LIBREAS.Library Ideas

Von Molotowcocktails in (französischen) Bibliotheken und dem Leben in den Banlieues

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 15. Mai 2014

Von Karsten Schuldt

Zu: Merklen, Denis (2013) / Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ?. – [Papiers]. – Villeurbanne : Presses de l’enssib, 2013

D’un côtè, la bibliothèque est perçue comme « une chance pour le quartier », comme une forme dàccès à la culture, comme un investissement prestigieux, comme un espace ouvert à tous et apprécié de beaucoup, particulièrement investi par les familles, les enfants, les jeunes filles, les personnes âgées. Mais de l’autre côté, l’attaque de la bibliothèque vient signifier tout l’arbitraire de cette « intervention » de l’État, et d’un autre groupe social, dans « notre espace » du quartier. Les habitants [de quartiers] dèplorent alors les normes qui leur sont imposées par un autre groupe social et le contrôle que ce groupe exerce sur des ressources financières importantes. » (Merklen 2013, 313)

In französischen Vorstädten werden immer wieder, gerade bei grösseren Auseinandersetzungen zwischen der dortigen Bevölkerung und der Polizei, Öffentliche Bibliotheken angegriffen, verwüstet oder gar angezündet. Dies passiert nicht täglich, aber doch öfter, als es im deutschsprachigen Raum bekannt ist. Denis Merklen zählt in seinem hier zu besprechenden Buch zwischn 1996 und 2013 immerhin 70 solcher Vorfälle. Diese Zerstörungen von Bibliotheken werden zumeist mit Unverständnis und Ablehnung kommentiert, vor allem von der Politik und Presse. Aber diese Unverständnis klärt nicht darüber auf, wieso sie so oft vorkommen.

In seiner Studie Pourquoi brûle-t-on des bibliothèques ? (Warum die Bibliotheken abfackeln?) unternimmt Merklen auf mehr als 300 Seiten den Versuch, die Motivationen hinter diesen Angriffenzu beschreiben. Dabei ist der Autor kein Bibliothekar, sondern ein Soziologe, welcher das Buch auf einer Studie aufbaut, die er und seine Kolleginnen und Kollegen von 2006 bis 2011, mit Nachrecherchen in 2012, in Plain Commune – einer Agglomerationsstruktur, welche mehrere Gemeinden bei Paris umfasst und rund 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern in den Banlieues genannten Stadtteilen beherbergt – durchgeführt haben. In diesem Untersuchungsgebiet befinden sich 23 Öffentliche Bibliotheken, mehrere davon wurden in der Vergangenheit bei Auseinandersetzungen angegriffen. Die Methode dieser lang angelegten Studie lässt sich, mit sichtbaren Anlehnungen an Pierre Bourdieu, als „dichte Beschreibung“ begreifen. Merklen versucht, die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu verstehen, sowohl aus der Sicht der Bibliothekarinnen und Bibliothekare als auch aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues, gleichzeitig aus der Struktur der französischen Gesellschaft und der Diskurse in dieser Gesellschaft als auch aus kulturellen Ansprüchen. Regelmässig verweist er dabei auf Südamerika – in dem er mehrere Jahre lang geforscht hat – als Kontrastfolie, um die Entscheidungen, die in den untersuchten Bibliotheken getroffen werden, als Entscheidungen und eben nicht als unabänderliche Situationen zu verstehen. Zudem ist er relativ unbeteiligt – weder verteidigt er die Bibliotheken, noch verurteilt er sie. Mit volltuender soziologischer Offenheit beschreibt er als Aussenstehender Haltungen unterschiedlicher Seitengerade als Haltungen und Diskurse, ohne sich mit einer gemein zu machen. Das heisst auch, dass bestimmte Diskurse, die Bibliotheken sich untereinander beständig gegenseitig erzählen verständlich werden als Erzählungen, die eine Situation informieren – wobei aber gleichzeitig klar wird, wie sehr diese Erzählungen von anderer Seite nicht geteilt werden müssen.

Die Bibliothek als Elite

Das Bild, welches Merklen von der Situation in den Banlieues zeichnen, ist nicht vorteilhaft, schon gar nicht für die Bibliotheken. Dabei verweist er immer wieder darauf, dass (a) die Bibliothekarinnen und Bibliothekaren ihre Arbeit als sinnvoll, kulturell bereichernd und Chancen schaffend verstehen – sich also als die Guten sehen, die Gutes bringen – und (b) gleichzeitig die Bibliotheken bemüht sind, sich zu modernen Einrichtungen zu entwickeln, inklusive neuer Medien, ein Zugehen auf die Jugend und die Kulturen in den Banlieues sowie des Akzeptierens der wandelnden Rolle der Öffentlichen Bibliotheken. Das allerdings heisst nicht, dass dies auch von der Bevölkerung der Banlieues so wahrgenommen wird.

