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Marienburger Höhenluft. Informationswissenschaftliche Fragestellungen auf der ISI 2011

Posted in LIBREAS aktuell by Ben on 9. März 2011

Als wirklich schwungvoll zeigte sich die Debatte, die Willi Bredemeier letztes Jahr mit seiner Kritik der Informationswissenschaft anstoßen wollte und die er 2011 noch zu vertiefen suchte, bedauerlicherweise nicht. Es gab vereinzelte Reaktionen, aber davon, dass die zweifellos richtige Grundidee, sich (selbst-)kritisch mit dem Stand der Wissenschaft Informationswissenschaft, ihren Zielen, Zwecken und gesellschaftlichen Anschlussmöglichkeiten zu befassen in ein aktuelles Wissenschaftsprogramm überführt wird, spürt man allenfalls einen Nachhall in dem unlängst in der Zeitschrift Information Wissenschaft & Praxis abgedruckten Interview mit Rafael Capurro, der freilich die Metareflektion über die Informationswissenschaft bereits sehr lange und dabei weitgehend ebenbürtiger informationswissenschaftlicher Diskurspartner abgängig als Domäne bearbeitet. Das Interview findet sich versteckt in dem unhandlichen neun Megabyte-PDF der Ausgabe 01/2011 (S. 37-42), aber immerhin online.

Besonders interessant ist dabei die letzte Frage aus dem Katalog der Interviewerin Linda Treude: „Wo sehen sie die zukünftigen Aufgaben der Informationswissenschaft?“ Und wie wird sie sich selbst zu diesen positionieren, möchte man ergänzen. Das stabilisierende Element des Faches in der Zeit ist immer leicht bestimmt. Es geht der Informationswissenschaft, um eine Formulierung des Medientheoretikers Wolfgang Ernst zu rekontextualisieren, um „die irreduzible Differenz zwischen diskreten Daten und einer metaphysischen Einsicht ins Ganze“. (Dass die Bibliothekswissenschaft eine spezifische Konkretisierung dieses Wechselverhältnisses untersucht, baut übrigens die entscheidende Brücke zwischen beiden Disziplinen.)

Einigen könnte diese Abstraktion vielleicht ein wenig zu akademisch-informationsphilosophisch durchtränkt anmuten. Aber wer die pragmatische Ebene sucht, findet im Programm des heute begonnenen Internationalen Symposiums für Informationswissenschaft 2011 ein Sortiment passender Beiträge. Eventuell lässt sich die Annährung an das große Ganze nur über das kleine Diskrete vollziehen und die deutsche Wissenschaftskultur honoriert bekanntlich mit Projektförderung gerade die Auseinandersetzung und Entwicklung einzelner, greifbarer Anwendungen.

Dennoch wäre der Hildesheimer Campus eigentlich der Ort gewesen, auch die großen Fragen einmal aufzuspannen. Oder wenigstens die Facette der allgemeingesellschaftlichen Anbindbarkeit des Faches zu beleuchten. Das Motto immerhin war dafür stimmig: „Information und Wissen: global, sozial und frei?“. Die Zahl der Beiträge auf der Marienburger Höhe, die sich daran nahtlos anschließen lassen, ist am Ende jedoch vergleichsweise gering.

Am Ende ist dabei die passende Formulierung, denn das Abschlusspanel am Freitag von 13:00 bis 14:45 wird sich den zwei programmatischen Lücken – disziplinäres Selbstverständnis und Informationsethik – widmen. In der offenen Diskussion wird der Moderator Rainer Kuhlen mit der hoffentlich zahlreich anwesenden Informationswissenschafts-Community fünf Fragen aufgreifen, die wir an dieser Stelle nicht zuletzt, sondern buchstäblich hauptsächlich zum Zweck der Vorbereitung dokumentieren:

(1) Wie weit reicht Informationsfreiheit? Was geht die Informationswissenschaft WikiLeaks an? „Aufklärung oder Cyberterror“. (sh. dazu auch http://www.videogold.de/wikileaks-aufklaerung-oder-cyberterror-was-folgt-aus-wikileaks/).

(2) Hat die Informationswissenschaft etwas mit dem Fall Guttenberg zu tun? Ist es an der Informationswissenschaft, den etwas „ältlichen“ DFG-Code „Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“  von 1998 (http://bit.ly/dxF0OL , PDF) an die Welt des Internet anzupassen und wenn ja, in welche Richtung? Ist der Fall Wasser auf die Mühlen, die sich für Open Access umfassend einsetzen?

(3) Trägt das Information Retrieval-Paradigma die Informationswissenschaft weiterhin oder soll sie eher (im Sinne von Gernot Wersig) eine Sozialwissenschaft sein/werden bzw. (im Sinne von Rafael Capurro) eine Philosophie der Informationsgesellschaft?

(4) Soll sich die Informationswissenschaft auf eine Seite der beim Urheberrecht beteiligten Akteursgruppen schlagen? (der Urheber/Autoren, Verwerter/Verlage/ContentProvider, Nutzer/die Öffentlichkeit?) Konkreter: Wer soll die Rechte am überwiegend mit öffentlichen Mitteln in öffentlichen Umgebungen entstandenen Wissen haben? Ist das Konzept der Gemeingüter/Commons eine Grundlage für die Informationswirtschaft?

(5) Was bedeutet Web 2.0 für die Informationswissenschaft? Bedrohen oder ergänzen Prinzipien wie Offenheit, Kollaboration, Teilen, Nachhaltigkeit, Verteilungsgerechtigkeit bislang dominierende Werte wie Privatheit, individuelles geistiges Eigentum, Autorenschaft, Wissenschaftsfreiheit, Informationswirtschaft?

Die daraus resultierenden Ergebnisse sollen je nach Ergiebigkeit und Möglichkeit dokumentiert, aufgearbeitet und wieder in den Diskurs eingespeist werden. Wer nicht oder nur still in Hildesheim sein kann, darf übrigens seine Kommentare, Ideen, Einfälle gern wahlweise hier als Kommentar oder als E-Mail an redaktion@libreas.eu (bitte mit Betreff isi2011) senden und wir werden uns bemühen, sie vor Ort in die Diskussion einzuspeisen.

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