LIBREAS.Library Ideas

Hört! Sagt! Robert Schriers Konversationsschema für digitale Bibliotheken.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 20. Juli 2011

(Referat zu Robert Schrier (2011) Digital Librarianship & Social Media: the Digital Library as Conversation Facilitator. In: D-Lab Magazine July/August 2011. Volume 17, Number 7/8. doi:10.1045/july2011-schrier )

Ab und an – eigentlich viel zu selten – werde ich in Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit bibliothekswissenschaftlichen Themen mit einer Frage konfrontiert, die die Teilaspekte „Warum?“, „Wofür?“ bzw. „Für wen?“ bündelt und darauf zielt, wie man all die theoretischen Überlegungen und weiten Wege, die man in der Auseinandersetzung mit Thesen und Beobachtungen geht, am Ende in Abkürzungen für das praktische Handeln verwandelt.

Gegen den Anspruch, dass die Erkenntnisse bibliothekswissenschaftlicher Reflexionsarbeit sinnvoll für bibliothekspraktische Gestaltungen anwendbar gemacht werden müssen, lässt sich nämlich nichts ins disziplinäre Feld führen. Außer vielleicht einem „Gemach, gemach“, denn das Fell des Bären der Erkenntnis wird erst dann zum (mit)teilbaren Gut, wenn es in der Höhle des Denkens genügend Dichte entwickelte, um nicht beim kleinsten Windstoß zu zerfallen. Dass die Verschiebungen auf dem Operationsfeld sich vergleichsweise rasant vollziehen, erleichtert das Ganze nicht unbedingt. Aber selbst dem tagesaktuellen Kommentar hilft es, wenn hinter ihm ein abstrakteres und stabileres Gerüst steht. Publikationsmedien wie dieses Weblog hängen ein wenig dazwischen: Sie entsprechen diesen Höhlen, die allerdings fast etwas von Zoogehegen haben, da man buchstäblich durch eine Scheibe (der des Displays) den dahinter befindlichen Akteuren beim Denken zusieht. In anderen Zusammenhängen würde man vermutlich ungeniert von Transparenz sprechen.

In dieses Gehege ziehe ich heute ein Beispiel für eine Überleitung zwischen Erkennen und Kommunizieren für die Bibliothekspraxis. In der aktuellen Ausgabe des D-Lib Magazine beschäftigt sich Robert Schrier von der iSchool der Syracuse University in seinem erfreulich überschaubaren Text mit den Möglichkeiten, die Soziale Medien gleichzeitig für die Bestandsvermittlung und mehr noch für die Nutzerbindung für Bibliotheken bieten.

Der begriffliche Einstiegs-Dreiteiler, in den diese Praxis semantisch eingepasst wird, heißt Digital Collections Marketing und erinnert daran, dass vielleicht Information keine Ware wie jede andere ist, die Informationsvermittlung aber eine Dienstleistung in einer kommunikativen Wettbewerbskultur. Der von Schrier zitierte James Buczynski stellte bereits 2007 fest:

„Libraries‘ information consumer market share continues to freefall despite the opportunities that have emerged with the arrival of the Information Age.”(Buczynski, James (2007) Referral Marketing Campaigns. In: The Serials Librarian. 53 /3  DOI:10.1300/J123v53n03_13 )

Wir haben exzellente aufbereitete, komplexe Sammlungen, die mit hohem Aufwand erstellt und erhalten werden. Diese Digitalen Bibliotheken / Digital Libraries bleiben jedoch, so Buczynski, ohne Publikum. Den Grund sieht der Autor in einem Missverhältnis von gelungenem Produkt und gescheitertem Marketing. Auch hierfür gibt es einen Fachausdruck: „Awareness Gap“. Die Aufmerksamkeitslücke führt die Bibliotheken im Kampf um das Publikum in die Versenkung. (vgl. hierzu auch Wenn das Leck aber nun keine Arche hat? , IBI-Weblog, 20.07.2011)  Man könnte nun die Prämissen – und zwar nicht nur auf der begrifflichen Ebene – einer kategorischen Kritik unterziehen. Aber wo Verständigung gesucht wird, muss man mitunter den Kompromiss der Affirmation wählen und wissenschaftskulturelle Unterschiede einfach akzeptieren.

