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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 5 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 5. Juni 2011

Es gibt ein schönes Buch von Helmut Böttiger mit dem Titel „Wie man Gedichte und Landschaften liest“. Es geht in ihm um Paul Celans Reisen durch die Bretagne und in einem anderen Sommer fuhren wir tatsächlich ein mal in gewisser Weise mit dem Buch als Reiseführer einem Helmut Böttiger, der Paul Celan hinterher reist, hinterher. Ganz leicht fiel es nicht, die Fährte zu halten, was uns den glücklichen Umstand bescherte, nach einem paradiesischen Gezeitenbadetag am Strand von Trévignon zwischen Névez und Raguénez durch einen wenige Häuser großen Weiher namens Celan zu fahren.

Dieses produktive Fehlgehen zeigt sich in diesem Zusammenhang noch in einer zweiten persönlichen Weise. Nachdem ich einmal von dem Buch hörte, es aber noch nicht besaß (und eigentlich auch danach) glaubte ich mit meinem bisweilen bis zum faktischen Totalversagen durch Unschärfe geprägten Gedächtnis immer, es hieße „Wie man Landschaften wie Gedichte liest“, was ich eigentlich noch etwas schöner finde und als Methode unbedingt entwickelnswert. Der Ansatz liegt selbstredend nahe, wenn man aus einem generell textvermittelten Zugang zur Welt stammt. Dann beginnt man alsbald, auch das Un-Vertextete der eigenen Erfahrungswelt wie Schrift zu lesen. Und Landschaften wie Gedichte.

Wer ab und zu ein Gedicht zur Kenntnis nimmt, wird vermutlich leicht nachvollziehen können, dass in ihnen ein griffiger Schlüssel liegt, der dem Ideal eines präzisen Übergangs zwischen Ausdruck und Wahrnehmung besonders nahe kommt. Das (gute) Gedicht ist immer ein Versuch, einen unbeschreibbaren Eindruck auf den Punkt in Worte zu abstrahieren. Also eine Art lyrisches punctum hervorzurufen, das sofort ins Nachempfinden führt.

„Alle Landschaften haben/Sich mit Blau erfüllt“ – es bedarf nicht viel Schulung, nur etwas innerer Offenheit, um einem Sommerabend an einem Strand oder auf einer Hügelkuppe oder an einem Fenster zum Park zu stehen und auf einmal zu verstehen, woher der Zymbelklang ertönt. Oder – „die Blume sehen nicht sehen sehen ihren Duft dann erst wirklich sehen“ – Friedericke Mayröckers Maiglöckchen-Zeilen („die schwertlieben Blätter“) in einem Garten erspüren. Dieses spontane Wissen: Das ist es. Das ist etwas.

Man kann Gedichte problemlos als Gedichte, als Kulturartefakte mit dem professionellen Blick der erschließenden Literaturwissenschaft lesen, Analysebohrungen ansetzen und sie ins kleinste Satzzeichen in ein Analysemuster übersetzen. Also Gedichte wie Text studieren. Die sensiblere Variante wäre eine Umkehrung des missverstandenen Titels: Wie man Gedichte wie Landschaften erfährt.

Und die meiner Ansicht nach langfristig fruchtbaren Felder lassen sich zwischen diesen beiden Ansätzen bestellen: Man liest und erfährt Gedichte in Bezug zum Unsagbaren und doch stetig Präsenten. Den Landschaften, die wir sind und die wir schaffen. Man kann Gedichte als sprachliche und damit synonyme Form des nur Erfahrbaren begreifen und damit als Brückenwerk zwischen dem Ich und seiner Sorge um Sich und also seiner Position in der Welt. Und dem Anderen. Aber lässt sich das lernen, wie die Übersetzungstätigkeit, das Abbilden von einer Wahrnehmung auf ein Muster, die jede analytische Wissenschaft als Kirschkern besitzt? Ich weiß es nicht.

Die Voraussetzung ist sicher, dass man neben dem sezierenden Blick der Rationalität auch eine gewisse Berührbarkeit, die Fähigkeit zum sich Überwältigen-Lassen als Bestandteil der Erkenntnisfindung akzeptiert. So richtig scheint jedoch weder der Wissenschaft noch der Zeit der Sinn danach zu stehen. Kein Grund zur Sorge. Da wir aber beides – Wissenschaft und Zeit – auch als von uns beschreibbare und damit gestaltbare Landschaft begreifen können, liegt es an uns und in unserem Diskurs, die Grenzen eine hermeneutische Aufbürstung unserer wissenschaftlichen Gemarkung Bibliothekswissenschaft zu gestalten.

Eine Unkonferenz wie frei<tag> 2011 basiert bekanntlich auf diesem Prinzip der offenen Selbstgestaltung. Daher bietet sie in fünf Tagen die wunderbare Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie man die Wissenschaftslandschaft als Gedicht lesbar macht. Warum dies sinnvoll sein soll? Wir werden es sehen.

Himmel

Es ist Abend, wir sitzen im späten Zug zurück in die Großstadt und haben eine wichtige Werkwoche vor uns. Daher gibt es auch keinen die mitreisenden, sonnenerschöpften Sommerhäusler strapazierenden, überbordenden Assoziationsschwall, der vom Kälbchenblick zum wissenschaftlichen Wiederkäuen führt. Lieber wollen wir als Erinnerung für das Kurzzeitgedächtnis Mascha Kalékos "Kleine Havel-Ansichtskarte" aus aus der Strandtasche ziehen. Denn die weiß besser, als wir es je sagen könnten, was uns jetzt erwartet: " „Noch nicken Föhren leis im Wald./Der Sonntag ist vertan./Und langsam grüßt der Stadtasphalt/Die erste Straßenbahn…“ Nur sind es in unserem Fall nicht die Föhren im Wald sondern die Färsen auf der Weide. Aber immerhin, sie und die Kälbchen und die Mutterkühe nickten so freundlich, dass man gar nicht anders kann, als eine poetische Grundstimmung heim zu nehmen. Mal sehen, was davon bis Freitag überlebt.

(bk)

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