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Wieviel Open Access steckt in bibliografischen Datenbanken? Referat zu den Ergebnissen einer Studie.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 9. September 2011

Referat zu:

William H. Walters, Anne C. Linvill (2011) Bibliographic Index Coverage of Open-Access Journals in Six Subject Areas. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology. 8 (62) S. 1614–1628

Man kann als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler kaum besser in sein Wochenende tauchen, als mit der Lektüre eines Beitrags zur Indexierung von Open-Access-Inhalten durch große bibliografische Datenbanken. Zum Glück findet sich in der aktuellen Ausgabe des Journal of the American Society for Information Science and Technology eine entsprechende Studie, die William H. Walters und Anne C. Linvill von der Bowman Library des Menlo College vorgenommen haben.

Die Autoren untersuchten, wie Open Access-Zeitschriften – und zwar nur solche „that provide free, immediate access to all content“, also keine hybriden Titel oder solche mit delayed access – in bibliografischen Datenbanken erfasst werden. Dahinter steht die naheliegende Überlegung, dass Open Access-Publikationen erst dann wirklich umfassend genutzt werden können, wenn sie auch in gängige Verfahren des wissenschaftlichen Rechercheprozesses eingebunden und über diesen auffindbar sind:

„This integration requires that potential readers are able to both (a) identify OA articles that are relevant to their needs and (b) access (retrieve) those articles.“ (Walters, Linvill, 2011)

Auf das Publikationsverfahren speziell orientierte Datenbanken könnten hier ein Anlaufpunkt sein. Die Autoren konnten immerhin zwei Angebote dieser Art identifizieren: Das Directory of Open Acces Journals (DOAJ) aus dem schwedischen Lund sowie Open J-Gate aus dem indischen Bangalore.

Bei beiden stellten sie Defizite fest, wobei Open J-Gate derzeit (laut Website bis Mitte Oktober) ohnehin nicht verfügbar ist. Die Autoren weisen dagegen darauf hin, dass die dort erschlossenen Inhalte zu weniger als 60 % aus Peer-Review-Journals stammen. Diese Herkunft ist beim DOAJ Bedingung für die Erfassung. Allerdings liegen dort derzeit nur 42 % der Titel mit einer Indexierung auf Artikelebene vor. Das könnte daran liegen, dass die Beiträge dort aktiv und per Hand von den Redaktionen eingepflegt werden müssen und eventuell nicht jede Redaktion die Notwendigkeit dafür sieht (im Gegensatz zur LIBREAS-Redaktion). Entsprechend eignen sich beide Angebote nur bedingt für eine zielgerichtete Recherche. Sieht man nun als Ziel, wie die Autoren, dass die Berücksichtigung solcher Datenbanken als selbstverständlicher Baustein in den Recherchealltag der Wissenschaftler und Studierenden Einzug hält, so muss man auch aus eigener Erfahrung zustimmen, wenn es heißt:

„There are no signs that such a large-scale shift in user behavior is under way, however.“ (Walters, Linvill, 2011)

Wer überhaupt auf Datenbanken zurückgreift, bleibt vermutlich bei den etablierten Anbietern. Etwas überraschend scheinen Suchmaschinen in diesem Bereich einen weitaus geringeren Anteil zu haben, als man gemeinhin vermutet. Die Autoren zitieren einen Wert aus einer Studie von Donald W. King, Carol Tenopir et al. (2009, Scholarly journal information-seeking and reading patterns of faculty at five U.S. universities. In: Learned Publishing. 2 (22) S. 126-144), der besagt, dass gerade einmal 14 % der von Wissenschaftlern und Studierenden tatsächlich gelesenen Aufsätze über Suchmaschinen gefunden wurden. (Auch interessant: Im Schnitt liest die Zielgruppe 240 Aufsätze im Jahr.)

„Most searching is from electronic abstracting and indexing (A&I) services (58.3% of readings from searching), followed by online journal collections (20.2%); only 14.0% are found through Web search engines.“(King, Tenopir, et al., 2009)

Daher scheint umso mehr relevant, zu wissen, inwieweit Open-Access-Publikationen die traditionellen Datenbanken, ein Grundmaß an Findability und damit das allgemeine Wissenschaftsgeschäft erreicht haben. Neben dem DOAJ analysierten Walters und Linvill also zehn Datenbanken (ABC-CLIO, Biological Abstracts, EBSCO Academic Search Complete, EconLit, Inspec, ProQuest Research Library, PsycINFO, PubMed, Web of Science, Wilson OmniFile) hinsichtlich zweier Erkenntnisziele:

1. Wie wird OA-Literatur allgemeinen in den konventionellen Datenbanken erfasst?
2. Gibt es Unterschiede zwischen OA-Titeln und Subscription Journals vergleichbarer Qualität?

