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Das ethnografische Erkennen – auch bei Digitalen Bibliotheken?

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 14. November 2007

Anmerkungen zu: Seadle, Michael; Greifeneder, Elke (2007): Die Kunst des Beobachtens. Wie man Digitale Bibliotheken mit ethnografischen Methoden evaluiert. In: BuB – Forum Bibliothek und Information, H. 11/12, S. 835–838.

von Ben Kaden

Es ist ein bekanntes Problem, mit dem sich alle Betreiber von Internetangeboten konfrontiert sehen und damit die Betreiber von „Digitalen Bibliotheken“ gleichermaßen: Man bastelt, baut und schraubt über eine Reihe von Projektzyklen an wunderbaren Angeboten und am Ende läuft alles in die Black Box, auf der ganz allgemein „Benutzer“ steht.

Man hat zwar ein Ziel vor den Augen, aber sehr spezifisch ist es nicht und entsprechend trüb wird die konkrete Ausgestaltung des Angebots. Die also für Digitale Bibliotheksangebote grundsätzliche Frage nach der Spezifizierung der Nutzer steht im Zentrum des Beitrags von Michael Seadle und Elke Greifeneder.
Der Einstiegsantwort „Der Benutzer ist jemand, der eine Digitale Bibliothek benutzt“ ist aufgrund der ihr innewohnenden Tautologie kaum mit Widerspruch beizukommen. Sie erweitert das Betrachtungsfeld aber auch nicht sonderlich. Entsprechend steht sie glücklicherweise am Anfang des Aufsatzes und am Ende ist man in Hinblick auf den Benutzer zwar nicht direkt schlauer, aber man weiß 1. dass es eine pauschale Bestimmung nicht geben kann und 2. wie man sich ihm – aus der Sicht von Michael Seadle und Elke Greifeneder – am besten nähert: ethnografisch.

Michael Seadle ist von Hause aus Anthropologe und entsprechend überrascht die in der deutschen Bibliothekswissenschaft noch nicht alltägliche Übertragung einer Methode der Anthropologie auf die Evaluation von Bibliotheksangeboten nur bedingt. Dass sie in einer partikularen Gesellschaft, in der selbst der traditionelle Milieu-Begriff angesichts der extremen Individualisierung der Lebensstile erodiert, Fruchtbares verspricht, steht außer Frage.
Insofern ist es sehr angebracht, wenn das Berliner Autorenteam hier für ein Verfahren sensibilisieren möchte. Schade, dass die bereits durchgeführten Evaluationen mit diesem Methodenhintergrund (so bei der Bewertung der Perseus Digital Library – vgl. z.B. Yang, Shu Ching (2001): An Interpretive and Situated Approach to an Evaluation of Perseus Digital Libraries. In: Journal of the American Society for Information Science and Technology, Jg. 52, H. 14, S. 1210–1223. – oder beim Water in the Earth System der American Meteorological Society – Khoo, Michael (2001): Ethnography, Evaluation, and Design as Integrated Strategies: A Case Study from WES. In: Constantopoulos, Panos (Hg.): Research and advanced technology for digital libraries. 5th European conference, Darmstadt, Germany, September 4 – 9, 2001; proceedings. Berlin: Springer (Lecture notes in computer science, 2163), S. 263.) nicht hinsichtlich ihrer tatsächlichen Erkenntnisse kurz referiert wurden.

Der Hinweis auf das Buch von Bonnie A. Nardi und Vicki L. O’Day ist sicher hilfreich, besonders, da diese die ethnografische Methode in ihrer Anwendung auf Nutzerstudien weitaus griffiger formulieren, als es der von Michael Seadle und Elke Greifeneder zitierte Clifford Geertz tut.

Wo es bei Nardi und O’Day in schönstem Pragmatismus heißt:

„Our empirical studies are ethnographic studies, which means that we go out into the “field” to study situations in which people are going about their business in their own ways, doing whatever they normally do.” (Nardi, Bonnie A. (1999): Information ecologies. using technology with heart. Cambridge Mass. , London: MIT., S. 14).

liest man mit Clifford Geertz:

”Ethnographie betreiben gleicht dem Versuch, ein Manuskript zu lesen (im Sinne von >eine Lesart entwickeln<), das fremdartig, verblasst, unvollständig, voll von Widersprüchen und tendenziösen Kommentaren ist, aber nicht in konventionellen Lautzeichen, sondern in vergänglichen Beispielen geformten Verhaltens ist.“ (zitiert aus dem Aufsatz, S. 835-836)

Zwischen Nardi und O’Day einerseits und Geertz andererseits liegen, was die Ethnografie betrifft, nicht nur sprachlich Welten und für die Klarheit des Aufsatzes wäre es angesichts der Beschränktheit auf vier Seiten vielleicht hilfreicher gewesen, sich für die zielgerichtetere Definition der beiden Bibliotheksevaluatorinnen zu entscheiden und Clifford Geertz an anderer Stelle einführender und umfänglicher darzustellen. Denn letztlich läuft beides auf die einprägsame Formel: „Man muss versuchen, den kulturellen Kontext des Werkes [bzw. des Nutzerverhaltens] zu verstehen.“ (S. 836) hinaus.

