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Die Verwechslung: Soziale Software und Massenmedien.

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 17. März 2009

Anmerkungen und Anschlussgedanken zu Graff, Bernd (16.März 2009): Gezwitscher im Netz. Der Fall Winnenden und der Irrtum schneller Meldungen. In: Süddeutsche Zeitung, Ausgabe 62, 16.März 2009, S. 9.

von Ben Kaden

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Die Debatte zur Kommunikationskultur erfährt momentan die mediale Beschleunigung, die die Beschleunigungskritiker voraussagen. Dabei mutet es an, also würden gerade diese Voraussagen wie ein Tritt auf das Gaspedal wirken. Gestern meldete sich in der Süddeutschen Zeitung Bernd Graff, mittlerweile wohl pensionierter Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, zu Wort. Er bekam in der Vergangenheit schon manches Mal ordentlich Feuer für seine Internetskepsis, was die Vermutung man hätte es mit einem gebrannten Kind zu tun, nahe legt:

„Es ist eine lange Schmierschrift ohne ein einziges Argument, angefüllt mit Denkansätzen, die die intellektuelle Tiefe von Kevin Kuranyi haben. Wenn überhaupt.“ – so Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer im Jahr 2007 (link)

Der aktuelle Artikel enttäuscht glücklicherweise diese Erwartung, denn er ist fast zurückhaltend sachlich orientiert. Vielleicht liegt dies am ernsten Anlass: Den Amoklauf in Winnenden und die Verwendung des Microblogging-Dienstes Twitter nimmt Graff als Ausgangspunkt für seine Betrachtung. Allerdings ist dieser eher austauschbar, genauso wie das etwas eigenwillige Beispiel der ratlosen DDR-Bürger, die im Supermarkt des Jahres 1989 an „37 verschiedenen Toilettenreinigern“ verzweifeln.

Worum es Graff geht, ist die Frage der „Bedeutung“, des „Verstehens“ der Botschaften hinter den Meldungen und Kurznachrichten. Er sieht im beschleunigten Einströmen von streng genommen mehr Signalen als Informationen eine Lücke im Begreifen und so thematisiert er eigentlich ein Verzweifeln an der Menge und der Beschleunigung von Text, der als neu und also als Information auf den Menschen am Bildschirm niedergeht.

Die Menschen gehen unterschiedlich damit um und Graff differenziert „unterschiedliche Souveränitätsstufen bei der Adaption neuer Informationen“ (Wobei Information informationstheoretisch natürlich immer neu ist. Aber nicht jeder ist durch die Umstätter’sche Schule gegangen und erspürt die Tautologie sogleich.)

Die Stufen, die Graff konkretisiert, führen in ein bipolares Modell: Auf der einen Seite stehen die „ratlosen Älteren“ bzw. „Alt-Analogen“. Auf der anderen sammeln sich die „souveränen Nutzer[..], die völlig unbefangen und mit hohem persönlichen Gewinn soziale Netzwerke aufbauen, ihre Daten freigeben, Befindlichkeiten austauschen und immer irgendwie auf dem Laufenden bleiben.“ Ein wenig abwertend klingt es dabei schon, wenn der Autor von einer „Info-Elite des Klein-Klein“ spricht, der es nicht mehr um einen allgemeinen Gültigkeitsanspruch, sondern um das persönliche Informiertsein geht: Man lebt also tagesaktuell und in der Agenda der Debatten zwischen Winnenden und Archiveinsturz zu Köln, twittert sich ein paar Links und Assoziationen zu und liest dabei Thomas Knüwer und den Bildblog ohne dass etwas über den Tag hinaus haften bleibt. Wenn man aber, und hier ist die Pointe der folgenden Argumentation gleich ausgelegt, im Hausflur mit dem Nachbarn schwätzt, mit dem besten Freund telefoniert und die Lokalzeitung überfliegt, macht man als Alt-Analoger prinzipiell nichts anderes. Nur sind die Spuren nicht explizit digital, gespeichert und entsprechend nachvollziehbar.

