LIBREAS.Library Ideas

Abkunft, Auskunft, Zukunft. Perspektiven auf Buch und Literatur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. April 2011

Ein Besprechungs-Essay zu

Jeff Martin, C. Max Magee (eds.) (2011) The Late American Novel. Writers on the Future of Books. Berkeley: Soft Skull Press. (Facebook-Seite zum Buch)

Umberto Eco, Jean-Claude Carrière (2010) Die große Zukunft des Buches. München: Hanser. (Seite zum Buch beim Verlag)

von Ben Kaden

„Angeblich soll es ja noch heute Leute geben, die Bücher lesen. /
Es gibt ja immerhin auch Leute,
die Faldbakken für einen talentierten Autor halten.“

Audio88 / Guter Vorsatz (mit K-T-I???)[1]

I

Die Zukunft des Buches bestimmt sich nicht über die Medienform, sondern um den Umgang mit der Medienform. Also: Unserem Verhältnis zu den Kulturtechniken Lesen und Schreiben. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2011 entdeckt man eine Spiegelung des Feldes, das als Substrat dieser beiden Facetten kommunikativen Handelns zu begreifen ist: die Literatur. Florian Kessler zeigt sich ob der mangelnden Ausschöpfung der digitale Potentiale durch die deutsche Literatur schlicht enttäuscht.[2] Das Web ist wenig mehr als eine Art dynamische Litfasssäule, über die man seine Produkte – deren Palette das Außenimage des Autors unweigerlich einschließt – zum Markte bzw. Endverbraucher trägt. Die Wechselwirkung mit dem Publikum findet jedoch nur über die Facebook-Dependancen der Verlage statt:

„Die karge Landschaft deutscher Autorenhomepages bietet so ein geradezu spektakulär trostloses Panorama unversuchter Möglichkeiten.“

Wenn dieser virtuelle Landstrich also die webgewordene Land Art der Schriftstellerdomänen fasst, dann, so möchte man meinen, zelebriert man eine besondere Form von Minimalismus. Das wäre gar nicht schlecht, wenn dahinter ein Unterlaufen einer allzu Brave und New gedachten WWWorld läge. Aber es geht hier nicht um ein drastisches Double Negative, sondern um die Beine der Susanne Heinrich im Sunset Strip über den Dächern der Hauptstadt. Volle Pulle Leben im Negligé. Das deutsche Literaturweb kennt keinen Michael Heizer. Aber womöglich den einen oder anderen Walter De Maria, dessen vertikale Durchdringung der Digitalosphäre auch Florian Kessler entgeht, weil für sie nicht einmal litblogs.net den Marker setzt.

Denn natürlich ist Florian Kesslers Forderung an die Autoren nach stärkerer Nutzung der digitalen Werkzeuge ziemlich unverschämt, forciert sie doch fast normativ eine bestimmte Form von Autorenpräsenz im Web, die im Kern das Öffentlich- und Rückkopplungsbereitsein überbetont. Also eine Extroversion 2.0 des Literaturbetriebs. Es genügt ein flüchtiger Blick in die Literaturgeschichte, um zu erkennen, dass man damit nur eine Ecke der Blätter, die die Welt erzählen, zu greifen bekommt. Und über die Langstrecke sind das nicht immer die wirklich wertvollen. Die anderen entdeckt man vielleicht erst, wenn das Marbacher Literaturarchiv E-Mails an eine Ottla zu erschließen beginnt.

II

Was hinter diesem Drängen nach Außen steht, also hinter Florian Kesslers Webrundschau, nämlich dass

„die deutschsprachigen Autoren ihre Autorenseiten vor allem anderen dazu benutzen, möglichst stumpfe und eindeutige Images ihrer selbst zu entwerfen, verkörpert in den lediglich graduellen Abweichungen der Gestaltungen und der Wahl der Bildmotive“

erschließt sich ein wenig, wenn man den schmalen Sammelband über „The Late American Novel“ von Jeff Martin und C. Max Magee durchblättert. Sein vermeintliches Hauptthema ist „the Future of Books“ und die Autoren sind allesamt Akteure, die mehr oder weniger vom Schreiben leben – von Vertretern der 20 under 40 des New Yorker bis zu Populärwissenschaftlern und Journalisten. Das eigentliche Kernsujet ist jedoch der Umgang mit den Phänomenen des Schreibens und des Lesens unter den Bedingungen des Kapitalismus mit seiner Allround-Kommodifizierung.

