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Die Grenzen meiner Sprache sind die Gatter meines Zoos

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 9. Mai 2009

Überlegungen im Anschluss an: Frohmann, Bernd (2009): Revisiting „what is a document?“ In: Journal of Documentation Vol. 65 No. 2 S. 201-303. DOI: 10.1108/00220410910937624 (online)

von Ben Kaden

– PDF dieses Beitrags –

Ist die Antilope im Zoo ein Dokument? Und ist sie es in der Savanne? Folgt man Suzanne Briet, so muss man wohl die erste Frage bejahen und die zweite verneinen. Die Antilope im Zoo dokumentiert zunächst einmal die Existenz einer Antilope an sich. Sie weckt darüber hinaus in ihrer Lebendigkeit – im Gegensatz zu Artefakten – sofort die nicht unbegründete Erwartung, dass es weitere ihr ähnliche Exemplare gibt oder gab und dokumentiert damit die Existenz ihrer Art und zugleich die von Antilopen in Zoologischen Gärten wie in mehr oder weniger freier Wildbahn. Kurz: Sie verweist darauf, dass es Antilopen gibt. Eine ausgestopfte Antilope im Naturkundemuseum bezeugt immerhin noch, dass es Antilopen gab, selbst wenn es irgendwann einmal keine mehr geben sollte. Ist sie aber noch ein Dokument, wenn es keinen Betrachter mehr gibt? Ist das irgendwo in der Tundra im ewigen Eis feststeckende Mammut, das noch nie ein Mensch gesehen hat, ein Dokument? Oder wird es erst zu einem solchen, wenn es von der Zooarchäologie freigelegt ins Museum reist?

Die Rolle des Betrachters, also des Nutzers, eines Dokuments klammert Bernd Frohmann in seinem sehr lesenswerten Artikel Revisiting „what is a document?“ leider aus. Das ist schade, denn diese Annäherung könnte bei der Antwort helfen. Allerdings sucht Frohmann eigentlich nicht direkt nach einer konkreten Antwort, sondern hinterfragt die Frage selbst bzw. deren Sinn.

Denn für ihn ist es nicht zwingend erforderlich eine Antwort und damit nach seinem Verständnis eine Definition zu haben, um über Dokumente und Dokumentation nachzudenken. Entsprechend skeptisch steht er einer Position gegenüber, die er als orthodoxe Auslegung Wittgensteins bezeichnet: Dieser pflegt die Annahme, dass wir bei der Benutzung von Sprache, also dem Herstellen einer Beziehung zwischen einem Wort und seiner Entsprechung in der Welt naturhaften Regeln folgen und dass diese Beziehung auf ebenso naturhaften bestimmten Kriterien beruht. Hinter diese Regeln der Sprache kann ein Sprecher nicht zurück. Daraus folgt die Ansicht, dass es grundlegend und möglich ist, die Wörter richtig zu verwenden. Im Zweifelsfall sind die Regeln der Verwendung erkenn- und begründbar.

Eine Definition ist dabei, im Rückgriff auf John Stuart Mill, dem es anscheinend zuwider war, die Sprachverschlampung in seiner Umwelt zu beobachten und der deshalb für die Reinheit der Beziehung zwischen Wort und Gegenstand kämpfte, eine „proposition declaratory of the meaning of a word.“ (Ein die Bedeutung eines Wortes erklärender Satz.) Ihm kommt es also auf die richtige, die präzise Definition an sowie auf die Trennschärfe der Wortbedeutungen. Es geht ihm demnach um das treffende Wort und die treffende Worterklärung. Mill klagt, dass die einfachen Leute die Wörter typischerweise unscharf und ungenau verwenden und nicht darauf achten, dass bestimmte Attribute bestätigt werden. Im schlimmsten Fall wird ein Wort allgemein für eine Gewöll an Objekten verwendet, die nichts miteinander gemein haben. Diese Form von Sprache eignet sich weder zum Denken noch für die Kommunikation des Denkens. Wenn sich nun die Sprachlogiker daran setzen, die Beziehungen zwischen Wort und Welt zu ordnen und zu klären, begründen sie – im buchstäblichen Sinn – die Sprache für die Welterkenntnis. Die Definitionen sind nicht Ausdruck konventioneller Vorstellungen und Bedeutungen, sondern die Resultate einer eingehenden Analyse von Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Gegenständen. Die Aufgabe des Philosophen liegt im Erkennen der naturgegebenen Bedeutung (Gründe) eines Wortes mit dem Ziel, diesen in die Ordnung wissenschaftlicher Klassifikation der Welt einzupassen und dadurch das Denken und die Kommunikation zu Ordnen. Oder kürzer: Es geht darum, dass die Bedeutung eines Wortes allen gleich und vor allem verbindlich gleich sein muss.