Die Kernthese Graffs lautet, dass die Praxis der Nutzung der entsprechenden Werkzeuge im Internet die Codes, Regeln und Techniken der Textproduktion mächtig umpflügt. Er spricht von einer „Revolution des Statuts des Textes“ bzw. von einer „Redefinition dessen, was Information sein kann“, wobei er Information sicher nicht scharf an Shannon und Weaver, sondern eher schwammig populär am allgemeinen journalistischen Verständnis ausrichtet. Das Microblogging im 140 Zeichen-Umfang, wie es auf Twitter erfolgt, ist für Graff das Musterbeispiel dieser Transformation:

„Hier kann jedermann jederzeit Mitteilungen von maximal 140 Zeichen verfassen, die öffentlich einsehbar sind. Daher der Begriff Twitter: Gezwitscher. In der Gesamtschau wirkt jede Sekunde darum so, als wäre sie unter eine gigantische News-Dampfwalze geraten: Vom Schuhkauf in Rio bis zur Liebeserklärung in London – alles ist der Schrift wert und wird dokumentiert, in Echtzeit. Es dringt also in nie da gewesenem Maße Zeit in diesen Welt-Text ein, reine, ungefilterte Gegenwart, die gewissermaßen als Beschleunigungspartikel in die Wortzwischenräume fährt und ihn immer schneller antreibt“

Zwei Aspekte sind hier zentral: Die Dokumentation der Welt in Echtzeit, wobei jeder für sich persönlich über die Relevanz des Dokumentierenswerten entscheidet und die damit einhergehende Beschleunigung des Nachrichtenflusses.

In der Tat ist momentan ein medialer Formenpluralismus zu beobachten, in dem die erklärenden Medien wie Öffentlich-Rechtliches Fernsehen und Qualitätsjournalismus vor allem dann verlieren, wenn sie sich in der Imitation der provisorischen, vermeldenden Medien aus Feeds und Tweets versuchen und sich nahezu ausschließlich mit dem Autoritätsargument als die Profis darstellen, wo sie schlicht dadurch punkten könnten, dass sie Nachrichten getreu ihren Fähigkeiten professionell aufbereiten und vermitteln. Der Kampf ist jedoch von Anfang an ein ideologischer zwischen vermeintlich aufbrechenden Netzwerktextern und den Traditionalisten, wobei in der allgemeinen Betrachtung naturgemäß solchen Positionen die meiste Aufmerksamkeit zuteil wird, die von einer Unvereinbarkeit und Konkurrenz ausgehen. Das ist natürlich nicht die sinnvollste Option und obendrein ein Fehler.

Die Neuigkeit im Medienwandel ist weit weniger revolutionär zu fassen, als so mancher annimmt. Wer sich einmal mit dem in der praktischen Umsetzung selten sonderlich erfolgreich instrumentalisierbaren Phänomen des Wissensmanagement befasst hat, versteht schnell worum es geht: Das Implizite bzw. Temporäre informeller Kommunikationshandlungen wird mittels einfacher und wirksamer Werkzeuge expliziert und dauerhaft gespeichert. Mehr ist es nicht. Die Explizierung ist das Neue und das Aufladen dieser Dokumente, die meistens eher unverfälschten Transkripten aus der Oral History der aktuellen Gesellschaft als differenzierter und abgewogener Argumentation gleichen, mit einer Bedeutung, die sie nicht haben, ist der Fehler.

Ich habe an anderer Stelle am Beispiel der Wissenschaftskommunikation gezeigt, dass mit den Kommunikationsformen, die aus dem so genannten Web 2.0 und der so genannten Sozialen Software hervorgingen, informelle Kommunikationen so expliziert werden, dass sie dauerhaft sichtbar sind. Sie können recherchiert, archiviert und rezipiert werden wie traditionelle (bzw. formelle) Kommunikationen, d.h. also die durch einen Sichtungs- und Überarbeitungsprozess gegangenen Publikationen. Dennoch sind die Formen nicht identisch und unterscheiden sich gerade durch den Grad der inhaltlichen Prüfung und Überarbeitung, was nach der Idealform in der Wissenschaftskommunikation eine Originalitäts- und eine Qualitätsgarantie bedeutet. Man mag dies für überflüssig halten, aber selbst die Wikipedia als Leitmedium der freien Wissenskumulation basiert auf einer Art „Peer Review“, das in diesem Sonderfall in einem gemeinsamen Text mündet, hinter dem der individuelle Autor völlig verschwindet. Die Wikipedia unterscheidet sich daher über ein gemeinsames und deindividualisierendes Ziel von den meisten anderen Angeboten, die man so dem Umfeld der Sozialen Software zuordnet. Bei diesen geht es hauptsächlich um die Konstruktion von Identitäten, der Vernetzung und Bestätigung.

