächlich die Lebensdauer von Explikationen (also Daten) limitiert verstehen müssten. Wie wir es biologisch sind, so sind auch die Repräsentationen unseres kulturellen Daseins nur von vorübergehendem Bestand. Eine ganzheitliche Perspektivierung müsste daher konsequent die Formen, Verfahren und Regeln auch dieses bislang eher schwarzen Flecks des Archivkonzepts Bibliothek und besonders ihrer digitalen Daten beforschen.

III

Burnett und Randolph formulieren angesichts der wachsenden Komplexität der digitalen Abbildung unserer Lebenswelt einen entsprechend datenökologisch motivierten Ansatz und entdeckt dafür den Bezugspunkt des Papiershredders:

„The authors propose that the changing data ecology of our moment, coupled with unsubsiding anxieties about privacy and security, identity and multiplicity, individual freedom and the zombie trap of our digitized superorganismal collective, will make shredding – and its tangible output, those fluffy snowdrifts of everything we have set out to forget – an increasingly significant aspect of the cultural landscape of the twenty-first century.” (S. 70)

Significant kann man hier problemlos als Signifikant lesen. Die Papierwolle ist der Zeichenkörper eine bestimmte Praxis des Vergessens in unserer Zeit. Ihr gegenüber steht die spur- und damit auch zeichenlose Löschung digitaler Daten (ein „frictionless forgetting of an etherealized memory“). Wir wissen nicht, ob die zu vergessenen Daten wirklich vergessen sind, denn wir haben keine physische Spur dieses Vergessens. Es ist genau dieser Zusammenhang, der den Kern des Ansatzes von Burnett und Randolph bildet: Sie benutzen „Shred“, dieses Papiergeschnitzel, als Zeichen und damit Mittel, um den transzendentalen Charakter der Information zu erkennen, „the immanence of its immateriality“.

Anders als beim Akt des Verbrennens, der sich zudem als eine Art rußschwarzer Gegensatz zur blütenweißen Formatierung digitaler Datenträger präsentiert, bleibt beim Shredding der informationelle Ausgangspunkt spürbar. Ihr Informationsgehalt ist zerstört, nicht jedoch der Verweis auf ihre Existenz. In einem nächsten Schritt – dem Papierrecycling – wird der Kreis neu eröffnet. Hier ähnelt sie den wieder beschreibaren Datenmedien. Das Häckseln von Papier steht, so die Autoren, für eine quasi-liturgische Zeremonie der Trennung von Information und Materie.

Der philosophische Rahmen wird noch breiter, wenn man, wie Burnett und Randolph die Praxis der Dokumentenvernichtung als Dienstleistung mit mobilen Vernichtungskraftwagen ausleuchten. Dieses „Mobile Shredding“ entspricht einer Art informationellen Haushaltsauflösung: Die Laster von Unternehmen wie Shredfast oder Vecoplan kommen, nehmen, zerstören und entfernen die Spuren. Zurück bleiben leere Aktenschränken und verwaiste Regale, die möglicherweise von anderen Dienstleistern entsorgt werden. „[I]nformation wishes to be destroyed everywhere but only locally.“ (S. 74)

Betrachtet man den Unterschied zur Datenzerstörung in der Cloud, also eine lokal ausgelöste Handlung an einem für den Auslösenden meist nicht lokalisierbaren Ort, so wird die semiophilosophische Dimension der handlungsreisenden Shredder noch deutlicher. Wir können in ihnen den Umgang unserer Kultur mit Information und dem sich wandelnden Informationshandeln lesen.

Diese Bewusstwerdung ist das Substrat des eigenwilligen Ansatzes von Burnett und Randolph. Zu diesem Zweck möchten sie die Praxis des Paper Shredding, der De-Archivierung papiergebundener Daten dokumentieren. Sie gehen davon aus, dass wir alle genauso in diese Verfahren der permanenten Auflösung von Informationsbindungen integriert sind, nur dass uns dies weniger bewusst ist, als die Schritte zur Erzeugung dieser Bindungen. Die Informationsgesellschaft hat ihre Kehrseite und diese rückt nun ausnahmsweise einmal ins kulturanthropologische Scheinwerferlicht:

 „The information age is made by – sustained by, instantiated in – hundreds of millions of tons of non-information that passes through a hidden circuitry (of loading docks and truck routes, landfills and pulp plants) about which we know next to nothing. We have forgotten the forgetting that makes our collective memory possible.” (S. 75)

Es ist sicher hinterfragbar, ob jeder auch diese Dimension unseres informationsökologischen Daseins systematisch im Detailzuschnitt des Beitrags durchleuchten können muss. (Es schadet aber keinesfalls.) Zweifellos gehört jedoch ein Grundverständnis, (a) wie Daten und Information vergessbar werden (können) sowie (b) welche Verfahren und Technologien welche Art von Bindung mit welchem Resultat lösen, zur elementaren informationsspezifischen Handlungskompetenz unserer Zeit. Wenn wir als Information Professionals noch ein wenig mehr darüber wissen, dann ist es umso besser.