In diese Vorstellung, die mit tiefem Unterscheidungswillen nach Begründungen und Sprachschärfe sucht, lässt Frohmann Hilary Putnam einbrechen. Die Idee einer stabilen und allgemeingültigen Definition mit verbindlicher Entsprechung zur Welt ist damit endgültig eine aus den letzten Jahrhunderten. Man muss nicht immer bei allem nach einer Begründung für die Verwendung bestimmter Begriffe suchen, so Frohmann mit Putnam. Natürlich kann es sinnvoll sein, danach zu fragen, z.B. wenn einem beim Spaziergang in der Dämmerung des Unterholzes ein Tier über den Weg läuft, das man selbst für einen Wolf hält, das der erfahrenere Naturfreund an der Seite aber spontan als „Hund“ bezeichnet. In diesem Fall ist die Frage „Warum nennst Du dieses Tier einen Hund?“ angebracht. (vgl. Frohmann, S. 293) Der Ausgangspunkt liegt hier in einer Unsicherheit bei der Unterscheidung. Weiß man aber klar, was man sieht, so die Argumentation, erübrigt sich die Suche nach dem Grund, warum etwas so benannt wird.

Gänzlich zwecklos ist die Frage nach dem Warum, wenn sie ohne konkreten Zusammenhang erfolgt. Die Frage „What is a document?“ scheint für Frohmann in einem solchen gestellt: Abstrakt zu überlegen, wie sich ein Dokument von einer Rose (Frohmanns Beispiel), einem U-Bahn-Waggon (mein Beispiel) oder dem Himmel (mein Beispiel) oder irgendetwas anderem unterscheidet, ist sinnlos. Denn sie fußt eben in der philosophischen Annahme, dass es unbedingt übergreifende Regeln und Definitionen für die Anwendung von Wörtern auf die Welt geben muss. Muss es aber nicht. Und Putnam ist sich sicher, dass Wittgenstein selbst eine abstrakte Frage à la „Wie kann irgendetwas, was wir sagen, begründet sein bzw. wie können wir begründen, dass wir es sagen?“ als sinnfrei zurückweisen würde.

Selbstverständlich, so die Argumentation, kann man Regeln und Definition aufstellen und mit unterschiedlicher Intensität darauf drängen, diese zu befolgen. In diesem Fall sind sie aber instrumentalisiert und auf mehr oder weniger bestimmte Zwecke zugeschnitten. Sie entstehen jedoch nicht notwendigerweise aus der Sprache selbst.
Es wäre demnach ein Irrweg, sich auf die Suche nach einer allgemeinen (pauschalen bzw. quasi „natürlichen“) Definition für „Dokument“ zu begeben. Der Anspruch,, immer und in jeder Situation zuzutreffen ist nicht einlösbar. Ebenfalls vergebene Mühe läge im Unterfangen eine Definition, die in einem bestimmten Zusammenhang und für einen bestimmten Zweck entstand, auf eine allgemeine Gültigkeit auszudehnen. Der FID wäre ohne die (schon sehr breite) von ihr formulierte Zweckbestimmung des Sammelns, Erschließens und Verfügbarmachens (mit der Binnendifferenzierung: „collection and storage, classification and selection, dissemination and utilisation“ vgl. FID (2006) Outline of a Long-Term Policy of the International Federation of Documentation. Den Haag: 1960, S. 9) von Information jedweder Art wohl weniger handlungsfähig gewesen. Diese Definition hat ihren Bezugs- und Geltungsrahmen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie darüber hinaus das Zeug zur Weltformel hat. Nicht einmal, dass sie auf ewig in die Arbeitsprozesse der Bibliotheksverwaltungen eingemeißelt bleibt. Es ginge auch anders, würde Putnam sagen. Nicht mit einer anderen Definition, sondern einfach ohne. Die Implikation für eine Bestimmung des „Dokuments“ aus der FID-Definition ist ohnehin bereits verdächtig nah an der der schwer widerstehlichen „Theory of Everything“: „Information jedweder Art“. Soll das eine sinnvolle Antwort sein?

