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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 21 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 20. Mai 2011

Das hinterlistige an Symbolen ist, dass sich ihr Bedeutungsinhalt beständig verschiebt und neu auflädt. Vielmehr: Symbole in Zeiten der Popkultur verweigern sich einer allgemeinen, gar gesellschaftsweiten Zuschreibarkeit. Die Postmoderne hat sich mit Symboliken und sich verschiebenden Machtverhältnissen auch so intensiv beschäftigt, weil sich diese beständig der Greif- und Beschreibbarkeit entzogen. Ist das ein Allgemeinsatz? Eventuell. Das allerdings heißt nicht, dass er einfach aufzulösen wäre.
Die Fluidität der Symbole stellt unter anderem eine beständige Negierung der Hoffnung dar, Wissen und Inhalte vollständig und endgültig beschreiben und zugänglich machen zu können. Wenn eine Gesellschaft und noch mehr einzelne Gruppen der Gesellschaft beständig die Bedeutung der Symbole und ihre Einbindungen und Verwendungen in Machtverhältnissen verschieben, wie kann man da dieses Wissen sinnvoll erfassen? Die Tendenz der postmodernen Wissenschaften ging immer dahin, jede Analyse und Beschreibung von Diskursen nicht nur geographisch und sozial zu situieren, sondern auch zeitlich zu verorten.
Mit dieser Grundthese konnte immerhin gezeigt werden, dass sich Bedeutungen nicht nur rasend schnell wandeln können, sondern konträr zu ihrer Beweglichkeit Diskurse auch weiterschreiben und mithilfe von Symbolen über die Zeit retten. Nicht nur die feministische Forschung, sondern gerade die zum Antisemitismus konnte ein solches Weiterschreiben von Vorstellungsmustern, Vorurteilen und Bildern nachweisen. Das angebliche anything goes, welches konservative Kritikerinnen und Kritiker der modernen Gesellschaft unterstellen, gab und gibt es nicht. Vielmehr zeigen sich gerade Unterdrückungsverhältnisse als relativ beständig. Konfigurationen von Symbolen, Diskursen, also auch handlungs- und entscheidungsleitenden Vorstellungen, scheinen immer wieder das bessere Bild der ständigen Bedeutungswandlungen zu sein, als der angeblich existierende Supermarkt freier Wahlmöglichkeiten. Dies war letztlich eine der wichtigsten Erkenntnisse der ganzen postmodernen kritischen Forschung in den letzten beiden Jahrzehnten.
Die postmoderne Gesellschaft hat sich weithin mit dieser Eigenheit eingerichtet. Das partielle Vergessen, Wiederentdecken und Neuinterpretieren von Symbolen und bedeutungstragenden Bildern ist zur Eigenheit der Postmoderne geworden. So ist – selbstverständlich mit den Vorbildern des Hip-Hop – das Samplen und Zitieren früherer Popkultur heute quasi eine Aufgabe jeder und jedes ernstzunehmenden (und anderer) Popkünstlerinnen und -künstler und das Erkennen und Verorten dieser Zitate Teil popkultureller Praxis – und damit auch die Differenzierung zwischen denen, die Ahnung haben und denen, die sie nicht haben. Was in Jahrhunderten zuvor an der Kenntnis oder Unkenntnis des jeweiligen Katechismus der Nationalkultur mit direkter Verbindung zu Bildungstiteln und damit auch sozialer Stellung als machtvolle Differenzierung wirkte, funktioniert immer mehr im Mainstream der Gesamtgesellschaft. Wir können den Kopf darüber schütteln, dass Menschen die direkten Zitate Lady Gagas aus Madonnas Stil und Videos nicht erkennen, gar fragen, wer Madonna eigentlich ist; wir stellen mit Erschrecken fest, dass Menschen beim Wort „Rosebud“ verwirrt schauen und nicht an Schlitten denken; denn es beweist unseren Wissensvorsprung genauso wie das Vergessen kultureller Artefakte in der heutigen Gesellschaft. Gleichzeitig: Ist das wichtig? Hatte die Nationalkultur, dass Zitierenkönnen des Ostersparziergangs oder das Wissen darum, was im Westen nichts Neues sei einst ein weitergehendes Bildungswissen angezeigt, zeigt es jetzt mehr an, als dass wir einen der wichtigsten Filme der Geschichte kennen und andere nicht? Es ist zumindest keine einfache Linie zu ziehen. Wer gar keine Kultur hat, die er oder sie zitieren und persiflieren kann, ist nicht nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation eingeschränkt, sondern auch weiterhin gesellschaftlich ausgeschlossen. Aber wenn jemanden Orson Welles unbekannt ist, kann derjenige oder diejenige immer noch anderes Wissen haben und über Chanspeak und LoLcats mehr wissen, als uns Bücherlesenden lieb sein kann. Das schließt niemand mehr aus der Gesellschaft aus.
Aber wir schweifen ab. Obgleich auf eines noch hingewiesen werden muss: Die beständige Bedeutungsverschiebung von Symbol und Inhalt ist nicht nur ein Teil der Gesellschaft, der so schnell nicht verschwinden wird; es ist vielmehr auch zum explizit genutzten Bestandteil politischen Engagements geworden. Immer wieder zitiert wird dabeu zu Recht die positiv umdeutende Aneignung des Begriffes Gay durch die LTGB-Bewegung. Judith Butler versuchte das unter den analytischen Begriffen der Performativität und Maskerade als politisches Konzept zu fassen und war damit erfolgreich.
Das alles stellt nun aber immer wieder die Frage: Was tun mit diesem Bedeutungswandel, wenn man Wissen ordnen und zugänglich machen will? Nicht nur für den Moment, sondern für die Ewigkeit. Der Hype um die Folksonomies in den letzten Jahren hatte ja auch mit dem Versprechen zu tun, dass diese das Potential hätten, die Gesellschaft dazu zu bringen, das produzierte Wissen selber zu beschreiben und damit zu erschließen. Selbstverständlich hat sich diese Versprechen nicht vollständig erfüllt, so wie all die einst konzipierten Universalklassifikationen ihr Versprechen nicht halten konnten, alles Wissen zu ordnen. Aber fraglos führten Folksonomies den Gedanken, dass Klassifikationen flexibel und multiperspektivisch sein müssen, verstärkt in das Nachdenken über die Ordnung des Wissens ein. Die Ordnung des Wissens übrigens, die auch bei der frei<tag> Thema sein kann.

