LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (5): Druckkultur und Affenpfote

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 17. März 2013

von Ben Kaden

Trivia, Ephemera und Obskura – so könnten sie heißen, die drei Parzen von Büchern, deren Schicksal es ist, nach bestenfalls einem kurzen Aufblühen in tiefe Vergessenheit zu verschwinden. Und die Druckgeschichte war bekanntlich ausgefüllt von Exemplaren dieser Art, die entweder furchtbar speziell waren, deren Inhalt außerordentlich schnell überholt schien oder die aus Blickwinkeln auf die Welt blickten, die man vorsichtig mit dem Attribut schräg versehen darf. Wer solche Bücher daheim hat, fühlt sich nicht selten in einem Zwiespalt: Einerseits kann man mit ihnen wenig anfangen und will sie genauso wenig jemandem zumuten. Weder als Spende an eine Bibliothek, als Angebot für ein Allerweltsantiquariat und nicht einmal für die “Zu Verschenken”-Kiste im Treppenhaus scheinen sie geeignet. Aber zum Schreddern will man sie auch nicht geben, und zwar nicht nur, weil in unserer Kultur eine grundsätzliche Hemmung gegen die Vernichtung von Büchern und sei es zum Zwecke des Recycling gegeben zu sein scheint. (vgl. dazu auch diesen Beitrag) Sondern auch, weil man sich irgendwie für diese Randstücke des Buch gewordenen Geisteslebens auch aus einer Fürsorgerolle heraus verantwortlich fühlt. Eventuell hält man das letzte Exemplar seiner Art in den Händen und wer möchte schon das Aussterben einer noch so abseitigen Idee verantworten?

I

In Toronto existiert, wie die aktuelle Ausgabe des Style Magazine der International Herald Tribune (Rubrik: Men’s Fashion) an diesem Wochenende berichtet, “a most unusual bookshop”, der sich als Pilgerort (der Inhaber spricht von einer “church of print”) für Liebhaber dieser Art von derart verschütteter bzw. von Verschüttung bedrohter Literatur anbietet. Folgt man der Darstellung des Artikels, dann könnte dieser Laden namens The Monkey’s Paw zugleich ein Vorbote dessen sein, was die Buchkultur des 21. Jahrhunderts auszeichnet: Das Staunen. Genauer: das Staunen über das Vergangene. Nichts spricht hier dafür, dass das Buch noch ein Medium für gegenwärtige Inhalte sein könnte. Die Autorin des Reports aus dem Antiquariat der Zukunft zitiert den Inhaber Stephen Fowler mit der aus der Praxis destillierten Einsicht: „The only way to sell books in the 21st century is as artifacts.”

Neben der Deutung des Buches als Spur in die Welt von Gestern zweigen im denkbaren Interpretationsgewölle zum Wort artifact allerdings auch die allgemeinere Besinnung auf den Wert der materialen und materiellen Besonderheiten von Druckwerken und die Frage nach einer Aktualisierbarkeit des Mediums ab, wie sie die durchaus in diversen experimentellen Richtungen florierende, gen Kleinauflagen oder sogar Unikatkulturen gerichtete “Buch als Objekt”-Bewegung anstrebt. Wenn das Buch als Informationsträger keine Rolle mehr spielt, eignet es sich eventuell doch als Wunderkammerobjekt der kommenden Jahrhunderte, als ästhetische Freude allgemein oder – im beschriebenen Kontext wohl am ausgeprägtesten – als ironisches Spiel mit den Irr- und Nebenwegen vergangener Versuche, die Welt zu fassen.

Stephen Fowler, der bereits mit der Namensgebung seines Geschäfts eine Verbindung zu obskuren oder heute obskur scheinenden Teilen der westlichen Kultur herstellt, betreibt sein Sortiment irgendwie auch als kulturarchäologisches Unterfangen. Es ist nicht nur, vermutlich sogar eher weniger gegenkanonisch. Es ist ein Handeln mit Büchern aus der möglichst größten Abseitigkeit. Die Ausgeschlossenen (und zwar auch aus Bibliotheksbeständen), die Abgeschobenen und längst Überlebten und die am Rande, die man nahezu notwendig übersieht, sind sein Metier. Er nennt es B.A.M.A.: beautiful, arcane, macabre, absurd (und deutlich wird es an den präsentierten Beispielen im Blog zum Shop).

„[T]he more specific the nonfiction book, the better. A general survey of British history is not an interesting book. A history of transportation in England: better. A monograph on Elizabethan toll roads in Kent? That’s a Monkey’s Paw book.”