Wie dem auch sei: Die zwei Seiten sind halbwegs bestimmt. Man hat im Extremfall die Orthodoxen, die auf der Suche nach stabilen und dauerhaften Ordnungen in der Welt sind und die anderen Orthodoxen, die betonen, dass es keine solchen gibt. Erstere fürchten, dass eine Abwesenheit von grundsätzlichen Regeln, Kriterien, Bestimmungen, Konzepten, Ideen oder Bedeutungen, denen unser Sprechen folgt, eine absolute Gesetzlosigkeit in der Sprachverwendung zur Folge hat („an anarchy where anything goes“) und den Fixpunkt ihrer Angst darf man wohl getrost als Babel bezeichnen. Manch ein orthodoxer Wittgensteinianer, so Putnam, vermutet gar eine grundsätzliche Bedrohung von Denken und Kommunikation, wenn es denn keine Regeln gibt. Denkt man an den Heidelberger Appell („Verlieren wir sie [die regulierte Freiheit im Status Quo], verlieren wir unsere Zukunft.“), dann fallen durchaus einige Ähnlichkeiten auf. Wer hier mit Wittgenstein argumentieren will, sollte wie Frohmann zu der von ihm viel zitierten Linda M.G. Zinelli greifen. Die Wittgenstein-Kennerin geht nämlich davon aus, dass der Sprachphilosoph ein „lack of fixity in our concepts“ (Linda M.G. Zinelli) bei Wittgenstein keineswegs als Dauerbedrohung von Sprache und Zusammenleben zu finden ist.

Unsere Begriffe („concepts“) sind nicht per se fix. Sie ist allerdings auch nicht per se ambig. Es lassen sich aber kontingente Ambiguitäten für bestimmte Sprecher in bestimmten Bedingungen feststellen.
Gar nicht praxisfern ist eine Situation, die Frohmann als Erläuterung heranzieht: Was geschieht in Situationen, in denen zwei Sprecher dieselbe Bezeichnung für unterschiedliche Begriffe verwenden (und dies auch erkennen)? Aus jeder größeren Fachdiskussion, bei der Experten mit unterschiedlichen Hintergrund aufeinander treffen, liegt solches Konfligieren der Bedeutungen in der Luft.

Bei der ersten Variante würde einer der Sprecher auf der Annahme genereller Regeln beharren und eindeutige und präzise Definitionen einfordern. Ohne das gäbe es keine Kommunikation. Ohne eine Übereinstimmung in Regel und Bedeutung, so sein Argument, sei die Sprache als Ganzes bedroht.

Sozialpsychologisch ist der Fall recht eindeutig: Man fühlt sich in seinem Glauben an die Regelhaftigkeit und an die Notwendigkeit zur Eindeutigkeit irritiert bis bedroht und schaltet in einen Abwehrmodus, bei dem man dem Gegenüber unterstellt, dass er entweder die Regeln der Sprache nicht verstanden hat oder den verwendeten Wörtern eine andere Bedeutung unterschiebt. Man bezwingt sein Gegenüber und bringt es auf die Linie, die der Sprache vermeintlich innewohnt.

Die zweite Lösungsvariante, die Frohmann ausmacht, ist, dem anderen zuzuhören und zu verstehen, wie er Sprache verwendet, damit sich schließlich temporär auf seine Sprachverwendung einzulassen um herauszufinden, wohin die Reise geht. Es könnte ein attraktiveres Ziel als mein jetziger Standpunkt sein.

Jenseits des Fremdsprachenstudiums dürfte in der Sprachpraxis die erste Variante die häufigere sein. Und ganz ohne Regeln soll es auch nicht zugehen. Analog zur Postmoderne geht es nur darum, die Illusion eines großen, starren Überbaus zu zertrümmern, um sich danach im Bruchstückhaften zu bewegen.

Kriterien, Regeln und Definitionen können nämlich für bestimmte Zwecke formuliert und durchgesetzt werden. Sie sind jedoch nicht immer und an sich vorhanden und wir sind weder verpflichtet solche generellen Regeln zu entwickeln, noch ihnen zu folgen noch gibt es irgendeine allgemeine Ambiguität der Sprache, die unsere Kommunikationsfähigkeit potentiell gefährdet. Unschärfe und Ambiguität können situativ Gesprächsformen gefährden, die auf gut-formulierten Definitionen, festen Bedeutungen und klaren Regeln aufbauen. Ein gutes Beispiel aus dem tagesaktuellen Leben ist, so möchte man angesichts aktuell anhängiger Debatten ergänzen, die Qualitätspresse, die straff restringierten Orientierungslinien folgt und somit eine bestimmte Kommunikationsform sichert. Die Blogosphäre und das Twitterversum organisieren sich dagegen selbst. Nicht für die Ewigkeit, aber so, dass es für ein paar gelungene Kommunikationen reicht. Gerade bei letzteren ist allerdings die Verwirrung nicht selten groß, wenn darüber debattiert wird, ob Twitternachrichten oder Blogpostings Publikationen und daher für die Nationalbibliotheken sammelnswert sind. Man könnte auch fragen: Sind es ephemere Kommunikationen oder Dokumente? In jedem Fall wurde diese sich frisch elaborierende Gesprächsform von der älteren mit dem etablierten Reglement als negative Abweichung empfunden und – freundlich ausgedrückt – nicht gerade offenherzig begrüßt. Mittlerweile ändert sich dies ein wenig, wobei die Tradition nach wie vor bei jeder Gelegenheit sehr deutlich betont, wer hier für überlegen gehalten werden soll.

Frohmann geht auf die Problematik des Umgangs mit digitalen Nachrichten im WWW nicht ein, bemerkt aber passend, dass die Frage nach einer Definition des „Dokuments“ automatisch auf uns und unser Verhältnis zu „Dokument“ und „Dokumentation“ zurückfällt. Worum geht es uns, wenn wir ergründen und bestimmen möchten, was ein Dokument sei? Und hier zeigt sich eine Irritation angesichts des Frohmann’schen Ansatzes. Er unterstellt Michael Buckland in gewisser Weise, dass dieser die Frage absolut und vollkommen abstrakt gestellt hat. Aber hat er das wirklich? Oder handelt er als Dokumentations- bzw. Informationswissenschaftler dabei nicht doch vor einem bestimmten Hintergrund? Wie sehr verlässt er seine fachliche Anbindung, wenn er über den Begriff des Dokumentes nachdenkt? Was wäre, wenn Buckland seine Frage „What is a document?“ tatsächlich für die Fachöffentlichkeit der Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationswissenschaft und damit in einem konkreten Bezugsrahmen gestellt hätte? Und selbst wenn er weiter ausholt: Eine Erkenntnis des Frohmann’schen Textes ist, dass Fragen ohne Bezugsrahmen keinen Sinn haben. Ist aber überhaupt eine Frage ohne Bezugsrahmen denkbar?

Denn selbst in der grundsätzlich allgemeinen Form enthält „What is a document?“ eine Grenze, da die Frage eigentlich lautet: Was können Menschen als Dokument begreifen? Dass es hier schwer fällt, eine eindeutige Antwort zu finden, ist spätestens seit dem Antilopen-Beispiel von Suzanne Briet klar. Mit der Antilope als Dokument wurde die Denkmöglichkeit vom Trägermedium fort und hin nicht nur zum Artefakt sondern zum Fakt an sich entgrenzt. Mehr ist aktuell schwer vorstellbar, es sei denn, es gelingt, hinter den „Fakt“ zu gelangen und das „Nicht-Faktische“ als Dokument zu erschließen. Ohne Grenzen und damit ohne eine unbestimmt im Hintergrund mitschwingende Grundregel geht es für den Menschen kaum: Für ihn ist selbst die Unendlichkeit nur fassbar verständlich.

Letztlich geht es, so glaube ich, um einen “weicheren” Umgang mit Phänomenen, die eben nicht als statisch, sondern als dynamisch verstanden werden müssen. Für die Durchsetzung neuer Anwendungszusammenhänge – besonders in der Wissenschaft – gibt es einerseits die Option, durch logische Herleitung die Zwangsläufigkeit der Entwicklung zu demonstrieren, oder andererseits durch die exemplarische Erläuterung des Kontextes eine Einsicht zu überzeugen.

