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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 14 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 27. Mai 2011

Was wir erwarten, werden wir nicht vorfinden, zumindest nicht immer. Beziehungsweise: Pläne sind dazu verurteilt, zu scheitern. Auch das ein Allgemeinsatz, der allerdings deshalb nicht falsch ist. Die überraschenden Ereignisse sind es, die unter anderem langweilige Jobs interessant machen, die teilweise überhaupt die Aufregung in den Arbeitsalltag bringen, uns ablenken von einer gewissen Fließband-Produktion oder der reinen fordistischen Abarbeitung von Dienstleistungsaufgaben. Sicherlich: Es gibt Jobs, da können wir diese Ablenkung durch Überraschungen auch nicht gebrauchen, da sie selber schon anstrengend genug sind. Oder Situationen, die schon komplex genug sind. Das ist ein Ergebnis der zunehmenden Projekte und der Abwälzung von Entscheidungsaufgaben von den Chefetagen hinunter zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Aber seien wir ehrlich: Lange Zeiten des Tages und des Lebens sind geprägt von Langeweile und dem Zwang, nichts zu tun. Schon, weil Dinge, die neu und aufregend erscheinen, irgendwann auch Überdruss erzeugen. Zudem: Dinge, die wir nicht erwarten, machen das Leben interessanter, treiben nicht nur in Film und Roman die Handlung des Lebens voran, zwingen zu Entscheidungen, neuen Blickwinkeln.
Dabei sind überraschende Momente und Begebenheiten definiert nur durch ihren unvorhergesehen Einbruch in die alltägliche Realität. Nicht einheitlich ist ihre Größe, Bedeutung oder auch nur, ob sie positive oder negative Wirkungen entfalten. Sie unterbrechen. Damit stellen sie immer auch Möglichkeiten der Reflexion dar. Welche Grundannahmen werden erschüttert? Welche stillschweigenden Erwartungen enttäuscht? Warum? Sind die Grundannahmen falsch, ist vielleicht die Beobachtungsgabe eingeschliffen? Haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, wie und das bestimmte Dinge funktionieren, so dass wir vielleicht eine überraschende Begebenheit benötigen, um darüber anfangen nachzudenken, dass es auch anders sein könnte, vielleicht gar besser? Oder um zu merken, dass Dinge doch nicht so funktionieren, wie wir sie angenommen haben?
Der Kontakt zu Nutzerinnen und Nutzern ist ein gesellschaftlicher Ort, an dem solche Überraschungen immer wieder auftreten können und auch auftreten. Unvorhergesehene Fragen, Antworten, Anforderungen, unverstandene Hilfsstellungen von Seiten der Bibliotheken, die von den Nutzerinnen und Nutzern überhaupt nicht angenommen oder aber – wohl öfter – uminterpretiert werden. Ein anderer Bereich in der bibliothekarischen Arbeit: Die Recherche, die „auf einmal“ gänzlich andere Ergebnisse produziert, als gewohnt; Rechercheanfragen, die uns zeigen, dass mit unserem Bestand oder den Datenbanken, die wir nutzen, etwas nicht stimmen kann, wenn wir diese nicht richtig beantworten können. Auch die Bibliothekswissenschaft lebt unter der Hand von Überraschungen, davon, dass Projekte nicht funktionieren, wie sie funktionieren sollen, dass sich Aufgaben gänzlich anders stellen, als angenommen, das Forschungsansätze scheitern. Sicherlich: Wir planen unsere Forschungen möglichst genau, inklusive der erwarteten Forschungsergebnisse. Und mindestens, wenn wir unsere Projekte gefördert bekommen, schreiben wir auch Forschungsberichte, die hauptsächlich Positives berichten. Aber wie in jeder Wissenschaft, lebt interessante Forschung auch in der Bibliothekswissenschaft gerade von unvorhergesehenen Ergebnissen, Widerständen, die sich im Projekt ergeben, mit anderen Worten: Von Überraschungen. Ohne Überraschungen würde Forschung langweilig werden, weil sie dann eigentlich nur bestätigen oder umsetzen würde, was wir vorausgedacht haben. Es wäre schwierig, auf neue Denkbahnen zu gelangen.
Einer der Orte, die immer wieder überraschen, außerhalb der Bibliothekswelt, sind große Städte wie Berlin. Auch diese Stadt lebt davon, dass immer wieder einmal Neues entsteht, Dinge sich verändern und vor allem scheitern und überraschend umgenutzt werden. Nicht aus Zufall beginnen Stadtbezirke und Quartiere langweilig zu werden, wenn angefangen wird, zuviel zu planen, was dann auch so umgesetzt wird, wie es geplant war. Dann wird Leben zwar vorgetäuscht, wie zum Beispiel im Prenzlauer Berg, aber es findet kaum noch statt. Zwar sieht alles schön bunt aus und ist für bestimmte Anlässe und Aufgaben – um beim Prenzlauer Berg zu bleiben: wenn man Kinder erziehen will, Eltern im Urlaub etwas zeigen soll oder englisch-sprachige Bücher im englisch-sprachigen Buchladen bestellen möchte – viel besser geeignet, als andere Orte. Aber neue Lebenseindrücke findet man immer seltener. Das Bunte überrascht nicht mehr. Es wird langweilig. Tobias Rapp hat in seiner Beschreibung der Berliner Technoszene (übrigens auch ein Ort voller Überraschungen, wenn man sich darauf einlässt aber auch ein wenig aufpasst) in Lost and Sound [Rapp, Tobias / Lost and Sound : Berlin, Techno und der Easyjetset. – (Suhrkamp Taschenbuch; 4044). – Frankfurt am Main : Suhrkamp, 2009] davon berichtet, dass im Berliner Senat extra darauf geachtet wurde, Clubs für elektronische Musik nicht zu sehr zu kontrollieren, damit sich nicht zu kommerzialisiert und eben langweilig wurden. Eine kluge Entscheidung. Es gibt schon genügend langweilige Clubs, die Szene (beziehungsweise Szene, wer will schon immer nur zu Minimal tanzen) braucht eine lebendige Infrastruktur, da muss man Menschen manchmal machen lassen. Leider hat sich eine solche Relaxtheit noch nicht überall durchgesetzt. Es würde ein spannenderes Leben ermöglichen, vielleicht.

Überraschung. Mitten in Neukölln, dem Bezirk mit dem aktuell wohl schlechtesten Ruf in Berlin – den er noch nicht mal verdient hat –, zwischen Altbauten, Sozialwohnungen, leeren Ladengeschäften, die allerdings immer mehr von zugezogenen Studierenden und Ex-Studierenden, Künstlerinnen und Künstlern genutzt werden als Kneipen, Clubs, Galerien, Ladenwohnungen, gar – einige Meter von dem Ort auf dem Photo entfernt – einem antisexistischen Infoladen (was auch immer das genau ist), liegt der Körnerpark. Weiß man nicht, dass er da ist und stolpert einfach über ihn, ist man genau das: Überrascht. Ein mehrstufiger, in den Grundformen symmetrischer Park, mit Rückzugsecken, kleinem Labyrinth, offener Wiese, Wasserfall, Galerie und Café, freien Wegen. Alles im Stil des späten 19. Jahrhunderts. Und auch die Nutzung wird überraschen, falls man sich bislang zu sehr in kulturalistischen Texten und Deutungen der gesellschaftlichen Entwicklung verfangen hat: Es gibt unterschiedliche Kulturen, aber sie bekämpfen sich nicht, vielmehr mischen sie sich. Langzeitarbeitslose und Studierende, Gruppen von Jugendlichen mit und ohnr Migrationshintergrund, mit und ohne Machogehabe, mit und ohne Kopftüchern besetzen friedlich nebeneinander die Parkbänke und kleinen Nischen; auf der Wiese und beim Wasserfall genießen Menschen ihr Bier (man hört Gerüchte, dass dort auch Joints konsumiert werden, aber wie soll man das nachprüfen), daneben feiern Klein- und Großfamilien Kinderfeste, Kinder spielen im und am Wasser, Menschen lesen Romane und Unitexte, junge Menschen beiderlei Geschlechts (oder, wenn schon der antisexistische Infoladen um die Ecke ist, allerlei Geschlechts) räkeln sich dabei, angetan mit möglichst wenig Kleidungsstücken, in der Sonne. Laut sind vor allem die Kleinkinder. Würde Franz Körner, der dem Park 1910 initiierte, heute vorbeikommen, er wäre auch überrascht. Aber positiv. Das passiert nun mal in Großstädten.


Was? Noch ein Bild aus dem Körnerpark, weil das überraschend anders ist, wo wir sonst ein Bild oder viele haben, aber nicht zwei. (Außerdem: Wasserfall im Hintergrund.)

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