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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 13 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 28. Mai 2011

An einem vielleicht nicht ganz vordergründigen Detail des Countdown-Beitrags vom 26.05.2011 hängt die Brücke zum heutigen Baustein des Herunter-Zählens bis zum 10. Juni und zeigt zugleich, dass nicht nur menschliche Beziehungen in einer höchstens sechs Stationen umfassenden Stafette vom Einen zum Anderen und vom Hundertsten ins Tausendste führen können. Sondern selbst jedes noch so kleine Sinnfädlein.

Wer den Text zum Küssen in der Wissenschaft (und anderswo) sehr aufmerksam las, erinnert sich eventuell daran, dass das angepriesene Buch über die russische Kussgeschichte bei einem Verlag namens Grupello erschien. Das ist zwar nicht vom Thema aber vom Verlagsstandort her nachvollziehbar, sitzt der kleine Verlag doch im großen Düsseldorf. Wer dort schon einmal eine Stadtführung mitmachen durfte, hat möglicherweise registrieren dürfen, dass das Reiterstandbild auf dem Marktplatz mit dem auf der Stelle trabenden Jan Wellem nicht nur Gegenstand einer etwas grünspanigen Briefmarkenausgabe der Deutschen Bundespost im Jahr 1964 war.

Sondern auch, dass es vom Bildhauer Gabriel de Grupello geschaffen wurde, was nicht weiter verwundert, beschäftigte ihn der Kurfürst doch als Hofsculpteur. Geboren wurde dieser Grupello nun im ostflanderischen Geraardsbergen und zwar gute 160 Jahre nach einem anderen Sohn der Stadt, der gleichfalls auszog, anderen Völkern zu zeigen, was eine schöne Figurine ist. Gemeint ist der Franziskanermönch Pedro de Gante, der als Pieter van der Moere zur Welt kam. Als er sie dann in einer Seelenruhe eines Kloster zu Gent erreicht hatte, zeigte er sanft aber bestimmt den indigenen Bewohnern im altacolhuaischen bzw. neuspanischen Tetzcoco, Mexiko, was ein rechter Glauben ist und war damit so erfolgreich, dass die Missionierten seine Lehre und vor allem seine Lehrmethoden freudig weiterführten.

Da sich Tetzcocos administrativer Stadtführer Ixtlilxochitl (II) in vorauseilendem Anpassungsgehorsam mit Hernán Cortés für seine Spättaufe einen Paten heraussuchte, der noch wusste, wie man spornstreichs christliche Werte durchsetzt, war Tetzcoco zu dieser Zeit (1523+) vermutlich ein ziemlich ruhiger Hafen für die Missionsarbeit.

Erstaunlicherweise stieß Pedro de Gantes Willen zur Volksbildung dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) bei den encomenderos genannten Neugrundbesitzern aus der Alten Welt nicht unbedingt auf Gegenliebe, fürchteten diese doch, dass die für sie unter erbärmlichen Bedingungen arbeitenden Indios mit abendländischer Bildung durchschauten, was hier eigentlich geschah. An Aufmüpfigkeit hatte man – vielleicht noch die Noche Triste auf der anderen Seeseite vor Augen – nun wirklich kein Interesse.

An dieser konquistadoren Furcht vor der Nach- und Neubildung erkennt man nicht zuletzt deutlich, wo der kurzsinnige Raubtierkapitalismus eigentlich seine Wurzeln hat. Dass man dereinst darüber hinaus Bibliotheken nur schätzte, wenn sie den eigenen Interessen nützlich waren, hatte man bereits zuvor veranschaulicht, als der neue Bischof die berühmte Bibliothek der Stadt aus heidnischen Gründen in Rauch auflösen lies. Nun kann man es mit dem Kolorit der Zeit erklären, dass man Kulturen, die zum Menschenopfer neigen, nicht nur jede zivilisatorische Entwicklung absprach sondern auch jedes Recht, sich nicht nach Gutssklavenart unterjochen zu lassen. Andererseits war sicher auch damals bereits bekannt, dass die Vernichtung identitätsstiftender Symbole die vermeintlich schnellste Methode darstellt, um einem Gegenüber flugs die Identität zu zertrümmern. Allerdings, so die menschheitsgeschichtliche Erfahrung, ist so ein Semiozid selten nachhaltig. Um eine Idee auszumerzen braucht es schon mehr als ein Feuerzeug und kein Gewissen.

Pedro de Gante verfolgte dagegen einen feinsinnigeren, pädagogisch ausgewogeneren Ansatz: Er versuchte es mit Integration. Und zwar zunächst mit seiner in die vorgefundene Kultur. Das gelang in gewisser Weise indem er die Sprache der Indianer lernte. Es wird sogar kolportiert, dass der stotternde Missionar schließlich mit den Ureinwohnern besser kommunizieren konnte, als mit den zugereisten mehr Schlagetötern als Fürchtenixen von der Iberischen Halbinsel. Die führten ihm nämlich zunächst zu seinem Entsetzen die Schüler, nachdem ein König das Edikt zur missionarischen Bildungsoffensive erlassen hatte, in gefesseltem Zustand zu Hunderten in die Schule. Pedro de Gante war kurz zuvor, alles hinzuwerfen und aus der Neuen Welt zurück nach Flandern zu fliehen. Allerdings: Er blieb und lernte neben der Sprache auch die Hieroglyphen-Schrift der Azteken. Auf dieser Basis entwickelte er einen visualisierten Katechismus, der sein Ziel weitaus besser erreichte, als jede Predigt von der Kanzel. Und wahrscheinlich auch überzeugender wirkte als jeder Donner aus der Hakenbüchse.

