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Danowski/Heller: Bibliothek 2.0: Die Zukunft der Bibliothek?

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 23. November 2006

Danowski, Patrick, Heller, Lambert: Bibliothek 2.0: Die Bibliothek der Zukunft?. In: Bibliotheksdienst 11/2006, S. 1256 – 1271

Im E-LIS Archiv als Volltext

Die Besprechung erfolgt auf der Grundlage der Version bei E-LIS.

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Patrick Danowski und Lambert Heller sind Vertreter einer „neuen“, web2.0-affinen Generation von Bibliothekaren und begeistert von den Entwicklungen im Bereich der Sozialen Software und deren Auswirkungen auf das Bibliothekswesen. Das merkt man ihrem groß angekündigten und viel gelobten (hier oder hier) Beitrag für den Bibliotheksdienst, der vorab schon bei E-Lis abrufbar ist auch an. Der Text ist rein affirmativ – kritische Aspekte von Web und Bibliothek 2.0 und mögliche Folgewirkungen finden sich leider nicht betrachtet. Das ist insofern schade, da sich eine (sachliche) kritischere Auseinandersetzung mit dem Phänomen Bibliothek 2.0 bisher kaum findet.

Die Autoren legen – besonders im letzten Kapitel – eine Art Programmpapier vor und schaffen so im deutschsprachigen Raum eine Art Diskussionsbasis, deren entscheidender Vorteil es gegenüber all den mittlerweile im Web auch in Deutschland schon recht zahlreich vorliegenden Gedanken und Äußerungen zum dem Thema erstaunlicherweise sein wird, dass sie gedruckt erscheint. Während also die Diskussionen im netbib-Weblog, in Partrick Danowskis Bibliothek 2.0 und mehr, in LIS Potsdam oder an anderen Stellen von der vermutlich angestrebten Zielgruppe für den Artikel nicht wahrgenommen werden dürfte, fängt man sie schließlich mit der Publikation in einer weitverbreiteten Fachzeitschrift. Nun kann auch der socialweb-resistenteste Bibliothekar nicht mehr sagen, er hätte von nichts gewusst.

Für diesen „aufklärerischen“ Zweck ist der Beitrag gut geeignet. Im ersten Teil werden noch einmal die Grundelemente des Web 2.0 dargestellt. Der Auszug aus der Wikipedia dürfte allerdings für die, die sich mit Thema auskennen, zu redundant und für alle anderen wenig hilfreich sein. Hier wäre eine Kurzdarstellung der Grundprinzipien, wie sie z.B. Web 2.0-Benenner Tim O’Reilly selbst ausführt oder wie sie Markus Angermeier mit seiner Netz 2.0-Mindmap visualisiert eventuell hilfreicher gewesen sein. Dass die Anwendungen dann auf Ajax, XML und RSS basieren und Google Docs & Spreadsheets oder del.icio.us heißen, hätte man immer noch ergänzen können.
Del.icio.us und Google-Docs dienen hier denn auch als Hauptbeispiele, an denen die Kernelemente, besonders das Tagging, im Schnelldurchlauf erläutert werden.

Spannender ist der Abschnitt Bibliothek 2.0: Ein Paradigmenwechsel und selbst wenn man die landläufige Überstrapazierung des „Paradigma“-Begriffs nicht mag, so ist er hier doch eindeutig richtig platziert. Das Neue liegt in der Wechselseitigkeit, die Bibliotheksnutzer und Bibliothekare („und andere „Informationsprofis“) in einen gemeinsamen Informationssammlungs-, -aufbereitungs- und -verarbeitungsprozess führt. Die Bibliothek 2.0 scheint sich zu einer Plattform für informationsbezogenes Handeln zu entwickeln, wobei man beim konsequenten Weiterdenken des Konzeptes noch mehr von dem Althergebrachten in Frage stellen muss, als es die Autoren tun. Wenn der Nutzer zunehmend als ein die Bibliotheksangebote mitbestimmender Informationsprosument agiert, stellt sich die Frage, ob die Bibliothek noch Informationsdienstleistungen anbietet oder vielmehr Räume, in denen sich Information Life Cycles unter Beteiligung diverser Akteure vollzieht. Der – in meinen Augen schon jetzt missverständliche und missverstandene – „Kunden“-begriff wäre kaum noch zu halten – mehr denn je würden Nutzer wirklich „Nutzende“ sein und darüber hinaus auch „Nutzen schaffende“. Nachdem die kundenorientierte Bibliothek eine „just-in-time“-Konzeption im Sinne einer hochentwickelten Informationslogistik in ihr Zentrum rückte, wäre das Grundprinzip der die Bibliothek 2.0 nicht mehr nur „just-for-me“, sondern darüber hinaus auch „just-by-me“.