Einen streng hermeneutischen Ansatz verfolgen die Autoren allerdings nicht. Sie orientieren sich auf die Verfahren der „linguistischen Analyse“, des „Workshops“ sowie der „Beobachtung mit Film- und Tonaufnahmen“, auch hier leider eher sensibilisierend denn erschöpfend, was aber sicher dem Forum und der Vorgabe des Verlages geschuldet ist. Merkbar ist das Bemühen, tatsächlich umsetzbare Handlungsoptionen aufzuweisen, auch wenn es bei Formulierungen „Studierende mögen Essen (zum Beispiel Pizza) und freuen sich auch eine kleine finanzielle Aufwandsentschädigung (vielleicht fünf Euro)“ einen Tick zu weit geht. Der Running Gag mit der „Pizza“ (vgl. hier) wird sicher den meisten BuB-Lesern verschlossen bleiben.

Nicht nachvollziehbar ist für mich die Heraushebung, dass Studierende an der Evaluation von Digitalen Bibliotheken ein – besonderes? – Interesse haben. Ebenso erscheint mir die Feststellung, „dass Studierende keine Informationssilos möchten, sondern breite Informationsportale, die sie selbst gestalten können, wenn sich ihre Interessen (etwa durch Lehrveranstaltungen) ändern“ im Unterschied zu den Autoren nicht unerwartet, wenn man an die Nutzung von Web2.0-Identitätsportalen von MySpace oder Facebook denkt.

Hier werden Erwartungen und Verhaltensweisen von den Portalen der vorwiegend privaten sozialen Interaktion auf die Oberflächen der fachlichen Kommunikation projiziert, wobei diese Sphären im Fall von Facebook sogar zusammenzuwachsen scheinen. Die angeschlossene Aussage, dass viele Bibliothekare solches nicht gern sehen, mag vielleicht nicht auf ganzer Linie an der Realität vorbeizielen, ist aber ein Aspekt, auf den man bei aller Liebe zu den Vorlieben der Bibliothekare bei dem Ziel, ein nutzbares Angebot zu entwickeln, keine Rücksicht nehmen sollte. Aspekte der Innovationsbereitschaft und -resistenz gehören eher in den Bereich der Organisationspsychologie als in die Entwicklungsabteilung für Digitale Bibliotheksangebote.
(Wobei eine ethnografische Analyse der Betriebsorganisation innerhalb einer Bibliothek ausgesprochen reizvoll scheint und das Potential zu unerwarteten Ergebnissen besitzt. Dies steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt.)

Ein wichtiger Punkt wird am Ende der Studie angesprochen: Nutzer „suchen die Ursache oft bei sich selbst, wenn sie Probleme bei der Benutzung haben. Sie sehen selten, dass beispielsweise die umständliche Navigation Ursache sein kann.“ Hier wäre eine ethnographische Aufdröselung der Schuldzuweisungen (‚ich bin’s‘, ‚die Maschine ist’s‘, ‚der Anbieter ist’s‘) sicher aufschlussreich und könnte u. U. dem sich selbst geißelnden Nutzer auch etwas Seelenfrieden besser aber ein auf seine Nutzungspräferenzen angepasstes Angebot bescheren.

Insgesamt lässt sich nach der Lektüre des Aufsatzes festhalten, dass der Wert einer differenzierten Nutzerkenntnis sehr hoch zu bewerten ist und ethnographische Ansätze ein hilfreiches Werkzeug zum Finden entsprechender Erkenntnisse darstellen. Zweifellos besteht an diesem Punkt in der Bibliothekswissenschaft nicht nur in Hinblick auf die Evaluation Digitaler Bibliotheken Nachholbedarf. Daher wäre es wünschenswert, wenn der Beitrag von Michael Seadle und Elke Greifeneder mithilft, hier vertiefende methodologische Entwicklungen anzuregen. Viel mehr kann der Aufsatz aufgrund der gegebenen Knappheit leider nicht leisten. Aber er zeigt auf, was möglich wäre.

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