The Late American Novel - Cover

"The Future of the Book", hier mit eher breiten als spitzen Fingern gerade so am unteren Schlafittchen angefasst, wird zu einem sehr entspannten Thema, wenn man die Texte dazu in einer frühlingsschwangeren Parkanlage liest. Im Hintergrund wird man in diesem Fall daran erinnert, dass himmelsstürmende Zukunftsentwürfe zwar meist scheitern, aber mitunter sehr eindrucksvolle Ikonen hinterlassen. Manchmal ist es ein Turm, manchmal ein Buch. Und manchmal ein beides verbindender Schlüsselroman, der irgendeines Hoffmanns Erzählung montiert und in dem man intertextuell bei genauer Lektüre ein Blaues Wunder erleben kann. Aber das ist eine ganz andere Geschichte aus einer ganz anderen Stadt. Die Frage ist nur, in welcher Form sie uns begegnet. Und ob wir diese Begegnung wirklich wollen.

Selbstverständlich finden sich in einem solchen Delphi-Stereogramm des digitalen Literatur- und Buchraums kistenweise Selbstbespiegelung, Verklärungen, Erinnerungen und wohlklingende Binsenweisheiten. Mehr noch: gerade der Drang zur Selbstdarstellung bzw. Selbstbehauptung zeigt sich besonders in profilierten/pointierten Beiträge zum Diskurs über das eigene Handlungsfeld. Die Selbstbespiegelung des eigenen Tuns ist, so spürt man hier deutlich, das eigentliche Thema dieser Gattung namens „Commentary“. Und was ist das Büchlein anderes, als eine Sammlung von Kommentaren zur These vom Ende des Buches und in der Erweiterung dem damit verbundenden Ableben einer bestimmten Art von Literatur.

In der Ausführung präsentiert sich dieses Kreisen um eine Idee als zum Teil sehr spannend und substantiell, zum Teil aber auch als fast grotesk blasenhaft. Nichtsdestotrotz ist die Metadebatte sehr begrüßenswert, ist sie doch Ausdruck eines permanenten Willens zum Selbst-Bewusstwerden. Die Rolle der Literatur und die Möglichkeiten des literarischen Schreibens in der jeweiligen Gegenwart erweisen sich traditionell oft als die besten Themen für literarische Praxis und Diskurs. Auch in Deutschland finden sich ab und an interessante Beiträge (so aktuell z.B. Paul Brodowskys Text über die Repressionen der Gegenwart, „Die Erosionen wahrnehmen“ in der Bella Triste 29. S. 76-86). Die harte, eindringende Auseinandersetzung mit der Transformation des Repräsentationsmediums scheint sich indessen, wie es auch Florian Kessler auffiel, vergleichsweise stark abseits des Literaturbetriebes zu vollziehen. Das öffnet bedauerlicherweise das Feld der Meinungsbildung für Akteure, die mit einer wahlweise technischen oder kultureschatologischen Verklärung ewige Sonne oder finsterste Nacht vorhersagen – und dies sowohl den Autoren wie dem Publikum.

So bedenklich oder schlicht manche Einsicht des Sammelbandes auch ist, so richtig scheint das Unterfangen selbst. Als bezeichnend und das Meinungsbild strukturierend zeigt sich die Dreifaltigkeit der Positionen auf das Medium Buch, die in den Wahlsprüchen für das Buch zutage tritt:

1.       Don DeLillo verknüpft das Lesen mit der Identität: Ohne ernsthaftes Lesen („serious reading“) ist dieses Konstrukt an ihrem Ende.

2.       Für Haruki Murakami ist das Lesen mit der sinnlichen Wahrnehmung verbunden.

3.       Steve Jobs verknüpft das Lesen mit dem Nicht-mehr.

Damit bildet sich eine immerhin dreistufige Skala der Ansichten und zugleich ergeben sich drei Leitkategorien, denen die meisten der Beiträge ziemlich genau zuzuordnen sind. Eine Leitidee ist, dass die Zukunft des Buches wenig mit der Zukunft des Papiers zu tun hat. Beispielsweise Marco Roth formuliert einen breiten freiheitlich-humanistischen Rahmen:

„The crisis of the book is really a crisis of our free will to culture. If we commit ourselves to the culture of thought, inquiry, and rhetorical expression that arose in conjunction with the written word, inevitably we’ll carry books with us in whatever shape […]” (S. 137)

Und doch bleibt ihm die Form bedeutsam, denn er setzt fort:

„[…] and inevitably, we’ll want to “access them” and compose them in their traditional bound and printed form, if only to feel a shimmer of connection to earlier human generation.”

Die Form des Buches ist der Anschlussstutzen zu unserer Geschichte und damit Identität. Also: Kategorie De Lillo.

