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It’s the frei<tag> Countdown. Noch 29 Tage.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS Veranstaltungen, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 12. Mai 2011

Vor Jahren einmal, 2001 um genau zu sein, trat Frank Steffel für die Berliner CDU als Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl an. Das war und ist niemals eine gute Idee. Zwar dominiert die CDU in einigen Berliner Bezirken, aber die Regierung des Bundeslandes wird seit Jahren unter SPD, Linkspartei und Grünen ausgemacht. Für die im September 2011 anstehende Wahl lautet die Frage, ob Klaus Wowereit weiter Oberbürgermeister bleibt und wer aus der Linkspartei dann sein Vize wird oder aber, ob die Grünen es schaffen, die Regierung des zweiten Bundeslandes zu übernehmen. Das die CDU auch einen Bürgermeisterkandidaten hat, wird noch nicht mal wahrgenommen.
Dennoch war Frank Steffel einigermaßen medial präsent. Es war klar, dass er nicht gewinnen würde, aber er führte – im Gegensatz zu seinem heutigen Gegenstück, dessen Namen noch nicht einmal präsent ist – einen wahrnehmbaren Wahlkampf, der in gewisser Weise Miefigkeit und ein gewisses Verständnis der Großstadt miteinander verband. Die CDU in Berlin sah unter Steffel nicht aus, wie eine moderne Partei, aber doch wie eine, die bei aller Miefigkeit dem Rest der Metropole seine Metropolenhaftigkeit gelassen hätte.

Einer der prägensten Auftritte Steffels fand allerdings gar nicht in Berlin statt. Er besuchte damals das Oktoberfest in München und trat dort mit einer Rede auf, in welcher er unter anderem sagte, dass München die schönste Stadt Deutschlands wäre. Eine Verbeugung vor der Stadt, in der er sich gerade befand, könnte man sagen. Später änderte er seine Aussage und beharrte darauf, dass Rothenburg ob der Tauber die schönste Stadt wäre. Eine relativ nachvollziehbare und clever Aussage. Wer war schon je in Rothenburg ob der Tauber und könnte deshalb widersprechen? Zudem: diese Stadt hat ihren mittelalterlichen Habitus erhalten, gliedert sich in die Landschaft ein und bietet tatsächlich einige atemberaubende Anblicke. Selbst, wenn man andere Städte schöner findet, konnte man nachvollziehen, das jemand wie Frank Steffel, kleinständischer Unternehmer im Bereich Raumausstattung und ehrliche Haut, der für seine Partei einen von vorne herein verlorenen Wahlkampf führte, einfach weil es jemand machen musste nach dem Berliner Bankenskandal, Rothenburg ob der Tauber schön findet. Das war ehrlich, genauso wie seine Äußerung in München für den Anlass passend war.

Allerdings: die Boulevard-Presse in Berlin, die eigentlich der CDU nahe steht und selbst bei Bürgerentscheiden, die von vorne herein verloren sind, die CDU-Position stark macht – genau diese Boulevard-Presse machte aus Steffels Äußerungen einen Skandal. Wie könnte es sein, wurde in Berliner Kurier, B.Z. und Bild Berlin gefragt, dass jemand Oberbürgermeister in Berlin werden will, aber diese Stadt nicht liebt? Dabei wurde Liebe mit der Einschätzung gleichgesetzt, dass diese Stadt die schönste Stadt überhaupt sei, was ein sehr naives Verständnis von Liebe ist.

Und hier musste man tatsächlich einmal die Seite Steffels einnehmen: Niemand muss Berlin schön finden. Um ehrlich zu sein ist Berlin über weite Strecken hässlich, anmaßend und größenwahnsinnig. Nicht zu vergessen alt, geschichtsvergessen und unmodern, gleichzeitig voller architektonischer Sünden. Baustellen, Investionsruinen, Provisorien prägen die Stadt, ebenso ist die Kunst an den Häusern verbreitet. Dagegen haben auch die ganzen Investionsprogramme nicht geholfen. Zwar sieht die Stadt in einigen Bezirken kurz besser aus, aber auch nur, um in anderen Bezirken wieder hässlich zu sein. Zumal Investionsprogramme immer auch Investionsruinen hervorbringen, die dann wieder das Gesamtbild stören. Wer immer etwas anderes behauptet, sieht offenbar nicht richtig hin. Würde sich jemand zu der Behauptung versteigen, Berlin sei die schönste Stadt Deutschlands – wie es damals die Berliner Boulevard-Presse tat –, dann sollte diese Person von allen öffentlichen Ämtern ferngehalten werden. Sie lebt dann in einer anderen Realität. Vielleicht ist dies eine nette Realität, aber keine, mit der man Verantwortung für stadtpolitische Entscheidungen haben sollte. Diese Realität wäre einfach zu weit von der realen Stadt Berlin entfernt. Insoweit hatte Steffel recht, als er andere Städte als schöner als Berlin bezeichnete.

Allerdings ist es ja gerade nicht Schönheit, die man in Berlin sucht, sondern Anregung, Improvisation, Ausprobieren und ein Nachdenken über Potentiale. Das Unfertige, gar Gescheiterte ist immer ein interessanterer Spielplatz, als das Alte, dass zwar seine Form gefunden hat, aber sich auch nicht verändert. Rothenburg ob der Tauber mag schön sein und es gibt Menschen, die gerne dort sind, was auch ihr gutes Recht ist – aber Berlin ist einer der Orte, wo Eigentümlichkeiten und Möglichkeiten, Kunst und Improvisation, Zentren des Denkens und des Drecks aufeinander stoßen. Unfertig wie das Denken und so selbstbewusst voran tastend, wie die Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die wir uns nicht nur bei der frei<tag> erhoffen.
Dabei sollte man sich nicht täuschen: auch das Unfertige hat schön Momente; solche, in denen man sich bestätigt fühlt, in denen man weiß, dass man nicht alleine ist, dass alles auch besser werden kann oder zumindest anders. Baustellen und temporäre Nutzungsweisen, die Oberbaumbrücke morgens um fünf, wenn man aus dem Watergate stolpert oder dem Trickster oder anderen Clubs, verlassene Flugplätze, die man umdefiniert – das steht eher für das wilde Denken, welches wir uns für die Unkonferenz wünschen, als die Urlaubshaltung, die einen in Rothenburg ob der Tauber erfasst. Urlaub, das ist praktisch Alltag.

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