Ziel der Bibliothek 2.0 ist es nicht mehr, wie Patrick Danowski und Lambert Heller im Anschluss an Michael C. Habib betonen, eine „richtige“ Benutzung der Bestände und Erschließungsmittel zu vermitteln.
Vielmehr stünde in der Konsequenz die Vermittlung von Gestaltungskompetenz sowohl hinsichtlich der Medien selbst, die in digitalen Umgebungen weitgehend flexibel sein dürften, und der Erschließung dieser Medien. Da eine Konsensfindung unter den diversen Akteuren mit dem Ziel einer allgemeingültigen Erschließungsmöglichkeit (z.B. einer Klassifikation) eher unwahrscheinlich ist, müsste die Bibliothek 2.0 offen für parallel existierende Zugangsformen sein, die auch Folksonomies oder Selfsonomies der Nutzer als gleichberechtigt akzeptieren. Wenn man fragt, wie man diese heterogenen Formen letztlich miteinander automatisch abstimmen kann, ist man gleich beim Themenspektrum Semantic Web.

Eine einfache praktikable Möglichkeit für eine bookmarkartige Selbst-Erschließung von Beständen ergibt sich aus dem von den Autoren erwähnten OpenURL System:
„Jeder einzelne Buchtitel und jede einzelne Ressource sollte durch eine permanente möglichst aussagekräftige URL angesprochen werden.“ Je nach Digitalisierungsgrad bzw. Volltextverfügbarkeit, so möchte man hinzufügen, sollte dies soweit flexibilisiert werden, dass man jedes vom Nutzer als bedeutungstragend eingeschätztes Informationselement bis hin zum Einzelwort entsprechend markieren und mit einem dauerhaften URI versehen kann.

Vom Bookmarken der Inhaltselemente zum Austausch der Verweise, aus denen sich dann eine Grundlage für die „Soziale Bibliothek“ ergibt, ist es nur ein geringer Schritt und wenn man diesen Austausch mit entsprechenden „Recommender- und Popularitätsfunktionen“ koppelt, schafft man sich die Bibliothek als „objektzentriertes soziales Netzwerk“ (OSN).

Die Rolle der Bibliothekare kann in diesem Zusammenhang die einer „Moderation“ in Form einer Sicherung der Informationsqualität sein, denn wie man im Amazon-Alltag sieht, ist Schwarmintelligenz hinsichtlich der Bewertung von Medien vorwiegend vom Populärgeschmack gelenkt, so dass sich mitunter gravierende Fehleinschätzungen hinsichtlich der Qualität und Relevanz eines Mediums ergeben. Auf den zukünftigen Lehrplänen der bibliothekarischen und bibliothekswissenschaftlichen Ausbildungsstätten wird sich folglich in Zukunft auch nutzerbezogene Sozialpsychologie in weitaus stärkerem Maße als bisher finden (müssen).

Patrick Danowski und Lambert Heller formulieren dies nicht so weit aus, zeigen aber auf, dass besonders der traditionelle Erfahrungsschatz aus Bibliothek und Dokumentation hinsichtlich der Möglichkeiten und Probleme inhaltlicher Erschließungsmittel in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung bekommt.

Jedoch findet sich bei allem Visionären die Entwicklung bislang in einem sehr rudimentäre Stadium, so zeigt sich am ausgeführten Beispiel des WorldCat, dass man sich oft zwar mitentwickeln möchte, dies aber eher vorsichtig tut und die sich abzeichnende Rollenverschiebung noch nicht so ganz akzeptieren mag. Der Auffassung, dass sich die Bedeutung der Bibliotheken in der Zukunft nicht mehr über die (Daten)Bestände sondern über die Benutzbarkeit als nutzeroptimierter bzw. -optimierbarer Zugangsweg definiert wird, will man sich an diesen Stellen offensichtlich noch nicht anschließen. Woanders (z.B. an der LMU München) ist man in diesem Punkt anscheinend offener.

Schließlich wird als letztes Anwendungsfeld, bevor sich die Autoren dem Selbstverständnis des Bibliothekar 2.0 zuwenden, das Phänomen Weblog als Schnittstelle für die Bibliothek-Nutzer-Kommunikation angerissen, wobei festzuhalten ist, dass Weblogs vor allem dazu geeignet scheinen, die Web 2.0-aktive Nutzer da abzuholen, wo sie sich nunmal befinden.

Der letzte Abschnitt ist der Aufruf zu einem Web 2.0-offenen Berufsverständnis. Ausgangspunkt ist die Überlegung, wie sich die Tendenz zur Bibliothek 2.0 in der Wissenschaft und in Wissenschaftlichen Bibliotheken umsetzen lässt. Dabei werden einige aktuelle Trends in der Wissenschaftskommunikation über Webplattformen aufgezählt (digitale Quellen- und Zitationsverwaltung, webbasierte Textproduktion, Review- und Annotationsprozesse über Web 2.0-Medien, Langzeitarchivierung) und die Frage nach der Rolle der Bibliothekare in diesem Kontext aufgeworfen.

Der sich anschließende Apell, neue Webmedien zu akzeptieren, wirkt dabei auf den Leser fast erschreckend: Sollte es tatsächlich so sein, dass die wissenschaftlichen Bibliothekare derart an ihrer Klientel vorbei arbeiten? Denn eigentlich gewinnt die Wissenschaftliche Bibliothek ihre Legitimation vorwiegend aus ihrem Nutzen für die Wissenschaft(ler). Dieser entsteht dadurch, dass die Bibliothek Publikationen sammelt, erschließt und verfügbar macht und auf diese Weise die Wissenschaftskommunikation kanalisiert und optimiert.
Wenn sich nun alternative Formen für diesen Prozess durchsetzen, die sich ohne jegliche Einbindung der wissenschaftlichen Bibliothek vollziehen, dann wird dieselbe spätestens obsolet, sobald ihre letzten Altbestände digitalisiert vorliegen. Ihr bliebe entsprechend nur noch die Bedeutung als Speicher für die Primärformen der Digitalisate. Ihre Kernaufgabe wäre jedoch dahin. Es verwundert vor diesem Hintergrund etwas, dass die Bibliothekare anscheinend diese Gefährdung nicht realisieren und eines solchen Weckrufes bedürfen.
Bei der Argumentation für die Einsetzbarkeit von Web 2.0 Elementen in der Wissenschaft, die man angesichts der von Wissenschaftsverlagsseite forcierten RSS-Dienste u.ä. kaum mehr betonen müsste, weisen die Autoren leider auf ein grundlegendes Element der aktuellen Wissenschaft nicht hin, nämlich dass diese schon eine ganze Weile zu großen Teilen kollaborativ verläuft. Dabei ist erstaunlich, dass die Bibliotheken dieser Notwendigkeit nach Zusammenarbeit bei der Erkenntnisproduktion bisher offensichtlich wenig Rechnung getragen haben bzw. wenig Rechnung tragen mussten. Jetzt, da sich ernstzunehmende Alternativen herausbilden, müssen sie sich wohl zwangsläufig darauf einrichten und „effektiv dabei helfen, diesen wertvollen Informationskreislauf zu schließen.“

Berlin, 23.11.2006

Ben Kaden

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