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Was erwarten Sie vom Bibliothekartag 2011? – Teil 3

Posted in LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 1. Juni 2011
Fast 300 Referenten werden nächste Woche den 100. Deutschen Bibliothekartag bereichern. Wir wollten wissen, warum diese sich für Ihr Themenfeld, das sie referieren, engagieren und was die Referenten von der Tagung erwarten. Unser Teil 2 der Statements auf unsere Fragen gehörten den internationalen Teilnehmerinnen Nancy Everhart und Irina Matveeva, diesmal präsentieren wir die Gedanken von Armin Talke und Karsten Schuldt zur bevorstehenden Konferenz.

Armin Talke, Staatsbibliothek zu Berlin, Berlin
Vortrag:  Urheberrecht, Datenschutz, Haftung: Wer befreit die Bibliotheken aus der Unsicherheit? (Mi, 08.06.11)

1. Wie stellen sie sich die Zukunft der Bibliothek? Und welche Rolle wird die Bibliothek für wen spielen?
Die Menschen werden immer mobiler. So erwarten sie auch von der Bibliothek, dass sie nicht nur an einem physischen Ort erreichbar ist, sondern überall: Die Bibliothek wird in Zukunft eine Cloud sein. Benutzer melden sich online bei irgendeinem Anbieter auf der Welt an und greifen auf die von ihm angebotenen – mehr oder weniger speziellen –Ressourcen zu. Ob die Bibliothek in öffentlicher oder privater Trägerschaft liegt, spielt dabei eine immer geringere Rolle. Das gilt jedenfalls für neuere Informationsressourcen, die noch dem Urheberrecht unterliegen. Rechtefreie Werke werden bald umfassend digitalisiert und frei zugänglich sein. Der Anteil der Werke, die, z.B. auf Repositorien, frei ins Netz gestellt wurden, nimmt stark zu. Wahrscheinlich wird sich auch der „Markt“ der Repositorien am Ende auf einige Anbieter konzentrieren. Bibliothekare müssen sich weiter spezialisieren und sich mit der Vielzahl der unterschiedlichen Informationsquellen, über die diese Ressourcen zugänglich sind, beschäftigen. Sie müssen die Inhalte der verteilten Quellen aggregieren und besser findbar machen- national und international kooperierend. Sie haben die Benutzer dabei zu unterstützen, schnell und von überall auf die für sie relevanten Informationen zuzugreifen. Der Arbeitsort Bibliothek ist vor allem wichtig für Menschen, die in einer inspirierenden Umgebung lernen und forschen wollen. Räume für den persönlichen Austausch und das gemeinsame lernen sind dabei wichtig.

2. Warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema, zu dem Sie auf dem Bibliothekartag 2011 vortragen werden?
Großes Interesse und zunehmende Relevanz urheber- und medienrechtlicher Fragestellungen in der Bibliothek.

3. Was erwarten Sie vom Bibliothekartag 2011?
Wieder neue Anregungen, die hoffentlich in den Bibliotheken auch umgesetzt werden.

4. Was erwarten Sie von Berlin?
Einen tollen Konferenzort. Aber ich wohne eh dort, daher lasse ich mich täglich inspirieren.

Karsten Schuldt, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin
Vortrag: Unterstützung von Bildungsaktivitäten: Grenzen der Bildungswirkungen öffentlicher Bibliotheken
(Fr, 10.06.2011)

