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Samulowitz/Gründungsgeschichte der … (iwp 57 – (4))

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 22. Juli 2006

Samulowitz, H.: Zur Gründungsgeschichte der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation. iwp 57 (4) S.191-196 (2006)

Wir haben in Deutschland seit Jahrzehnten eine Diskussion darüber, ob die DGD 1941 oder 1948 gegründet wurde. Dabei ist ein Trend zu erkennen, der dazu führt, dass man die Gründung von 1941 immer weniger ignoriert und damit dieses Ereignis auch aufarbeitet. Der Hintergrund dessen ist einfach. Knüpft man an die Gründung der Nationalsozialisten 1941 in Berlin oder an die Nachkriegs-DGD 1948 in Köln an? Tatsache ist, dass man nach dem zweiten Weltkrieg mit einer nationalsozialistischen DGD nichts mehr zu tun haben wollte.

Insofern muss man sich fragen, warum hat ein erfahrene Autor wie Samulowitz das alte Thema nun noch einmal aufgearbeitet.(1)
Er hat dabei nicht nur die Einsichten von H. Arntz, E. Behrends, M. Buder, M. Komorowski, W. Ruske, G. Simon oder P. Spence Richards berücksichtigt, sondern auch auf die Rolle des 1941 stellvertretenden Vorsitzenden der DGD Maximilian Pflücke (neben dem 1. Vorsitzenden Prinzhorn) hingewiesen. Dieser war Herausgeber bzw. Chefredakteur des „Chemischen Zentralblattes“. Außerdem war er ab 1949 Professor für Dokumentation an der Humboldt-Universität zu Berlin.(2) 1951 wurde Prof. Pflücke mit dem Nationalpreis für Wissenschaft und Technik der DDR ausgezeichnet.(3) 1950 entstand in der DDR die Zentralstelle für wissenschaftliche Literatur, die 1957 wieder aufgelöst wurde und ihre Aufgaben dem Institut für Dokumentation bei der Akademie der Wissenschaften übertrug. Das Institut koordinierte die Dokumentationsstellen zentral, von denen es 1960 in der DDR 185 gab. Sein erster Direktor war Pflücke.(4)

Schon 2003 haben Samulowitz, H. und Ockenfeld, M. sehr beeindruckend darauf hingewiesen, wie sich die Dokumentation zu jener Zeit des Nationalsozialismus aufgespalten hat. Einerseits in die friedliche, die globalisierende, von LaFontaine, Otlet u.a., und andererseits in die kriegswichtige von M. Pflücke, R. Kummer und vielen anderen. Das moderne Bibliotheks- und Dokumentationswesen bekam zwei Gesichter, von dem viele eines bis heute nicht wahr haben wollen. Die Nationalsozialisten hatten die Macht des modernen Bibliothekswesens ebenso erkannt, wie u.a. Lazarsfeld, P. und Lasswell, H. in den USA, die die deutschen Tageszeitungen dokumentierten und analysierten, um kriegswichtige Erkenntnisse zu gewinnen.(6) Der Unterschied war nur der, dass man sich in Deutschland damals entscheiden musste, modernes Bibliotheks- und Dokumentationswesen mit den Nationalsozialisten zu betreiben, oder in Opposition zu beidem zu treten. Krüß sah sich in dieser Konsequenz 1945 gezwungen Selbstmord zu begehen.(7) Das ist das Problem großer Macht, sie erfordert zwangsläufig ein hohes Maß an Verantwortung.

Eine andere Alternative in solchen Situationen ist der passive Widerstand, den Prinzhorn darin erkannte, dass seine wissenschaftliche Beamtenschaft „mehr oder weniger aus Nullen“ bestand, wie er meinte.(8) Auch in der DDR gab es ohne Zweifel Menschen, die sich entscheiden mussten, die Macht des Wissens für die DDR zu nutzen, oder sich im Bibliotheks- und Dokumentationswesen stärker historisch zu orientieren – eine bibliothekarische Form des passiven Widerstands, die somit bei den Nicht-Nazionalsozialisten sichtbar wurde.

