LIBREAS.Library Ideas

Luftschiff Ahoi! Unser Tag- und Nachtasyl in Schermetjevo II

Posted in LIBREAS on tour by Ben on 28. August 2006

So weit fort von Europa ist Korea eigentlich gar nicht. Jedenfalls wenn man in der Business-Class einen Direktflug erwischt. Mal ausspannen, die Zeitung lesen, einen Film sehen, etwas Leckeres essen, ein Stündchen schlafen und schon ist man dort und genauso wieder zurück. Man zieht die Buntfalten in der Hose noch einmal gerade, schnappt sich den Rollkoffer und steht dann erstmal zwei Stunden im Stau auf der Zubringerstraße. So jedenfalls stellen wir uns den idealen Ablauf einer solchen Reise vor.

Damit man aber auch in modernen Zeiten, und jetzt kommen wir zu unserem Flug, das Gefühl hat, dass Fernreisen beschwerlich, anstrengend und erschöpfend sind, gibt es Aeroflot und den Transitbereich des Flughafens Schermetjevo II, der vorwiegend aus einer leeren steinernen Balustrade mit Blick in die Abflugschalter, etwas sündteurer Flughafengastronomie, einem geheimen First-Classbereich und einer extrem öden Shoppingzone besteht, die in zig Duty-Free-Shops ein durchgängig identisches Angebot bereithält. Die Zahl der Sitzplätze ist streng limitiert. Entsprechend nutzt man den steinernen Wandelgang aktiv als Ruhezone und Liegefläche. Da wir auf dem Hinflug hier schon neun Stunden verödeten, wussten wir für die fünf Sonntagabendstunden vorzusorgen und nahmen aus dem Seoul-Moskau-Flug die dort bereitgestellten blau-orangenen Aeroflot-Decken mit. Die wirklichen Warteprofis von Schermetjevo haben dagegen Iso-Matten oder Luftmatrazen dabei und manche auch ein Kissen. So kann man hier auf den ersten Blick die Transiterstreisenden von den erfahrenen Transitgästen auseinanderhalten.

Allein im weiten Flur. Was aussieht, wie ein Mensch ohne Obdach, ist ein Fluggast von Aeroflot, der auf dem Hausflughafen der Fluglinie seinen Anschluss abwartet. Wie man sieht, ein Erstbesucher des Transitbereiches.

Hat man sein Plätzchen gefunden, kann man getrost einschlafen, denn entgegen allen Vorurteils, wirkt es hier nicht gefährlich. Auch kann man im Gegensatz zu früher und auch im Gegensatz zu modernen Flughäfen, hier ungestört herumfotografieren, was die Linse hergibt. Nur gibt sie eben nicht viel her und nach fünfzehn lustigen Posierfotos sind auch erst zehn Minuten herum. Da ist es schon vermeintlich angenehmer, sich mit jemandem zu unterhalten, z.B. mit dem armen belgischen Journalisten, der ein halbes Jahr in Korea unterwegs war und nun ohne einen Cent in der Tasche ratlos Anschluss sucht, da er gerade keinen Anschluss nach Brüssel hat, d.h. sein Flug entweder verspätet oder gar nicht mehr abhebt. Falls man also nach 9 Stunden Flug in der Mittelreihe der Touristenklasse noch in der Stimmung ist, eine derart traurige Geschichte anzuhören, kann man a) jemanden eine Freude machen und b) wieder eine halbe Stunde herumbekommen.

Eine weiter Möglichkeit ist, sich im Duty Free Shop zum Glück auch mit Euros ein Kaltgetränk holen und die längste Schlange zu wählen. Auch hiermit sind 10 Minuten zu schaffen. Und zwischendurch gilt es, immer wieder, auf steinernem Grund zu schlafen.

Spaß am Sonntag.Von solchen Erinnerungsbildern haben wir etwa vierzig.

