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Medienzeitalter kritisieren. Zu Marshall McLuhans 100. Geburtstag

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 24. Juli 2011

Karsten Schuldt

Rezension zu: Coupland, Douglas / Marshall McLuhan: You Know Nothing of My Work!. – New York, NY : Atlas & Co, 2010.

Marshall McLuhan: Eine Erinnerung

Erstaunlich unkommentiert ging am 21. Juni diesen Jahres der 100. Geburtstag von Marshall McLuhan vorüber. Die wenigen Nachrufe blieben praktisch unkommentiert. Gerade in der bibliothekarischen / bibliothekswissenschaftlichen Blogosphäre hätte man etwas anderes erwarten können. Schließlich gilt McLuhan zur Recht als der Urvater der Medientheorie. Auch in bibliothekarischen Medien werden einige Parolen aus den Schriften McLuhans immer wieder angebracht: „Das digitale Dorf“, „Die Gutenberg Galaxis“, „The Medium is the Message“ (Letzteres nicht ganz so oft).

Dieses „Vergessen“ McLuhans scheint allerdings weit verbreitet zu sein. Hätte der 100. Geburtstag doch eine Steilvorlage für alle möglichen und unmöglichen Publikationen und Feste, die sich irgendwie auf Medien beziehen, liefern können. Mindestens einen kleinen Stoß an neuen Büchern und – im Anschluss an das Feiern der runden Geburtstage von Forschern wie dem Darwin- (2007) und dem Einsteinjahr (2005) – ein Jahr der Medientheorie hätte man erwarten können. (Stattdessen haben wir aktuell das Jahr der Gesundheitsforschung, was mir allerdings erst bei der Recherche zu diesem Text auffiel.) Immerhin leben wir in einer Zeit, in welcher der Einfluss von Medien auf die Gestalt und Gestaltung der Gesellschaft sowie der einzelnen Individuen beständig betont wird und beispielsweise bibliothekarischen Institutionen als Anlass gilt, unter dem Schlagwort Medienkompetenz neue Bildungsinhalte zu propagieren.

Eher scheint es so, als hätten zwar die Arbeiten von McLuhan einen Einfluss gehabt – immerhin waren sie es, in denen zum ersten Mal in der Breite versucht wurde auszumachen, was Medien mit Menschen machen –, aber der Autor selber scheint nicht mehr erinnert zu werden. In der verbreiteten Geschichtsvergessenheit scheint es heute sogar üblich zu sein, die Schlagworte des Autors zu verwenden, ohne überhaupt zu wissen, das dies teilweise Titel einflussreicher Werke sind. Das ist zumindest erstaunlich.

Mediennarr über McLuhan

Allerdings ist diese Transformation der Figur Marshall McLuhan zum unbekannten Stichwortgeber des Internetzeitalters nicht das Thema des Werkes, welches hier kurz besprochen werden soll. Eines der wenigen Bücher, die um das Jubiläumsjahr herum erschienen, ist die Biographie McLuhans, die von Douglas Coupland vorgelegt wurde. Dieser Autor verspricht ein interessantes Experiment. Schließlich legte er mit Generation X: Tales for an Accelerated Culture eines der einflussreichsten Werke über die Medienkultur der späten 1980er und frühen 1990er Jahre vor.

Dabei ist das Ergebnis weniger aufregend, als eher relaxed, in gewisser Weise aufgeklärt postmodern. Und selbstverständlich etwas verspielt. Diese Biographie nimmt es dem Leser oder der Leserin nicht ab, sich selber mit den Werken McLuhans auseinander zu setzen. Obgleich sie alle kurz angesprochen werden, geht es Coupland eher um die Person und das Phänomen McLuhan. In gewisser Weise setzt der Autor voraus, dass McLuhan weithin bekannt wäre. An dieser, leider irrigen Annahme könnte eine breite Rezeption seiner Buches in Deutschland scheitern.

Allerdings schrieb Coupland auch als Kanadier eine Biographie über den Kanadier McLuhan, und das offenbar vor allem für Personen, die ähnliche Erfahrung von Weite und räumlicher Leere mit ihm und McLuhan teilen. Also vor allem andere Kanadierinnen und Kanadier. (Immerhin erschien das Buch zuerst in einer Reihe names Extraordinary Canadians.) Dabei geht es Coupland mitnichten um einen nationalen Standpunkt, es geht ihm darum, begreiflich zu machen, was McLuhan in seinen Arbeiten überhaupt angetrieben hat. Dies funktioniert,obgleich er mit vielen Annahmen auskommen muss: Die Getriebenheit McLuhans, die Suche nach Halt und die persönliche und soziale Absonderung McLuhans werden begreiflich, ebenso seine Obsession mit Medien und dem Verhalten von Menschen. Coupland bringt McLuhan biographisch näher.

'I'm sure the man would have hated/loathed/abhorred fax machines {==the Internet, K.S.} as much as anything else that was new.' (Coupland (2010), p. 186) The medium in the medium in the medium...