Möglicherweise läuft die Einstellung zum Medium an sich auf dem Geleise der Einstellung zur Vergangenheit. Deren Betonung stünde als Grundlage der Präsenz bei DeLillo im Vordergrund, während Murakami eine gegenwärtige sinnliche Erfahrung als Schlüssel zur Erinnerung betont und Steve Jobs, nun ja:

„It doesn’t matter how good or bad the product is, the fact is that people don’t read anymore“

die Kulturtechnik Lesen nicht mehr nur für waidwund hält, sondern zum Doudo des Medienverhaltens erklärt. Selbst mit bestem Bemühen ist er nicht mehr zu erwecken.

Der Zeitstrahl bleibt also unser Ariadnefaden, der in die Vergangenheit verbindlich zu laufen scheint und dessen Spule wir in der Jetztzeit in unseren Händen zu halten meinen. Für die Zukunft entfaltet sich die Perspektive als ein Labyrinth der Kreuzwege, in die wir uns einweben, die jedoch trotz aller Unbestimmbarkeit nicht beliebig laufen.

Benjamin Kunkel beschreibt in dem vielleicht lesenswertesten Beitrag des Buches, „Goodbye to the Graphosphere“, im Anschluss an Regis Debrays Essay „Socialism: A Life Cycle“ eine (fast verdächtig) eingängige kulturtheoretische Matrix, die die Wechselwirkung zwischen symbolischen Autoritäten und den Individuen fasst.

Auf der autoritären Seite stehen

a) das Unsichtbare (Gott),

b) das Lesbare (Geschichte) und

c) das Sichtbare (das Schauspiel).

Man könnte auch von dem Erhabenen, dem Wahren und dem Schönen sprechen. Und in der nächsten Umdrehung davon, dass aus einer (noch genauer zu bestimmenden) teleosemiotischen Perspektive daraus ein ganz klassisches Dreieck entsteht, bei dem das Schöne dem Ausdruck, das Wahre dem Gehalt und das Erhabene dem Zweck entspricht.

Die Hinzuziehung des „status of the individual“, wie sie Benjamin Kunkel für das Schema vornimmt, ergäbe danach

a) ein objektivierter Mensch (der bestimmten Vorgaben/Dispositiven folgt bzw. „to be commanded“) folgt,

b) ein verbürgerlichter/aufgeklärter Mensch (der überzeugt werden will, bzw. „to be persuaded“) und

c) ein Konsumwesen Mensch (das verführt werden möchte, „to be seduced“).

Das Individuum bleibt in diesem Modell freilich immer etwas, mit dem etwas geschieht (es wird kommandiert, überzeugt, verführt). Es kann nur innerhalb der Klammer seiner Umstände handeln, wobei sie an einem Ende – dem Erhabenen – offen ist, an einem anderen, hier vernachlässigten dafür umso finiter: dem Biologos. Erhabenheit, Geschichte und Verführbarkeit des Menschen finden in dessen Physis – mal so und mal so – ihre Grenze. Analog zum Erhabenen bleibt sie im Diskurs unan- und -ausgesprochen, findet sich aber in der Murakami-Position mittelbar wieder. Manchmal, aber eben nur manchmal, fehlen uns für die Körperlichkeiten die Worte. Häufig jedoch der Blick, gerade wenn wir über Zeichen und Medien sprechen.

Auch Benjamin Kunkel und Regis Debray scheinen nicht bis zur Leiblichkeit vordringen zu wollen. Sie halten sich auf der symbolischen Seite des Prozessflusses, also auf der der großen und kleinen Erzählungen. Das Individuum steht in diesem als Adressat höherer Botschaften, unabhängig davon, ob deren Vermittler Kirche, Wissenschaft oder Werbung heißen. Das man den Eigensinn des Individuums nur verkürzt einer der drei Phasen zuordnet, ist nicht weiter problematisch. Wohl aber eine allzu straffe Periodisierung, die davon ausgeht, dass es sich um aufeinander folgende Hegemonien handelt. Die Kommunikationskette Oralität – Schriftkultur – (Bewegt)Bildkultur, also Logosphäre (Ursprung konsequenterweise undatiert) – Graphosphäre (boomend ab ca. 1464) -Videosphäre (dominant ab 1968) ist keine Abfolge in Ausschließlichkeit. Sondern eine Verschiebung des Verhältnisses zueinander. Das Internet wie wir es heute kennen, verbindet die drei Vermittlungsebenen miteinander und sorgt dafür, dass sich das Verhältnis dynamisch ändert und zwar je nach dem, ob ich bei Facebook chatte, ein gepostetes Video ansehe oder dem Link zu einem Magazintext folge.