Kurz: Logische Überzeugung steht gegen rhetorische Überzeugung. Nun kann man die Frage stellen, ob es beispielsweise für die Vorstellung des „Dokuments“, die in digitalen Räumen aufgrund der Lösung der Inhalte von einem materiellen und damit greifbaren Rahmen herausgefordert wird, allein eine logisch zwingende Fortführung gibt. Oder ob man „Dokument“ nicht gänzlich neu denken sollte oder muss. Die Position Frohmanns, der Putnam folgt, ist die, auf eine allgemeine Definition zu verzichten und den jeweiligen Kontext und damit die jeweiligen Rahmenbedingungen darzustellen, also als „Story“ zu erzählen, um aufzuzeigen „and how to apply it, and connect our extensions to theories, arguments, and relevant intellectual resources to try to bring about an enlarged understanding of what documents and documentation can be.“

Die Story als Gegenstück zur Definition erlaubt mehr Spielraum und erfordert weniger Festlegung. Damit ist sie für den Umgang mit Begriffen nach der Feststellung, dass Begriffe in ihrem Bedeutungsumfang nicht fix sind und nicht fix sein müssen, um mit ihnen sinnvoll umzugehen, die bessere Wahl für die Kommunikationspraxis. Es sei denn, man schriebe die Variabilität der Definition in der Definition fest, was allerdings die Funktion der Definition selbst deutlich relativierte.

Die Fixiertheit von Begriffen und Benennungen scheint folglich immer artifiziell und immer nur mit großem regulatorischen Aufwand aufrecht zu erhalten. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie regellos vorliegen. Aus der Ablehnung der Rigorosität einiger orthodoxen Wittgensteinianer zu schlussfolgern, dass wir ganz ohne Definition durch unsere Kommunikationswelt kommen, ginge m. E. mehr als einen Schritt zu weit. Unser Sprechen und unsere Wahrnehmung scheinen sich vielmehr durch eine Vielheit von variablen Definitionsmustern (besser vielleicht: Bedeutungsspielräumen) auszuzeichnen, die situativ angepasst werden. Die Konstruktion von Ordnungssystemen und Klassifikationen ist Ausdruck des Versuchs, diese Variabilität und Polyvalenz zu kanalisieren. Selbstredend läuft jeder dieser Ansätze früher oder später auf ein Scheitern zu, wenn er auf offene Systeme bezogen wird. Das ist ganz allgemein der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, zwischen Idealtyp und Beispiel. Wie sich welche Ordnungsvorstellung für wie lange durchsetzen und halten kann, ist eine Frage der Kommunikationssoziologie. Oder wie Frohmann schreibt:

„Once we are in the realm of argument, good arguments win over bad, provided, of course, that the requisite social set-ups for a space in which rational arguments count are obligingly aligned. Such alignments of course, raise issues of politics and power.”

Leider – allerdings angesichts des Charakters eines Zeitschriftenaufsatzes mitsamt der Begrenztheit in der Länge auch verständlich – berücksichtigt er auch den sozialen Aspekt der Kommunikation nicht stärker. Insofern bleiben jedoch seine Überlegungen zur Veränderlichkeit und aktiven Veränderbarkeit von Konzepten und Begriffen nur ein Halbwesen. Er führt aus, dass „Definitionen“ für Veränderungen von Begriffen naturgemäß zu wenig Spielraum lassen. Die freiere „Story“ bietet dagegen das Potential für eine große Variationsbreite und ist daher zweckgemäßer.

Was hier erkenntnistheoretisch reizvoll erscheint, erweist sich m. E. jedoch erkenntnispraktisch, sprich wenn es um die Methode geht, um die Präzisierung und um alles, was sich nicht um den Akt des Aufbrechens zu neuen Ufern dreht, nicht durchgängig als praktikabel. Im Gegensatz zu den gedanklichen Pionierleistungen Einzelner – Frohmann verweist u.a. auf Einstein – kann es für ein praktisches und kollaboratives Entwickeln neuer Kontexte und Kontextbezüge durchaus sinnvoll sein, mit Arbeitsdefinitionen und einem Regelkonsens zu hantieren.

Wie oben bereits angeführt, handelt es sich bei Klassifikationen und anderen Ordnungssystemen um temporäre Festlegungen, die als Näherungspunkte dienen, von denen aber niemand außer den ominösen orthodoxen Wittgensteinianern ernsthaft annimmt, dass sie absolut erreicht werden können.

Der Weg ist hier auch das wirkliche Ziel und die Regel bestimmt die Richtung, in die er führt. Sich dabei die Bedingungen der Erkenntnis und ihre Relativität bewusst zu halten, schadet sicherlich nicht. Überhaupt kann man den Aufsatz Frohmanns als ein Plädoyer für einen freieren, lockereren Umgang mit Konzepten lesen: Die Rhizom-Metapher, die Frohmann ans Ende seines Textes und dem Baum gegenüber pflanzt, steht ganz im Sinne der Postmoderne für eine Vielfalt an Möglichkeiten, die, ohne Ziel und Krone versehen, in sich selbst einen Sinn konstruieren muss. Das Rhizom stellt im Gegensatz zum Baum nichts Eindeutiges dar: Es ist nur hierarchiefreie Struktur, kein klarer Stamm mit Abzweigungen, die zum Lichte empor führen. Es entzieht sich dadurch aber auch der Säge, sprich: der Widerlegung. Das Rhizom liegt jenseits des „so oder so“.

Eine Definition, so Frohmann, zielt auf Präzision, Genauigkeit und „wissenschaftliche“ („scientific“) Nutzbarkeit von Konzepten. Frohmann spricht sich für die Anerkennung eines davon abweichenden Modells aus: Für andere, weniger auf Präzision, Genauigkeit und Wissenschaftlichkeit ausgerichteten Ansätze. Bei diesen geht es mehr darum, was sie tun, als darum, was sie sind. Die Definition steht fest, die Story will erzählt sein. In gewisser Weise scheiden sich hier auch Schriftlichkeit und Oralität, selbst wenn letztere im Web2.0 verschriftlicht vorliegt. Und Haben oder Sein, Standort oder Bewegung: An dieser Stelle greift der zentrale Dualismus menschlicher Selbst- und Weltwahrnehmung.

So fernab liegt die Vermutung aber nicht, dass man beides benötigt. Entweder oder? Sowohl als auch! Und vielleicht: Ohne Rhizom kein Baum. Und ohne Baum, um im Bild zu bleiben, ist das Rhizom nicht erkennbar.

Die Erweiterung von bestehenden Konzepten ist also auch dann legitim, wenn sie bestehende Bedeutungen, Definitionen und Regeln übergeht oder verletzt. Sie benötigt dafür jedoch diese Regeln, Definitionen und Bedeutungen. Die sieht Frohmann aber eben nicht der Sprache selbst eingebettet, sondern der Kommunikation. Und für Kommunikation gilt: „we are engaged in policing behavior“. Bloß wird dieses Verhaltensabstimmung wieder mit den Mitteln der Sprache vollzogen.

Die Richtungen, von denen man hier aufsatteln kann, treffen sich eigentlich wahrscheinlicher in einer Henne-Ei-Debatte: Was war zuerst hier: Der Mensch der in der Kommunikation, also für das soziale Verhalten, die legitimen Formen der Verwendung der Sprache regelt oder die Sprache mit ihren Möglichkeiten, die ihm das Gestaltungsmaterial für seine Regeln gibt. Vielleicht ist es aber auch ein Grundirrtum, das Abstraktum Sprache verdinglichen zu wollen. Interessanterweise vollzieht sich diese Verdinglichung mittels der Schrift: Der vergängliche Klang, die Stimme wird buchstäblich objektiviert, wird zum Gegenstand und damit zum Dokument. Und damit haben wir zum Abschluss ein weiteres Grundmerkmal des „Dokuments“, das möglicherweise jedoch nur bedingt als maßgebliche Eigenschaft zum Unterscheiden taugt: Es muss über längere Zeit stabil wahrnehmbar sein. Es darf nicht allzu flüchtig sein. (Was übrigens für das Nicht-Dokumentarische der Antilope in der Savanne spricht.)

08. Mai 2009

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