Beschreiben, nicht Werten

Einiges Erstaunliche fördert er dabei tatsächlich zu Tage. Vor allem das persönliche Scheitern McLuhans, die Welt, in der er lebte, zu begreifen. Während er heute bei denen, die ihn kennen, als Prophet des Internetzeitalters gilt, durchzog McLuhans Leben selber ein Unbehagen mit den Massenmedien und Veränderungen seiner Zeit. Er war ein missverstandener Konservativer, der gerade deshalb missverstanden wurde, weil er sich einem Wissenschaftsethos unterwarf, der das moralische Werten als unwissenschaftlich ablehnt. So galt McLuhan schon zur Zeit seines größten Ruhmes Mitte der 1960er Jahre als großer Freund der massenmedial geprägten Veränderung der Gesellschaften, gar als Unterstützer der Hippies und Studentenbewegung, als intellektueller Stichwortgeber des Pop – obwohl er all dies nicht sein wollte.

McLuhan beschrieb die Veränderungen der Gesellschaft, immer im Bezug auf Massenmedien, Werbung, Radio, Telefon und vor allem das Fernsehen. Er zeigte, dass sich diese „Alltäglichkeiten“ ebenso für die wissenschaftliche Analyse eignen, wie die englische Rhetorik des 16. Jahrhunderts (sein Dissertationsthema) oder jedes „große“ Werk der englischen Literatur (immerhin war er Professor für Englisch an mehreren Universitäten, alle katholisch, zumeist ohne weibliche Studierende). Aber alles das ängstigte McLuhan persönlich. Nicht umsonst konvertierte er aktiv zum Katholizismus und hielt seine politische Meinung – mit der er, so Coupland nicht zu Unrecht, auf einem heutigen Campus keine drei Minuten überleben würde, ohne verklagt zu werden – beispielsweise zur Rolle der Frau öffentlich zurück. Auch das offensichtliche Fehlen gesellschaftlicher Fragen außerhalb der Medien in seinem Werk führt Coupland auf die politische Haltung McLuhans zurück. McLuhan beschrieb die Veränderungen, extrapolierte sie in die weite Zukunft, aber er begrüßte sie nicht. Vielmehr gestand er anderen zu, ihre eigenen Schlüsse aus seinen Analysen zu ziehen. Dies wurde allerdings als Zustimmung McLuhans missverstanden.

Missverstanden ist dabei ein gutes Stichwort, um den Effekt dieser Biographie zusammenzufassen: Am Ende des Buches ist klar, dass das Bild McLuhans vom medienaffinen Medientheoretiker nicht haltbar ist. Eher handelte es sich bei McLuhan um ein Kind der kanadischen Landschaft und Gesellschaft vor den großen gesellschaftlichen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts, der als Bildungsaufsteiger und Intellektueller verstehen wollte, was mit der Gesellschaft und den Menschen um ihn herum passierte. Er ging nicht davon aus, dass die von ihm beschriebenen Veränderungen aufzuhalten wären – das hielt ihn aber nicht davon ab, es sich letztlich doch zu wünschen. Coupland zeigt allerdings, dass dieses Missverständnis weit verbreitet ist. Nicht nur die – ganz den collagenartigen Büchern McLuhans nachempfundenen – eingestreuten Schnipsel von Angeboten für Bücher McLuhans aus Onlinebörsen (Ein Medium im Internet, dass ein anderes Medium – Bücher – zum Inhalt hat. Naheliegend, aber passend.), sondern auch die Geschichte, wie Coupland einst McLuhans Grabstein als Vorlage für ein Fax nutzte, weil er davon ausging, dass McLuhan und jeweils gerade neue Medien zusammengehören würde, zeigt, wie leicht dieses produktive Missverstehen vonstatten geht. Analyse bedeutet gerade nicht Zustimmung. Am Beginn der Medientheorie steht ein Unbehagen mit den neuen Medien, aber auch ein Interesse daran, was mit den Menschen und den Medien passiert. (Was steht da heute?)

Gäbe es ein McLuhan-Jahr, wäre „You Know Nothing of My Work!“ (ein Zitat von McLuhan übrigens, welches er selber in Annie Hall von Woody Allen vortrug) eine passendes Beibuch zum dann hoffentlich bekannten Werk von McLuhan. So allerdings muss darauf verwiesen werden, dass eine Kenntnis seines Werkes über die wenigen bekannten Schlagworte hinweg, eine Voraussetzung darstellt, um die Biographie mit Gewinn genießen zu können.

(Wer sich nicht in den gesamten McLuhan hineinarbeiten will, der oder die sei zumindest auf die Zusammenstellung von Martin Baltes und Rainer Höltschl verwiesen. [Baltes, Martin ; Höltschl, Rainer (Hrsg.) / absolute Marshal McLuhan. – Überarbeitete Neuausgabe. – Freiburg : Orange-Press, 2011] Selbstverständlich ist das Original immer besser.)

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