Diese Medienkonvergenz besorgt ein Schisma, welches nicht länger Logo-, Grapho- und Videokultur trennt, sondern offline/online, analog/digital und – was das Schreiben betrifft – laut Benjamin Kunkel Literatur und Kommentar:

„The most common species of online-writing might all be said to belonging to the family of „commentary“ rather than what is still sometimes called (though not usually without embarrassment) „literature“. “ (S. 34)

Literatur zeichnet sich, mit Kunkel, dadurch aus, eine Brille zu sein, durch die die Welt wahrgenommen wird („transforms the world into an illustration of the text“). Der Kommentar jedoch funktioniert dagegen mehr wie die Bildlegende zu einer Fotografie. Literatur steht demnach für sich allein, der Kommentar kollabiert ohne Bezugsobjekt. Aber auch diese Überleitung scheint ein wenig kurz.

Ein weiteres Differenzierungsmerkmal für die Dichotomie Literatur/Kommentar bietet die intendierte Lebensdauer der Texte:

„The would-be piece literature may not last for decades and generations, but it wants to. The article of commentary may not vanish from everyone’s mind after a lifespan measured in days and weeks, but it expects to.” (S. 35)

Hier findet eine Definition des Werkes über die Bedeutung für die Außenwelt statt, wie sie als Telos ähnlich bei Florian Kessler mitschwingt und damit verbunden der Wunsch, Einfluss auf eine per se unbestimmbare Zukunft (hier die der Rezeption durch Andere) zu nehmen. Michael Paul Mason schreibt es in seinem von beinahe rührend naiver Überheblichkeit geprägten Text, wie ihn vielleicht nur ein gegenwartssüchtiger American Dream inspirieren kann (Steve Jobs-Kiste, allerdings praktisch mit weniger Wirkungsressourcen):

„Today, readers perceive an unattractive, neurotic quality in writers who hide or distance themselves from the audience.“ (S.13)

Dumm für uns mitunter nur anders, aber nicht minder arrogante Kultureuropäer, die wir der Kunst noch so etwas wie Selbstzweck und Hermetik zugestehen, ist dabei, dass diese Punze der Kulturindustrie längst auch auf diesseits des Atlantiks ein beliebtes Leitmittel und Schlagzeug der PR-Abteilungen in den Verlagen ist. Der Autor ist nicht nur nichts ohne sein Publikum, er hat sich auch in dessen Dienst zu sehen. Draußen vor dieser Tür bleiben erneut Schriftsteller, die aus gänzlich anderen Motivationslagen heraus schreiben – vom simplen Schreibzwang über präzisen Gestaltungswillen bis hin zum Versuch einer konkret und meist vergeblich adressierten Kommunikation. Nicht jeder Schriftsteller zielt darauf, eine möglichst tiefe Furche in die Bücherwelt zu ziehen. Und der, der Postkarten an Ottla schrieb, hatte kein größeres Anliegen als eine möglichst kleine Literatur. Und wahrscheinlich hat Michael Paul Mason sogar recht: wer das Unzustellbare schreibt, gilt kaum als anziehend und die Welt der modernen Weltliteratur ist denn auch angefüllt mit Neurotikern und verkrachten Existenzen. Gerade dieser Grenzgang könnte aber der Schlüssel zum Überdauern sein. Der Sonnenkönig im Schatten des Pale King. Am Ende griff das Prinzip des Dienstes für den Markt auch für den „fahlen König aus dem Seesack“ (FAZ).[3] Der Autor tat aber, was er konnte, um sich zu entziehen:

„Erste Vermutungen, dass [David Foster] Wallace das formale Chaos geplant hatte, sind aufgetaucht. Wie seinen Notizbüchern zu entnehmen, schwebte ihm für sein Werk die Struktur eines Tornados vor.“[4]

Vielleicht ist dieser radikale Bruch mit allen MFA-Prämissen die Zukunft der Late American Novel.

Die Perspektive „Lebensdauer“ (oder szientifizierter: Halbwertszeit) von Literatur und Kommentar schlägt sich nicht zuletzt simpel in der Form nieder. Das gebundene Buch selbst ist eben auch für eine kleine Ewigkeit gemacht, das Paperback für eine kleinere und das E-Book, denn da liegt seine bisherige Stärke, in der Verfügbarkeit für den Moment. In der, von Benjamin Kunkel so genannten Digitosphäre (a videosphere combined with a blogosphere), haben wir ein Medienangebot on demand und just-in-time und just-for-you. Es scheint, als hätte erst die Alternative des Digitalen diese Differenz wirklich aufgedeckt. So adaptierten (bzw. schufen sogar) die schnellen, verkündenden Naturwissenschaften im Schnitt bereitwillig die für ihre Ansprüchen idealen digitalen Formen der Wissenschaftskommunikation. Die gründelnden Diskursdisziplinen taten sich schwerer damit, scheinen aber in ihrer Erweiterung der Digital Humanities das Kunststück des Überholens ohne Einzuholen anzublinken. Denn für sie ist die Digitosphäre nur dann sinnvoll, wenn sie nicht das ziemlich perfektionierte Wesen ihrer tradierten analogen Kommunikationspraxen reproduzieren, sondern radikaler direkt mit und in dem Medium selbst arbeiten. Gleich bleibt den Digitalen Geisteswissenschaften, dass ihnen Labor, Gegenstand und Kommunikationskanal eins sind. Nur ist dieses Eine jetzt eine grundlegend anderes: Wo das Web den Kernphysikern nur ein zusätzlicher Mitteilchenbeschleuniger ist, steigen die Digitalen Geisteswissenschaftlern direkt in den Hypertext als Synchrotron. Ähnliches gilt für die Digitale Literatur.