Setzt man die Twitterbotschaft mit der redaktionell geprüften und redigierten Nachricht gleich, dann vermischt man die eigentliche Intention und weist ihr einen Stellenwert zu, den weder der Autor intendiert noch die Sache verlangt. Nicht beim Twitterer und seinen Followern liegt das Problem, um das die Debatte kreist, sondern bei den die Nachrichtenflüsse und Botschaften kanalisierenden Institutionen, die auf der Suche nach der Höhe der Zeit jede Quelle als gleichwertig einstufen. Gerade das Beispiel der Ereignisse in Winnenden zeigt, wie fragwürdig und z. T. pietätlos das sekundenaktuelle Heraustickern der vermuteten Opferzahlen ist. Die massenmediale Aufbereitung, die auch noch explizit nachträglich in der Schelte der das Ereignis nicht kurzfristig aufgreifenden Programmorganisation der ARD eine allseitige Grundalarmierung der gesamten Nation einforderte, war keinesfalls notwendig und brachte viele der Missverständnisse und Falschmeldungen, die jetzt selbstbezüglich Gegenstand der Medienagenda werden, erst hervor. Nicht die Twitterer haben sich problematisch verhalten, sondern Internetpresse, Funk und Fernsehen, die ihre Sonderseiten und -sendungen zeitnah zu füllen suchten. Zum Verstehen im Sinne eines Nachvollziehbarmachens des Ereignisses trug die Berichterstattung so gut wie nichts bei – vielleicht auch einfach, weil es in solchen Extremen nur wenig zu Verstehen gibt. Was man als Nachrichtenrezipient erwartet hätte, wäre statt eines Berichts über das „erste Twitterereignis in Deutschland“ (Tagesspiegel, Link) und Interviews mit einer Frau namens „Tontaube“, eine sachliche Vermeldung des Geschehens und eine geordnete und zusammenfassende Darstellung mit einer Distanz von mindestens einigen Stunden medienethisch weitaus angemessener gewesen. Ein Amoklauf ist kein Fußballspiel. Davon, dass die Weltöffentlichkeit live und hautnah dabei ist, hatte wirklich niemand etwas. Die Aufgabe gerade von Leitmedien, die sich Erklärung und Verstehen als Ziel setzen, ist es nicht, den Leser und Zuseher aus der Sicherheit seiner Bildschirme zum Augenzeugen zu machen. Genau dies ist aber geschehen.

Die Überarbeitung von Meldungen, Eindrücken, Nachrichten, Erkenntnissen erfüllt traditionell – ähnlich der intellektuellen Erschließung in Bibliotheken – im Idealfall eine andere Funktion als die der Alarmierung und Aufmerksamkeitsbündelung: Sie schafft Kalkulierbarkeit auch im Fehler und reduziert damit die Komplexität, mit der der Rezipient konfrontiert wird. Wenn man als Medienrezipient keinen Unterschied mehr zwischen der Tagesschau und einem mobil bloggenden Beistehenden feststellen kann, entsteht in der Tat eine Verunsicherung und ein Problem der Bewertung der Information. Der Anspruch, dass man schnell und zeitnah jede mögliche Quelle auf ihre Informationsqualität prüfen kann, dürfte die Informationskompetenz vermutlich auch des souveränsten Mediennutzers überfordern.

Insofern ist der mitunter geäußerte pseudoanarchistische Ansatz der Zerschlagung aller Deutungsinstanzen eher kontraproduktiv, zumal am Ende der Entwicklung in Gestalt technischer Ordnungsinstanzen wie Google und den weit darüber hinaus planenden semantischen Verfahren eine technokratische Kontrollmöglichkeit als Zielpunkt steht, gegen die die intellektuellen Ordnungsanmaßungen geradezu naiv wirken könnten. Die Diskussion sollte sich also weniger um die Abschaffung, als um die Modifizierung drehen.

Die Aufgabe der Bibliotheks- und Informationswissenschaft liegt in der Kritik etablierter und neuer Wissensregime und in der Entwicklung einer Mannigfaltigkeit von Lösungen und einer Klarheit in den Metastrukturen.

Niemand muss sich dem „Welt-Text“ des Twitter-Bombardements aussetzen. Es ist auch überhaupt nicht sinnvoll. Um sich in seiner Lebensumwelt zu orientieren, ist es nicht einmal erforderlich, jeden Tag die Zeitung zu lesen und die Fernsehnachrichten zu sehen. Das Problem der Informationsüberlastung ist eher hausgemacht und wird reproduziert in dem überzogenen Anspruch, dass man in diesem symbolischen Feld permanent auf der Höhe und informiert ist. Insofern hat Graff Recht, wenn er davon spricht, dass die Bedeutung in dem Maße ungreifbar wird, in dem man sich der Beschleunigung hingibt. Man könnte auch von einer informationellen Unschärferelation sprechen. Ihr zugrunde liegt eine prinzipielle Fehlbewertung der sozialen Kommunikationsmedien im Internet. Twitter ist ein buchstäblich soziales Medium, kein Informationsmedium im strengen Sinn. Man versendet dort zumeist öffentliche SMS und dementsprechend ist der informationelle Charakter zu bewerten. Das besondere und entscheidende Merkmal ist in diesem konkreten Fall die Möglichkeit, Hypertextlinks einzubinden, die eine unmittelbare Verknüpfung mit anderen Inhalten bietet. Die Meldung zum Amoklauf von Winnenden entspricht dem Gespräch im Büroflur, bei dem man dem Kollegen zuruft: „Hast Du schon die Zeitung gelesen, hast Du schon Nachrichten gehört“ und die Quelle gleich mitliefert. Oder die eigene Einschätzung. Oder eine andere Meinung. Oder ein Bild. Hier eine Bedeutung einzufordern, erwartet etwas, was das Medium nicht leisten kann. Für die Bedeutung benötigt man eine Kontextualisierung und diese ist wiederum Teil eines Be- und Verarbeitungsprozesses, der Zeit braucht. Will ein Medium dies leisten, muss es sich diese Zeit nehmen. Dies gilt gleichfalls für das Individuum am Ende der Nachrichtenkette. Es ist frei, zu entscheiden, wie sehr es sich dem Informationsstrom aussetzt. Weniger ist an diesem Punkt sehr oft mehr.

Zuvor steht die Grunderkenntnis, dass in den Browseroberflächen die Grenze zwischen Publikation und eher privat intendierter Nachricht verschwimmt, denn in der automatisierten Digitalität sind die Verfahren für die Erfassung und Streuung für alle Texte gleich. Die Herausforderung ist es, Kompetenzen zu entwickeln, die Unterscheidung der Intention eines Textes zu erkennen. Und verlässliche Merkmale auszuhandeln, auf deren Grundlage dies möglich ist. Ersteres muss wohl jeder, der sich auf diesem Feld bewegt, selbst leisten. Letzteres ist die Aufgabe der auf diesem Gebiet professionell tätigen Akteure.

Nimmt man die Unterscheidung zwischen informellen Medien und Publikationsmedien an, sieht man also, dass die kurzen Verweise und Statusangaben der Webplattformen primär eine sozial koordinierende Funktion erfüllen. Und man staunt, dass ein Medienexperte darüber staunt. Facebook dient nunmal hauptsächlich zur Kommunikation von Identitäten und Identitätsvorstellungen. Inhalte im Sinne von komplexeren thematischen Texten treten in der Tat hinter solchen Symbolen zurück, die auf ein Selbst und seine Wahrnehmung verweisen. Wenn Facebook „den Fluss an Information weiter beschleunigen und noch stärker auf die individuelle Vernetzung und Kommunikation zuschneiden möchte“, dann will es eigentlich Gespräche ermöglichen. Wenn die Bibliothek eine Kaffeeecke einrichtet, verfolgt sie dasselbe Ziel. Dennoch werden in ihr weiterhin publizierte Inhalte im Mittelpunkt stehen. Denn darüber definiert sie sich.

Der Fehler, den Bernd Graff und andere vollziehen, ist vermutlich, dass sie sich selbst von den Phänomenen überrollt fühlen, in dem sie einen vermeintlichen Zwang (bzw. eine entsprechend lautende gesellschaftliche Forderung) zu einem Schritthalten postulieren und zum Maßstab erheben. Richtig: die traditionellen Formen „sind eben nicht mehr die ultimativen Formen des sich selbst vergewissernden Denkens und Erlebens.“ Allerdings sollte man in diesem Satz das ‚nicht’ streichen, denn außerhalb der Gruppe der professionell mit selbst vergewisserndem Denken und Erleben befassten, waren viele dieser Formen schon vor dem Internet nicht unbedingt der Alltagsbestandteil des überwiegenden Teils der Bevölkerung. Hier zeigt sich eine bestimmte Idealvorstellung gesellschaftlicher Medienrezeption, die sich aber in der Realität nur bedingt abgebildet findet und fand. Die „Kakophonie der Echtzeit“ umschließt jeden, der auch nur eine Großstadtstraße hinunter geht und auf den Verkehr, die Fahrpläne der Tram und das Tagesziel vor seinen Augen achten muss.

