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Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Der Porlock des Vladimir Nabokov

Posted in Die Bibliothek in der Literatur by Ben on 3. Dezember 2010

Der Name Porlock ist kein seltener in der Geschichte der Weltliteratur. Dabei allerdings selten ein beliebter. Dass er der Bezeichnung der bei H.G. Wells recht unfreundlich dargestellten Eloiphagen ähnlich klingt, hilft ganz und gar nicht. Dabei hieß der ungewollte Besucher Samuel Coleridges, der ihm, wie die Sage weiß den Kubla Khan verdarb, überhaupt nicht so, sondern stammte nur aus dem gleichnamigen Dörflein am Bristolkanal. Im Hypertext der Literaturgeschichte lieh der verflixte Handlungsreise allerdings seinen Namen ganz illustren Figuren. Im Hypertext des Ted Nelson’schen Xanadu störte er dagegen meines Wissens niemanden. Vielmehr tauchte er gar nicht auf.

Gekonnt hätte er es vielleicht, denn glaubt man Vladimir Nabokov und seinen Vane Sisters, deren kurzgeschichtliche Eröffnung ebenso sehr gut zur aktuellen Witterung passt, wie ihre versteckte Botschaft, wühlte ein Bibliothekar dieses Namens tief und quer durch Bücher auf der Suche nach ganz bestimmten Störbuchstaben. Nabokov selbst wollte die sprichwörtliche „Person from Porlock“ sogar einmal zum Titelgeber eines seiner Bücher machen, entschied sich aber für die raffiniertere Variante Bend Sinister. In Lolita verarbeitet er allerdings „A.Person, Porlock, England“ in Gestalt einer Quilty’schen Kammerzote („trite poke“), die jedoch weniger flach ist, als man meint. Ein Lektor namens Person, aber ohne Porlock, sollte später in Transparent Things aufgrund einer leichten räumlichen Verwirrung in einem Schweizer Hotel a) einer Armande und b) einer Rauchgasvergiftung erliegen.

Für uns ist selbstredend der mit Cynthia Vane halbbefreundete Bibliothekar von Belang, treibt er doch mit seiner Leidenschaft die Idee der textverliebten Schrulligkeit auf eine eigenwillige Spitze:

„Speaking of old men, one should add that sometimes these posthumous auspices and interventions were in the nature of parody. Cynthia had been on friendly termes with an eccentric librarian called Porlock who in the last years of his dusty life had been engaged in examining old books for miraculous misprints such as the substitution of l for the second h in the word „hither“.“ (Vladimir Nabokov: The Vane Sisters. In: Ders.; Collected Stories. London: Penguin, 1997. S. 626)

Obwohl fast jede Nabokov’sche Wendung das Potential hat, Begeisterung auszulösen, ist es gerade das Klischeehafte des „dusty life“, das hier den entscheidenden Stich setzt und uns vollkommen für den alten Herren einnimmt.

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