LIBREAS.Library Ideas

Pomerantz/Stutzman: Collaborative reference work in the blogosphere

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 20. September 2006

Pomerantz, Jeffrey ; Stutzman, Frederic: Collaborative reference work in the blogosphere. In: Reference Services Review. 2/2006 (34) S. 200- 212

Das PDF ist hier abrufbar.

Reference und Blogosphäre

Die Blogosphäre dringt in die Bibliotheken. Dies allerdings eher langsam, was besonders dann gilt, wenn es weniger um zumeist privat initiierte Blogs von Bibliothekaren oder Bulletin-Board-artige allgemeine Informationsweblogs geht, sondern um konkrete Anwendungen, die erahnen lassen, was sich hinter dem Buzzword Library 2.0 verbergen könnte.

Einen kleinen Einblick in das, was ihrer Meinung nach in diesem Bereich passieren könnte, geben Jeffrey PomerantzAssistant Professor an der School of Information and Library Science at the University of North Carolina at Chapel und Frederic Stutzman, PhD-Student an derselben Schule, in ihrem Aufsatz.

Die Autoren gehen davon aus, dass das Weblog-Prinzip im Reference-Bereich gut einsetzbar wäre, auch wenn dies bislang noch nahezu überhaupt nicht geschieht.

Voraussetzung dafür ist ein Wandel der Grundstruktur von Reference-Dienstleistungen. Der klassische Dienst ist eine Eins-zu-Eins-Kommunikation zumeist vor Ort in der Bibliothek, die sich zu großen Teilen synchron vollzieht, d.h. der Bibliothekar versucht möglichst sofort die Antwort auf die Anfrage zu finden. Zum Teil muss er über ein Gespräch den Kern der Anfrage ermitteln.

Eine zweite Variante aus der WWW-Welt ist die E.mail-Auskunft. Dieser Typus ist – im Gegensatz z.B. zu Reference-Chats – asynchron, d.h. der Auskunftsbibliothekar ruft die E.mails mit Anfrage in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt ab und hat entsprechend einen größeren Zeitraum für Recherchen zur Verfügung. Aber auch hier bleibt die Eins-zu-Eins-Situation bestehen.

Eine blogbasierte Auskunft greift dagegen auf das Community-Prinzip zurück. Beim „indirect reference“, kann mehr als ein Bibliothekar auf die Anfrage des Nutzers eingehen. Wenn ein Nutzer eine Frage stellt, besteht z.B. in der jeweiligen Blog-Community die Möglichkeit, dass weitere, u.U. zu diesem Thema kompetentere Personen auf die Frage eingehen. Daraus ergibt sich eine „Auskunftsshäre“ (Reference Sphere). Der Auskunftsdienst wird zu einem gemeinschaftlichen Handeln.

Kollaborative Ansätze, d.h. Collaborative Reference Work sind an sich nichts ganz Neues, sondern haben z.B. in Angeboten wie Ask MetaFilter (nichtbibliothekarische) Vorläufer. Eine andere, stärker auf die Möglichkeiten von RSS zurückgreifendes, bislang jedoch fast nicht genutztes Angebot soll Story Starters darstellen. Der Unterschied zu den schon vom Listserv bekannten Prinzip ist die Ausnutzung der technischen Grundeigenschaften von Weblogs. Entscheidend sind dabei der Permalink und das RSS-System.

Lyceum

Das Konzept der Autoren bezieht sich auf ein System namens Lyceum. Diese auf WordPress aufbauende Software erzeugt eine lokale Blogosphäre, d.h. ein lokal begrenztes Blognetzwerk in dem die Vernetzung über gemeinsame Erschließungsoberflächen besonders strukturiert wird.

Lyceum stellt damit einen möglichen Ansatz für eine Art Meta-Blogging im Reference-Bereich dar.

Dabei gibt es zwei entscheidende Grundmerkmale:

Erstens ist das Content-Tracking über RSS gezielt und sehr flexibel einstellbar und zweitens kann das Post und Respond-Verhalten im Blog (z.B. blogometrisch) z.B. mittels Loganalysen (denn jede Anfrage ist über seinen Permalink direkt im Nutzungsverhalten gekennzeichnet) besser erfasst und ausgewertet werden.