( Ben Kaden . Berlin, 12.09.2011 )

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. W. Umstaetter said, on 13. September 2011 at 09:41

    Die Assoziation zwischen bibliothekarischer Ausscheidung und biologischem Vergessen liegt nahe und erscheint zunächst sicher als ein guter Ansatz, um der Papierflut des letzten Jahrhunderts zuleibe zu rücken. Allerdings kennt unser Vergessen keinen Reißwolf. Wir zerstören keine alten Erinnerungen sondern vergessen sie dadurch, dass wir sie nicht oder immer seltener in unser Gedächtnis zurückrufen. Daneben passen wir veraltete Vorstellungen immer wieder neueren Erkenntnissen an und wandeln Einzelinformationen in Erfahrungswissen oder logisches Wissen um. Bibliotheken taten das bisher ebenso, indem sie nicht benutzte Bücher in Magazine verbrachten um die auch dort nicht gebrauchten Werke noch später auszusondern. Insbesondere Neuauflagen verdrängten die veraltete Literatur mit der bekannten Halbwertszeit.

    Durch die Digitalisierung wurde allerdings immer deutlicher, dass etliche gedruckte Werke obsolet (im sinne von nicht mehr benutzt) wurden, weil ihr Abruf aus dem Internet wesentlich leichter, rascher und preiswerter war. Gleichzeitig fehlte es vielen Bibliotheken an Magazinplätzen und an Stellplatz für gedruckte Neuerscheinungen, so dass noch nie so viele neue Bibliotheken gebaut werden mussten, wie in den letzten Jahrzehnten. Damit wuchs der Druck, auch bedrucktes unbenutztes Papier zu schreddern. Ob es nicht besser gewesen wäre anstelle der teuren Bibliotheksbauten
    schneller und umfassender zu digitalisieren, ist eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, wie viel Papier jährlich zerfällt, verbrennt, Wasserschäden anheim fällt, etc.

    Als Informationsträger wie Papier oder Pergament sehr teuer waren, steckte man diese Medien noch nicht in einen Reißwolf, um sie wieder aufzuarbeiten, und neu zu bedrucken, sondern man schabte die Information ab und beschrieb sie als Palimpsest neu. Viele der so verloren gegangenen Information sind uns heute wichtiger, da älter, als die neueren Überschreibungen, deren Information wir ja ohnehin haben, bevor wir die alten, glücklicherweise noch rekonstruierbaren Informationen, wieder sichtbar werden lassen.

    Das macht uns die alte Erfahrung bewusst, dass vieles, was uns heute als vergessenswürdig erscheint, uns schon in absehbarer Zeit wieder sehr viel wichtiger wird – insbesondere dann, wenn zu viel davon bereits zerstört wurde. Ohne hier auf die Rolle des biologischen Lernens und die Vergesslichkeit näher einzugehen, die sich im Wesentlichen auf die Didaktische Reduktion und die Kompression von Information durch Wissen stützt (Umstätter, W.: Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum: Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktor der modernen Gesellschaft. Simon Verl. f. Bibliothekswissen (2009) s.a. http://www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/lectd.html), muss hier nur deutlich gesagt werden, dass die Zerstörung von papiergebundenen Informationen nichts mit dem biologischen Vergessen gemein hat. Wir zerstören bedrucktes Papier, weil die Digitalisierung im Moment unsere einzige Chance ist, Information und Wissen in den Mengen zu archivieren, wie es uns zur Zeit möglich ist. Das Papier hat uns in den letzten Jahrzehnten immer mehr dazu gedient, um Texte leichter lesbar und redigierbar zu machen, um sie dann digital zu archivieren und das Papier zu recyceln. Darum wandelte sich auch das Schreddern von Büchern immer stärker vom Sakrileg zum Faktum, auch wenn so manchem Bibliophilen dabei das Herz blutete.

    Wer sich die Biologie aus informationstheoretischer Sicht näher anschaut erkennt rasch, dass diese ihr Vergessen durch eine unglaubliche Menge an Redundanz (in der polyploiden DNS, in der vielzahl gleicher Zellkerne, in der Vielzahl der Individuen, Arten und Rassen) verringert hat, auch wenn es in ihrer Sterblichkeit so scheint, als würde sie täglich Schumpeters kreative Zerstörung bestätigen wollen.

    W. Umstätter


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: