LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 7 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 3. Juni 2011

„Ich nutze die Zeit und spreche mit einer Kundin [der Lebensmitteltafel] über ihren Weg zur Tafel. Eine Geschichte unter ähnlichen Geschichten. Einzigartig in ihrer Dramatik aus der Sicht der Erzählenden. Typisch aus der Sicht der Zuhörenden.“ (Selke, Stefan / Fast ganz unten : Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird. – Münster : Verlag Westfälisches Dampfboot, 2008, S. 148)

Eine der quasi-literarischen Figuren aus Berlin, mit der Hunderttausende von Schülerinnen und Schüler im Unterricht bekannt gemacht werden, ist Christiane F. Deren Lebensgeschichte die Gesellschaft hinab, über Babystrich und Drogenkonsum, ist selbstverständlich eine journalistisch und literarisch bearbeitete, aber gleichwohl eine, die auf der realen Situation im West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre basierte. Und die das Bild von Berlin mitgeprägt hat. Dabei ist Christiane F. Selbstverständlich über das Buch und den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zum Objekt sozialpädagogischer Erklärungen und Gutmenschtum geworden, ohne das den Menschen, die am Bahnhof Zoo angelangt waren, damit Hilfe zukommen zu lassen. Aber man kann Film und Roman fraglos zugestehen, das Thema der Straßenkinder und des Drogenmissbrauchs unter Jugendlichen in Deutschland sichtbar gemacht zu haben. Die Formulierung „Armut in einem reichen Land“ wurde erst einige Jahre nach dem Roman hauptsächlich durch die Armutsstudien, die von den Gewerkschaften und Sozialverbänden angeregt wurden, populär; aber das Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann, wenn in einem der wohlhabendsten Länder der Welt Jugendliche ziel- und zukunftslos auf der Straße leben müssen, wurde schon durch die Reportage zu Christiane F. und den Erfolg des Buches dominant.

Mit Christiane F. wurde auch der Bahnhof Zoo bekannter. Damals eigentlich der Eingangsbahnhof zum Zentrum Berlins – heute gibt es praktisch mit Zoo, Alexanderplatz und Potsdamer Platz drei Zentren – wurde es nun auch zum Symbol des gesellschaftlichen Absturzes. „Sich am Bahnhof Zoo rumtreiben“ wurde zum Synonym für ein gescheitertes Leben. Dies verhinderte nicht, dass der Bahnhof selber immer noch einer der wichtigsten Umsteigebahnhöfe Deutschlands und West-Berlins blieb (schließlich fahren hier nicht nur die Fernzüge ein und aus, sondern es kreuzen sich zudem zahlreiche Linien des Personennahverkehrs), aber es gab immer auch Versuche der Bahn, das Image des Bahnhofs zu verbessern. Immer wieder musste zum Beispiel die Stadtmission, die auf der Rückseite des Bahnhofs untergekommen ist, um ihre Existenz kämpfen, obgleich allen, die an der Mission vorbeikommen, sofort deren Notwendigkeit als soziale Einrichtung einsichtig wird. Hinter dem Bahnhof Zoo wird heute außerdem eine der zwei Berliner Obdachloszeitungen ausgegeben. Der „Babystrich“ existiert weiterhin, nur etwas weiter entfernt.

Die Bahn hat um das Image des Bahnhofs gekämpft und ihn beispielsweise massiv umgebaut. Heute ist er vollgestopft mit Einkaufmöglichkeiten und Imbissangeboten. Die Umgebung hat sich allerdings gegen die Bahn entwickelt. Sie hat einen gewissen sozialen Abstieg hinter sich, nachdem ihre Bedeutung als Zentrum durch die beiden anderen Zentren zurückging. Hat sich dies auf die Drogen- und Obdachlosenszene am Bahnhof Zoo ausgewirkt? Stefan Thomas hat diese Frage untersucht und dabei ein Jahr lang als Praktikant der Jugendhilfe am Bahnhof Zoo gearbeitet und geforscht. Um es kurz zu sagen: Die Szene hat sich zwar verändert, aber sie ist allen Verdrängungsversuchen der Bahn zum Trotz weiter existent. Armut lässt sich halt nicht mit Repression, Vertreibung und Stadtverschönerung bekämpfen, sondern nur mit einer sinnvollen Armutspolitik.

„Der Bahnhof ist [...] zu einem Sammelplatz sozial desintegrierter Jugendlicher geworden. Die Lebenslage der jungen Menschen war schon vor dem Anschluss an die Bahnhofsszene von extremen Formen der Armut, sozialer Ausgrenzung und Isolation gekennzeichnet. Die jungen Menschen wissen aufgrund vorangegangener Ausschließungsprozesse schlicht um keinen anderen Ort, an den sie sich wenden könnten. Längst haben sie alle Perspektiven verloren, haben aufgrund von Problemen im Elternhaus keine Zuhause mehr, haben ohne Schulabschluss und Arbeitsstelle kaum eine Aussicht, ihren Status als Sozialhilfeempfänger jemals zu überwinden. Sie sind schlicht damit überfordert, in der modernen Gesellschaft ihren eigenen Platz zu behaupten. ‘Bahnhof Zoo’ ist nicht die Endstation eines unverhofften Abrutschens in den Drogenkonsum. Vielmehr wird der Bahnhof die letzte Möglichkeit, um überhaupt noch irgendwo dazuzugehören und sozial eingebunden zu sein. Dagegen erscheint die Integration in die Gesellschaft aufgrund einer Vielzahl biographischer Brüche gescheitert.“ (Thomas, Stefan / Exklusion und Selbstbehauptung : Wie junge Menschen Armut erleben. – [Campus Forschung ; 946]. – Frankfurt ; New York : Campus Verlag, 2010, S. 12f.)

In seiner wirklich äußerst lesens- und empfehlenswerten Studie geht Thomas darauf ein, wie sich die aktuelle Szene am Bahnhof strukturiert. Eines der interessantesten Merkmale ist, das die Angst der Deutschen Bahn, die Obdachlosen-Szene könnte nicht nur ein negatives Image produzieren, sondern auch eine Gefahr darstellen, nicht zutrifft. Sicherlich muss die Bahn mit solchen Kleinigkeiten wie verdreckten Ecke hinten bei der Gepäckaufbewahrung kämpfen und Räume für Soziale Arbeit und Stadtmission zur Verfügung stellen. Aber angesichts dessen, dass die Bahn reichlich viel Geld von uns dafür einnimmt, uns nicht nur transportieren, sondern auch das Bild vieler Städte mit ihren eigenwilligen Architekturentscheidungen mitzuprägen, sollte sie – dass ist jetzt meine Meinung – auch ihre Verantwortung dafür tragen, den öffentlichen Raum Bahnhof auch für solche Sozialschichten zu verwalten und bereitzustellen, die ihn hauptsächlich als Aufenthaltsraum nutzen. Schließlich ist deren Armut ein Effekt der Gesellschaft, von der die Bahn als Firma lebt.

Die Obdachlosenszene am Bahnhof Zoo zumindest fällt nicht auf, wenn man nicht genau hinschaut. Sicherlich hat die Ironie der Bebauung den kürzesten Weg zur gemeinsamen Bibliothek von Technischer Universität und Universität der Künste vom Bahnhof direkt an der Stadtmission vorbei gelegt, so dass heute wohl mehr Studierende mit der gesellschaftlichen Realität Armut konfrontiert werden. Aber ansonsten gehen die Angehörigen der Szene im allgemeinen Treiben unter. Die Vorstellung, dass Obdachlose ungepflegt seien, bestätigt sich zum Beispiel nicht. Es gibt immer Ausnahmen, aber diejenigen, die nicht auf ihr Äußeres achten, sind auch in der Bahnhofsszene ausgeschlossen – außer, wie Thomas bemerkt, in Momenten, wo die Security gegen sie vorgeht. Dann kann es schon einmal zu Solidarisierungen kommen. Ebenso trifft die Annahme, obdachlos zu sein würde heißen, keine Wohnung zu haben, nicht zu. Obdachlose in Deutschland finden sehr wohl fast jede Nacht einen Platz zum Schlafen, in Notunterkünften, bei Bekannten, bei den wenigen Freundinnen und Freunden, die sie noch haben. Vielmehr ist Obdachlosigkeit durch einen ständigen Wechsel zwischen solchen unsicheren Wohnverhältnissen und dem unregelmäßigen, meist nur einige Monate währenden Zugang zu eigenen Wohnungen gekennzeichnet. Gerade Jugendliche, die der Szene am Bahnhof Zoo angehören, versuchen immer wieder, bei ihren zerrütteten Familien unter zu kommen, was aber – da sie ja zumeist nicht ohne Grund aus diesen Verhältnissen geflüchtet sind – sehr oft sehr schnell wieder scheitert.

Ansonsten verhalten sich die meisten Angehörigen der Szene unauffällig und auch unkriminell. Auch das konträr zum Bild der Obdachlosenszene in der Öffentlichkeit. Die meisten Menschen in Armut wollen dieser Armut auch wieder entkommen und halten sich, so möglich, an Vorschriften und Gesetze. Sicherlich ist der Drogenkonsum an sich kriminell, ebenso die Prostitution Minderjähriger, aber diese Formen der Kriminalität unterscheiden sich doch sehr von dem Bild der Gefahr, mit der die Szene am Bahnhof Zoo oft belegt wurde und wird. Wie wir in den letzten Monaten wieder leidvoll erfahren mussten, geht für die durchschnittlich sozial abgesicherten Mitglieder der Gesellschaft auf Bahnhöfen eine größere Gefahr für ihre Gesundheit und ihr Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit einer durchschnittlichen Schul- und Berufskarriere aus, als von Obdachlosen oder Angehörigen der offenen Drogenszene.