Es dürfte mittlerweile jedem bewusst sein, inwieweit welch große Rolle das wendige Duo „Werben und Verkaufen“ im englischsprachigen Wissenschaftsbetrieb spielt und wie schwerfällig das kontinentaleuropäische Humboldtdenken dagegen erscheint.

Dazu kann man stehen, wie man möchte, aber dass Schriers Erkenntnis:

„As a result, many digital collections suffer not only from a lack of general public awareness, but also from a lack of funding in response to their perceived unimportance.”

auch in Deutschland ein Problem werden könnte, liegt durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen. Da geht es den Bibliotheken und ihren Sammlungen nicht anders als der Bibliothekswissenschaft und ihren Erkenntnissen: Nur was genutzt (bzw. zitiert) wird, wird an einer bestimmten Stelle des sozialen Systems Gesellschaft auch als zweckdienlich, erfolgreich und damit als erhaltenswert angesehen. Bedauerlicherweise ist diese Stelle meistens auch die, die über den Erhalt mitentscheidet.

Schrier sieht eine Diskrepanz zwischen dem Image der Bibliotheken als Sammlungen, die sich mehr noch in physischen Gebäuden und Beständen ausdrückt, als in digitalen Bibliotheksangeboten, und der Idee von Librarianship als Dienstleistung der Vermittlung und Unterstützung der jeweiligen Zielgruppen, also als „chief negotiators of the knowledge creation“.

Ziemlich naheliegend plädiert er für die verstärkte Einbindung dieser Tätigkeit in digitale Soziale Netzwerke nicht nur mit dem Zweck der Bestandsvermittlung, wie es beispielsweise Europeana sehr schön und tagesaktuell bei Facebook versucht, sondern vor allem auch als direkte Nutzerbindung über Kommunikation.

Dafür entwickelt er einen einfachen fünfteiligen Rahmenplan, der die Baustein des Zuhörens (Listening), der Einbindung (Participation), der Offenheit (Transparency), der Regelhaftigkeit (Policy) sowie einer Zielrichtung (Planning) für das Engagement von digitalen Bibliotheken in digitalen Sozialen Netzwerken. Das Ganze ist so erfreulich simpel, wie es sich anhört:

Listening bedeutet, herauszufinden, wo die Nutzer konkret sind und was sie beschäftigt. Zudem lassen sich damit – wie in einer guten angewandten Diskursanalyse – diejenigen Akteure identifizieren, die man als Multiplikatoren bezeichnen kann. Möglich wird dies über die Beobachtung der Zielgruppe und ihres explizierten kommunikativen Handelns im Web. Dass vom RSS- oder Tweet-Feed bis zur Google-basierten Monitoring exzellente Werkzeuge zur – wortwahlweise – Beobachtung oder Überwachung des Nutzerverhaltens zur Verfügung stehen, kennt man meist bereits aus vielfältigen Diskussionen zum Datenschutz. In diesem Fall geht es aber weniger darum, den Nutzer normativ zu bewerten, sondern eher sich selbst in die Position zu bringen, ihn passend anzusprechen:

„Following feeds and watching as a silent participant acculturates the listener [=den Digital Librarian] to the appropriate kinds of interactions and discussions for his/her particular subject area.”

Die Participation als Folgeschritt bedeutet nichts anderes, als genau in diese Ansprache, die sich idealerweise zum Dialog erweitert, einzutreten. Hier empfiehlt es sich themennah an entsprechenden Konversationen im Web 2.0 teilzunehmen ohne sofort die überlegene Position des alleswissenden Auskunftsorakels zu übernehmen. Proaktiv kann man zugleich, so Schrier, auf das hinweisen, was man hat. („Highlight aspects of the collection that will be particularly useful given the knowledge-community’s interests”)

Der interessante Aspekt zur Transparency liegt darin, dass man bereit ist, anzuerkennen, dass die komplette Kontrolle über die Wahrnehmung der eigenen Dienste im Web ohnehin verloren ist. Schrier thematisiert passenderweise die Kritikfähigkeit und kommunikative Kompetenz, darauf angemessen zu reagieren.

