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Call for Papers für LIBREAS Ausgabe 16: Kinder

Posted in LIBREAS Call for Papers by Ben on 28. April 2009

– english version –

Für Öffentliche Bibliotheken in Deutschland sind Kinder die maßgebliche Zielgruppe und ein wichtiger Identifikationspunkt: ein Großteil der bibliothekarischen Veranstaltungen findet für Kinder statt; in Imagebroschüren, auf Webseiten und überall, wo es der Öffentlichkeitsarbeit auf eine symbolische Aussage ankommt, finden sich regelmäßig Bilder, die Kinder lesend, lauschend oder vor Bücherregalen zeigen. Fragt man nach besonderen Bereichen einer Öffentlichen Bibliothek, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kinder- und Jugendabteilungen assoziiert.

Aussagen, dass Kinder (ein Symbol für) die Zukunft sind, werden dadurch unterstrichen, dass der Fokus in Bibliotheken seit einigen Jahren verstärkt auf der intensiven Förderung von Kindern liegt, zum Beispiel durch bibliothekarische Projekte und Angebote speziell für diese Altersgruppe. Dem steht zwar der Anspruch der Bibliotheken gegenüber, für alle Altersstufen Angebote und Dienstleistungen bereitzustellen. Die praktische Bevorzugung von Kindern in Öffentlichen Bibliotheken wird jedoch allgemein akzeptiert – nicht nur in Bibliotheken, sondern auch in Gesellschaft und Politik.

Wieso ist das so? Was macht Bibliotheken für diese Altersgruppe so ansprechend und warum schenken Bibliotheken dieser Altersgruppe überproportional viel Aufmerksamkeit? Warum schmücken sich Bibliotheken bevorzugt mit Bildern von lesenden Kindern? Diese Fragen öffnen ein weites Themenfeld, in dem es darum gehen muss, wie die tatsächliche Arbeit jenseits öffentlichkeitswirksamer Kampagnen aussieht, in dem geklärt werden müsste, ob Bibliotheken für Kinder tatsächlich als Lerneinrichtungen dienen sollen und können, ob sie eher Spielplatz sein sollten oder Partner formeller Erziehungsinstitutionen. Es drängt sich zudem die Frage auf, ob Forschungen zu Kindern aus den Erziehungswissenschaften, der Familiensoziologie oder der Kulturwissenschaft in Bibliotheken wahrgenommen werden. Nicht zuletzt wäre es interessant, wenn einmal das Phänomen, dass Kinder aufhören im Jugendalter Bibliotheken zu nutzen, genauer untersucht würde. Leisten Bibliotheken an dieser Stelle einfach nicht genug für eine erwachsene(re) Nutzerschicht? Oder können sie den Spagat zwischen frühkindlicher Förderung und Erwachsenenbildung sowohl personell, finanziell, aber auch aus inhaltlichen Gründen einfach nicht erbringen? An dieser Stelle steht auch das Konzept des Lebenslangen und Lebensbegleitenden Lernens, welches durch die EU und die Bundesregierung forciert wird, auf dem Prüfstand: welchen Stellenwert nehmen Bibliotheken innerhalb dieses Konzeptes ein?

LIBREAS möchte in der Ausgabe 16 einen gewohnt kritischen Blick auf die bibliothekarische Arbeit mit der größten Nutzergruppe werfen. Dazu sind Beiträge aus allen Bereichen des Bibliothekswesens willkommen. Aber auch Perspektiven anderer Fachgebiete auf das Phänomen Kindheit, das in der bekannten Form ein Kind der Aufklärung ist, sind willkommen. Kindheit ist immer auch als eine Erscheinung der Gesellschaft zu verstehen und steht in Wechselwirkung zu Entwicklungen in dieser. Daher lässt sich z.B. fragen, welche Konsequenzen aus den Ergebnissen der Arbeitsmarktsoziologie für die Kindheit gezogen und auf die Arbeit in Bibliotheken und anderen kulturellen und Bildungseinrichtungen übertragen werden können.

Welche Lerntheorien, welche Ergebnisse aktueller Lernforschung, Lesetheorien und -konzepte sind nützlich für Bibliotheken? Ist die beständige diskursive Verbindung von Kindern und Bibliotheken mit Leseförderung und Bildung eher kontraproduktiv? Brauchen Kinder in Bibliotheken Spieleecken oder eher Bücherregale? Wäre es schlimm, wenn Kinder Bibliotheken eher als Spielplatz und sozialen Raum wahrnehmen und nutzen? Und wie betrachtet man diese Themenvielfalt in anderen Ländern?

Wie immer begrüßt LIBREAS auch Beiträge, die sich allgemein mit den gesellschaftlichen Veränderungen befassen, die Bibliotheken betreffen. Der demographische Wandel und die wachsende Zahl von Kindern mit sehr unterschiedlichen „Migrationshintergründen“, die sich verändernde soziale Zusammensetzung der Kinder, die Bibliotheken nutzen und der Kinder, die sie nicht nutzen wie auch die umstrittene Analyse, heutige Kinder als Digital Natives zu identifizieren, sind die augenfälligsten Themen, die weit mehr Einfluss auf Bibliotheken haben werden als angenommen.

Außerdem kommt man in einer globalisierten Welt nicht darum herum, auch einen globalen Blick einzunehmen. Ist beispielsweise der One Laptop per Child-Computer nur für südamerikanische Bibliotheken ein Thema? Wie gehen japanische Bibliotheken mit dem Kinder- und Jugendmedium Purikura um und was ist daraus zu lernen? Bei alledem dürfen mehrere Fragen nicht vergessen werden, zu denen sich scheinbar in bibliothekarischen Texten zu Kindern zurückhaltend bis gar nicht geäußert wird: Wie entwickelt man eigentlich einen kindgerechten Bestand? Und welche Qualifikationen müssen die Mitarbeiter/innen von Bibliotheken dafür besitzen und wer soll ihnen diese Qualifikationen vermitteln? Sind Bibliothekar/innen, die sich nicht in ihrer Freizeit in sozialen Netzwerken tummeln, Computerspiele spielen oder mit einem MP3-Player umgehen können, etwa ungeeignet, um mit Kindern kompetent umzugehen? Hier prallen unterschiedlichste Lebenswelten und Ansprüche an Kompetenzen aufeinander – gibt es einen Weg, eine Brücke zwischen ihnen aufzubauen?

Deadline für Papers ist der 31.01.2010.

Eine Antwort

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  1. Susanne Brandt said, on 11. Juni 2009 at 04:39

    Liebes Libreas-Team,
    für die Libreas-Ausgabe „Kinder“ will ich schon mal einen Beitrag ankündigen.
    Er wird schwerpunktmäßig unter dem Arbeitstittel „Geschichten bewegen“ stehen und langjährige Erfahrungen wie auch Anfänge einer in Vorbereitung befindlichen wissenschaftlichen Begleitung beinhalten. Aspekte aus den Projekten „Lauschen und lesen“ und „Entdecken und erzählen – das Naturgeschichtenprojekt“ fließen mit ein.
    Kurzum: Es geht um die Frage, ob und wie Bibliotheken bewegete Erfahrungen mit allen Sinnen unterstützen können.
    Auch an dem Symposium zum Thema im Herbst hätte ich Interesse.
    Gibt es dafür schon einen Termin?
    Herzlicher Gruß
    Susanne Brandt


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