Damit schwimmt man unvermeidlich in einem gewissen Hipster-Zeitgeist und nicht umsonst zählt Stephen Fowler „these 26-year-old downtown Toronto kids – they’ve actually literally never been to a bookshop” zu seinem Publikum. Es sind Leute, die nicht wirklich Bücher lesen, aber bereits über Bücher an sich staunen können und eventuell sogar über die Tatsache, dass es Menschen gibt, für die diese Form der Mediennutzung alltäglich war. (Gary Shteyngarts Super Sad True Love Story-Welt (Zitate dazu hier) scheint gar nicht so weit entfernt und wer die aktuellen amerikanischen Großstadtreflektionen über das Phänomen Online-Dating liest, der kann diesen Eindruck noch viel weniger von der Bettkante des Gegenwartsanalyse stoßen – aber das ist ein anderes Thema.) Der Laden unter dem Zeichen der Affenpfote ist aber weniger die museale Aufarbeitung der Erscheinungsform Buchhandlung als ihre postmoderne Überzeichnung.

raum:shift Wissenschaftswissenschaft

“Es gibt jetzt in der Welt etwa tausend Forschungsorganisationen, die sich auf die Prognostik von Wissenschaft und Forschung spezialisiert haben.” (G.M. Dobrow, 1970. S.59) Dank der Umschlaggestaltung durch niemand Geringeren als Manfred Bofinger ist G.M. Dobrows Buch Aktuelle Probleme der Wissenschaftswissenschaft (Berlin: Dietz Verlag, 1970) ein geeigneter Kandidat für Menschen, die auch gern in Geschäften wie The Monkey’s Paw nach à la B.A.M.A.-Titeln stöbern. Inhaltlich ist die sowjetische Wissenschaftsprosa der ausklingenden und fortschrittsbesessenen 1960er Jahre streckenweise schwer genießbar. Andererseits dürften viele der heute entstehenden wissenschaftspolitischen Programmpapiere in 50 Jahren kaum mehr Lektürefreude bringen. Da sie aber keine Umschläge von Manfred Bofinger mehr bekommen und sowieso kaum noch eine offizielle Druckfassung erhalten, geschweige denn, dass sie in die Verlagsauslieferung gelangen, liegen die Dinge ohnehin anders. Das Thema selbst – die Wissenschaftswissenschaft als “wissenschaftliche Theorie für die Leitung der Wissenschaft” – wird übrigens derzeit weitreichend im Rahmen der Entwicklung digitalen Wissenschaftsinfrastrukturen ziemlich aktuell – wenn auch unter anderem Namen und vor allem nicht mehr im Dienste des Sozialismus.

II

Das spannende Detail liegt darin, dass die Geschäftsidee bestimmte Prinzipien der Webwelt in die Analogwelt zurücktransferiert. Das ist vielleicht das wirkliche Kennzeichen der Gestaltung unserer Lebensräume in den 2010er Jahren: Nachdem der Raum digitalen Kommunizierens eine weitgehend stabilisierte Fassung besitzt, die durchaus von Prinzipien und Metaphern aus realweltlichen Zusammenhängen geprägt war und ist, steuert nun die Digitalität in die Realwelt zurück und wir richten uns diese unter einem Firmament digitaler Meme, Bilder, Metaphern und Prinzipien neu ein. Dies schlägt sich unter anderem in der Aufstellung der Bücher nieder. Stephen Fowler erklärt:

„The experience of Web browsing makes it possible for a shop like this to exist […] The randomness of the book displays, they’re like the web – masses of unrelated information popping up next to each other, there context pretty much wiped out.”

Der Ursprungs- bzw. Entstehungskontext – so müsste die Präzisierung heißen. Denn wie im Web entsteht auch in der Verkaufsregalaufstellung eine permanente und tatsächlich arbiträre Rekontextualisierung (oder vielleicht auch nur Rekombination) der hier an physische Entitäten gebundenden Inhalte. Nun ist Regalbrowsing keine neue Sache. Aber zumeist boten Freihandaufstellungen zugleich immer auch ein sachgeordnetes Gestell. Neu ist also, dass das Browsing keinen erschließenden Ordnungssystemen mehr folgt, sondern den zufälligen Themensprung zum Prinzip erhebt. Dies ist auch für Buchhandlungen innovativ, die meist doch grob und zumindest nach Alphabet, Einbandfarbe oder Verlag ordnen. Die Aufstellung in den Regalen von Monkey’s Paw scheint dagegen jedes Ordnungsprinzip zu übergehen.

III

Dass alte und edle Vorstellungen von Vollständigkeit, dauerhafter Gültigkeit, systematischer Ordnung und der ganzen restlichen Palette dessen, was Bibliotheken als zentrale Wissensordnungsinstitutionen bis in die jüngste Zeit noch als Ideal verfolgten, hier auf der Strecke bleiben, scheint in diesem Prozess unvermeidlich. Und auch am Substitut semantischer Erschließung, bei der irgendwann Elemente in den Text selbst Navigations- und Ordnungspfade eröffnen sollen, hat man im konkreten Fall keine Interesse. Wir Bibliotheks- und Informationswissenschaftöer müssen es aber schon aufbringen, benötigen wir doch in dieser Hypertrophie des Vernetzens, Vermischens und Überkreuzens von Kulturspuren, in der alles, was Code ist, als Material gleiche Validität besitzt, neue Methoden des Umgangs sogar mit Begriffen wie Denken und Wissen und auch von kultureller Stabilität. Daher sind die Entwicklungsbemühungen zu semantischen und pragmatischen Netzen, zu Ontologien, ER-Modellen und formalen Beschreibungssprachen mehr noch aus erkenntnisphilosophischer Warte hochinteressant, als im Sinne einer wirklichen technischen Implementierung, deren Reichweite auf absehbare Zeit mehr oder weniger auf eher kleine Kreise begrenzt bleiben dürfte. Eindeutig ist für uns, dass vernetzte Wissenskulturen andere und komplexe Ordnungsverfahren benötigen, als die herkömmliche Formal- und Sacherschließung anbieten kann.