Das Verfahren

Fragen werden grundsätzlich als Blog-Posting und Antworten durch die Bibliothekare als Comment eingeführt. Zudem werden die Fragen nach entsprechenden Fachgebieten, d.h. Kategorien thematisch geordnet.

Der Auskunftsbibliothekar kann sich via RSS seine relevanten Fachgebiete abbonieren und erhält per RSS-Feed neu eingehende Fragen. Der Nutzer kann sich ebenfalls über einen RSS-Feed sämtliche Antworten zu seiner Frage abbonieren.

Der Feed kann also über RSS-Filter nach Meta-Classifiern (“Kategorien”) eingegrenzt werden. Die Autoren sehen dabei vier Varianten von RSS-Streams:

1. die ganze (lokale) Blogosphäre
2. die Posts eines spezifischen Blogs
3. themenspezifische Posts
4. themen(kategorien)spezifische Posts in einem spezifischen Blog

Alle Fragen und Antworten finden sich in einem zentralen Blog-Repository archiviert und bilden so mit der Zeit eine Art Reference-Archiv auf das beim wiederholten Auftreten einer Anfrage zurückgegriffen werden kann. Auch können Antworten später jederzeit ergänzt werden.

Offene Fragen

Offen bleiben bei dieser recht einleuchtenden Idee natürlich Fragen z.B. danach, wie dieses System gepflegt werden kann und in welcher Form die Qualitätskontrolle erfolgt.

Auch wenn Auskunftsbibliothekare die Beantwortung der Fragen übernehmen, so wird sicherlich mindestens ein Administrator benötigt, der sich um das reibungslose Funktionieren der lokale Blogosphäre kümmert.

Zu ermitteln ist weiterhin, wie Nutzer das System annehmen würden. Konkret sehen die Autoren drei ungeklärte Aspekte:

1. Für wen und für welche Anfragen ist das System geeignet? : “Can community reference work serve the needs of all types of patrons with all types of information needs? Or is it necessary that the community be constrained by a common interest in difficult questions or some other limiting characteristic?” – S. 207

Kann das System umfassend eingesetzt werden oder bietet es sich eher für besondere Arten von Fragen an? Ebenfalls offen ist, ob sich alle Nutzer an einem solchen System beteiligen würden oder ob sich hier Experten treffen. Da die Erfahrungen mit solchen Modellen noch sehr gering sind, muss man vermutlich erst einmal Ausprobieren und so erste Eindrücke sammeln.

2. Wer übernimmt für die Beantwortung welcher Fragen?: „Fundamentally, the issue of credentials reduces to the question of who should be allowed to provide reference assistance, and in a situation of differentiated service, who should be allowed to provide what sort of assistance?“ – S. 207

Die Frage zielt auch dahin, inwieweit man ein solches System öffnet und die Community ausdehnt. Im Prinzip könnte man auch Bibliotheksnutzer für Antworten zulassen, sofern sie sich auf bestimmten Gebieten als Experten erweisen. Wo zieht man die Grenze und wie viel „paraprofessionalism“ lässt man zu? Wie sichert man an dieser Stelle die Informationsqualität?

Eine klare Antwort findet sich auch für diesen Punkt nicht: „Again, it is an empirical question as to what the appropriate level of openess or restriction is for blog reference in different environments.“ – S. 207

3. Wie verhält es sich mit dem Verweis von Anfragen an weiterführende Quellen/Experten, wenn eine Beantwortung im normalen Reference-Kontext nicht möglich ist? Die Autoren sehen hier die Lösung in der Blogosphäre selbst: „A patron may post a question in a reference blog that is out of scope for that particular blog or library. However, in a blogosphere, that post may then be automatically indexed in a meta-blog.” Diesen Meta-Blog gilt es allerdings ebenfalls erst zu initiieren.