Eine Pluralisierung der Lebensstile führt zwangsläufig in eine Pluralisierung der Mediengewohnheiten. Twitter, Facebook, das Insel-Taschenbuch und die Tageszeitung existieren potentiell gut nebeneinander. Sie erfüllen aber auch jeweils spezifische Funktionen und Ansprüche. Die so genannte Soziale Software versteht sich bestenfalls in Hinblick auf einen angenommenen Wettbewerb um Aufmerksamkeit als Konkurrenz zu Essay, Leitartikel und Dossier. Die Kneipenrunde wirkt aber ebenso und kein Medienkritiker attackiert das Ecklokal als einen Feind der Reflexion.

Wenn man Soziale Plattformen als Geselligkeitsmedien begreift, wird man ihnen sicher besser gerecht. Gerade die Blogkultur mit ihren immensen Schreibaktivitäten trägt in vielen Fällen bzw. potentiell eher zu einer Vertiefung als zur Verflachung bei. Wer regelmäßig schreibt, entwickelt eher ein Gespür für Text. Dass dieser Prozess der Sensibilisierung quasi-öffentlich stattfindet, da jede Äußerung abrufbar und recherchierbar wird, ist nur ein Nebeneffekt. Der Mangel an Möglichkeiten, in den Suchmaschinen entsprechend automatisiert zu differenzieren, irritiert allerdings so manchen derart, dass er seine Welt(vorstellung) bedroht sieht. Eine entsprechende Elaboration und Standardisierung der Metadatenstrukturen für ein diesbezüglich verlässliches Retrieval wäre die zweckmäßigere Reaktion.

Nur vergleichsweise wenige der privaten Blogger und Twitterer suchen wirklich die breite Öffentlichkeit. Diejenigen, die es tun, stellen einen Sonderfall dar und verdienen gesonderte Betrachtung. Dass sie zwangsläufig den traditionellen Medien in näherer Zukunft das Licht ausknipsen, darf aber schon aus dem Grund bezweifelt werden, dass sie in diesen häufig ihren Bezugspunkt haben. Den meisten dürfte es jedoch einfach darum gehen, in einem – auch virtuellen – Freundes- und Bekanntenkreis oder einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Interessen Anerkennung und Austausch zu finden. Keiner unter ihnen schreibt (hoffentlich), um das Medium Tageszeitung oder das Medium Buch in den Untergang zu treiben.

Dadurch, dass sich die Leitmedien der Gesellschaft dennoch einer Hysterie hingeben, die im Prinzip von einer verhältnismäßig kleinen, aber ziemlich aggressiven Elite von Bloggern oft mehr als Provokation denn als konstruktiver Diskursbeitrag angestoßen wird, entsteht der Eindruck einer Massenbewegung, wo es keine gibt. Nimmt man die Welt als Text und Kommunikation als per se symbolbasiert, dann besteht sie nun mal als ubiquitären Echtzeittexten. Dass wir die Welt lesen, wenn wir uns in ihr orientieren, ist eben nicht neu. Dass wir andere Aspekte dieser Welt, als die von Graff erwähnten Mönchen in den Klostermanufakturen aufgegriffenen, über Zeichen vermittelt und expliziert im Internet vorliegen haben, ist eine spezifische Ausprägung, die sich auch schnell wieder ändern kann. Wir erfassen und kommunizieren trotz aller Allgegenwart nach wie vor nur einen Bruchteil des Erfassbaren. Es entstehen neue Formen, Praxen und Werkzeuge, über die diese Erfassung erfolgt, die allesamt keine Ausschließlichkeit erzwingen. So erlebt beispielsweise das totgesagte Medium Postkarte in eine social community namens postcrossing.com eine Wiedergeburt als Trend. Es ist keine Massenbewegung, aber analog zu Twitter und wahrscheinlich auch beide Formen nutzend, wählen sich hier Menschen ein Medium, das ihrem aktuellen Kommunikationsbedürfnis entspricht. Hinter jeder diese Kommunikationen gibt es eine Bedeutung. Nur ist diese manchmal nicht von allgemeiner Relevanz.

Berlin, 17. März 2009

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