Pflücke hatte sehr deutlich erkannt, dass „ein Maximum an Wissen und Erkenntnissen aus der Feindliteratur und deren Auswertung im militärischen, wissenschaftlichen sowie industriellen Sektor erstrebt werden muß. Deswegen sei auch die Deutsche Gesellschaft für Dokumentation entstanden und der Zentralnachweis für ausländische Literatur geschaffen worden.“(9)

Man kann also die Schwäche des heutigen deutschen Bibliotheks- und Dokumentationswesen nur verstehen, wenn man die historischen Zusammenhänge kennt. Sie verschwinden aber immer mehr in den Köpfen der Nachkommenden, so dass manche heutige Situation kaum noch verständlich ist.

Wenn beispielsweise R. Havemann die Einbeziehung der alten DGD in ein modernes Dokumentationswesen 1945 ablehnte, versteht man, warum die Nachkriegs-DGD sich auch in Westdeutschland immer auf ihre Gründung 1948 berief.(10) Nun, da diese janusköpfige Dokumentation, deren Publikationsorgan in Deutschland die „Nachrichten für Dokumentation“ waren, und die iwp (Information Wissenschaft & Praxis) heute ist, weitgehend sang und klanglos verstarb(11), lebt die moderne Digitale Bibliothek neu auf. Aber auch in ihr wird man die Frage klären müssen, „Was hat der Staat im Informationswesen zu tun, und was hat er zu lassen?“(12) Das Machtpotential des Bibliothekswesens zu unterschätzen war und ist dabei immer eine große Gefahr, gleichgültig wer es nutzt oder missbraucht. Tatsache ist aber, dass wissenschaftlich dokumentiertes Wissen für bzw. gegen Menschen eingesetzt werden kann, und dass in Kriegszeiten, wenn es gegen Menschen geht, die man dann als Feinde bezeichnet, die Geheimhaltung zunimmt. Darum ist es auch wichtig daran zu erinnern, dass LaFontaine „1939 vor den Deutschen aus Belgien fliehen musste.“(13)

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Fußnoten
(1) E. Gering: Die Gründer der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (2004)

http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/gering.pdf Der Autor sieht das interessanterweise umgekehrt: „In der langen Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation … sind die im „Dritten Reich“ liegenden Wurzeln dieser Gesellschaft, soweit sie ihr gesellschaftspolitisches Umfeld betrafen, immer mehr in den Hintergrund getreten.

(2) Ockenfeld, M. und Samulowitz, H.: Libraries and Documentation in Germany: A Long-Lasting Conflict. http://www.chemheritage.org/events/asist2002/26-ockenfeld-samulowitz.pdf

(3) http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/gering.pdf

(4) http://eprints.rclis.org/archive/00004981/01/MagisterarbeitMichaelRieck.pdf

(5) Samulowitz, H. und Ockenfeld, M.: Bibliothek und Dokumentation – eine unendliche Geschichte. ipw. 54 () 453-462 (2003)

(6) Naisbitt, J.: Megatrends S. 14. Heyne Sachbuch Nr. 01/7235 (1985)

(7) Umstätter, W.: 75 Jahre Bibliothekswissenschaft – Rückblick und Ausblick, in: Petra Hauke (Hg.): Bibliothekswissenschaft – quo vadis? = Library Science – quo vadis? Eine Disziplin zwischen Traditionen und Visionen: Programme, Modelle, Forschungsaufgaben. München: Saur, (2005)

(8) Samulowitz, H. S. 195; iwp 57 (4) 191-196 (2006)

(9) Alfred Karasek: Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation am 6.9.44.
http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/Karasek.pdf

(10) Samulowitz S.196

(11) Umstätter, W.: Bibliographie, Kataloge, Suchmaschinen. Das Ende der Dokumentation als modernes Bibliothekswesen. Bibliotheksdienst 39 (11) 1442-1456 (2005)

(12) Samulowitz S.196

(13) Samulowitz S.195

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(W. Umstätter)

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