Parallel dazu entfaltet sich Kultur aber auch ganz eigenständig in quasi-evolutionären Selbstversuchsreihen und während wir darauf warten, dass bei Europeana der semantischen Knoten platzt und alles verändert, können wir die kleine Effekte der autopoietischen Verschiebungen bereits in den konkreten Wissens- und Erinnerungskulturen betrachten.

IV

Der kleine kanadische Buchladen mit seinem “iPod shuffle of Books”  – wobei das Bild des iPod shuffle in fünf Jahren für die dann 20jährigen genauso mit dem Retrolabel besetzt sein dürfte, wie  für die Kinder der 1990er der Walkman mit Bügelkopfhörer – ist einer dieser zahlreich existierenden Laborversuche, in denen Varianten für den Umgang mit Medien und Erinnerung durchgespielt werden. Das zuweilen Retromanie genannte Hereinholen möglichst antiquierter Codes, meist motiviert aus dem hohen Druck des Avantgarde-oder wenigstens Anders-ein-Wollens oder -Müssens, spielt dabei eine maßgebliche Rolle und mittlerweile wirkt Techspeak à la Library 2.0 als hoffnungslos staubfängerisch. Die Sowohl-als-Auch-Welt integriert und variiert leichthändig Touchscreen und Ledereinband. Daher eröffnet dieser Über-Remix, in dem selbst das vermeintlich Unzeitgemäßeste wieder seinen kleinen Frühling erleben könnte, eine Entwicklung, der wir, ob wir mögen oder nicht, keinesfalls echappieren.

Der Antrieb entspringt dem Drang bzw. der Pflicht zur Lücke, dem/der sich besonders die Kulturindustrien nach dem (vermeintlichen) Ende des Mainstreams verschrieben haben. Long Tail hat an dieser Stelle nichts mehr mit Relevanz zu tun, sondern mit Distinktion. Selbstverständlich ist auch dieses Bemühen in Referenzrahmen gesäumt, aus denen man nicht fallen darf. Aber die begrenzen die Spielräume nach frischen Kriterien, von denen die sie Gestaltenden zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie sie wirklich zu bestimmen sind. Generell erweisen sich die meisten dieser Variationen im Abgelegenen freilich als rein ästhetisch motiviert.

V

Dabei muss es aber nicht bleiben. Wenn man Bücher nicht nur nach ihrem Inhalt, sondern auch nach ihren Kontexten (Entstehungsbedingungen, Zweck, Rezeption, etc.) studiert, dann schaffen sie unter Umständen den Zugang zu einem Wissen, das in den Text- und Bildteilen gar nicht erfasst oder erfassbar ist. Folgerichtig rücken nun Phänomene ins Zentrum, die bisher vernachlässigt wurden bzw. nach alten Interpretationsmustern auch vernachlässigbar schienen.

„Traditionally, the job of a learned bookseller was to preserve the important printed documents of his culture […] But we have libraries that are the repositories of those books, and they’ve all been scanned by Google.”

Die Aussage Stephen Fowlers offenbart zugleich, wie schwierig es ist, in dieser Überkomplexität auch nur zwei Schritte neben dem eigenen Kerngebiet den Überblick zu behalten. Er dürfte zwar damit Recht haben, dass die meisten Bücher, die irgendwann einmal als bewahrenswert eingeschätzt wurden, auch von der Gedächtnisinstitution Bibliothek bewahrt werden.

Aber die Zuschreibung von Wichtigkeit änderte sich auch über die Zeit in den Bibliotheken und wer kann schon überblicken, was alles durch Weeding und Aussonderungen vor allem immer dann verlustig ging, wenn eine neue, bessere Zeit direkt vor der Tür schien, die man nicht mit übermäßig viel veraltetem Schriftgut belasten wollte. Und natürlich hat Google längst nicht alle Bücher gescannt. Nicht einmal alle wichtigen. Und schließlich bedeutet ein Scan auch nicht die Bewahrung eines Buches, sondern die digitale Dokumentation seiner Existenz und – wenn es gut läuft – seines Inhalts.

Die aufschlussreichste Stelle des Textes ist vielleicht diese:

„Fowler grabs a book off the pile on his desk: “Elixir of Life,” published in 1935. “This isn’t about the elixir of life,” he says. “This book is about preventing constipation. To a librarian, a bookseller this book was dross. But now that print is no longer the center of our culture – now that culture is on my iPhone – we can step back and really see print. And you know what? ‘Elixir of Life’ might say as much about American culture, and attitudes towards health and the body, as anything published in 1935.”

