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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 19 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 22. Mai 2011

Wir können auch Anders. Die Zeichenkette a n d e r s zeigt wie keine zweite, wie sehr Name zugleich semantisches Programm sein kann. Denn dank seiner Verwendung als Adverv wie als Label und seiner flexiblen Kombinierbarkeit, die immer Alterität (Andersheit) mitsagt, haben wir es hier mit einem höchst bedeutungschwangeren Komplex zu tun, der seinen Ausdruck beispielsweise in der alltäglichen Jugendsprache findet, die – was man leicht in Bus und Bahn hören kann – das Ego im Ausdruck gern substrahiert und doch mitdenkt, wenn es durch den Tramwagen schallt: „Willst Du ’ne Schelle, Alter, oder was?“ (M4, 17.05.2011, 09:15) :  das große Andere Lacans entfaltet sich im kleinen Miteinander des öffentlichen Nahverkehrs, in dem zu Stoßzeiten bisweilen eine Nähe entsteht, die erst den Kontrast der Distanz als Grundwert des Daseins erkennbar werden lässt. Selten fühlt man sich Schopenhauers berühmter Stachelschweinerei so anschaulich verbunden.

Wir können nur durch das Andere leben, nur durch die Begegnung mit dem Andersartigen erkennen, was wir sind, weswegen, das Alter, welches die Schelle fangen soll, notwendig ist um überhaupt die losschellende Identität unter der hochaufgesetzten Trucker-Narrenkappe verstehbar zu machen. Der Mensch lebt seinen Sinn nur in seiner Abgrenzung zum Anderen und das kann man dann bemüht bis durchdacht über den endlosen Reigen der Namenskalauer um den mit Nora-goldbeketteten Puppenheimer Thomas Anders unserer frühen popkulturellen Prägung bis hin zur sinnbrechenden Benennung des/der Protagonist/i/e/n in Christa Wolfs Gender-Techno-Parabel Selbstversuch rezeptiv nach-konstruieren.

Die Differenz ist das Kontrastmittel – so klingt die urtautologische Einsicht in das Dasein. Dieser Fassung unseres Selbst als Andersartigkeit des anderswieIch können wir nicht entgehen.

Das Bezaubernde der Techniken der Selbstrepräsentation, wie sie jeder Text individueller Prägung und mehr noch die Statistiken unserer Sozialität in den Sozialen Netzwerken darstellt, ruht in der Möglichkeit, sich selbst durch Zeichen von sich selbst zu differenzieren. Sich selbst Gegenüber und damit anders zu werden.

Werden wir uns dessen bewusst, entfaltet es sich aus diesem Ruhen wie ein hübscher, unzähmbarer Falter und wir wissen zwar nicht mehr davon, als dass es uns in bemerkenswerter Weise affiziert. Aber immerhin das. (Dieses Berührtsein in seiner systematierten und systematisierenden Form nennt man übrigens Wissenschaft.)  Man wird (sich) auf diesem Weg zugleich selbst lesbar und anders und durch dieses Selbst-Andere eröffnet man sich eine Selbsterkenntnis, die – immer mit dem Schimmer der Fremdheit und Selbstentfremdung überzogen – hilft, das Selbst zu (re)konstruieren.

Wer dem Medium Tagebuch nicht abgeneigt ist, versteht mit Sicherheit, was gemeint ist. Wer dem Medium Wissenschaft zuneigt, erkennt es möglicherweise irgendwann, nachdem er in mühseligen Lehr- Studien- und Promotionsjahren die stahlharten Diskursnormen, die unbarmherzig verteidigten legitimen Erkenntnisformen und die unentrinnbaren Sozialregeln seiner Wahlgemeinschaft so verinnerlicht hat, dass er zwangsläufig nur noch die Lücken sieht. (Tipp zum Abkürzen: Lektüre der Spätwerke).

Die Bibliothekswissenschaft ist selbst per se eine Alteritätsdisziplin ersten Ranges, untersucht sie die Prozesse, wie Repräsentationen des Selbst – also Veranderungen, also (Quivive der différance) Veränderungen – erhalten und vermittelt werden. Bibliotheken erzeugen den Speicher des Anderen und damit den Grundstock eines entsprechend gestaltungswilligen Selbst. Denn durch die Konfrontation mit den Selbsttexten der Anderen, dem Befremdenden, dem Befremdlichen und deren Integration in der eigenen Selbsttext entsteht erst die Substanz, aus der unseren kulturellen Ideale sind: Persönlichkeit. Also Eigenheit, also positiver Kontrast. Ein besonderes Anderes. Wir  können nur anders wir selbst sein. Wir werden nur anders wir selbst sein können. Zu Erleben jeden Tag und disziplinär herausgehoben am 10. Juni 2o11.

Das Andere

Andere Poster, andere Motive. Und doch bleibt "anders" das selbstbezüglichste und ungreifbarste Konzept der Sinngeschichte. Damit legt sich wahrscheinlich auch engstmöglich wie das Leder eines gutgeschneiderten Kurzhandschuhs um das berühmte wie unberührbare Ding an sich, was sich in filigranularen Mittelaltherrenfantasien ohnehin als eine feenhaft schlanke Damenhand darstellt. Was daran liegen mag, dass auch hier der Reiz im gerade selbstähnlich maximal Anderen liegt. Ob sich die Inhaberinnen feenhafter Hände dagegen das Ding an sich wie schwielig-haarige Männerpranken vorstellen, wird sich vielleicht im Pausengespräch der Unkonferenz erfragen lassen.

(bk, 22.05.2011)

2 Antworten

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  1. MIM said, on 25. Mai 2011 at 10:14

    Schöner Text, danke!🙂

  2. […] It’s the frei<tag> Countdown. Noch 19 Tage. (22. Mai 2011) […]


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