Der Kniff zur Integration, die bald von der Selbsteinpassung in indigene Zeichenpraxis in exogene Wirkung umschlug und die indianischen Schüler dauerhaft christianisierte, lag darin, den Symbolhorizont der Schüler gerade nicht zu zerstören, sondern in ganzer formaler Bandbreite anzuerkennen, um ihn schließlich mit neuen Inhalten zu unterfüttern. Die Lernziele für seine Zielgruppe fasste er also in ihren eigenen Zeichenschatz und holte damit, wie man heute sagen würde, die Zielgruppe dort ab, wo sie sich befand.

Dass die Schüler mittlerweile ganz von selber zu ihm strömten und nur noch von den christlichen Botschaften gefesselt vor ihm saßen war eine logische Folge. Denn mit einer gewissen Leichtigkeit adaptierten nun die Schüler der Missionsschule europäische Kulturpraxen und handwerkliche Fertigkeiten, wobei Pedro de Gante sich selbst organisierende Bruderschaften bilden musste und konnte, die einerseits den Vorsitz per Abstimmung, also quasi-demokratisch, ermittelten und andererseits in ihren Aktivitäten in friedlichen Wettbewerb mit anderen Bruderschaften traten. Hätten diese Bruderschaften nicht tatsächlich Kirchen errichtet und Missionsschulen eröffnet, würde man vermutlich heute von einer Planspiel basierten Ausbildung reden. Aber sie operierten ja tatsächlich mit neo-christlichen Instrumenten passgenau im offenen Herzen Mexikos.

Natürlich repräsentierte die Neue Welt, in die er seine Schutzbefohlenen lenkte, auch eine Form der Kolonialisierung, aber immerhin eine, die – wenn auch aus taktischen Gründen – die Andersartigkeit des Gegenübers in gewissem Umfang respektierte und in der Entwicklungsperspektive berücksichtigte. Dieser Weg zwang nicht, er verführte. Er drohte nicht mit Vernichtung, sondern lockte mit Verbesserung. Er schlug den Kopf nicht ab, sondern setzte ihm eine erleuchtete Kappe auf. Von einer Partnerschaft kann man freilich nicht sprechen, denn jede Missionierung hat die Hegemonie schon klar im Gepäck. Es war aber immerhin ein kleineres Übel und in all dem Wüten der westlichen Welt in Westindien und dahinter ein Silberstreif im goldberauschten Horizont der Brachialeroberung. Helle Barden statt Hellebarden.

Am Ende erhielt Pedro de Gante zwar keinen Preis für Bildungsforschung aber immerhin einige Jahrhunderte später die Heiligsprechung durch Johannes Paul II. Und zu seinem 400sten Todestag von der mexikanischen Postverwaltung eine solide Gedenkbriefmarke. Das ist schon angemessen, für jemanden, der jene berühmten fürstlichen Tugenden (Klugheit, Mäßigung, etc.) leiblich und performativ veranschaulichte, die Gabriel de Grupello in seiner noch berühmteren Pyramide in eine steife, stahlharte Form goss und die nun auf dem Mannheimer Paradeplatz stehen, in dessen Schatten ich diesen kleinen Text gerade de facto schreibe.

havefru

Die Fürchtenixe? Einer Undine im Abendschein können sie nichts anhaben, zumal wenn sie in schönster Bronze schimmert. Und ihre seemädchenhafte Tugend (ikonisch bekannt in der Kopenhagener Hafenausführung Edvard Eriksens) ist noch einmal eine Steigerung aller kurfürstlichen Wahrheit und/oder Taten-Ethik. Allerdings hatten die schönsten aller Wasserwesen während der knüppelharten mesoamerikanischen Kreuzritterei wenig zu melden. Eroberungskrieg ist traditionell Männersache. Und ob dem lammfrommen Bruder Pedro auch Schülerinnen in die Missionsschule kamen, ist wenigstens mir nicht bekannt. 

Ach so – das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen: Ein Geheimnis Pedro de Gantes lag, wie überliefert ist, in kleinen Figuren, die er den Schülern beim Eintritt in die Schule übergab und die sie als eine Art Schutzpatron mit sich führen bzw. deren Symbolgehalt sie auf ihre Gewänder zeichnen sollten. Diese fast talismännlichen Püppchen nannte er, da sie die Schüler von ihrem so furchteinflössenden wie (aus der Perspektive 1523) fürchterlich alten Glauben kraft neuer Symbolik befreiten: LIBREAS.

(bk, 27.05.2011)

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