Stephen Fowler formuliert hier nicht nur eine kulturanthropologische Elementarweisheit, sondern wiederholt mit seiner “culture on my iPhone”-Attitüde leider auch eine gewisse Selbstorientierung bis Überschätzung der eigenen Rolle, die aus der europäischen Perspektive kaum nachvollziehbar ist, in Nordamerika aber erfahrungsgemäß häufig anzutreffen ist. Für die vermutlich gemeinte Arbeit des Autorenduos Dr. Jill Cossley-Batt und Dr. Irving Baird, die 1935 in der zweiten Auflage erschien (London: Python Publishing), lässt sich jedenfalls mit denkbar wenig Mühe ein Handvoll Besitznachweise in Bibliotheken finden. Der Gebrauchtbuchmarkt hält Exemplare für etwa 50 Euro bereit. Man mag sich damit noch nicht wirklich im Preissegment der “rare books” bewegen, aber die steigende Nachfrage kombiniert mit allen zugänglichen Preisvergleichsmedien, erlaubt es Gebrauchtbuchhändlern, auch abseitige Titel halbwegs realistisch, also oft jenseits des Schnäppchenniveaus, zu taxieren. Die seltenen und kuriosen Titel sind auch dann häufig teuer, wenn sie nicht die klassischen Sammlerklientel ansprechen. (Wenngleich bei diesem Beispiel der Erwerb einer galligen Besprechung des Titels teurer ist als das Gebrauchtbuch.)Vielleicht eben genau deshalb, weil die Gruppe der nicht-klassischen Sammlerklientel, die Titel wie Dental Evidence: A Handbook for the Police gern einmal als unorthodoxes Geschenkbuch in einer popkulturellen Gemeinschaft, die sonst schon alles hat und kennt, verwendet. Wenn es en vogue ist, dann legt man sich auch so etwas als Nebenmöblierung in die Wohnstube, auch wenn man sonst nichts mit Büchern am Hut hat. Ist es passé, bleibt immer noch ein Flohmarkt am Mauerpark.

VI

Aber am Ende geht es gar nicht darum. Denn der wichtige Schritt ist, dass wir allgemein verstehen, Medien als Gesamtheit und Phänomen in ihrem Kontext zu lesen, wo wir lange gelernt haben, dass einzig der Inhalt zählt. Und, ob sich dieser für uns als temporär relevant erweist. Da es eine Qualität des Internet ist, dass auch zu marginalen Fachpublikationen viele Angaben und manchmal auch, dank Google Books, den Volltext ohne viel Mühe zu ermitteln sind, bleibt Raum, weitere Facetten einer Publikation zu betrachten und einst als irrelevant abgetane Arbeiten, neu oder wieder zu lesen. Das steht im Einklang mit dem, was The Monkey’s Paw („a glimpse of the future, a way forward for the old-fashioned bookstore in the age of the iPhone and the e-book”) exemplarisch vorführt und was die Tatsache, dass es zum Thema in der New York Times wurde, zusätzlich bestätigt: Wenigstens die westliche Kultur befindet sich derzeit und zwar dank Digitalisierung an einem Punkt, an dem die marginalsten Kulturspuren unerwartet wieder Bedeutung erlangen können.

VII

Wie dauerhaft solche Trends sind, lässt sich bekanntlich schwer prognostizieren. Es wäre verfrüht und auch falsch, das Beispiel aus dem Style Magazine der Herald Tribune zum belastbaren Vorboten einer Entwicklung zu überhöhen, die sich zum Massenphänomen ausdehnt. Für den Gebrauchtbuchmarkt gilt das sowieso: der Handel mit Raritäten und Massierungseffekte schließen sich prinzipiell aus.

Die Anziehung des an sich Überholten und parallel laufende Aktualisierungsbemühungen sind auf einer abstrakteren Ebene dennoch für die Auseinandersetzung mit Fragen des Bewahrens, Erschließens und Vermittelns von Kultur bedeutsame Trends. Also auch für Bibliotheken. Es zeigt sich erfahrungsgemäß recht deutlich, dass mediale Entwicklungen nicht selten mit wiederholtem und wiederholendem Blick in den Rückspiegel ablaufen und dass es hilfreich ist, das scheinbar Überholte hin und wieder darauf zu prüfen, ob es nicht gerade in seinem Überholtsein entscheidende Impulse für das gegenwärtige Handeln enthält. Oder mehr noch, ob etwas, das links liegen gelassen glaubte, nicht auf einmal rechts vorbei zieht.

VIII

Schließlich bleibt die Frage zu beantworten, weshalb die Rückorientierung für manche Medienformen (Schallplatte, Sofortbildfotografie, Buch) funktioniert und für andere (Tonbandkassette, Daguerreotypie, Tontafel) nicht. Eine systematische Antwort würde diese Betrachtung noch weiter dehnen, als sie ohnehin bereits spannt. Für diesen Zusammenhang mag der Hinweis auf den Dreiklang der unmittelbaren sinnlichen Erfahrbarkeit bei gleichzeitig hohem Ästhetisierungspotential und verhältnismäßig einfacher Benutzung als Vermutung zureichen.

Das gedruckte Buch, wenn es gut gemacht ist, erfüllt alle dieser drei Wünsche. Sein wirklicher Status ergibt sich immer neu aus der Dreiecksbeziehung zwischen der medialen Form, dem in ihm Codierten und dem Individuum, das sich mit Beidem auseinander setzt.

Lange Zeit ignorierte man angesichts der neuen digitaltechnischen Prozessierungsmöglichkeiten etwas Grundsätzliches:  Elektronische Textverarbeitung bezieht sich ausschließlich auf den Code, Bücher werden aber nie nur als Code geschrieben. Und Bücher werden wohl traditionell vorrangig aber eben nicht nur allein als Code gelesen. Die Eigenschaften des Mediums prägen die Botschaft spürbar mit.