1. Wie stellen Sie sich die Zukunft der Bibliothek vor?
Zu Wissenschaftlichen Bibliotheken habe ich keine Vorstellung. Ich erwarte, dass sie ebenso wie Virtuelle Bibliotheken auch zukünftig weiterhin versuchen, als Infrastruktur für Lehre und Forschung agieren. Die Öffentlichen Bibliotheken werden sich meines Erachtens zwar versuchen, den unterschiedlichen Mediennutzungsformen der Gesellschaft anzupassen. Ansonsten aber werden sie sich nicht so sehr verändern, wie das teilweise postuliert wird. Vielmehr werden sie weiterhin zum größten Teil Büchersammlungen darstellen, deren Bestand durch weitere Medienformen ergänzt und durch Veranstaltungen unterstützt wird. Nur wenige Öffentliche Bibliotheken werden sich von diesem Modell entfernen und unter Umständen neue Strukturen oder gar Institutionen ausbilden. Es gibt einen Grund, warum sich Öffentliche Bibliotheken zwar evolutionär weiterentwickeln, aber es kaum schnelle Änderungen in der bibliothekarischen Arbeit gibt: Die Öffentlichen Bibliotheken, so wie sie sind, sind Einrichtungen, wie die Gesellschaft sie haben will.
Sicherlich gibt es immer etwas an ihnen zu verbessern. Eine ständige Kritik der Einrichtungen ist notwendig. Aber man sollte nicht vergessen, dass große Versprechen über die Zukunft der Bibliotheken – beispielsweise dem Umbau der Öffentlichen Bibliotheken zu Selbstlernzentren – seit Jahrzehnten immer wieder gemacht wurden, ohne dass es in der Breite zu einem solchen Umbau kam. Die Öffentliche Bibliothek ist eine Einrichtung in einer sich eher langsam entwickelnden Gesellschaft und diese Gesellschaft möchte offensichtlich keine allzu veränderte Öffentliche Bibliothek haben.
Die Frage ist weniger, eine zukunftsträchtige Vision von Bibliotheken zu entwerfen, als vielmehr auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Anforderungen an Bibliotheken zu achten und diesen folgend zu bewerten, was Bibliotheken gut und was sie nicht so gut machen. Eines der Felder, in denen sich die Gesellschaft in den letzten Jahren allerdings massiv verändert hat, ist der Bildungsbereich. Insbesondere die Schulen haben sich verändert, sie sind zu Einrichtungen geworden, in denen eine außerunterrichtliche Infrastruktur, die sich auf das jeweilige Profil einer Schule bezieht, zum selbstverständlichen Teil der Gesamteinrichtung Schule geworden ist. Dies geht einher mit der Veränderung des Ehrenamtes. Relativ unbeobachtet vom Öffentlichen Bibliothekswesen haben sich deshalb Schulbibliotheken zu sehr eigenständigen und selbstbewussten Einrichtungen entwickelt, die sich als Partner der Schulen verstehen und sich verstärkt inhaltlich untereinander austauschen.
Wenn sich in den letzten Jahren ein Bibliothekstyp entwickelt hat und weiter entwickeln wird, dann die Schulbibliotheken. Dies ist auch deshalb relevant, weil sie sich als eigenständige Einrichtungen entwickelt haben, die sich zwar ganz bestimmt nicht gegen Öffentliche Bibliotheken stellen, aber von diesen mindestens als gleichberechtigte Partner wahrgenommen werden wollen, welche im Rahmen der jeweiligen Schulen die meisten Handlungsmöglichkeiten haben. Öffentliche Bibliotheken werden sich in naher Zukunft auf diesen Bibliothekstyp einstellen und die oft vorhandene Abwertung von Schulbibliotheken als angeblich nicht vollständig bibliothekarische Einrichtungen überwinden.

2. Warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema, zu dem Sie auf dem Bibliothekartag 2011 vortragen werden?
Ich werde auf dem Bibliothekstag zum Themen „Grenzen der Bildungsmöglichkeiten Öffentlicher Bibliotheken“ referieren. In meiner Doktorarbeit hatte ich mich eigentlich damit beschäftigen wollen, die Bildungseffeke Öffentliche Bibliotheken darzustellen, kam aber während der Arbeit zu dem Ergebnis, dass der von den bibliothekarischen Verbänden und Interessensvertretungen vorgetragene Anspruch, Bibliotheken als allgemeinbildende Bildungseinrichtungen zu sehen, zu unspezifisch ist, um aus diesem heraus eine sinnvolle Bildungspraxis zu formulieren oder gar zu untersuchen. Des Weiteren war auffällig, dass sich Bibliotheken quasi überhaupt nicht mir der aktuellen Bildungsforschung oder den Anforderungen, die in der Bildungspolitik gestellt werden, beschäftigen. Im besten Falle scheinen einige Schlagwörter aufgegriffen, aber mit einem gänzlich anderen Inhalt gefüllt zu werden, als dem, der in den beiden anderen Bereichen eigentlich gemeint ist. Das fällt vor allem bei der Verwendung des Begriffes Kompetenz auf, der in der Bildungsforschung eine reflektierte Verwendung erfährt, und dort anwendbar vorhandenes und gewissermaßen problemorientiert skalierbares Wissen meint. In bibliothekarischen Kontext hingegen wurde und wird Kompetenz oft als Synonym von Fähigkeiten verwendet, was gerade die Differenz zwischen Fähigkeit und Kompetenz ignoriert. Ebenso wird im bibliothekarischen Rahmen Lebenslanges Lernen nicht wahrgenommen, welches einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch hat und zur Transformation von Bildungsinfrastruktur führen soll. Vielmehr wird es einfach als Schlagwort für alltägliche Lernprozesse verwendet.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass Öffentliche Bibliotheken die meisten Angebote als Infrastruktur für Bildung und als Einrichtung mit Bildungsangeboten bislang sehr lokal und auf einer sehr engen didaktischen Basis entwerfen. Das ist suboptimal, es zielt auch an den pädagogischen Debatten und den bildungspolitischen Anforderungen vorbei. Bibliotheken können im Bereich Bildung eine gesellschaftlich relevante Rolle spielen. Allerdings scheint es dafür notwendig, einzugrenzen, was und wo Bibliotheken in diesem Bereich überhaupt tun können. Mit einer Eingrenzung der tatsächlichen Potentiale kann der große Anspruch bibliothekarischer Verbände und des bibliothekarischen Selbstverständnisses gewissermaßen auf eine in der Praxis handhabbare Weise hin spezifiziert werden. Dann wäre es einfacher möglich, über tatsächliche Bildungsziele zu diskutieren, Bildungsmöglichkeiten von Bibliotheken und Unterstützungsangebote auf der Basis der Anforderungen der Gesellschaft und den einzelnen Individuen zu entwerfen sowie an den zeitgenössischen Vorstellungen und Bildungserfahrungen anzuschließen.
Diesem großen Rahmen folge ich, wenn ich über Bibliotheken und Bildung nachdenke. Ich möchte dazu beitragen, dass Bibliotheken in viel stärkerem Maße als bislang zu Einrichtungen werden, die zur Umsetzung des Bürgerrechtes auf Bildung beitragen. Ich bin in gewissem Maße immer noch dem naiven Glauben der Aufklärung verfallen, dass Bildung eines der Hauptwerkzeuge zum gesamtgesellschaftlichen Fortschritt und zur individuellen Befreiung aus der selbst- und fremdverschuldeten Unmündigkeit darstellt. Deshalb reagiere ich oft entsetzt, wenn Bildung zu sehr zum reinen Lernen oder auf unterkomplexe Lerntheorien reduziert wird. Im meinem Vortrag auf dem Bibliothekstag möchte ich nun die grundlegenden Überlegungen zur Eingrenzung der Bildungspotentiale von Öffentlichen Bibliotheken vorstellen. Diese Eingrenzung wird einen Möglichkeitsraum öffnen, in welchem Bibliotheken realistisch und auch mit einer zeitgemäßen Didaktik Bildungsangebote entwerfen und durchführen können.

3. Was erwarten Sie vom Bibliothekartag 2011?
Ehrlich gesagt war ich noch nie auf dem Bibliothekstag. Ich erwarte, dass mich die Veranstaltung entweder davon überzeugt, sinnvoll zu sein oder aber vor allem ein Vereinstreffen zu sein, dass wenig Diskussionen wirklich zulässt. Der Veranstaltung eilen zwei sehr unterschiedliche Rufe voraus. Einerseits gilt sie als das größte und wichtigste Treffen des Bibliothekswesens in Deutschland und als Ort, an dem die relevanten Debatten über die Entwicklung der Bibliotheken geführt werden. Andererseits gilt die Veranstaltung bei einer nicht zu unterschätzenden Anzahl von im Bibliothekswesen Tätigen als sehr verstaubt und wenig zukunftsweisend (wozu auch beiträgt, dass sie immer noch ohne jeden Zwang einen sexistischen Titel trägt, anstatt sich zumindest sprachlich zu modernisieren). Ich werde mir also hauptsächlich ein Bild von der Veranstaltung machen. Meine realistische Erwartung ist die, dass die Realität zwischen diesen beiden Bildern vom Bibliothekstag changieren wird.

4. Was erwarten Sie von Berlin?
Ich bin Berliner, genau genommen Neuköllner. Ich lebe hier, weil es die einzige Stadt im deutschsprachigen Raum für mich ist, die schnell und divers genug ist, um mich herauszufordern. Ich erwarte von Berlin, nicht langweilig zu werden und einen immer wieder mit neuen Ansichten zu konfrontieren. Auch auf dem Bibliothekstag.

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