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Pasternack/Fachinformationssysteme..

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 27. Juli 2006

Pasternack, P.: Internetgestützte Fachinformationssysteme aus dem 18.Jahrhundert? In: iwp 57 (4) S.223-226 (2006)

Die Frage ist sicher provokativ gemeint. Ist die Vorstellung bei den Fachportalen, dass alles Wissen, das relevant sein könnte, „über jeweils einen themenzentrierten Ort abrufbar sein“ sollte, „der enzyklopädischen Idee des 18. Jahrhunderts verhaftet?“ (S.223) Und führt dies zum „information overload“? Der Referent kann dieser Einschätzung nicht folgen. Denn 1. gibt es für Informationsspezialisten keinen „information overload“ sondern gerade den Mangel an zuverlässiger Information, der sie ja zwingt, mit allen Ticks relevante Informationen zu finden. 2. Die scheinbare Informationsflut entsteht bei vielen Laien nur dadurch, dass sie im Wettbewerb mit ihren Konkurrenten, um die bessere Information, möglichst alles und überall suchen, was hilfreich sein könnte. 3. Die Idee der Enzyklopädisten war weniger, alle Informationen dieser Welt zusammenzutragen, als vielmehr, diese durch Vernetzung und Vergleich in möglichst verlässliches Wissen zu komprimieren.

Die „kleine Wunschliste“ (S.224-225) des Autors, dass Informationsangebote frei übersetzt, besser zugänglich, leichter recherchierbar, flexibler bei zukünftigen Herausforderungen und näher am Bedarf sein sollten, ist einerseits ohne Zweifel richtig. Andererseits fragt man sich, ist Google schwer zugänglich, nicht leicht recherchierbar, zu starr in seiner Entwicklung oder nicht am Bedarf orientiert? Nein. Es geht hier um die Fachportale. Und damit ergibt sich die Frage, warum werden diese nicht googleartig, vergoogelt oder googlig? Der Grund ist vermutlich der, dass man gerade den höheren Anspruch der Fachwelt bedienen will und muss, und das erfordert bekanntlich den Informationsspezialisten nicht nur auf der Produzentenseite, sondern auch auf der Rechercheseite. Hier hat die Stefi-Studie in die falsche Richtung gewiesen. Spitzenwissenschaft braucht mehr Informationsspezialisten und nicht Endnutzer, die als informationswissenschaftliche Laien in Google herumstochern. Denn das ist das Verführerische für Laien, wenn sie recherchieren, sie können meist nicht beurteilen, ob sie alles Wichtige, das Wesentliche, nur ein Prozent dessen oder noch weniger gefunden haben. Sobald sie etwas finden, haben sie ein Erfolgserlebnis, dass nur der Informationsspezialist zerstören kann, wenn er ihnen aufzeigt, was sie alles hätten finden können bzw. müssen. Beim Autor heißt das: „In der Unüberschaubarkeit wird der sich mündig Orientierende zwangsläufig strukturell entmündigt.“ (S.224)

Im Zusammenhang mit der Bemerkung: „Aus Sicht des Finanziers stellt sich … die Frage nach der Finanzierbarkeit …“ ist es nicht uninteressant daran zu erinnern, dass man bei der Einführung von Online-Retrievalsystemen in den siebziger Jahren festgestellt hat, dass ein Rechercheur in einer Stunde etwa das leistet, was man beim Bibliografieren in gedruckten Systemen in 24 Stunden zu leisten vermochte. Heute, bei Angeboten, die um ein Vielfaches größer sind, können wir ganz grob sagen, dass Bibliothekare durch Rationalisierungen dieser Art etwa hundertfach leistungsfähiger sind als ihre Vorfahren vor hundert Jahren. Das ist nicht außergewöhnlich, da Rationalisierungseffekte dieser Größenordnung in anderen Berufen ähnlich sind. Ein Teil dieser Einsparungen geht bekanntlich zu Lasten der Arbeitslosigkeit, ein anderer auf neue Berufe, wie Programmierer, Hardwareproduzenten, etc. Die Problematik ist natürlich noch sehr viel komplexer, wenn man bedenkt, wie viel Zeit viele Wissenschaftler mit mangelhafter Informationskompetenz bei ihren Internetrecherchen aufbringen, dies aber tun, weil sie damit noch mehr Zeit in ihrem wissenschaftlichen Wettbewerb sparen.

Wenn es also, wie der Autor schreibt, von einer „angebots-, zu einer strikt nutzerorientierten Informationsbereitstellung“ kommen soll, dann ist die Frage, wer die Nutzer sind. Wissenschaft erfordert höchste Professionalität, und den Bau von Wolkenkratzern überlässt man auch nicht den Heimwerkern, auch wenn die Baumärkte boomen. Die Entwicklung in den USA geht in Richtung QuestionPoint, Steigerung der Leistungsfähigkeit der Reference Librarians und Rationalisierung über Wissensbanken. Dies ist eine deutlich andere Position des Referenten, sie mit der Argumentation des Autors zu vergleichen bietet sich an.
(W. Umstätter)

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