Insofern ist die Digitalisierung gedruckter Inhalte aus einer (bibliotheks)kulturellen Perspektive zwar als Ergänzung eine wichtige Erweiterung. Als Ersatz wäre sie jedoch eine Verengung. Wie sich das so genannte Born-Digital-Werke verhält, ist uns heute wahrscheinlich buchstäblich kaum begreiflich. Eine mehrdimensionale kulturanalytische Auseinandersetzung mit dem sehr entwickelten und vergleichsweise gut durchforschbaren Medium Print könnte uns dafür immerhin wichtige Anhaltspunkte liefern. Der Übergang vom Desktop zum Notebook zum Tablet zum Phablet (vgl. hier) mit den jeweilig betonten und ermöglichen Nutzungsformen von Content, ist bereits eine Linie, mit der sich alle, die sich mit Produktion und Vermittlung von Inhalten professionell beschäftigen, auseinandersetzen müssen. Da wir unzweifelhaft in diese Gruppe gehören, ist das durchaus ein Thema für die am kommenden Freitag stattfindende Unkonferenz raum:shift Information Science.

Quelle:

Jody Rosen: An Oddly Modern Antiquarian Bookshop. In: T. International Herald Tribune Style Magazine. Spring Issue. March 16, 2013, S. 32-35. Onlinefassung via nytimes.com

(16.03.2013)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (19): Wird Tumblr das Facebook der Generation Z?

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 3. März 2013

von Ben Kaden

„Dein Tumblr-Blog ist offline: Ein schöner Tag zum Sterben.“ – Audio88 und Yassin: Die Quadratur des Dreiecks. (Vinyl 7″. Erschienen bei: Spoken View, 25.01.2013)

„Ich zähl die Millen, chill in Villen, du bist still, Digger / Keine Zeit für Facebook und Unsinn zu twittern“ – Haftbefehl: Welcome to Alemania (Auf: Blockplatin. Doppel-CD. Erschienen bei: Azzlackz, 25.01.2013)

Was die Häufigkeit der Erwähnung im Korpus der Raplyrics (nach rapgenius.com) angeht, so liegt das Verhältnis von Facebook zu Tumblr derzeit (noch) bei etwa 10:1. Dass die auf dieser Plattform hinterlegte und annotierbare Textkultur einen exzellenten Seismographen für die (jugend)kulturellen Trends der westlichen Hemisphäre bildet, ist in Deutschland spätestens seit dem Artikel Schallmauer des Internets Andrian Kreyes in der Süddeutschen Zeitung (sueddeutsche.de, 24.01.2013) weithin bekannt. Rapgenius könnte gerade durch seine popkulturelle Tiefengrundierung die Digital Hermeneutics zu einem hippen crowdgesourcten Alltagsvergnügen machen und nebenbei zeigen, dass die Digitalen Geisteswissenschaften momentan in der Freizeitvariante ein fruchtbareres Echo als in ihrer professionellen Ausprägung  finden. In jedem Fall könnten sich die Entwickler entsprechender Werkzeuge hier ein paar Hinweise abholen.

Auch wenn wissenschaftliche Kriterien die dort Annotierenden und Auslegenden höchstens implizit bewegen: Die Wissenschaft hat mit rapgenius.com einen Radar für das, was derzeit entweder aufstrebenden KünstlerInnen – die selbst den Trends folgen – oder eben den etablierten TrendsetzerInnen als markant genug erscheint, um ein Publikum zu erreichen. Wobei erreichen voraussetzt, dass die Zuhörerschaft mit den Referenzen in den Texten auch etwas anfangen kann. Die sehr aktuelle, äußerst textlastige und weithin jugendkulturell etablierte Rapkultur erfasst, so eine These aus dem Ärmel, für bestimmte Statusgruppen relativ großflächig semiotische (und semionische) Bewegungen (Zeichenprägung, Zeicheninterpretation, Zeichenverwendung). Trend- bzw. Konsumtrendscouts haben hier also ihr Trüffelterrain. Und Kultursoziologen sowieso. Denn wenn beispielsweise der Friedrichshainer Rapper Mc Fitti (auch bekannt dank seiner Single Whatsapper) einen Text YOLO (Video online seit 22.01.2013) nennt, dann ist es nicht nur eine etwas typisch überironisiert-bemühte Post-Hipster-Pose. Sondern eben auch eine Aufzeichnung aktueller Kulturmerkmale aus der Hauptstadt.

II

„Hashtags auf Blogs und auf Facebook“ – ob diese Zeile aus dem Titel demnächst noch auf dem Kamm der Social Media-Welle Platz hat ist ein wenig fraglich. (Die digitalhermeneutische Auslegung lautet übrigens: „Hashtags wurden etabliert auf Twitter und neuerdings auch Instagram, aber auf Blogs und Facebooks funktionieren sie nicht. Fitti benutzt sie dort trotzdem. #yolo“)

Denn im Zuge einer derzeit halbwegs populären (nach den Metriken des Streuens in Social Media) Nachricht, die da lautet, dass der bisherige Facebook Director of Product, Blake Ross, sich neuen Aufgaben zu wendet, lieferte Ross eine nicht ohne Ironie aber eben auch nicht ohne Wahrheit formulierte und nun viel zitierte Anekdote mit:

„I’m leaving because a Forbes writer asked his son’s best friend Todd if Facebook was still cool and the friend said no, and plus none of HIS friends think so either, even Leila who used to love it, and this journalism made me reconsider the long-term viability of the company.”

Das ist weniger albern und aus der Luft geschossen, als es zunächst klingt. Die Diskurslinie der schwindenden Popularität von Facebook bei den Teenagern gibt es in den spezialisierten Webmedien bereits länger (=einige Wochen). Vor einer Woche jedoch begegnete sie mir leibhaftig  am Puls der Trendkultur der Bundesrepublik, nämlich in Berlin-Kreuzkölln. In einem kleinen Kreis junger kreativer Mittzwanziger wurde die Frage nach der möglichen Facebook-Freundschaft abschlägig beurteilt und zwar nicht aus persönlicher Antipathie sondern schlicht, weil man damit „durch sei“. Zu fordernd, zu bedrängend und zu süchtig machend sei die dort quasi eingeforderte Dauerinteraktion und da man Freunde lieber „in echt“ trifft, wurde der Tipping Point spätestens dann erreicht, wenn genau diese Kontakte unbefriedigend ausfallen mussten, weil auch im Lokal jeder permanent – übrigens nicht mehr per iPhone, auch das ist erledigt – sein Profil prüfte und optimierte Man könne jetzt aber gern dem Tumblr-Blog folgen.

III

Dieser Bewertung aus der Erfahrungswelt stellt CNET noch einen weiteren Aspekt zur Seite, der für Teenager hochrelevant ist: Facebook wird unpopulär, da mittlerweile auch die Eltern dort unterwegs sind:

„Facebook has become a social network that’s often too complicated, too risky, and, above all, too overrun by parents to give teens the type of digital freedom or release they crave.”

Facebook wird aus diesen Perspektiven folglich weniger als Ort der kommunikativen Entfaltung und mehr als einer der sozialen Kontrolle empfunden. Was sich weitgehend mit allgemeinen Nutzungserfahrungen decken dürfte. Generell bewahrheitet sich, dass Mainstreamfizierung folgerichtig zur Bildung neuer Abgrenzungsbewegungen führt. Anders als die übrigen digitalen Platzhirsche Google und Amazon, die weniger wegen ihrer Coolness und mehr wegen ihrer aus Kundensicht optimalen Dienstleistungen populär sind, leidet zum Beispiel Apple ein wenig darunter, dass der vermeintliche Avantgarde-Bonus mittlerweile nicht mehr gegeben ist. Ein iPad hat auch der fünfjährige Sohn des Nachbarn und Hausmeister Krause verfolgt nach dem Vertragswechsel bei der Telekom nun neben der Gartenarbeit auf dem iPhone 5 den Bundesliga-Ticker.

Das Unternehmen kann dies jedoch ebenfalls dank seiner nach wie vor stabil hohen Produktqualität ausgleichen und dürfte sich, wenn nichts schiefgeht, ein bisschen als Mercedes-Benz der Digitaltechnologie festsetzen: als Anbieter hochentwickelter und  hochpreisiger Produkte, die genau den Geschmack der Etablierten treffen. Für eine Existenz des Unternehmens auf höchstem Niveau reicht das sicher noch. Für einen Überhype zukünftig aber vielleicht nicht mehr. Wer in am Spreewald-Platz unterwegs ist, sieht jedenfalls auch, dass das Smartphone als Smartphone eigentlich niemand braucht und wenn WhatsApp nicht die SMS ersetzt hätte, sähe man vermutlich noch mehr dieser robusten Dumbphones, bei denen es auch nicht dramatisch ist, wenn sie morgens um halb fünf in irgendeinem Taxi nachhause verloren gehen.

IV

Im Gegensatz dazu steht Facebook vor der Herausforderung, vor allem die soziale Vernetzung (bzw. ihre Abbildung) als Produktkern zu besitzen. Der Fall StudiVZ zeigte, dass dies nur relevant ist, wenn sich das Netzwerk bzw. die Kontakte, die man sucht, auch dort finden lassen. Ein Ausstieg ist bei solchen Plattformen – im Gegensatz zu den nichtvirtuellen Netzwerken – vergleichsweise schmerzfrei und aufwandsarm möglich (das Entzugsdelirium möglicherweise Abhängiger einmal ausgeklammert). Daher verzeichnen nicht wenige Nutzer auf Facebook in letzter Zeit eher schrumpfende Kontaktzahlen (so jedenfalls die positive Erklärung). Sind also die Leute, die man persönlich für wichtig erachtet und die man nicht zuletzt auch als Publikum für sein Livecasting erreichen möchte, nicht auf der Plattform zu finden, verliert das Angebot an Reiz, Bedeutung und Aufmerksamkeit. Und mit dem letzten Aspekt auch die Grundlage seines Betriebsmodells.