Es ergeben sich demnach zwei (sich nicht zwingend ausschließende) Möglichkeiten: Entweder neue, beides zusammenführende Formen (in der Art, wie sie möglicherweise Florian Kessler für die Webliteratur vorschweben) oder eine Konkurrenz zwischen den einzelnen Medienformen. Owen King spekuliert nicht abwegig darüber, wohin der Zeiger der Aufmerksamkeit des durchschnittlichen Endnutzers ausschlägt, wenn er auf demselben Endgerät die Wahl zwischen den ersten hundert Seiten von Jonathan Franzens „The Corrections“, einer Folge „The Wire“ und einer Runde „Zombie Smash“ hat:

„Again, these temptations are nothing new, but in the past, a person generally needed to at least stand up and take a few steps to get at them.“ (S.23)

Wird die Literatur also doch durch das Spektakel erledigt? Benjamin Kunkel spricht wenigstens der Form des Romans  und damit des „entire continent of mass literacy“ ein schlechtes Horoskop:

„The novel was the common ground for book readers. For it to become a marginal form […] can only presage the marginalization of the amateur reading of book-length texts altogether, whether these appear as pixels on a screen or ink on paper.” (S.38)

Die alte Amtsstubenanordnung des „Fasse Dich kurz“ wird das Paradigma der digitalen Schriftlichkeit. Wenigstens als massentaugliches Kulturphänomen. Dass die Ursachen für das Primat der Knappheit, Einfachheit und schnellen Verwertbarkeit nicht nur Resultat einer Verführung sind, sondern auch, wie die Beschleunigungsgesellschaft selbst, Nachklang alter Dispositive aus Zeiten informationellen Mangels bleiben, wird bei Benjamin Kunkel nicht weiter reflektiert. Und auch ich muss die Erläuterung dieser These vertagen, denn hier in diesem Essay gilt es wenigstens am Rande noch bei dem zu besprechenden Titel zu verweilen. Sie dient mir also nur als Hinweis auf eine Lücke in der Betrachtung. Und ich sehe noch eine weitere.

Eine Medienkonvergenz kann zwar auch eine Konvergenz medialer Repräsentationen, also Inhalte, und der Rezeptionspraxis nach sich ziehen. Und die Praxis der Lektüre verschwimmt dabei in diesen Kanälen mit anderen informationellen und kommunikativen Verhaltensweisen. Aber gerade die Facette des Sozialdrucks, der uns unkalkulierbar vor die Situation stellt, permanent, just-in-time, informationell gewappnet sein zu müssen, beschäftigt uns derart mit dem Erwerb des Wissens „wo es steht“, dass wir meinen, kaum mehr Zeit für das „es“ zu haben. Das Slow Reading ist eine zu langsame Praxis, wenn für das nächste Wochenende schon die Abfrage einer persönlichen Einschätzung des übernächste Woche erscheinenden posthumen Wallace-Bestsellers ins Haus steht. Natürlich machen wir uns den Druck selbst, in dem wir ihn als Kennzeichen dieses bestimmten und irgendwie privilegierten Soziotops stilisieren. Denn bei aller Brisanz dürfen wir nicht vergessen, dass wir mit der Diskussion nur in einem ganz besimmten Bezugsrahmen rotieren. Ein Seitenblick auf den Sitznachbarn in der U-Bahn zeigt häufig, dass ein Großteil der Menschen ganz anderen Problemen folgt.

Es ist also ein besonderer Druck unserer besonderen Form des flexiblen Menschseins. Darum können (und müssen) wir auch darüber nachdenken, wie gut oder schlecht er uns und dem, was wir uns wünschen, tut.

Immerhin reflektieren wir mit der Debatte um die Zukunft des Buches schon einmal über das „Wo“ im „wo es steht“.  Sonya Chung mutmaßt dafür eine Zweikulturenwelt mit eindeutiger Wertung herbei:

„Those of us who write will write better books. We’ll pare back on blog-babbling, will be freer from self-consciousness, quieter in our heads, slower and less distracted, more imageinatively limber and inventive.

Those of us who read will read more books. We’ll pare back on blog-surfing, will be quieter in our heads, slower and less distracted, more imaginatively limber and inventive.“ (S.89)

Sie verschreckt in ihrem Ausschlussprinzip allerdings die kleine Facette derer, die meinen, dass intensive Buchlektüre und extensives Bloggen kombinierbar sind. Bei aller Sehnsucht nach Eindeutigkeit: Eine Stadtflucht scheint als Lösung  eben auch nur halb tauglich.

Eine etwas weniger exaltiert formulierte Hoffnung hat Benjamin Kunkel angesichts seines Abschieds von der Graphosphäre im Taschentuch:

„In the meantime the culture of literature, as opposed to that of commentary, threatens to become a subculture instead, or, better, a counter-culture.” (S.38)

Möglicherweise handelt es sich dabei gar nicht um eine Neuigkeit, sondern einzig um das Eingeständnis, dass Literatur im strengen Sinn, immer eine Marginalie ist. Oder wie es John Brandon, interessanterweise mit einer Kunkel entgegengesetzten Deutung der Realität, in seinem Fünfseiter für das Bändchen formuliert: „The novella, excepting accidents, is all ghetto.“ Der Roman ist tot, lang lebe die Novelle? Genau genommen lebt Literatur meistens an der Grenze und ist dann am produktivsten, wenn Reibung und Widersprüche vorhanden sind. Insofern ist sehr viel von der Literatur der nächsten Jahre zu erwarten. Allerdings mehr aus der kreativen Warte denn aus der der Verkaufbarkeit.

Die hinter all dem stehende, aber in diesem Zusammenhang nicht eigentlich berührte Grundfrage ist zwangsläufig, was Literatur in einer Gesellschaft für einen Zweck hat bzw. welche gesellschaftliche Normen ihr Markt und Marktgängigkeit vorschreiben und mit welchen Formen und Themen sie wie überleben kann. Steve Jobs Technomachismo setzt auf ein ganz klares „Survival of the fittest“ und es gibt genügend Akteure, die die Apple naturgemäß eingeschriebene Massenmarktdurchdringung im digitalen Werkzeughandel gleich als Werturteil auf die Inhalte ausdehnen. Im Sammelband formuliert der Philosophieprofessor und Schriftsteller Clancy Martin eine solche Position fast popartistisch und vermutlich nicht ironisch (oder doch?):

„Truth is I read my computer screen and my iPhone all day long. Or viewed them, I should say. Caught me backsliding there. And I don’t feel guilty any more! There’s no end to what one might read, so a plan like I once had of holding the canon in my head is like planning to swim across the Pacific; why not rather have fun simply splashing in the waves? It’s called surfing the web. You stay on the surface. When you’re under the wave, it’s because you’ve fallen off the board.” (S.19)

III

Umberto Eco und Jean-Claude Carrière sind, um im Bild zu bleiben, die Apnoetaucher des Mediums Buch. Dem schuldbefreit planschenden Beach Boy Clancy Martin stehen zwei Jacques Cousteaus der Kulturgeschichte gegenüber, die in ihren launigen Gesprächen mit Jean-Philippe de Tonnac den wellenreitenden iPhonographen zeigen, was ein quickvifer Tümmler ist. Ihre Unterhaltungen sind letztes Jahr in Deutschland unter dem programmatischen Titel „Die große Zukunft des Buches“ erschienen und bereits die Ausgabe zeigt, warum medientypologische Vorhersagedebatten in den USA anders ablaufen müssen, als in Deutschland. Selbst in seiner eher durchschnittlichen Ausführung als schlichtes Papphardcover bringt das deutsche Buch hinsichtlich Typographie und Papiergüte weitaus mehr auf das Lesepult als „The Late American Novel“, von der man auch als DTP-Laie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf den ersten Blick sagen kann, mit welcher Software der Verlag arbeitet. Das ist nicht negativ gemeint. Aber das Geheimnis von Eleganz ist bekanntlich, dass man dem Eleganten nicht auf den ersten Blick ansieht, wie es entstanden ist. Das amerikanische Bändchen hat fraglos das originellere Titelbild. Gleichwohl darf es im Flur in der fortlaufenden Paperback-Ablage seinen Platz finden, während für die „große Zukunft des Buches“ (trotz vereinzelter Druckfehler, z.B. auf Seite 55) ein prominenter Stellplatz im Wohnzimmer gefunden werden wird.

