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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 15 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 26. Mai 2011

Nahezu unbemerkt ging uns vorgestern, also am 24. Mai, der Welttag des Kusses über die Lippen. Zumindest glaubte ich das, denn im bisher schönsten Kussbuch des 21. Jahrhunderts – in Tatjana Kutschtewskajas „Küssen auf Russisch“ (Düsseldorf: Gruppello-Verlag, 2007, Seite zum Buch) – findet sich auf S. 14 eine solche Datierung. Die Wikipedia datiert den International Kissing Day dagegen auf den 06. Juli. Allerdings gibt es keinen Grund, auf diese in gewisser Weise doppeltes Zünglein an der Waage der Mottotag-Geschichte schmallippig zu reagieren. Besser man macht das Doppelzüngige buchstäblich  zum Programm soweit Lippenbändchen und Amorbogen spannen.

Da man jemanden, der einen bei einem zeitnahen Hinweis auf den Weltkusstag mit spitzfindigem Faktenwissen korrigiert, ohnehin den Kuss verweigern sollte, ist es eigentlich im bester Schwitterschen Façon rouge schnuppe, wann ich meine Schnauze auf die von jemand anders bauze. Der Tag, an dem man jemanden vermistelt, ist weitaus unerheblicher, als die Person, die man vermistelt. Nun ist die Großstadt Berlin meist nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Ecken (sommernachts in der Brückenbeuge vor dem Bodemuseum) Heimstatt der romantischen Herzen. Oft fühlt man sich mit Fremdheit und Abgrenzung überschwemmt zwischen hektischen Anzugträgern, abgebrühten Studierenden und desorientierten Touristengruppen am Bahnhof Friedrichstraße wie Pjotr Wegins (Пётр Вегин in der Википедия) Besucher vom Lande:

„Ein Bauer mit Kuss auf der Backe
Kommt stolz daher auf der Twerskaja-Straße.
An ihm strömt vorüber – und stockt auf der Hacke
Und guckt – die kußlose Fußgängermasse.“ (Kutschewskaja, S. 119)

Nichts liegt dort im Anonymahlstrom der Metropole ferner als ein satter Kuss auf hungrigen Mund. Und weiter unten an der Oranienburger kann man sich fast alles an Körperlichkeit inklusive einem lockeren Mundwerk kaufen, nur eben keine Zuneigung und kein Geküsse, also bloß diesen faden und bonierten Stil von Nähe, den man sonst offensichtlich auf Verkaufsleiterfeten bei Unternehmen der Ergo-Versicherungsgruppe pflegt.

Und auch ein wummerndes Berghain ist nicht unbedingt die Alm, die man mit einem sympathischen Stelldichein verbindet, sondern erinnert in dieser Hinsicht mehr an die Alb einer Vergellert-Therme. Einen Kuss, der wie ein Kuss gemeint ist, ist grundsätzlich unbezahlbar.

Dennoch sollte man sich beständig und mit aller Güte in der Metro mit Rimma Tschernawina (mehr von Римма Шернавина im Журнальный зал) sagen:

пришло лето и к этим людям (=auch zu diesen Leuten ist der Sommer gekommen / vgl. Felix Philipp Ingold: Geballtes Schweigen. St. Gallen: Erker Verlag, 1999. S. 100)

Denn auch wenn jemand Cool-Spröde-Alphaanbetendes – alles gesehen, alles gemacht, jedes gehabt – Zärtlichkeit und langsame Nähe in unserer hyperfunktionalen Epoche als splittiges und überflüssiges Relikt der Voraufklärung ansieht, die – wie in Zürich – ernsthaft mit dem Gedanken spielt, dem Straßensex offizielle Verrichtungsboxen (eventuell noch mit Münzeinwurf) zur Verfügung zu stellen, kann man, von pathologischen Fällen abgesehen, davon ausgehen, dass dieses Über-Ego in irgendeinem Darkroom seines Herzens trotz allem nicht ganz immun ist gegen das leise Hauchen glücklicher Naivität, das im fliederduftgetränkten Park so ungefragt und scheinbar planlos plötzlich von Hand zu Hand überspringt, wie das morgendliche Gezwitscher früher Vögel durchs offene Schlafzimmerfenster fast kopfküssend auf die noch müden Lider sinkt.

Bei der Gelegenheit sollte man auch ruhig wieder einmal bei Edward mit den Frühlingshänden nachlesen: Spring is like a perhaps hand? Mit Sicherheit. Auf diese jähen Gipfel kann erfahrungsgemäß kein noch so hoch gestimmtes Runners High mitklettern. Denn wo letzteres aufs Siegertreppchen eines Endorphinales einlädt, ist ersteres von Vornherein über jede Versportlichung erhaben.

So ähnlich scheint es auch mit der fischkalten Wissenschaftskultur dieser Jahre zu sein: die Welt liegt ohne Zweifel als ziemlich enträtselte Bradford-Verteilung vor uns und das einzige, wo man noch legitim eine Art Kür losgarnen darf, sind, so scheint es,  ein paar Jubiläumsreden im Audimax und/oder weitreichende Programmschriften zur Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft.

Abgesehen davon kann man Wissenschaft in der Praxis weitgehend als knallharte Besitznahme auf Zeit im Projektlaufhaus begreifen und abarbeiten. Also als Olympische Spiele der Welterkenntnis für die man sich über die Ausscheidungswettkmäpfe nationaler Exzellenzmeisterschaften qualifiziert.

Aber man weiß selbst dann, dass irgendwo noch etwas anderes, eine Spur der Wissenschaftsromantik existiert, eine Annäherung an einen Gegenstand als wirkliches Gegenüber wie ein kaum berührendes Heransenken der Lippen an den Flaum des weichen, einzigartig duftenden Nackens einer geliebten Person.

И санный след бежит сквозь сердце. (Нинель Крымова, vgl. Ingold, 1999, S. 54)

Wer seinen Tschechow kennt, ahnt sofort, wodurch Nineli Krymowas einzeilige Schlittenfahrt führt…

Ein Kuss nimmt ja nichts, sondern gibt. Er ist eine kaum sichtbare und doch für die, die ihn erfahren, über lange Zeit existente Markierung. Es ist die Erfahrung einer Berührbarkeit sowohl der Welt wie auch des Selbst. So kann wissenschaftliches Denken abseits von Beobachtung und Erklärung eben auch als Berühren und Berührtsein gedacht sein, bei dem immer etwas Unerkennbares bleibt.

Gilles Deleuze und Felix Guattari untertitelten ihr schönes Kafka-Buch sehr sanft „pour une littérature mineure“. Möglicherweise gibt es abseits der Big „Daddy“ Science auch die Option, kleinere, sensiblere Ansätze in die Erkenntnis- und Verständnispraxen hineinzuschmuggeln. Eventuell gelingt es ja abseits der berechtigten und notwendigen coolen Hipness des freitag 2011 diese weiche Form der Forschung zu berücksichtigen. Vielleicht mit Medaillon aber sicher ohne Medaille. In diesem Sinne: Schnauze bauze www.bibliothekswissenschaft.eu.

natürlich

"Natürlich mag ich, wen Du küsst." Während die FAZ in ihrem Feuilleton die Prosa der Straße in Verbindung mit dem Anschlag am Ostkreuz und dem "kommenden Aufstand" des "Unsichtbaren Kommitees" verknüpft, konzentrieren wir uns lieber auf den Anschlag der Poesie der Straße per Bogenrand am Rosenthaler Platz. Diese minimalisinvasive Markierung des Stadtraums zeigt, wo die Herzen der Großstadt eigentlich Feuer fangen. Nämlich in der Serendipity zweier sich kreuzender Augenblicke und allem, was diese Kreuzung nach sich zieht. Schöner geschildert als in Turgenjews "Erste Liebe" findet man solch ein einzigartiges und zufälliges Zusammentreffen, das alles verändert, vermutlich nirgends: „Sie wandte sich rasch nach mir um, breitete die Arme weit aus, umfasste meinen Kopf und küsste mich. Gott weiß, wen dieser lange heiße Abschiedskuß eigentlich suchte – dennoch, ich zögerte nicht, seine Süße tief auszukosten! Wußte ich doch nur zu gut, daß er sich nie wiederholen würde.“ Außer an glücklichen Tagen bei Nabokov oder eben im eigenen Leben an unseren Rosenthaler Plätzen.

(bk, 26.05.2011)

3 Antworten

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  1. […] einem vielleicht nicht ganz vordergründigen Detail des Countdown-Beitrags vom 26.05.2011 hängt die Brücke zum heutigen Baustein des Herunter-Zählens bis zum 10. Juni und zeigt zugleich, […]

  2. […] Suchmaschinenoptimierung auf die Zielgruppe hin, denn eigentlich gleiten hin und wieder schon zarte Anspielungen auch auf dieses Thema zwischen den Zeilen dieses Weblogs. Muss man nun Oliver Pfohlmanns eher […]

  3. […] It’s the frei<tag> Countdown. Noch 15 Tage. (26. Mai 2011) […]


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