Obschon derzeit nicht zu befürchten ist, dass Facebook ein Schicksal analog dem der trüben Holtzbrinck-Netzwerke droht, scheint es offensichtlich, dass dem Unternehmen seine Dominanz eben nicht so grundstabil wie bei Google gegeben ist. Sondern, dass es – vielleicht in Konkurrenz zu Google – unbedingt das derzeit vorhandene Vermögen (vor allem im Bereich der Social Data) in die Entwicklung neuer Produkte einbringen muss. Maßgeschneiderte Werbung allein dürfte kaum als Anker reichen. Der gangbare Weg ist vermutlich, die Transformation vom Trendprodukt zur Alltagsbasis weiterzugehen. Facebooks Zukunft könnte die eines Netzwerkgeneralisten werden, eine Mischung aus interaktiven Gelben Seiten, Telefon- und privatem Adressbuch (mit eingelegten Urlaubsfotos und ein paar Tagebuchnotizen). Entsprechend betont Adam Rifkin in einem Beitrag für TechCrunch die Rolle der Plattform als Medium des sozialen Zusammenhalts:

„It’s important to note that Tumblr is not replacing Facebook; it’s merely siphoning off some authentic liking and sharing, especially among young Americans. Facebook needs to exist because it’s holding down the Mom, siblings, and lame friends part of a person’s social life — the “public-private” life, if you will. As long as Mom sees you on Facebook occasionally, she isn’t going to think to look for you on another site… which paradoxically frees young users to act out on a stage that seems more private to them despite being on the open web.”

V

Warum also jetzt Tumblr? In gewisser Weise erscheint Tumblr als ein stark verbessertes MySpace. Die Plattform fokussiert, was MySpace in seinen frühen Jahren so erfolgreich machte: Content. Geht es in den Facebook-Strukturen fast karteihaft um mehr oder weniger nüchterne Möglichkeiten der Selbstdarstellung über die Visualisierung (bzw. Auszählung) sozialer Beziehungen, betont Tumblr den Austausch von Inhalten.Deren Popularität wird, halbwegs dezent als Notes, abgebildet. Ein Artikel zum Thema auf The Verge zitiert einen 15-jährigen mit den Worten:

„It just seems more intimate and its not really a place of bragging, but more of a place of sharing.”

Wer bei Tumblr einen Inhalt einspeist, freut sich, wenn ihn 50 weitere NutzerInnen verbreitet haben. Wenn 30 von diesen dann auch noch den eigenen Stream abonnieren, ist das schön. Aber nicht Kern der Aktivität.

Das Teilen von Inhalten ist denkbar einfach: one-click. Tumblr vereint so die Funktionalität des Weblogs mit der des sichtbaren Bookmarkens und Weiterleitens. Das man nicht direkt kommentieren kann, reduziert die Kommunikationskomplexität auf ein handliches Minimum.

Wie bei Facebook gibt es neben der Share- auch eine Like-Funktion. Per Tumblr-metrie wären entsprechend zweidimensionale Popularitätsanalysen zu konkreten Inhalten möglich. Ungleich zu Facebook gibt es die Möglichkeit, direkt Tags zuzuordnen und somit eine inhaltsfilternde Ebene. Die Tumblr-Suche funktioniert derzeit nur in diesen Tags – für die Volltextsuche benötigt man Google.

Die Vernetzung bei Tumblr bezieht sich nicht auf direkte Personen (wenngleich man sich auch als Person inszenieren kann) sondern auf Einzelinhalte Tumblr-Streams. Das Ego des Autors wird demnach hauptsächlich durch Inhalte vermittelt, nicht durch seine Präsenz an sich. Es ist zwar möglich, ein Template für den eigenen Präsentationsstream zu gestalten, aber so richtig wichtig erscheint dies nicht und die visuellen Exzesse, für die MySpace in seiner späten Phase berüchtigt war, muss man aktuell noch sehr suchen.

Aus urheberrechtlicher Sicht ist Tumblr allerdings zweifellos ein mittelprächtiger Albtraum. Urheberrechtsverstöße können derzeit nur über ein Copyright-Infringement-Formular gemeldet werden. Und danach folgt vermutlich ein eher intransparentes und aufwendiges Löschverfahren. Aus dieser Warte dürfte Tumblr also bei wachsender Popularität noch für einiges Aufsehen sorgen. Definitionsbedarf besteht hier ohnehin an der Stelle, ob jedes Teilen eine separate Verbreitungs- bzw. Vervielfältigungshandlung darstellt oder einzig derjenige, der die Ersteinspeisung eines Inhalts in das Tumblr-Netzwerk vornahm, für einen eventuellen Verstoß verantwortlich ist. Und wie man diesen überhaupt identifiziert. Zur Anmeldung bei Tumblr braucht man bisher nur eine valide E-Mail-Adresse.

Andere Räume

Die Eroberung anderer Räume. Das Motto raum:shift ist durchaus mit Bedacht gewählt. Denn es war so zu erwarten wie es mehr und mehr zu beobachten ist, dass digitale Kommunikationswelten eben nicht nur binär codiert werden. Sondern alle möglichen Mischnutzungen erfahren. Eine Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die gesellschaftliche Relevanz beansprucht, muss vielleicht nicht jeder dieser Verästelungen folgen. Aber sie muss  schon die relevanten Zweige der Entwicklung registrieren, verstehen und entsprechende Schlüsse kommunizieren. Was nicht immer einfach ist. Aber gerade deshalb reizvoll.