Die große Zukunft des Buches - Cover

Mit einem USB-Stecker in der Hand, so wandeln manche einen oft gehörten Sinnspruch ab, sieht alles wie Plug'n'Play aus. Und irgendwann werdet ihr merken, sagen andere in ähnlicher Manier, dass man Digitales nicht lieben kann. Nun: Für beides gibt es Gegenbeispiele. In jedem Fall ist die Dingliebe eine Triebkraft der Menschheitsgeschichte. Und wenn das Ding ein Buch ist, dann umso mehr. Denn es verspricht mehr, als Objekt zu sein: Es ist das Mikro- und Makroskop mit dem wir vor uns alles aufblättern können, was benennbar ist. Sei es nun die Struktur der Materie oder die Struktur des Virtuellen. Im Gegensatz zum Bildschirm, der uns problemlos den gleichen zum Scrollen vorsetzen kann, bietet das Buch das Gefühl, die Schrift auch räumlich zu durchreisen. Angeblich soll es ja noch Leute geben, die das tatsächlich wollen.

Das Missverständnis, der US-Buchmarkt würde sich hinsichtlich seiner Produkte nicht vom deutschen unterscheiden und sei daher ein guter Indikator für zukünftige Entwicklungen in Deutschland, könnte daher schlicht auf einem Formfehler beruhen. Die materielle Qualität wenigstens der prominenten Buchausgaben ist in Deutschland wahrgenommen durchschnittlich deutlich höher. Das führt zu einem größeren Kontrast zwischen Digital- und Druckmedien und zu einer größeren Hemmschwelle, die eine Lektüre durch eine andere zu ersetzen. Wie bereits oben angedeutet: Eine simple Emulation des Papiers im Digitalen muss als denkbar reizloser Versuch der Verlage verstanden werden, durch das Fortlassen des Materialisierungsschritts die Kosten zu senken. Für die digitale Sphäre braucht es inspiriertere und zugleich formal leicht zugängliche Repräsentationsformen von Texten. Dann könnte man auch aufhören, darüber zu diskutieren, ob eine Form des Lesens eine andere ersetzt. Und darüber reden, wie sich verschiedene Varianten komplementär zueinander ausrichten lassen. Oder eben völlig diskret bleiben.

In diesem Sinne findet sich gleich im Vorwort des Gesprächsleiters zur „großen Zukunft des Buches“ Heinz von Foersters etwas überstrapazierter systemtheoretischer Imperativ „Handle stets so, dass sich die Zahl deiner Handlungsmöglichkeiten erhöht.“ in angewandter Form wieder:

„Das E-Book wird das Buch nicht töten. Ebenso wenig wie Gutenberg und seine geniale Erfindung von heute auf morgen den Gebrauch von Kodizes unterbunden hat oder den Handel mit Papyrusrollen und volumina. Die jeweiligen Praktiken und Gewohnheiten bestehen nebeneinander weiter, und nichts lieben wir mehr, als das Spektrum unserer Möglichkeiten zu erweitern.“ (S. 5)

Allerdings muss man schon eingestehen, dass der Handel mit Papyrusrollen und volumina heute ein Nischenmarkt ist, auf dem sich vor allem Kuratoren und sehr distinguierte Sammler bewegen. Was die konkrete Nutzung angeht, sind Pergamentschriften und Papyri mausetot, werden aber gerade durch die Digitalisierung überhaupt erst wieder zugänglich. Wenn Rudolph Delson also in seinem Beitrag zur „Late American Novel“ zuversichtlich meint „the best books will be written long after your dead“, so kann man heute ergänzen „will be written resp. might reappear“.

Wo „The Late American Novel“ ein schnelles Buch für U-Bahn oder Flughafen ist, dort entpuppt sich „Die Zukunft des Buches“ als Band für einen gediegenen Abend später im Sommerhaus auf einer Veranda mit Blick in den Garten, wo es leicht fällt, einen Duktus hinzunehmen, der erstmal über den Themenhorizont donnert:

„Willkommen seien daher Rechner und periphere Lesegeräte, die uns über einen einzigen Bildschirm Zugang zur mittlerweile digitalisierten Universalbibliothek gewähren.“ (S.6)

Das Vorwort macht also unmissverständlich klar, dass man kein Fachbuch, sondern das Kamingespräch von Connaisseuren zu erwarten hat, bei dem schon mal ein bisschen dicker aufgetragen werden kann. So liest man dann, nachdem Umberto Eco gerade in Kontrast zu Benjamin Kunkel die Wiedergeburt der Graphosphäre durch das Internet verkündet hat:

„Setzen Sie sich zwei Stunden an den Computer und lesen Sie einen Roman, und sie bekommen Augen wie Tennisbälle. Ich habe zu Hause eine Polaroid-Brille, um die Augen vor den schädlichen Folgen längerer Bildschirmlektüre zu schützen.“ (S. 14)

