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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 20 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 21. Mai 2011

„Ruller ruller fahren die Elektrischen, Gelbe mit Anhängern, über den holzbelegten Alexanderplatz, Abspringen ist gefährlich. Der Bahnhof ist breit freigelegt, Einbahnstraße nach der Königstraße an Wertheim vorbei. Wer nach dem Osten will, muß hinten rum am Präsidium vorbei durch die Klosterstraße. Die Züge rummeln vom Bahnhof nach der Jannowitzbrücke, die Lokomotive bläst oben Dampf ab, grade über dem Prälaten steht sie, Schloßbräu, Eingang eine Ecke weiter.
Über den Damm, sie legen alles hin, die ganzen Häuser an der Stadtbahn legen sie hin, woher sie das Geld haben, die Stadt Berlin ist reich, und wir bezahlen die Steuern.“
(Alfred Döblin / Berlin Alexanderplatz : Die Geschichte von Franz Biberkopf. – 35. Aufl. – München : Deutscher Taschenbuch Verlag, 1996, S. 145)

Den wohl wichtigsten Stadtroman des letzten Jahrhunderts im Hinterkopf ist der Gang durch Berlin, die Gegend um den Alexanderplatz aber auch ein Sparziergang in Buch bei der Irrenanstalt und dem Gefängnis in Tegel, irritierend. Alles ist anders, aber auch nicht ganz. Es fährt keine Elektrische mehr in Tegel, mit der ein Franz Biberkopf in die Stadt einziehen könnte. Sie ist vielmehr rückgebaut worden, nachdem im Nachklang der Berlin Blockade 1948/49 im Jahr 1954 beschlossen wurde, den Straßenbahnbetrieb im Westteil der Stadt vollständig einzustellen. Es gibt nach der Shoa auch das jüdische Leben im Scheunenviertel nicht mehr, in das Biberkopf mit der 41 fahren könnte, obgleich sich ein neues jüdisches Bewusstsein und pulsierendes Leben in Berlin etabliert hat – von wachsenden Gemeinden über Sportverein bishin zu explizit unkoscheren jüdisch-schwulen Partyreihen. Aber das ist doch etwas sehr anderes, als das Hinterzimmer mit Ofen, in dem Biberkopf die erste Atempause nach den Zumutungen der modernen Stadt gegenüber dem gerade entlassenen Häftling zugestanden wird.
Das Kaufhaus am Alexanderplatz heißt heute anders, nicht mehr Wertheim, und war zwischenzeitlich ein Symbol der architektonischen Moderne in der DDR. Heute sieht es eher wieder langweilig aus. Das Polizeipräsidium, in Döblins Roman ein Ort der Gefahr und Seelenentscheidungen, steht zwar noch am Rand des Alexanderplatzes. Aber es überragt nichts mehr, dominiert den Raum nicht. Weiß man nicht, dass es da ist, sieht man es auch nicht. Es liegt auf der anderen Straßenseite. Es fährt auch keine von Dampfkraft getriebene Lokomotive mehr in den Bahnhof am Alexanderplatz oder ansonsten in Berlin. Das Bild der sich mit dieser Kraft vorwärts schiebender Maschinen hatte das 1927er Meisterwerk „Berlin Sinfonie einer Großstadt“ quasi eröffnet und dort den fast schon gewalttätigen Beginn des Tages angekündigt. Heute würde es nostalgisch in eine andere Zeit zurückverweisen. (Und da wir in Berlin sind, gibt es dafür auch eine gesonderte Abteilung im Deutschen Technikmuseum, die es sich anzuschauen lohnt [http://www.sdtb.de/Schienenverkehr.94.0.html].)
Die Zeit hat die Stadt also verändert. Untergegangen ist so einiges in den letzten 100 Jahren. Der Berliner Expressionismus und Dadaismus, einst die Hoffnung der modernen Kunst, steckt heute im Landesmuseum, die Weimarer Kultur mit all ihren Experimenten ging unter – wie Peter Jelavich in seiner auf dem Stadtroman von Döblin basierenden Studie (Peter Jelavich / Berlin Alexanderplatz : Radio, Film, and the Death of Weimar Culture. – [Weimar and Now: German Cultural Criticism ; 37]. – Berkely ; Los Angeles ; London : University of California Press, 2006) zeigt–, bevor die Nazis die Macht übernahmen. Auch das Massenaufmarsch-geprägte Berlin der Nazis selber, der Vorentwurf zum Germania, ging unter in Trümmern. Das geteilte Berlin bis 1948, das doppelte Berlin bis 1961 (als sich die Stadt explizit auseinander entwickelte), das getrennte Berlin bis 1989 gingen unter und hinterließen Spuren. Spuren, die überformt und neu-interpretiert wurden, wie beispielsweise die Stalinallee, die einst den Sieg des Sozialismus und des Proletariats verkünden und lebbar machen sollte, zum Symbol eines gescheiterten Aufstands, dann aber als (umbenannte) Paradestraße auch zum Ort der Proteste der Opposition 1989 wurde, um in den 1990er Jahren langsam und in mehreren Anläufen zum hippen Wohnort für proletariats-ferne Sozialschichten zu werden.
Und doch haben sich Strukturen erhalten. Die Plätze wurden mit Geschichte aufgeladen, die Institutionen veränderten sich, ebenso die technischen Geräte. Die Menschen wurden anders. Es wurde möglich, mit den Experimenten der Vergangenheit zu spielen und sie neu einzusetzen. Am Alexanderplatz selber gab es jahrelang im Haus der Lehrers, das auch seine eigene Geschichte hat, die Döblin Lounge, eine Art Kunstcafe, in der immer wieder das Hörspiel und das Hörbuch zu Döblin Roman – die beide sehr unterschiedlich sind, wie, zum noch einmal darauf zu verweisen, Peter Jelavich eindrücklich herausgearbeitet hat – liefen und man gleichzeitig auf den neuen Alexanderplatz schauen konnte, im Blickwinkel die Weltzeituhr, die – neben dem Fernsehturm – heute zu den Symbolen der Stadt gehört, von denen Döblin aber nie etwas wissen konnte.
In den 1990er Jahren und den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts lag auch die Nachtbushaltestelle am Alexanderplatz gegenüber des Haus der Elektroindustrie, ein 220 Meter langer DDR-Neubau, der unter anderem die Bibliothek der Betriebswirtschaft der Humboldt Universität zu Berlin beherbergte und heute noch das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Dieses Haus wurde mit einem (zusammengesetzten) Zitat aus Döblins Roman verziert:

„Eine Handvoll Menschen um den Alex. Am Alexanderplatz reissen sie den Damm auf für die Untergrundbahn. Man geht auf Brettern. Die Elektrischen fahren über den Platz die Alexanderstraße herauf durch die Münzstraße zum Rosenthaler Tor. Rechts und links sind Straßen. In den Straßen steht Haus bei Haus. Die sind vom Keller bis zum Boden mit Menschen voll. Unten sind die Läden. Destillen, Restaurationen, Obst- und Gemüsehandel, Kolonialwaren und Feinkost, Fuhrgeschäft, Dekorationsmalerei, Anfertigung von Damenkonfektion, Mehl und Mühlenfabrikate, Autogarage, Feuersozietät. Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wirds noch kälter.“

Wer nun jung war zu dieser Zeit, ausging, und in den Richtungen Marzahn und Hellersdorf, Lichtberg und Kreuzberg, Neukölln und Hohenschönhausen wohnte, war jahrelang gezwungen, diesem Zitat gegenüberzustehen, bis der Bus – der jede halbe Stunde fährt und selbstverständlich gerade abgefahren war, wenn man die Haltestelle erreichte – kam. Auch im Winter, wenn es kalt war, hundekalt. Eine brachiale Ironie. Aber auch das ist Berlin.

Soviel los, dass es verwirrt? Eigentlich nicht, aber Franz Biberkopf wäre vielleicht durcheinander. Dabei würde ihm die Zeit helfen. Die Elektrischen fahren wieder über den Alexanderplatz, was sie jahrzehntelang nicht taten. Die Polizei ist auch da, strahlt aber weniger Autorität aus, eher den Wunsch, sich dem verbreiteten Berliner Lebensgefühl des „Lass mich in Ruhe, alda, ich will chillen“ anzuschließen. Das Berolina-Haus ist noch da, sogar neu renoviert und hübsch gemacht. Das Haus des Lehrers wird fast vollständig verdeckt von einem reinen Einkaufshaus, das drinnen nicht halb so spannend ist, wie das alte Wertheim. Aber das ist vielleicht nicht schlimm: Das Haus des Lehrers sieht heute gänzlich anders aus, als vor 90 Jahren. Und dann auch noch die Weltzeituhr, wo früher nichts war. Genauer: Es ist gar nicht mehr das Alte Haus, dass stand auch etwas näher am Zentrum des Alexanderplatzes als das jetzige. Ganz am Rand schiebt sich auch noch die Werbung für eine Unkonferenz herein, einer Veranstaltungsform, die für Biberkopf auch unbekannt sein dürfte. Zwischendurch Menschen und Werbezelte. Großstadt halt. Alle sind eingeladen, vorbeizukommen.

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