Die gibt es in der Tat, wie die Analyse für die sechs Disziplinen Biologie, Informatik, Wirtschaft, Geschichte, Medizin und Psychologie ergab. Allerdings ist das Bild vielschichtig. Der Test von 70 OA-Zeitschriften mit Impact Factor und einem entsprechenden Sample von Subskriptionstiteln ergab, dass monodisziplinäre Datenbanken Open Access-Aufsätze umfassender berücksichtigen als es die disziplinär übergreifenden Nachweisdienste tun. So steht hier das Ergebnis:

„Combining the indexing data for the single-subject databases—treating them as one large database—we found no evidence of bias in the indexing of OA articles. The combined database covered 82.0% of the OA articles with IFs and 86.0% of the matching subscription articles“ (Walters, Linvill, 2011)

Bei den multidisziplinären Datenbanken EBSCO Academic Search, ProQuest Research Library und Wilson OmniFile ist die Abdeckung der OA-Titel signifikant geringer. Das Web of Science scheint dagegen völlig ohne Bias an die Open Access heranzugehen. Für übergreifende Recherchen ist der Platzhirsch unter den bibliografischen Datenbanken anscheinend nach wie vor die erste Wahl.

Man sollte jedoch bei jeder Recherche, also auch im Web of Knowledge, wissen, was man generell eher findet und was nicht. So stellen die Autoren Datenbank übergreifend fest:

„Certain kinds of articles are especially likely to be indexed: those in biology journals, those sponsored by major OA publishers, those in English-only journals, those with publication fees of $1,000 or more, and those in journals with IFs of 2.0 or higher.“ (Walters, Linvill, 2011)

Zwar erscheinen außerhalb Europas und Nordamerikas zahlreiche OA-Titel. Sie werden allerdings deutlich weniger in den Datenbanken erfasst. Gleiches gilt für Open Access-Zeitschriften, die nicht von kommerziellen Verlagen publiziert werden:

„Four of the 11 databases index commercially published articles at a substantially higher rate than articles published by universities, scholarly societies, nonprofit publishers, or governments.“ (Walters, Linvill, 2011)

Das entspricht in etwa der Feststellung, die die Autoren in einer anderen, ebenfalls in diesem Jahr publizierten Untersuchung trafen:

„Overall, the OA journal landscape is greatly influenced by a few key publishers and journals.“ (Walters, W.H., & Linvill, A.C. (2011). Characteristics of open access journals in six subject areas. College & Research Libraries, 72(3).)

Der freie Zugang allein schafft als noch keine Gleichheit bei der vermittelten Zugänglichkeit. Jedenfalls über Literaturdatenbanken.

Insgesamt gesehen stellen die Autoren fest, dass die Erfassung von Open-Access-Inhalten – vielleicht abgesehen von den etablierten Titeln mit hohem Impact Factor und vorrangig aus den Disziplinen Biologie und Medizin, die traditionell eine vergleichsweise hohe Open-Access-Akzeptanz und -Durchdringung aufweisen – nicht umfassend ist. Selbst der Spitzenreiter in dieser Studie – Biological Abstracts – erreicht nur eine Open-Access-Abdeckung von 62,2 % der in Frage kommenden Aufsätze. Damit liegt die Datenbank knapp über den 60 %, die generell für die Indexierung von Open-Access-Publikationen aus Biologie und Medizin angegeben werden. Der Wert für die Historiker liegt dagegen bei gerade einmal 3,3 %. Erstaunlicherweise wird für die Computer Science auch ein eher geringer Satz von 15,3 % ausgewiesen.

Die Autoren sehen für die große Akzeptanz von Open Access-Zeitschriften in Biologie und Medizin fünf Ursachen:

1. Ist der Forschungs-Output sehr groß, was eher zur Nutzung neuer Publikationsmöglichkeiten führt.
2. Gibt es mit PLoS einen etablierten und sehr stabilen Publisher als Triebkraft.
3. Werden OA-Publikationen durch die Förderung unter anderem des National Institutes of Health forciert.
4. Gibt es mit PubMed-Central ein etabliertes Nachweissystem.
5. Fehlen in der Biologie und Medizin e-Print-Archive wie das arXiv, wobei die Preprint-Kultur in diesen Disziplinen anscheinend weniger stark ausgeprägt ist.

Meines Erachtens kann man aus dem Aufsatz ins Wochenende (und darüber hinaus) mitnehmen, dass sich bestimmte Mechanismen der Wissenschaftskultur nahtlos als Inklusions- und Exklusionskriterien zu reproduzieren scheinen (Impact Factor, Stellung des Verlags), dass man das Publizieren nach bestimmten Verfahren über entsprechende Informationsinfrastrukturen (und Infrastrukturförderungen) stützen kann, dass aber dennoch insgesamt nach wie vor über die großen Datenbanken nur einen Bruchteil der möglicherweise relevanten Open Access-Literatur auffindbar ist. Dabei fährt man bei monodisziplinär ausgerichteten Angeboten meist besser. Gut genug, um seine 240 Aufsätze für ein Jahr zu finden, sind die Datenbanken vielleicht schon jetzt. Aber es sollen ja auch die jeweils richtigen Texte sein.

(Ben Kaden)

2 Antworten

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  1. jplie said, on 11. September 2011 at 08:13

    Danke für die Zusammenfassung! – Die Frage ist noch, mit was man dann sucht, wenn Datenbanken einen geringen Abdeckungsgrad aufweisen, Open-J-Gate down ist und DOAJ wenig Umfang hat. Im Grunde sind es BASE und Scirus (ich meine hier die Suche im „other web“, nicht die Suche in den Elsevier-Journals), die die Lücke stopfen.

  2. […] al. aufscheint und die Verbindung zur Findability von Open Access-Publikationen schafft (vgl. u.a. diesen Beitrag im LIBREAS-Weblog), ist die Annahme, dass sich die Nutzung von Suchmaschinen in der Praxis des wissenschaftlichen […]


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