Da man Umberto Ecos eindrucksvolles Konterfei kennt, entsteht so natürlich ein eigenartiges Sofortbild. Aber was kann man dazu sagen, außer: Spiel, Satz, kein Sieg. Das Buch ist ein Löffel, so der Eco, und der ist schlicht perfekt. Und auch das Internet kann irgendwann verschwinden, wie einst die Zeppeline und später die Concorde. In diesem Stil beginnt also die Plauderei vom Besteckkasten zum Tod des Buches bis zur Landebahn für die private Bibliothek nach dem Tod des Sammlers. Es liest sich stellenweise höchst amüsant mit zahllosen Erinnerungen, Bonmots, Gelehrsamkeiten, Lektüreskizzen und Anekdoten gespickt und erinnert irgendwie an das DCTP-Mitternachtsmagazin, also an eine eigenartig überdreht anziehende Karawanserei neben einer anders überdrehter, weniger anziehenden Wüstenstrecke.

Gerade dort, wo sich der Trialog aus der Umklammerung der Zukunftsfragen und der Rolle der Digitaltechnologie befreit, spürt man, dass die Herren viel zu abgeklärt sind, um sich von Trendpostulaten kirre machen zu lassen. Historie statt Hysterie heißt die Devise. Und Kapitel wie das zum Lob der Dummheit delektieren die Leser mit hintergründigen Beispielen wie:

„Einen Fall von Apotheose der Blödheit (in dem Sinn wie ich sie verstehe) bietet Joyce in seinem Bericht von einer Unterhaltung mit Mister Skeffington: „Ich habe gehört, dass Ihr Bruder gestorben ist“, sagt Skeffington. „Und er war erst zehn Jahre alt“, bekommt er zur Antwort. Skeffington entgegnet: „Das ist trotzdem schmerzhaft.“ (S. 183)

Pedantische Kenner der Entstehungsgeschichte des Stephen Hero werden nun sagen, dass Joyce hier etwas frei zitiert wird. Andere werden dadurch aber gerade erst auf das Werk aufmerksam. So fungiert die Gesprächsmitschrift als zwangloser und zugleich elaborierter Spazierritt durch die Buchkultur- und Literaturgeschichte und ist idealerweise als solcher zu lesen.

Man erfährt, dass Umberto Eco im Falle eines Brandes zuerst seine externe Festplatte retten würde und, „wenn noch Gelegenheit ist, eines meiner kostbaren alten Bücher […] nicht unbedingt das teuerste, sondern das, das ich am meisten liebe. Nur: wie soll man da auswählen?“ (S. 37)

Zudem wird durchgerechnet, dass der Stellplatz für ein Buch (sofern man ihn nicht schon hat) teurer ist, als sein Anschaffungspreis und bei ca. 40 Euro liegt (vgl. S. 278). Und dennoch lohnt es sich, wenn man Jean-Claude Carrièrre glaubt:

„Eine Bibliothek ist ein bisschen wie Gesellschaft, eine Gruppe von lebendigen Freunden, Individuen. An dem Tag, da Sie sich ein wenig isoliert fühlen, können Sie sich an sie wenden. Sie sind da.“ (S. 276)

Die Einsamkeit des Lesers vor elf Regalmetern? Unmöglich. Und schließlich man erhält eine schöne Entgegnung auf die oft gestellte Frage, ob man denn auch alle Bücher die man besitzt, gelesen hat:

„Das ist wie eine Art Weinkeller. Es ist nicht sinnvoll, alles auszutrinken.“ (S. 241)

Wenn man sich damit zufrieden gibt und nicht tatsächlich sichere Wetten auf die Zukunft des Buches sowohl als Medium wie auch als Kulturphänomen erwartet, dann ist der Band ein entspanntes Vergnügen und vielleicht sogar ein Plädoyer für mehr Gelassenheit. Jean-Claude Carrière merkt denn auch passend an: „Die Zukunft ist kein Beruf.“ (S. 48)

Allerdings immerhin ein bisschen Wille und ansonsten viel Vorstellung. Respektive ein Stück  Erhabenes, das lesbar gemacht morgen als Gegenwart aufgeführt wird. Ob es ein fantastischer Unendlicher Spaß oder ein dumpfsinniger Unfun wird, können wir jetzt ohnehin nicht wissen.

Berlin, 06.04.2011



[2] Florian Kessler: Wüste im Web. In: Süddeutsche Zeitung, 05.04.2011. Online: http://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-im-internet-die-sind-dann-mal-weg-1.1081133

[3] Jordan Mejias: Der fahle König aus dem Seesack. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2011, S. 31 Online

[4] Ebd.

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