Eine Banane im Stadtbild Berlins, ein überladenes Symbol der Popkultur. Bekanntlich (?) das sichtbarste Symbol eines der wichtigsten und innovativsten Alben der Popgeschichte und der Verbindung zur Popart der 1960er Jahre. Aber was heißt sie nun? Sie taucht immer wieder auf. An der Humboldt-Universität wird sie beispielsweise getragen von Studierenden auf ihren T-Shirts, doch haben die jemals von Velvet Underground gehört? Was wissen die mit Andy Warhol anzufangen? Ist für die Nico mehr als ein Name? Hat sich das Symbol nicht – allerdings ganz im Sinne Warholes – verselbstständigt? Oder ist Banane in Ostberlin nur der letzte Rest des Witzes von den Ossis, die sich keine Südfrüchte leisten konnten und für die deshalb Bananen angeblich zu einem wichtigeren Symbol der Freiheit wurden als das Grundgesetz? Wurde vielleicht die Geschichte des Symbols vergessen oder überschrieben? Hat es eine Bedeutung? Zumal die Banane Street-Art ist, verortet also weiterhin in einer widerständigen Praxis, die aber auch Kunst sein will, wie uns letztens der Bansky-Film „Exit through the giftshop“ (Den man auch kennen muss, will man über Symbole in der Postmoderne reden, auch weil er Warhol und dessen Grundfrage direkt und indirekt immer wieder thematisierte. Oder?) belehrte? Man darf keine einfache Antwort auf diese Frage erwarten.

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