LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 23 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. Mai 2011

Irgendjemand verbreitet gern und wiederholt, dass die Menschen immer weniger Briefe schreiben. Ich glaube, mich zu erinnern, dass es vor allem die Deutsche Post ist, wenn sie über Spielräume beim Briefbeförderungsentgelt nachdenkt. Das Briefmonopol bekäme demnach demnächst einen besonderen Falz, da alles darauf hinausläuft, dass es nur noch vielleicht einen Brief am Tag gibt. Der Anbieter, der den befördert, hat dann auch das Monopol.

Ich kann diese Einschätzung weder teilen noch bestätigen, denn die Menschen in meinem Umfeld schreiben ohnehin selten Briefe. Ich bin ja auch kein guter Briefbeantworter, denn ich liebe das Medium zu sehr, um eine solche Korrespondenz in nachhaltig unbefangenen Bahnen zu absolvieren. Briefe, so ihre Funktion, verbinden. Daher, so meine Deutung, sind sie auch verbindlich.

Sollte Marbach jemals die Bündel meiner Briefwechsel (oft eher –sendungen) mit den Milenas und Felicen meiner Biografie ersteigern, so möchte ich selbstverständlich, dass es sich für das Archiv auch lohnt. Und wenn es wegen der Ersttagsstempel ist… Das Spiel, das sich mir Briefschach von Wuthenow aus solcher Einstellung eröffnet, bringt freilich erfahrungsgemäß weder Bauer noch Dame noch Dora auf die eigene Seite des Brettes. Sondern heißt schlicht Solitär.

post

Posta Cordalis? Nun ja, nicht jeder Brief geht zu Herzen. Das Briefing auf Seite N5 der heutigen FAZ über die Situation der Geisteswissenschaften in Großbritannien jedoch lässt es einem tatsächlich eng in der Brust werden. (siehe unten) Da zieht man diesen Fächern gern mal einen Strich durch die Forschungsrichtung. Im philatelistischen Deutschland hält man dagegen die Fahnen der systematischen Sinnsuche noch hoch. Allerdings sind Kulturkürzungen auch nichts, dessen Annahme man sich in hiesigen Breiten verweigern kann. Wieviele Museen brauchen wir morgen? Einem, welches wie das Wallraf-Richartz-Museum (Motto: "Ein Museum für alle, die neugierig sind.") per Briefmarke geehrt wurde, sollte jedenfalls nicht bange sein. Ungers Bau, martialisch am Marsplatz gelegen, ist ein wahre Trutzburg der Kunstgeschichte. Die Alten Meister halten daher selbst eine twombly-hafte Nachentwertung durch den Postboten locker aus.

Insofern ist der Fluss der Botschaften in den zwar kleinen, aber dennoch chronisch zu großen Briefkasten meist kein solcher, sondern mehr ein rinnendes Tröpfeln. Wenn man ihn aber wie ein Staubecken benützt und einfach eine Woche nicht hineinschaut, wird man von einem sympathischen Hochwasser in Papier überrascht. Heute war es dann soweit:  Jemand erinnerte sich liebevoll meiner mit einer Postkarte aus einer italienischen Travel’n’Work-Idylle. Ein Amt für Statistik dachte an mich als Repräsentanten für den Zensus und fragt, wie viele Wohnungen wir morgen brauchen. Ich würde gern antworten, dass meine Lebensumstände mir höchstens die Verpflichtung zu drei Zimmern, die jedoch in der Welt verstreut und ein entsprechend dickes Schlüsselbund, aufbürden. Allerdings fehlt dafür auf dem Bogen das Freitext-Feld.

Ein weiterer Umschlag zeigt mir, dass das schöne Land Portugal vielleicht nicht auf jedem Gebiet Weltspitze ist (Fußball, Haushaltspolitik), aber in der Philatelie mitunter außerordentlich bezaubernde nassklebende Perlen hervorbringt. Die Berlocken der Serie Pedras Preciosas na Arte Sacra em Portugal sind damit noch nicht mal gemeint. Aber z.B. der Blocksatz mit den Europa-Marken 2010 zu den Livros Infantis. Deren bilinguale Bogen-Fassung (Portugiesisch/Englisch) zeigt übrigens, dass solche Exemplare mit schöner Kreuzritterkreuz-Zähnung bereits als Exportstanzung durch die Druckmaschinen gehen. Über die Briefmarkung wird auch ein Hoheitszeichen zum Produkt. Nur wenige Portugiesen werden sich indes am Kiosk zur O Jogo  den Block zum Macaco do Rabo Cortado aushändigen lassen. Designer João Vaz de Carvalho hat zwar dem schwanzlosen Affen gehörig illustrativen Zucker gegeben. Der Zielgruppe ungleich populärer dürfte der extra aufgelegte Briefmarken-Fanblock „Portugal a Ganhar“ zum heutigen UEFA-Cup-Finale sein. Auch in Braga zahlt man für dieses Porto sicher gern aus der, hm, Portokasse. Ich persönlich setze ja auf den unglaublichen Hulk…

Und ein weiterer kleiner Großbrief enthielt ein Print-On-Demand-Heftchen mit wunderbaren Selbstporträts einer offensichtlich bezaubernden Fotografin, die fast eine milenenhafte Sehnsucht auslösen und einen sofortigen Betrachterbrief mit Bitte um ein Autogramm hervorrufen würden, wenn Fanpost in diesem Fall nicht albern oder allzu verschroben wirken würde. Bzw. wenn ich eine andere Adresse als die von Blurb CS auf dem Absender hätte. Aber wo kein Verlag, da keine Fankultur. Außer vielleicht auf diesem Weg: una.knipsolina, wenn Du das hier liest! dann lies: Deinen hundert schritten in 20 Bildern bin ich außerordentlich gern nachgegangen und das Max-Frisch-Zitat passt wie zufällig hervorragend in diesen wunderschönen Mai, wo, wie die Dichterliebe weiß, so manches aufzugehen neigt.

Manches geht aber auch ein. Jedenfalls erreicht uns über den Zeitungsköcher vollkommen bar jedes romantischen Appeals und allen Fantasierens eher kein gutes Hoheitszeichen aus dem vereinigten Königreich. Überbringerin der schlechten Nachricht ist Anna Gielas in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in deren Wissenschaftsteil, Sektion Forschung & Lehre sie aktuelle Verteilungsschlüssel für geisteswissenschaftliche Forschung im Vereinigten Königreich referiert. (Philosophie, die dem Tourismus nicht nützt, ist entbehrlich. Ausgabe vom 18.05.2011, S. N5) Der Higher Education Funding Council for England (HEFCE) hat, so die Berichte stimmen, unter der Haushaltsführung durch John Browne, Baron Browne of Madingley eine recht kuriose Entwicklung vollzogen, wobei der BP-CEO a.D. zeigt, auf welchem Küstenstrich die humanistischen Fächer ihren Deep Water Horizon abzustecken haben:

„Browne und sein siebenköpfiges Beraterteam sehen keinen Anlass für die staatliche Finanzierung der Geisteswissenschaften. Ihre Priorität liegt in den STEM-Fächern: „Science, Technology, Engineering, Mathematics“ seien strategisch wichtig und bedürften daher staatlicher Mittel. Geisteswissenschaften dagegen werden zu optionalen Extras, deren Finanzierung die Universitäten anderweitig bestreiten sollen.“

Nachdem der gebürtige Hamburger das Kunststück vollbrachte, aus dem ur-britischen Treibstoffhersteller wenigstens dem Image nach irgendetwas Beyond Petroleum zu machen, erfindet er mit seinem Team nun eine Wissenschaftslandschaft im Wappen der Dauerinnovation aber ohne Raffinage des wissenschaftlichen Sprudelns durch berufsmäßige Reflektoren. Dieses Botox für die Entfaltung weiteren Wirtschaftswachstums wirkt zugleich als eine Art Botoxoplasmose für das freilaufende Denken und wer als Geistes- oder auch Bibliothekswissenschaftler aus den üblichen Verteilungsargumentationen oft genug gehört hat, dass auch in der Wissenschaftsförderung ein klammer Beutel hängt, weiß, was er sich letztbegründet abschminken kann.

Vielleicht ist es ein wenig zugespitzt, aber auch hierzulande schimmert manchmal eine gewisse stumpfe Funktionsorientierung und ein leichter Legitimierungsdruck an das nicht Produkt schaffende Forschen durch den Puder des Humboldtianschen Ideals der Bildungsrepublik.

Und irgendwie kann man auch der sich mit ganz großen Schritten erst hochfliegenden, dann absenkenden Bolognese des Universitätsstudiums problemlos die Nivellierung hehrer Ziele an eine kaum kaschierte Prozessierungsidee trivialkapitalistischer Utilitarisierungsansprüche unterstellen, die alle dazu zwingt, Schulter an Schulter zu gehen und die den Kern des eigentlich Reizvollen an der Wissenschaft, nämlich des Denkens abseits der Reihe zum Zwecke der Entdeckung des Unvorhersehbaren, zu einer Privatparty nach Dienstschluss degradiert.

Wer die in einschlägigen Diskursmedien geführte britische Debatte kennt, weiß, dass nicht nur bei Richard Baggaley von der Princeton University Press der Eindruck besteht, jenseits des tiefen aber untertunnelbaren Grabens zwischen Kontinent und Insel neigten tatsächlich „Gutachterkriterien der staatlichen Behörde [dazu] kurzatmige, durchaus seichtere Geisteswissenschaften“ zu fördern.

Die deutschen Geisteswissenschaften stehen dabei nach wie vor vergleichsweise gut alimentiert da und wenn sich die deutsche Bibliotheks- und Informationswissenschaft dafür entscheiden würde, wieder mehr Einflüsse in ihre Curricula zuzulassen, würde sie nicht automatisch ihre ganze, schon immer leicht prekäre Existenz aufs Spiel setzen. Man kann Geisteswissenschaften auch auf das 21. Jahrhundert aktualisiert betreiben. Gleiches gilt für eine geisteswissenschaftlich betupfte Bibliotheks- und Informationswissenschaft (mehr dazu demnächst hier in diesem Blog).

Für eine erfolgreiche Förderung in England würde es ohnehin schon reichen – glaubt man jedenfalls Anna Gielas Schilderungen in der FAZ:

„Die Gutachter stellten beispielsweise wohlwollend fest, dass der Twitter-Feed einer Dozentin über Heinrich VIII. das Magazin „Which?“ dazu bewogen hatte, seinen Lesern Hampton Court als Ausflugsziel zu empfehlen. Auch die Tatsache, dass das Buch eines Forschers lobende Kritiken seitens britischer Tageszeitungen erhalten hatte und gar verfilmt worden war, brachte dem Institut des Wissenschaftlers bei HEFCE Pluspunkte. Die Zukunft der englischen Geisteswissenschaften liegt, allem Anschein nach, nicht in exzellenter Forschung, sondern einer überzeugenden Presseabteilung sowie regem Twittern.“

Denn sicherlich müsste lobend berücksichtigt werden, dass gerade aufgrund des Herunterbloggens eines Countdowns mit launigen Kurztexten zu einer Unkonferenz die bibliothekswissenschaftlichen Touristen nach Berlin kommen bzw. ihren Bibliothekartagsaufenthalt um einen frei<tag> verlängern.

Dass sich allerdings von deutschen Bibliothekswissenschaftlern verfasste Bücher überhaupt nur zu Laufbildern umgewandelt (von Filmwerken ganz zu schweigen) ihren Weg in die Rotationskinos selbst abgelegener Nebenstraßen bahnen, scheint zum jetzigen Zeitpunkt sehr unwahrscheinlich. Ich vermeide als Wissenschaftsbeobachter, der schon mit im Summa  Cum Laude ausgezeichnete Dissertationen als schmalspuriges Kopierwerk auslaufen sah, zwar grundsätzlich Worte wie „niemals“. Aber momentan schwarzschwant (Dank an Wordspy für das heutige Wort des Tages) mir von keinem Werk etwas, auf dessen Leinwandpotential ich einen Token setzen würde. Gegenstimmen? „Faites vos jeux!“ Am 10. Juni 2011 in Berlin.

(bk)

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. […] It’s the frei<tag> Countdown. Noch 23 Tage. (18. Mai 2011) […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: