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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 12 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by libreas on 29. Mai 2011

von Matti Stöhr

Vis a vis zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt, in welchem die Eröffnungsveranstaltung des nahenden 100. Bibliothekartages stattfinden wird, sowie auch nur wenige Schritte vom frei<tag>s-Venue entfernt, residiert eine der größten und wichtigsten Institutionen der Berliner Wissenschaftslandschaft: Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften – kurz BBAW. Es ist gar nicht so lange her, da feierte diese selbst ein großes, rundes Jubiläum und stellt dabei spielend – nach der bloßen Zahl der Lenze – den Konferenzgeburtstag in den Schatten. Zwar existiert die Akademie in ihrer jetzigen Form erst seit 1992, zusammen mit ihren Vorgängereinrichtungen – so direkt zuvor firmierend als Akademie der Wissenschaften der DDR – ist sie jedoch fast genau 301 Jahre alt. [1] Am 11. Juli 1700 war es soweit: Der brandenburgischen Kurfürst Friedrich III. gründete die Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften. Gottfried Wilhelm Leibniz, welcher die Akademie auch geplant hatte, wurde ihr erster Präsident.

Englischsprachige Info-Tafel zur BBAW-Geschichte am Akademiegebäude Markgrafenstr., Ecke Jägerstr. - formschön mit der wohlbekannten, umtriebigen frei<tag>-Karte

Führt man sich nun das Leben und Wirken dieses – zweifelsohne – beachtenswerten Universalgelehrten (oft als der „Letzte“ seiner Art bezeichnet) vor Augen, so fällt es leicht, eine Brücke von ihm zur frei<tag> und umgekehrt zu schlagen. Dass Leibniz in vielen Wissensgebieten und Positionen aktiv war – außer vielleicht als Keksfabrikant – ist hinlänglich bekannt; so auch als Bibliothekar. 1676 wurde er nach Hannover berufen und dort unter anderem zum Hofbibliothekar ernannt. Ihm zu Ehren wurde die Niedersächsische Landesbibliothek im Jahre 2005 in Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek umbenannt. Ausgelastet war Leibniz damit freilich nicht, wurde er doch 1691 auch Bibliothekar der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Vor ein paar Jahren erschien ein Sammelband, welcher sich mit eben jenem bibliothekarischen Schaffen von Leibniz auseinandersetzte. In dessen Beschreibung heißt es:

„Gottfried Wilhelm Leibniz leitete die Bibliothek der Hannoveraner Welfen vierzig Jahre lang bis zu seinem Tod 1716. Die Vision, dass eine Hofbibliothek nicht allein der Machtspiegelung ihres fürstlichen Besitzers, sondern zugleich der öffentlichen Wohlfahrt dienen möge, äußerte er in dieser Zeit wiederholt. Mit einer Erwerbungspolitik, die auf die enzyklopädische Repräsentanz allen verfügbaren Wissens zielte, schien Leibniz diese Vision erreichbar: Erst eine Bibliothek, die nicht einseitig den Belangen des Hofes dienstbar gemacht würde, könnte ihre Benutzer in die Lage versetzen, die noch nicht absehbaren theoretischen und praktischen Probleme der Zukunft zu lösen. Im Aufbau von Wissensspeichern als Teilen einer fortschrittsfördernden wissenschaftlichen Infrastruktur sah Leibniz eine zentrale Aufgabe des territorialen Wohlfahrtsstaates. Setzte Leibniz‘ Vision demnach auf die Vereinbarkeit von Staatsraison und Wissenschaft, so stellte sich dies Verhältnis in der Realität doch eher als ein Spannungsverhältnis dar. Die einseitige Vereinnahmung der Bibliothek für die fürstlichen Machtinteressen und die mangelnde Kontinuität, mit der Geld in die Pflege der Büchersammlungen floss, stellte ihn in der bibliothekarischen Praxis vor geradezu unüberwindliche Herausforderungen.“ [2]

Trotz oder gerade wegen der hier angerissenen Ambivalenzen zwischen Anspruch und Realität bibliothekspraktischer Herausforderungen, ist die Leibnizsche Vision durchaus aktuell. Auch in der Gegenwart wird der (bildungs- und wissens-)gesellschaftliche Wert von Bibliotheken immer wieder aufs Neue infrage gestellt bzw. ist keine Selbstverständlichkeit – man erwähne nur das Spektrum von Kürzungen des Erwerbungsetats, über Personaleinsparungen bis hin zu Bibliotheksschließungen. Bibliotheken funktionieren nur dann sowohl als Wissensspeicher als auch als wissensvermittelnde Institutionen, sofern sie die Möglichkeit haben vor dem Hintergrund ihres Sammelprofils umfassend (wissenschaftliche) Publikationen, egal welcher physischen Form. zu sammeln, zu erschließen und verfügbar zu machen. Hier gibt es – ohne sie jetzt alle konkret aufzuzählen – viele Hemmnisse; allen voran ökonomische und urheberrecht- bzw. nutzungsrechtliche.

Leibniz‘ Vorstellungen und Aktivitäten, so auch hier in Berlin an der Akademie, können folglich eine Reihe von Impulse für die Sessions und Diskussionen im Rahmen des frei<tags> bieten. Auch wenn er wie schon erwähnt nicht dafür verantwortlich ist – sicherlich geschieht der heurige Gedankenaustausch wohl entspannter und genussvoller beim Verzehr des einen oder anderen einschlägigen Keksgebäcks. Ein kleiner Spaziergang zum Aufhänger dieser Zeilen, dem herrschaftlichen Akademiegebäude, sowie die Lektüre der abgebildeten Infotafel ist zur Verdauung allemal drin…

Fußnoten
[1] Zur Akademiegeschichte kann man sich hervorragend auf der entsprechenden Info-Website unter http://www.bbaw.de/die-akademie/akademiegeschichte informieren. Dieser folgend, gebe ich die historischen Fakten wieder.
[2] Hartbecke, K. [Hrsg.] (2008). Zwischen Fürstenwillkür und Menschheitswohl. Gottfried Wilhelm Leibniz als Bibliothekar, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann.

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