Überhaupt ist der vorliegende Text hauptsächlich eine Überlegung, was möglich wäre. Konkrete Erfahrungen mit solchen Systemen liegen bislang kaum vor, entsprechend grau ist auch noch die Theorie. Lyceum hat z.B. als lokale Blogosphäre an der Johns Hopkins University eine Anwendung gefunden, allerdings nicht als Reference-Tool.

Web 2.0 und Library 2.0

Vielleicht muss man hier eine kleine Trennlinie zwischen Web 2.0 und Library 2.0 ziehen: Die Idee einer lokalen Blogosphäre ist sehr reizvoll und in akademischen Kontexten ausgesprochen sinnvoll und erfolgversprechend.

In bibliothekarischen Zusammenhängen, wo z.B. bei Auskunftsdiensten in jedem Fall eine Qualitätssicherung gewährleistet sein muss, scheint noch weitere konzeptionelle Arbeit notwendig zu sein. So ist z.B. die Frage, wie man die Anfragen zu bestimmten Kategorien sortiert noch völlig offen. Ein entsprechendes Kategoriensystem muss dabei einerseits die Ansprüche des Durchschnitts-Nutzers, anderseits die der Bibliothekare an inhaltliche Erschließung und drittens die Gegebenheiten des Mediums berücksichtigen. Wer sich Weblogs mit eher heterogenen Inhalten betrachtet, die zudem häufig „organisch“ gewachsen sind, d.h. eine Kategorie immer dann eingeführt haben, wenn ein Phänomen erstmalig auftrat, sieht die Schwierigkeiten bei der Bewahrung einer einheitlichen und logischen Kategorienstruktur. Tagging bietet sich hier eventuell als Alternative an, jedoch muss man sich hier auf ein einheitliches Vokabular einigen, das gepflegt und – gerade auch im Web 2.0 Bereich – ständig um Verweisformen u.ä. erweitert wird. Reine Folksonomies sind für ein bibliothekarisches Angebot, das auf eine möglichst vollständige Erschließung eines Informationsbestandes Wert legt, eher ungeeignet. Die Frage ist nun, in welcher Form und mit welchem Aufwand z.B. Tag-Thesauri entwickelt werden sollten.

Je mehr man sich in die Thematik hineindenkt, desto stärker wird bewusst, wie viel Entwicklungsbedarf im Bereich der Library 2.0 gegeben ist. Man kann im kommunikativen Wildwuchs des Internets durchaus funktionierende Formen offensichtlich nur entsprechend auf den Anwendungskontext angepasst übernehmen. Daneben gilt es sich auch Anwendungen zu entwickeln, die vorwiegend oder ausschließlich im Bibliotheksbereich funktionieren. Diese Anpassungen und Entwicklungen sind ein ganz gutes Themenfeld für eine zukunftsfähige Bibliothekswissenschaft und der vorliegende Aufsatz zeigt, dass man sich in dieser z.T. diesen Aspekten schon annimmt.

Inwieweit die deutsche Bibliothekswissenschaft sich hier einbringen wird, muss sich noch zeigen. Bislang, so scheint mir, befindet man sich bestenfalls in einem Stadium des Ausprobierens dessen, was möglich ist. Eine wirklich strukturierte Forschung auf diesem Gebiet gibt es nur in wenigen Ansätzen. Ich denke, dass z.B. gerade die Virtuellen Fachbibliotheken auf diesem Feld aktiver werden sollten.
Es geht – so ist meine Prognose – bei der Bibliothek der Zukunft nicht mehr nur hauptsächlich um die Bereitstellung von Information, sondern vielmehr um die Gestaltung des Umfeldes in dem diese Bereitstellung erfolgt. Wenn die Bibliotheken überlegen (auch wenn es wissenschaftliche Bibliotheken bislang noch nicht unbedingt nötig haben), wie sie Nutzer gewinnen und halten können, scheint der Community-Aspekt (inkl. einer community information-provision) ein ganz gut geeigneter Ansatz zu sein.

Berlin, 20.09.2006

Ben Kaden

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