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Body and Seoul – aus ganzer Kehle und (sehr) hart an der Grenze

Posted in LIBREAS on tour by Ben on 21. August 2006

Heute haben sich im Grab umgedreht: Frank Sinatra, John Lennon, Elvis Presley. Cindy Lauper, Blondie und Fools Garden standen kurz davor.

Der Grund: die IB-IFLA-Reisegruppe schlug heute einen alternativen Heimweg ein und stolperte zufällig in ein kleines Kellerlokal namens „Chantal“, dass sich als bodenständige Karaokebar entpuppte. Ach, wäre uns die Manu nur nicht so neugierig die Treppe hinunter gestiegen und auf einmal in der Tür verschwunden! Dann wären wir auch nicht – wie im Märchen Einer nach dem Anderen – die Treppe hinunter zum Nachsehen gegangen. Einmal den Türrahmen durchschritten, zumal als Ausländer, kommt man ohne Demonstration der Sangeskraft nicht mehr aus der Höhle der Mikrophone hinaus. Da niemand der Anwesenden deutsch und fast niemand englisch sprach, half auch ein „No thank you. I have a terrible voice and I do not want to mess up your evening“ nicht mehr. Das Kind war im Brunnen und das Mikrophon gezückt.


Where the streets have no name, aber Flair.

Auch nachts in Mangwong-Dong gehört es koreatypisch zum guten Ton, nicht zu sehr aufzufallen. Den beiden abgebildeten Menschen aus der Nachbarschaft gelingt dies ganz gut.

Flink war man platziert und statt einer Getränkekarte hielt man einen etwa fünf Zentimeter dicken Ordner in den Händen, in dem die in der Karaokemaschine verfügbaren Titel aufgelistet sind. Die schnell überlegte Taktik zur Flucht war, ein Lied derart schlecht zu gröhlen – was gemeinhin bedeutet, dass wir uns wirklich ins Zeug legen und unser Bestes geben – dass wir sofort des Lokales verwiesen werden. Diese Rechnung ging allerdings nicht so ganz auf, denn in Karaoke-Bars singt man natürlich nicht, um den Wohklang der menschlichen Stimme zu genießen, sondern um sich zu amüsieren. Die Devise lautet dabei: Je schlechter der Gesang, desto größer die Freude. Die anwesenden Einheimischen waren durchgehend hocherfreut.


Do you really want to sing here? Do you really want to hurt my ears?

Solche Fragen stellt man sich hier erst gar nicht. Erlaubt ist, was gefällt und hier gefällt am meisten, wenn man alle stimmlichen Hemmungen ablegt. Das ist der LIBREAS-Singegruppe dann ja auch gut gelungen…

Natürlich gingen auch die Stammgäste, so oft es schicklich war, on stage, wobei die Profis sich zusätzlich mit Schellen selbst begleiten. Ansonsten wird mitgeklatscht wie früher beim Blauen Bock. Da man hier zum Schunkeln auch aus Leibeskräften einen falschen Ton nach dem anderen in ein Mikrophon krächzen kann, ist der Spaß selbstverständlich ungleich höher als früher im oder vor dem Fernsehgerät.

Swing out sister!

Das blaue Licht bestrahlt gekonnt den ebenso gekonnten Hueftschwung in Tanzbereich des „Chantal“

Zuletzt heute mittag beim Verirren in der Sogong Underground Arcade und einem Abstecher ins Lotte Department Store, das ein bisschen wie das Berliner Lafayette erscheint, nur unendlich größer und schicker (wirklich), fragten wir uns, ob die Seoulites neben der Arbeit auch etwas anderes tun als Shoppen, Einkaufen und Geld ausgeben. Nun sind wir endlich auf das Geheimnis ihres ausgeglichenen Wesens gestoßen: Man singt sich denn millionenfachen Großstadtstress einfach bis in die frühen Morgenstunden aus der Seele. Das macht Spaß und tut nicht weh. Und auf dem Heimweg gibt es dann in der Garküche am Eck noch einen auf der Straße frittierten Fisch oder andere für uns nicht benennbare Tierpartikel.. Da die Nachttemperaturen momentan etwa bei 26 Grad liegen, schläft man ohnehin nicht so gut und so lässt man das Schlafen einfach und pendelt zwischen Arbeitsplatz, Shopping Mall und Karaoke-Kaschemme.

The Four Tops. Eines der Bilder, mit denen man sich als Fremder morgens um zwei den Heimweg erkauft.

„Girls just wanna have fuuun“ wurde zum geschlechter- und nationenübergreifenden Hymne und den Fun hatten hier nicht nur die Girls. Das Ganze ist für nüchterne Geister natürlich nur schwer zu ertragen, es sei denn, sie beherrschen die Kunst der völlige Selbstaufgabe. Für Himbeergeister z.B. muss das hier dagegen das Paradies sein. Auf den Tisch – und auf’s Haus – kam allerdings nur Prime Premium Malt Beer und ein Obstteller. Und als wir uns dann endlich gegen alle Widerstände und nach ein paar dutzend Erinnerungsfotos (für die Stammgäste des Lokals wohlgemerkt) den Heimweg freikämpften, geschah etwas ganz Sonderbares: Man drängte uns Geld geradezu auf, 20000 Won, was einen Gegenwert von 28 250ml Dosen Mountain Dew bei SevenEleven hat. Mit dem Koffein kann man dann getrost die nächsten zwei Wochen durchsingen. Durchdrehen geht hier schon ohne. Dies aber mit ziemlich guter Laune. Morgen geht es sicher nahtlos weiter bis zum KaraokeKO. Ich kann es schon vernehmen „Last christmas, I gave you my…“

[Ben]

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