Zudem gibt es natürlich das Informationsbedürfnis, welches schon frühzeitig nach der Information zum richtigen Gate giert. Entsprechend verbringt man jeweils fünf Minuten pro Stunde mit dem Wandern zur einzigen zentralen und für Kurzssichtige kaum lesbaren Anzeigetafel, die dem Betrachter die exotischsten Zielorte von Eriwan bis Ulan-Bator, von Dehli bis – ja richtig – Seoul anzeigt. Und zusätzlich kann man natürlich auch noch die Sicherheitschecks observieren, die hier ein konsequentes Durchleuchten der Schuhe einschließt, wobei diese Tatsache tiefstes olfaktorisches Mitleid mit den armen und sicher durch die vielen Schuhkontrollen benebelten Sicherheitsbeamten hervorruft.

Die Körperchecks dagegen fallen ganz entspannt aus, ich wurde z.B. trotz piependem Gerät ohne Würdigung eines Blickes einfach durchgewunken. Manuela war dagegen so leichtfertig, ihre Aeroflot-Decke unter dem Arm durch die Schleuse transportieren zu wollen und glücklicherweise versteht sie ausreichend wenig Russisch, so dass die Schimpftiraden der strengen Beamtin in Stöckelschuhen, die die Beute sofort beschlagnahmte, nahezu spurlos an ihr abperlten. Lessons learned Teil 2: Die aus dem ersten Teilflug entwendete Decke entweder an andere Wartende weitergeben oder im Handgepäck verstauen. In der Boing gen Berlin hätten wir die Decke nämlich ganz gut brauchen können, bewegte sich das Flugzeug nämlich zunächst gar nicht gen Berlin, sondern ersteinmal überhaupt nicht. Aus irgendeinem Grund, den der Reisende aber nicht erfährt, herrschte plötzlich Startverbot, was der Reisende eigentlich auch nicht erfährt. Was er nach einer halben Stunde Unklarheit erfährt, ist, dass sich der Start um etwa zehn bis fünfzehn Minuten verzögert. Da man sich, müde wie man ist, ohnehin in einem Zustand zwischen Wachen und Schlafen befindet, kann es passieren, dass man sich in dieser Situation im Regionalverkehr der Deutschen Bahn AG wähnt, allerdings sind die Auskünfte hier auf Russisch, was jedoch bei der so rauschenden wie leisen Wiedergabe in den Lautsprechersystemen des Flugzeugs eigentlich keinen nennenswerten Unterschied hinsichtlich des Verstehens macht. Richtig verdächtig wird es dann, wenn statt der Turbinen die Musik angefahren wird. Wenn schließlich der Getränkewagen rollt, was an sich sehr freundlich ist, hier aber doch eine noch längere Standphase ankündigt, dann kann man schonmal beginnen, sich häuslich einzurichten. Oder, wie in unserem Fall, sehr schnell trinken, denn wie ein Blitz aus heiterem Nachthimmel ging es dann wider allen Erwartens doch noch los und eine Kolonne von Passagierjets machte sich auf den Weg zur Startbahn. Und schließlich waren wir, so erschöpft, dass uns eigentlich alles egal war, tatsächlich auf dem Weg nach Westen, unter uns die straßenbeleuchtungserzeugten Sterne des menschlichen Sesshaftseins, über uns die sich über Kernfusion erzeugenen Sterne des Universums und in uns der selbsterzeugte Stern der Hoffnung einer guten Heimkehr, der uns dann auch wirklich und wahrhaftig in die behagliche Atmosphäre des Flughafen Schönefeld geleitete. Nun sind wir wieder da und werden in den nächsten Tagen die Gigabyte-Bestände Fotos auswerten und hier das eine oder andere nachliefern.

Bodenständig und das für Stunden. Die Aeroflot-Stammflotte am Sonntagabend in Moskau.

Nun wird erst einmal das Jetlag gepflegt und ich gehe nach Haus und schlafe mich aus.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: