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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 22 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 19. Mai 2011

„How desperately I wanted to forsake these facts, to open a smelly old book or to go down on a pretty young girl instead.” – Gary Shteyngart, Super Sad True Love Story, S. 79

“Another girl was going for that New Naked Librarian look, very little covering her body except glasses as thick as my storm windows, which I thought was funny because even a fine institution like Elderbird had recently closed its physical library, so what the hell was this girl even referencing” – Gary Shteyngart, dito, S. 204

Es ist noch gar nicht solange her, da galt das Bibliothekswesen der Vereinigten Staaten als vorbildhaft für jeden, der sich überhaupt mit Bibliotheken beschäftigte. Es war ein Land, in dem angeblich zum Wohle der Freiheit Milch und Honig in Gestalt von nahezu unabsehbaren Mittelzuweisungen in die sich entwickelnden Bestände flossen und der freie Zugang zu Informationen als de facto Menschenrecht galt. Das scheint sich in gewisser Weise zu ändern. Nun, da man in der Fortschrittswestzone Nummer Eins die Fahne mit dem Apfel  und dem Flämmchen – to kindle bedeutet u.a. auch, etwas in Brand zu setzen – hisste, fühlt man sich als Betrachter ein wenig in einem schlechten Aufguss einiger Desk-Set-Szenenbilder. Allerdings sind Steve und Jeff bei weitem nicht so charismatisch wie Spencer Tracy (Ein Computer macht noch keinen Sumner) und man weiß, dass in den ladekabelhaften BDSM-Praktiken dieser Digital-Technophilie kein leicht-angeschmalztes Happy End zu erwarten ist, sondern nur ein sinnlich-reduziertes Dauerfensterln über kleine äppäräte einer Super Sad True Love Story. No country for old (and smelly) books, möchte man sagen. Und auch keins für mittelalte Männer wie Gary Shteyngarts Lenny Abramov, der in seinem bibliophoben Zukunftsreich nach wie vor nicht von bound, printed, nonstreaming Media artifacts lassen kann.

Der literarische Shteyngarten lässt sich problemlos als bonbonierte Schreckensfantasie eines dieser überdrehten typischen Buch- und Mädchenliebhaber kennzeichnen, die ihre Textspuren spätestens seit den 1950er Jahren ziemlich offen durch die absurdistane Loliteraturgeschichte ziehen durften.

Die nüchternere Gegenwartsanalyse kommt vom Pulitzer-Preisträger Charles Simic (mehr zu ihm heute in der NZZ), der mit Shteyngart immerhin das Geborensein in Osteuropa und damit die Erfahrung des Displacement teilt. Vielleicht erwächst aus solch einer Kindheitsprägung in der Biographie eine besonders bewusste Sensibilität für riechende Erinnerungsmedien (Bücher) – Simic war sechs, Shteyngart sieben als ihre Familien in die USA emigrierten.

Im Blog der New York Review of Books blogreviewed  Simic nun die tatsächliche Lage des öffentlichen Bibliothekswesens der USA: Die Public Library zu Detroit schließt wohl alle Zweigstellen und die in Denver die Hälfte des Lesens – Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen, wie leicht ist Niedergang doch poetisierbar.

Mit einer Empathie, die in der pragmatischen Welt, in der es laut Traum jeder – wohin auch immer –  schaffen kann, wenn er nur fit und gewillt genug ist, sich den Regeln fügt, wo es notwendig ist und also nicht unbedingt Karl Rossmann heißt, den eigenen Erfahrungen gemäß nicht bei jedem anzutreffen ist, weißt Simic  darauf hin, dass dies nicht nur traurig für die freigesetzten Bibliotheksmitarbeiter ist, sondern auch für die Nutzergruppen, für die die Public Library der hauptsächliche Zugangsweg zur Informationswelt und Internet ist.

Uns wie selbstverständlich zugewachsen, übersehen wir mitunter, dass schon die dreißig Euro für DSL-Zugang und Mobiltelefonflatrate für manchen eine finanzielle Hürde darstellen, die er als dicke Scheibe von seinem täglich Brot abschneiden muss.

Im typisch amerikanischen Erzählstil zieht Simic den Bogen über seine persönlichen Erfahrungen mit der Bibliothek in seinem Jugendort Oak Park, Illinois. Die Grunderkenntnis, die sich aus dieser Schilderung ableiten lässt, ist weniger der gezielte Zugang zu zweckmäßiger Information, wie er leichthändig durch das Faktenweb ersetzbar ist. Es ist mehr die Konfrontation mit der Welt als vielgestaltige Möglichkeit von Céline bis Bix Beiderbecke:

„ It’s not that I started out life being interested in everything; it was spending time in my local, extraordinarily well-stacked public library that made me so.”

Er spricht damit jedoch zugleich etwas an, was man aus unserer Perspektive ab und an vernachlässigt: Diese Welt von verschmolzenem Leben und Lesen, die der Charles Simics und Lenny Abramovs, ist die Realität nur einer bestimmten Lebensstilschicht, nämlich der des Intellektuellen. Die Mehrheit bezahlt – im Gegensatz zu den öffentlichen Straßen, über die jeder zumindest Wandern kann – mit den öffentlichen Bibliotheken eine Kultursphäre, die einem ausgewählten Bildungsideal dient. Im Gegenzug finanzieren die Intellektuellen vielleicht das öffentlich-rechtliche Kernfernsehen für all diejenigen, die nicht unbedingt auf der Suche nach permanenter Einsicht und Tiefenschürferei sind.

Das Besondere an Bibliotheken ist immerhin, dass sie zwar immanent exklusiv sind, ansonsten aber keine Schranken kennen. Sie sind dahingehend urdemokratisch, als dass sich jeder Bürger, so er denn will, nach dem Ideal der Bibliothek anregen lassen kann. Der putzige Hinweis mancher rotstiftenden Entscheidungsträger, wir hätten doch jetzt ohnehin alle Internet, ignoriert einerseits die genannte Zugangsschwelle und andererseits die Tatsache, dass hier eine öffentliche Dienstleistung im wahrsten Wortsinn privatisiert wird.

Es gibt keine Alternative, als die, sich seines eigenen Webzugangs zu bedienen. Es ist unklar, ob die Fähigkeit zur Reflexion und Analyse zwangsläufig verstümmelt bleibt, nur weil wir E-Texte lesen und nicht im Papier blättern. Die Form eines Mediums wirkt sicher dispositiv, aber so richtig scheint noch niemand absehen zu können, wie sehr. Und ob die Folgen überhaupt problematisch sind.

Es bleibt aber ebenso unklar, ob längere Texte, die dann am Ende doch unbestritten Basissprachspeicher unserer kulturellen Identität sind, überhaupt noch gelesen werden, wenn wir als Alternative mehr oder weniger pädagogisch wertvoll aufbereitete Häppchenware in Gestalt von Zwei-Minuten zu komplexen Sachverhalten wie Open Access einer Geschichte der Zeit oder der Liebe übermorgen vorgehalten bekommen.

Der Maßstab der Informationsverarbeitung heißt nun einmal: Möglichst viel in möglichst kurzer Zeit. Das Benchmark der Datenprozessierung haben wir von der EDV ziemlich gut in unseren Alltag übernommen und wer die sprudelnden Nachrichtenquellen nicht überblickt, hat es schwer im Small Walkie-Talking, wenigstens in universitätsnahen Coffee Shops. Wir teilen uns dabei nur Symbole in Grobklassifikation aus und sammeln ein paar ein. Eine Frage danach, was man damit machen will, sorgt bei nicht wenigen Digital Twens meines Umfelds nur für erstaunlich große Augen und provoziert die Antwort, dass man mit den großen Ideen ja wohl durch sei und ohnehin keine Zeit bleibt, um sich damit wirklich zu befassen.

Rückbau Uni 3b

Bibliotheksrückbau Uni 3b. Solche Schilder sieht man selten und ungern. Immerhin wird hier aber noch ehrlich ausgeschildert, was geschieht und es ist ausnahmsweise keine Schildbürgerei. Denn die Bestände der Sozialwissenschaften wurden einmal über die Gleise ins Grimm-Zentrum umgesiedelt. Viele der Bestände der geschlossenen Public Library-Zweigstellen wandern dagegen in den Abverkauf der Amazon-Marketplaces. Und werden natürlich auch damit der Öffentlichkeit entzogen.

Bibliotheken sind, heute mehr denn je, nunmal etwas für die Lenny Abramovs, für den poetischen Blick eines Charles Simic, für eine kleine Elite, die selbst im Prosanova-Umfeld eine Außenseitertruppe darstellt. Was jedoch abgesehen von all den wichtigen und doch manchmal etwas arg einfach-pessimistisch gebloggten Verlustpunkten Simics uns noch buchgeprägte Individuen wirklich entsetzt, ist die selbstgewählte Flucht in die streamleinende Konformität, die den buchfernen, dauervernetzten Kommunikatoren als Ausgleich zum Dauerbeschuss an repräsentierten Memen von 2 Girls 1 Cup über Alexander Marcus bis hin zum New Yorker, Next 11 und Europeana hackathon zu dienen scheint. Die Dauerlust an der Sensation schiebt sich vor die Sehnsucht nach dem Geheimnis. Wer den Quellcode beherrscht (oder wenigstens Gott der iTunes-Tracklist ist), den kann nichts mehr überraschen. Und was noch überraschen könnte, was nicht Gegenwart und Handlung ist, hält man sich durch Ear-Plugs und Touchscreen und einem durch Angst vor der Kontingenz gelenkten Zynismus vom Leib. Die Konfrontation mit der serendipitösen Unendlichkeit des Zeichenreichs der Bibliothek ist an dieser Stelle tatsächlich nicht nur verzichtbar. Sondern schlicht nicht mehr gewünscht. Gegenstimmen? Sind am 10.06.2011 höchst erwünscht: www.bibliothekswissenschaft.eu

Simic, Charles (2011): A Country Without Libraries. In. NYR Blog. 18.05.2011. http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2011/may/18/country-without-libraries/

Shteyngart, Gary (2011): Super Sad True Love Story. London: Granta Publications

(bk, Berlin, 19.05.2011)

3 Antworten

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  1. […] It’s the frei<tag> Countdown. Noch 22 Tage. (19. Mai 2011) […]

  2. […] Schriftsteller Gary Shteyngart (u.a. bekannt durch seinen Roman Super Sad True Love Story, vgl. auch hier) dahingehend eher pessimistisch – übrigens ganz in Übereinstimmung mit seinem […]

  3. […] der Mediennutzung alltäglich war. (Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story-Welt (Zitate dazu hier) scheint gar nicht so weit entfernt und wer die aktuellen amerikanischen Großstadtreflektionen […]


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