Das die Menschen keinen wirklichen Ausstieg aus der Armut schaffen hat mehr mit der gesellschaftlichen Exklusion zu tun, als mit ihnen selber. Martin Kronauer (Kronauer, Martin / Exklusion : Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. – 2., aktualisierte Auflage. – Frankfurt am Main ; New York : Campus, 2010) hat die Exklusion als gesellschaftlichen Prozess in theoretischer Hinsicht beschrieben und – inklusive einer süffisanten Auseinandersetzung mit Niklas Luhmanns später Einsicht, dass entgegen den Grundannahmen der Systemtheorie Exklusion in modernen Gesellschaften vorkommt – auch im theoretischen Diskurs verankert. Thomas beschreibt sie auf basalerer Ebene, wobei ersichtlich wird, dass Exklusion gerade nicht durch relativ einfache Angebote – wie dem Zurverfügung-Stellen von Medien oder einem kostenlosen Zugang, wie es Öffentliche Bibliotheken oft als ihren Beitrag zur Minderung der Armut beschreiben – alleine zu bewältigen ist:

„Die jungen Menschen scheitern […] im Behördenalltag an der respektvollen Distanz gegenüber der Amtsperson, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Ansprüche durchzusetzen haben; an den Zeitungsinseraten, die sie nicht lesen können; an den rechtlichen, handlungspraktischen und sprachlichen Barrieren; an den institutionellen Funktionen und Rollen, die sich nicht beherrschen. Was angesichts der institutionellen Exklusion bleibt, sind die Marginalbereiche des Lebens, wo die Überlebenssicherung durch die unmittelbar vorfindlichen und ad hoc erschlossenen Möglichkeiten der sozialen Lebenswelt sichergestellt wird.“ (Thomas, 2010, a.a.O., S. 156f.)

Stefan Selke schreibt in seiner ebenfalls äußerst informativen Studie über die Lebensmitteltafeln in Deutschland, die nach Schätzungen immerhin rund eine Million Menschen in Deutschland regelmäßig mit Lebensmitteln und anderen Waren ausstatten, in seinen abschließenden Thesen, dass „[ü]ber die Tafeln [und ihre Funktion] nachdenken, heißt, politisch zu denken und zu agieren.“ (Selke, 2008, a.a.O., S. 216) Das lässt sich aber auf alle gesellschaftlichen Einrichtungen übertragen, die den Anspruch erheben, gegen Armut vorzugehen oder das Leben der Menschen in Armut einfacher zu machen.

Auch wenn es in Deutschland ein beliebtes Spiel ist, verbietet sich beim Thema Armut jeder Sozialexhibitionismus. Menschen in Armut sind keine Anschauungsobjekte, keine Subjekte, an denen Gutmenschen ihr Gutmenschentum auslassen dürfen, sondern Personen, die in einem reichen Land strukturell ausgegrenzt werden, und das oft auch für Krankheiten wie dem Alkoholismus, die in anderen Sozialschichten zu einer Therapie führen würden, nicht zur Ausgrenzung. Hier nicht im Bild des Bahnhof Zoologischer Garten sind also die sehr wohl um die Ecke in der anderen Eingangshalle und hinter dem Photographierenden auch um halb zwei Uhr Abends anwesenden Mitglieder der Bahnhofsszene. Wenige Stunden vor und nach diesem Bild war der Bahnhof bevölkert von Menschen, die in Berlin unterwegs waren, gerade ankamen oder wieder fuhren. Auch zum Bibliothekartag werden viele Besucherinnen und Besucher an diesem Bahnhof vorbeikommen. Egal, wie sehr die Bahn sich um das Image des Bahnhofs sorgte und wie hässlich sie ihn letztlich umgestaltete: Er ist einer der belebtesten Orte West-Berlins geblieben. Die Bahnhofsszene der Obdachlosen und Armen fällt nicht auf. (Nerven tun eher die Scientologinnen und Scientologen, die vor dem Bahnhof oft versuchen, Menschen für einen Besuch in ihrer in Laufnähe befindlichen Sektenzentrale anzuwerben. Deshalb starten vor dem Bahnhof auch die monatlichen Proteste gegen Scientology.)

About these ads

Eine Antwort

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. [...] It’s the frei<tag> Countdown. Noch 7 Tage. (03. Juni 2011) [...]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 67 Followern an

%d Bloggern gefällt das: