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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 25 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 16. Mai 2011

Das populäre Märchen, dass Migration schlecht für die Gesellschaft wäre, wird bekanntlich nicht erst in dieser Saison von ehemaligen Finanzsenatoren erzählt, denen das Rechnen und die Recherche offenbar schwer fällt. Vielmehr ist die deutsche Geschichte voll von Menschen und Gruppen, die dieses Ressentiment wieder und wieder erzählen. (Und nicht nur die deutsche.) Aber auch nicht immer.
Es ist einige Jahre her, das 1685 vom damaligen Kurfürst in Brandenburg ein Edikt erlassen wurde, welches – für die christlichen Gläubigen zumindest – die Glaubensfreiheit erließ. Dieses Arrangement animierte einen regelrechten Sturm auf die Stadt Berlin von Réfugiés, welcher einen Sarrazin zum Schreiben wutentbrannter Essays veranlasst hätte. 20.000 waren es ungefähr, eine Zahl, vor der italienische Inseln heute in die Knie gehen. Sie wurden aufgenommen, begrüßt gar, da das Debakel des 30-jährigen Krieges nicht überwunden war. Wie heute einige Landstrich östlicher Bundesländer waren damals in Brandenburg Gebiete weithin entvölkert, an Aufbau nicht zu denken. Aus dieser Misere befreite sich Brandenburg durch die Ansiedlung größtenteils armer Flüchtlinge. Handwerkersfamilien und Kleinhändler, die in ihrer Heimat auch der Kleinkriminalität verdächtig waren, wurden bevorzugt.
Die Bevölkerungsgruppe grenzte sich massiv ab, sprach ihre eigene Sprache, behielt ihre eigene Form des Christentums bei. Vielmehr verbrüderte sie sich mit einer ähnlichen Migrationsgruppe aus dem böhmischen, als das sie sich auf die deutsch- und polnisch-sprachige Bevölkerung ihrer Umgebung bezog. Sie bildete eigene Wohnquartiere, die auch heute noch im Berliner Stadtbild sichtbar sind, wenn man die Zeichen zu deuten weiß. Sie heirateten untereinander, bauten eigene Kultstädten und Schulen Ein Fünftel der Bevölkerung von Berlin und umliegender Städte wurde von diesen Réfugiés gebildet. Sie bildeten eine eigene Gerichtsbarkeit aus. Die Mitte Berlins war ein Neukölln-Kreuzberg mit französischer Sprache; ein Alptraum für jeden Deutsch-Nationalen und NPDler, hätte sie damals schon gegeben. Im Großen und Ganzen: Sie passten sich nicht an. Überhaupt nicht.
Es war ein Horror für jede Integrationsthese aus heutiger Zeit: Diese Migrantinnen und Migranten verweigerten eine die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft, mehr noch, sie legten ein Desinteresse der deutschen Sprache gegenüber an den Tag, forderten sogar implizit eine Zweisprachigkeit der brandenburgischen Gesellschaft ein. Lieber bauten sie ihre Cafés und Avenues nach, als deutsche Wirtshäuser. Lieber brachten sie ihre eigene Kultur des Arbeitens mit und weigerten sich, den geforderten Anpassungsmaßnahmen zum Eintritt in die Zünfte Genüge zu tun. Sie unterwarfen sich nicht. Kurzum: die brandenburgische Gesellschaft stand vor einer Aufgabe, die heute mit Sprachförderung, Forderungen nach Deutschtests, Behauptungen darüber, dass diese Réfugiés mit ihrer gesamten Bagage einen unhinnehmbarer Eklat darstellen würden, beantwortet würden. Die Feuilletons würden sich überschlagen, der Einsatz der Gendarmerie gefordert.
Was ist daraus eigentlich geworden? Eine Migrationsgruppe, die einen eigenen Glauben, eine eigene Sprache mitbringt, sich den pädagogischen Zuwendungen und Anforderungen der Gesellschaft widersetzt, eigene Quartiers baut, ein eigenes Leben lebt, sich explizit abgrenzt? Nur noch Omelette und Bulette? Interessanterweise ist sie tatsächlich verschwunden in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, besser in die deutsche Gesellschaft hinein. Wie uns beispielsweise die ständige Ausstellung „…ein jeder nach seiner Façon?“ im Bezirksmuseum Friedrichshain-Kreuzberg (dessen Besuch hiermit für alle Besucherinnen und Besucher Berlins empfohlen sei) belehrte, wäre Berlin nicht die Metropole geworden, die es heute ist, hätte es diese Migrationsgruppe der Hugenotten nicht gegeben. Gleichwohl, so lehrte uns die gleiche Ausstellung, wechselt sich die Bevölkerung in Berlins Mitte-Bezirken einmal pro Generation grundsätzlich aus. Wo früher das Hugenottenviertel war, finden sich heute touristische und kulturelle Zentren, die Akademie der Wissenschaften, Stadthäuser, das Auswärtige Amt. Wo heute andere Migrationsgruppen in Berlin leben, wer weiß, was dort in zweihundert Jahren sein wird?
Die interessante Frage dieser Geschichte ist aber: Braucht es eigentlich des ganzen Integrationszwangs, der heute auch von gut meinenden Einrichtungen auf Menschen mit Migrationshintergrund ausgeübt wird? Ist das Thema überhaupt Integration (und nicht vielleicht eher Armut)? Cem Özdemir hat einmal auf dem Höhepunkt einer der vergangenen „Integrationsdebatten“ angemerkt, dass es ganz normal ist, wenn sich Gruppen von Migrantinnen und Migranten in den ersten Generationen auf sich konzentrieren, zumeist in den gleichen Quartiers wohnen, ihre alte Sprache pflegen. Damit hatte er Recht. Er verwies auf die Deutschen in den USA im 19. und 20. Jahrhundert. Aber wir haben das Beispiel in Berlin auch vor der Nase. Sogar in die Redaktion der LIBREAS hat sich ein Nachfahre dieser störrischen und auf ihre Sonderrechte beharrenden Migrationsgruppe eingeschlichen, ohne das es noch auffällt (nicht mal am Nachnamen). Vielleicht muss man gar nicht so etepetete tun und genieren, wenn es um die Frage geht, wie das alles mal wird mit der Migration. Lan!

Mit unverschämter Selbstverständlichkeit baute die Migrationsgruppe mehrere Kultstätten für ihre Religionsausübung, wie dieses Gebäude, dass immer noch Touristinnen und Touristen tagtäglich dazu zwingt, es anzuschauen. Und wofür? Nur, weil sie Berlin groß gemacht und in die Brandenburgische Provinz Kultur gebracht haben, soll man das erlauben? Hoffentlich kriegt das der Sarrazin nicht mit, sonst startet er eine Kampagne, um den französischen Dom zu schließen.

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