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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 6 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 4. Juni 2011

„I wasn’t going to read the blog. So much writing out there in the world and who wants to read it? Not me.” – Rivka Galchen. (The Entire Northern Side was Coverered with Fire. In: Treisman, Deborah (2010) 20 under 40. Stories from the New Yorker. New York : Farrar, Straus and Giroux. S. 170)

Sechs Tage vor dem frei<tag> ist Berlin ein kleiner verschwitzter Brutofen namens Sommer. Wer abends an die Warschauer Straße gespült wird, ins dortige Menschenmeer einsinkt und sich von den Hundertschaften voll Erlebnishunger bis nach Kreuzberg hinunter und dann wieder bis zum Frankfurter Tor hinauf tragen lässt, der weiß, wo der Mythos Berlin seine Wurzeln hat. Wenn man dort hinein gerät, fühlt man sich durchaus gern mal, als würde man in einem Funkviertel-Track versinken. Und zwar diesem hier: http://www.youtube.com/watch?v=ezqkplWpcn4 Man darf es natürlich auch anders sehen/leben.

In jedem Fall lebt man hier musterhaft im Moment, rutscht über bierlachende Oberflächen und hat die ganze Romantik, die sich ergibt, wenn die rote Sonne hinterm Hauptbahnhof im Häusermeer versinkt, zwar nicht exklusiv, aber dafür in einer Ballung, die man sonst in Deutschland in solcher Zuspitzung kaum entdecken dürfte. Ein Stück weiter im Durchgang der Oberbaumbrücke finden die Konzerte statt, die keinen Eintritt kosten und wenn man ausgerüstet genug ist, dann hat man das Gefühl, dass dieser Sommer vielleicht irgendwann endet. Aber bestimmt nicht an den Freitag-Samstag-Sonntag-Morgenden, die ein unbestimmbares Morgen fast ununterscheidbar mit einem gefühlt ewigen Heute verfugen. Erst später wird man gemerkt haben, was sich in diesen hitzigen Lebensspannen in einen einschreibt.

Aber es gibt auch abweichende Gegenwarten und wenn man dem Momentum der rauschhaften Friedrichshainern überdrüssig ist und der Slalom auf dem Fahrrad zwischen den zerschlagenen Bierflaschen auf den speckigen Radwegen der Warschauer Brücke eine handfeste Anbindung an die Realität wiederherstellt, dann freut man sich möglicherweise stärker an solchen Facetten dieser Jahreszeit: Brandenburg ist mohnrot eingefärbt und so langsam explodieren die Kornblumen dazwischen, die das endlose Himmelblau in winzigen Spiegelscherben auf die unendlichen Felder zu legen scheinen. Die Hitze spannt eine wundervolle Ruhe über die Oderbrüche und Havelländereien. Die treibenden Basslinien werden mit dem leichtfüßigen Spiel der im saftgrünen Laubwerk verborgenen Singvögel ersetzt. Statt eines scharf bremsenden Taxis hört man einen Erpel auf dem Wasser niedergehen. Statt eines Easy-Jets zieht ein Storchenpaar seine Bahn über den Himmel. Alles scheint sanft und mild gesättigt zu sein.

Eine Bucht an einem See, ein paar Schäfchenwolken zum Formenraten und die durchaus erträgliche Leichtigkeit des Erfrischtseins nach vollen Schwimmzügen transportiert die Betroffenen in eine Gegenwärtigkeit, die den Freitagnächten an Intensität nicht viel nachsteht, nur am entgegengesetzten Ende der Aufregungsskala ansetzt. Erst später wird man gemerkt haben, was sich in diesen treibenden Lebensspannen in einen einschreibt.

Oder man wählt wie ich die Mitte zwischen diesen Welten, setzt sich in seinen Kirschgarten, liest ein wenig, schaut ein wenig und sinniert ein wenig über das Schöne an einem solchen Samstag im Juni, das keinen (ökonomischen) Zweck hat und die Gesellschaft, die einen Zweck fordert und wie diese Wochenenden und Sommerfeiertage die Zweckfreiheit in den Zeitraum unserer Aktivitäten integrieren.