VI

Solange wir auf die Musterprozesse (und den großen Abmahntsunami) noch warten, scheint die Verschiebung im Webnutzungsverhalte interessanter. Im Beitrag von Ellis Hamburger für The Verge findet sich folgende Einschätzung:

„Ultimately, the day of the overshare may have passed, and bragging online isn’t as fun as it used to be. “I think that kids just don’t care anymore, […] They have gotten over the idea of knowing everybody’s life and everybody knowing their lives!””

Das ist auch aus Sicht einer Digital Literacy bedeutsam. Sollte dies wirklich das Bewusstsein der Generation Z (oder auch Post-90s) prägen, dann zeigte sich hier eine ziemlich abgeklärte Sensibilität im Umgang mit diesen Medienformen. Während die Kulturkohorten vor ihnen Social Media als Innovation erlebten haben und – wie bei Innovationen üblich – die gesamte Bandbreite von extremer Skepsis bis hin zur Übernutzung ausprobierten, findet diese Generation einen eher natürlichen Modus vivendi mit der allgegenwärtigen digital vermittelten Sozialität (und Soziabilität), der nichts vom Staunen über die Möglichkeiten und viel von einer Redefinition bzw. Anpassung der Verwendungspraxis getreu eigenen Vorstellungen enthält. Man sticht mittlerweile mit dem Facebook-Profil auch bei sorgfältigster Pflege nicht mehr heraus und folgerichtig erscheint es unsinnig, darauf überhaupt Wert zu legen. Wenn an dieser Stelle die mittelbare und auf Tausch orientierte Selbstentfaltung die auf Status orientierte direkte Selbstdarstellung, die Facebook strukturell betont, ablöste, wäre das eine auch für Bibliotheken interessante Entwicklung.

VII

Denn einerseits müssen sie in jedem Fall wissen, was ihre (zukünftigen) Zielgruppen an kulturellen Werten, Zielen und Wünschen verfolgen. Und andererseits sind Inhalte und deren Vermittlung ihre genuine Stärke. LIBREAS probiert  – ergebnisoffen und mit nicht wenig Freude –seit Januar, ob sich die Idee einer digitalen Referatezeitschrift und damit auch so etwas wie Wissenschaftskommunikation über Tumblr abbilden lässt. Als Haupthürde zeigt sich dabei die simple Tatsache, dass die entsprechende Zielgruppe bisher (noch) nicht in diesem Medium aktiv ist. Auch was das generelle Verständnis für das Medium angeht, hat Tumblr im Jahr 2013 vielleicht den Stand von Twitter anno 2008.

Wie sich das für Bibliotheken darstellt, ist nicht ganz klar. Man findet aber zum Beispiel eine Reihe von Inhalten, die – an anderer Stelle – von der Library of Congress ins Netz gestellt wurden.

Der Bedarf scheint also – wenn auch nicht ad hoc quantifizierbar – gegeben. Problematisch für das Trendmedium Tumblr dürfte aber sein, dass spätestens dann, wenn die Bibliotheken Tumblr-Seiten betreiben, der Mainstream da ist. Dass diese Medium einen grundsätzliche Bedeutung wie Facebook erlangt, ist derzeit jedenfalls nicht zu erwarten. Aber vielleicht läuft es eine Weile neben Twitter mit, dem es am Ende angesichts der Beschränkung auf ein sehr einfaches Grundprinzip wahrscheinlich doch näher steht. Aus meiner Sicht kann man Tumblr, wie ich schon einmal schrieb, irgendwo zwischen diesem für ausführliche Inhalte gedachten Weblog und dem Verbreitungskanal Twitter verorten. Dass nun eine kleine Konkurrenz zu Facebook entstehen soll, kommt auch für mich einigermaßen überraschend und begründet sich vor allem darin, dass dies die derzeit eher zufällig nahe liegende Alternative ist. In Bezug auf digitale Soziale Netzwerke ist sie vermutlich nicht die Zukunft. Vielleicht aber ein Türöffner, der die Hegemonie von Facebook ein Stück weit durchbricht und die den Weg für andere Varianten der sozialen Interaktion im Web bereitet.

In den Raptexten werden übrigens beide Varianten gleichermaßen ganz gern, wie die Eingangszitate zeigen, als überflüssige Medienformen abgekanzelt. Die spannende mediensoziologische Frage wäre nun, inwieweit dies irgendeinen Einfluss auf die Hörerschaft hat. Die Deutung von Social Media als Zeitverschwendung weist jedenfalls nicht wenig in die Richtung, dass (nicht nur) die Generation Z ausgerechnet das Erleben nicht-digitaler Räume als äußerst attraktiv empfindet. Ohne Digitaltechnologie wird dies sicher nicht ablaufen. Allerdings wird sie, so (nicht nur) meine Vermutung, nicht vordergründig darübergestülpt, sondern dezent in diese eingebettet sein.

Nebenbei bemerkt: Dem Facebook aus Zeitgründen abgeneigten Haftbefehl folgen auf Facebook aktuell mehr als eine halbe Million Nutzer. Audio88 und Yassin haben bislang keinen Tumblr-Blog.

(03.03.2013)

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