Bezieht sich Transparency auf die Außenwirkung, betont Policy, dass man intern klar geregelt hat, was man wie in digitalen Sozialen Netzwerken an Information streut und wie man in bestimmten Szenarien reagiert. Die jüngere Webgeschichte bietet ein reichhaltiges Angebot an Kommunikationskatastrophen diverser Organisationen. Selbst wenn man nicht umfassend zu kontrollieren vermag, was die Nutzer über die Bibliothek, ihre Mitarbeiter und Dienste äußern, so kann man doch wenigstens darauf Einfluss nehmen, worauf sich diese Äußerungen konkret beziehen können.

Die Zielrichtung (Planning) ist eng mit den „communications and employee conduct policies“ verbandelt. Zweifellos geben die Nutzer, dadurch, dass sie sich bei Facebook oder Google-Plus aufhalten, in gewisser Weise vor, wo man sich engagieren kann. Andererseits empfehlen sowohl Schrier wie auch der gesunde organisationale Verstand, dass man überlegt, wo man wie mit welchen Mitteln welche Wirkung erzielen kann. Eine teure Digitalfiliale bei Second Life zu eröffnen, wenn die Zielgruppe längst wieder in der Realwelt rückmigrierte, zeugt wenigstens von einer falschen Einschätzung des Potentials einer solchen Plattform. Auch die vor vier oder fünf einst gefeierten Bibliotheksseiten auf MySpace (vgl. dazu auch diesen älteren Beitrag bei LIBREAS) sind mittlerweile nur noch aus zeithistorischen Gründen interessant. Die Dynamik der Angebote zu berücksichtigen und Pläne zum Rückzug aus bestimmten digitalen Sozialen Netzwerken neben der kommunikativen Expansion zu berücksichtigen, ist ein Aspekt, den man unbedingt noch ergänzen sollte, wenn Schrier schreibt:

„If digital libraries truly want to create a lasting and rewarding social media program, they need to think ahead about who will be responsible for creating content, maintaining the site, and responding to users when necessary.”

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Idee der Library as Conversation, um den Untertitel eines vielrezipierten Papers (PDF) von David Lankes zu gebrauchen, die alte Luhmann’sche Grundeinsicht

„Die Gesellschaft besteht nicht aus Menschen, sie besteht aus Kommunikationen zwischen Menschen.“

für einen konkreten Zusammenhang aktualisiert. Die Bibliotheksbestände sind dabei Zwischenspeicher von etwas, was man vielleicht kollektives Gedächtnis nennen kann. Akzeptiert man dieses Bild, muss man ebenfalls anerkennen, dass sich das Internet als multizerebrales Phänomen erweist und verständlicherweise ist einigen (Frank Schirrmacher) die vorrangige Auslagerung dieser Gedächtnisleistung an ein amerikanisches Gedächtnisunternehmen suspekt. Da dieses aber ebenfalls nur ein Zwischenspeicher ist und die Gedächtnisse, auf die es ankommt, da sie die Aktualisierung der abgelegten Kommunikationsspuren vornehmen, an eine so agile wie vergängliche Körperlichkeit von Einzelindividuen gebunden bleiben, gibt es keinen Grund zur Panik.

Wohl aber zur Reflexion darüber, wie sich die Kommunikation zwischen Menschen (also die Gesellschaft) entwickelt, wenn sie sich über die üblichen sensorischen Vermittlungsinstanzen (vor allem: Sprache) zusätzliche Schichten digitaler Vermittlungs- und Darstellungstechnologien stülpen.

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