Interessanterweise erscheint die heutige Lage im Vergleich zur Konfliktlinie zwischen der Ranevskaja und Lopachin weitaus unübersichtlicher und mitunter geradezu invertiert: das Überkommene ist heute scheinbar das aufbrechende, sozial Gestaltende mit höheren Zwecken. Wir sind längst im Nach-Lopachin‘schen Zeitalter, die Komödie ist ausgespielt, jede große Idee längst lächerlich und Trofimov lebt mit seiner Anja vermutlich am Boxhagener Platz. Manchmal liegen nun beide im Treptower Park und träumen sich wehmütig vor (oder twittern sich @zu), wie schön es doch jetzt sein könnte, hätte man den Garten behalten. Dann reißt sie der Pfandsammler aus ihrem Driften und fragt, ob er die leeren Pilsner-Flaschen mitnehmen kann. Klar. Ist aber Export.

Und dann sind wir doch wieder genau in den alten Mustern, nur lebt die gentrifizierende Neue Ökonomie gerade auf der Basis des Ornamentes, des Nutzlosen und zwar dadurch, dass sie ihm ein Preisschild um den Hals hängt. Lopachin dagegen hat sich mittlerweile lieber den Wandlitz-See gekauft, aber die Ferienhäuschen laufen nicht so gut, denn die Brandenburger Provinz ist so reich an Landschaft wie arm an Gästen. Denen, die anfragen, steht am Ende eventuell der Sinn gerade nach Kirschen. Statt vom Aufbruch ins Neue ist die Zeit geprägt von einer Gegenwart des Alles, jetzt. Das macht sie zur Postmoderne. Das macht die wochenendliche Warschauer Straße zu einem zeitlosen Must-Have, wenigstens in der Wahrnehmung der Besucher.

Der postmoderne Kapitalismus hat es ziemlich schwer, weil er nicht zielgerichtet auf eine Wohlstandszukunft hinarbeiten kann, sondern just-in-time die Unmittelbarbedürfnisse der Wohlstandsgegenwart zwischen LinkedIn und Groupon zugleich gestalten und bedienen muss. Alles zugleich hipp-verknüpft und gemeinsam-günstig. Sich darin auszutarieren ist ein aufregendes Spiel, das schnell zum Schild „Neue Bewirtschaftung“ in den Glücksritter-Lokalen der Berliner Trendbezirke führt.

Der aktuelle Kirschgarten – das Ornamentale und Überkommene – in der Berliner Mitte ist übrigens derzeit das sterbende Tacheles und wären wir vom Theaterfach, würden wir dieses besondere immobile Filetstück vielleicht in eine zeitkritische Aktualisierung von Tschechows Vierakter aufbraten. Wir sind allerdings Bibliothekswissenschaftler und finden uns passenderweise in der vertrackten Situation, dass die von uns fokussierte Institution der Bibliothek in bestimmten Diskursen das Schicksal des Kirschgartens der Ljuba Ranevskaja zu teilen scheint: Ein schöner, aber unbezahlbarer Luxus, der obendrein in der heutigen Zeit (welche auch immer das sein kann) überflüssig ist. Wie damit umgehen? Wir können es am nächsten Freitag besprechen.

Sechs Tage

Der Morgen kommt nie? Nun ja, Gott schuf, so sagt man, die Erde in sechs Tagen. Dass Mensch, wenn es blöd läuft, seine Welt im gleichen Zeitraum zu verwüsten angehen könnte, erzählt uns eingängig wie wenige politische Popmusikstücke DJ Shadows Hitsingle Six Days aus dem Jahr 2002. Dem Künstler gelang es mit diesem schönen Stück Musik leichter Hand die nahezu vergessene Band Colonel Bagshot (Vocal-Sample) und zugleich Danielle Graham (Video-Blickfang) in unserem kollektiven Popgedächtnis fest zu verzurren. Nehmen wir nun die Refrain-Zeile "Tomorrow never comes until it's too late", dann begreifen wir sie als nichts Geringeres als als Ansporn für eine tatkräftige Entgegnung. Die findet am 10.06. in der Unkonferenz ihre Vergegenwärtigung, die nicht zu spät kommt, sondern genau im rechten Augenblick. Und ich esse bis dahin meine ersten sechs Kirschen des Jahres.

Das Video zu DJ Shadows Six Days und wenigstens titelhaft zum heutigen Countdown-Marker passend hat der nicht unbekannte Wong Kar-wai verfertigt und Universal Music Deutschland, die mit ihrem Musikhauptquartier am Spreeufer wie gerufen die Wäscheleine direkt zur eingangs beschriebenen Szenerie spannt, hat das loftige, eifersuchtsgeladene Kunstfilmchen auf Dailymotion ins Web gestellt.

(bk)

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