Angriffe auf Bibliotheken sind Angriffe, die sich nicht unbedingt auf die Bibliothek als Einrichtung beziehen. Die Bibliothek wird bei Auseinandersetzungen oft als Teil des französischen Staates beziehungsweise des französischen Kulturanspruches verstanden: Polizei, Schule, Ämter, Bibliothek werden dann als Teil eines Ganzes begriffen, welche für die Situation in den Banlieues verantwortlich sind und gleichzeitig die Kulturen dieser Vorstädte angreift. Sicherlich: Die Bibliotheken sehen dies nicht so. Sie verstehen sich als freiwillig aufzusuchende Kultureinrichtungen, die vollständig freie Angebote machen. Teilweise – so Interviews mit dem Personal von Bibliotheken, die Merklen anführt – verstehen sie sich als explizit als „antiscolaire“ (anti-schulisch). Vor allem sehen sie keine Verbindung zur Polizei oder den Ämtern und deren struktureller Gewalt. Merklen beschreibt sehr nachvollziehbar, wie Bibliotheken sich selber als Orte zu konstituieren versuchen, welche gänzlich ausserhalb der sozialen Auseinandersetzungen stehen (und bei dieser Haltung von Politik und Kultur unterstützt werden).

Comme nous l’avons vu, les bibliothècaires répètent à l’envi qu’ils ne sont pas de enseignants. Apparemment, tout les distingues. Tandis que maîtres er professeurs font de la lecture une obligation et un programme, eux sont là pour la « lecture plaisir ». Pas d’utilitarisme ni d’instrumentalisation, pas de calcul, pas de contrainte. De plaisir. Voilà une fiction par laquelle ils cherchent à se maintenir dans un espace protégé. Car contrairement aux institutions scolaires, ils seraient « innocents » du point de vue des conflits soxiaux, des dynamiques d’exclusion er des formes de domination auxquelles participerainent celles-ci. Ils ne demandent donc qua être maintenus à l’écart des conflits. Et peu importe la caractère fallacieux de cette représentation. (Merklen 2013, 130f.)

Dieser Anspruch allerdings ist, wie Merklen zeigt, nicht zu halten. Die Bibliotheken werden sowohl von Seiten der Bevölkerung in den Banlieues als auch von der Politik als Einrichtungen gesehen, welche die Werte der französischen Republik qua Kultur repräsentieren, insbesondere im aktuellen Prozess des Stadtumbaus („renovation urbaine“), welcher in den untersuchten Gebieten forciert wird. Ein Teil der Bevölkerung und die Bibliotheken sowie die Politik begreift die Finanzierung und den Aufbau dieser Bibliotheken als Angebot an die Bewohnerinnen und Bewohner, Teil der französischen Gesellschaft zu werden. Aber ein anderer Teil der Bevölkerung begreift die Bibliotheken allerdings als Eindringlinge in „ihr Gebiet“, quasi als weicher Arm von Polizei und Ämtern. In Situationen, in denen die Werte der französischen Republik angezweifelt oder vielmehr – wie es in den Auseinandersetzungen in den Banlieues normal ist – als Scheinheiligkeit begriffen werden, hinter denen sich eine sozial ungerechte und rassistische Gesellschaft versteckt, die im Besten Fall alle Bewohnerinnen und Bewohner zur Mittelstandsbevölkerung erziehen will, wird genau diese Position abgelehnt. Merklen verweist in einem Kapitel, in dem er sich mit der literarischen Produktion „um die Bibliotheken drumherum“ (welche diese nicht wahrnehmen würden, sondern mit dem Anspruch, selber Kultur anzubieten praktisch zur Unkultur oder Nicht-Kultur negieren) wie dem französischen Rap oder dem Verlan (der französischen Jugendsprache, welche durch ständige Vokal- und Silbenumstellungen und einer grossen sprachlichen Flexibilität geprägt ist) beschäftigt, explizit auf den Rap „Lettre à la République“ von Kery James (Merklen 2013, S. 175ff.), welcher mit den Zeilen beginnt: „Á tous ces racistes à la tolérance hypocrite / Qui out bâti leur nation sur le sang“ („an all die scheinheilig Toleranz rufenden Rassisten / die ihre Nation auf Blut erbaut haben“).

Die Bibliotheken würden sich gerne als Einrichtungen ausserhalb dieser Auseinandersetzungen sehen, die nur positive Angebote machen; dabei sind sie Teil der Auseinandersetzungen, zumal Merklen mehrfach in Frage stellt, ob die „Kultur“ und die Angebote, welche Bibliotheken mit gutem Gewissen machen, tatsächlich wertfrei sind. Vielmehr zeigt er, dass eine als universell verstandene französische Kultur vertreten wird, bei der gleichzeitig das Versprechen gegeben wird, dass, wer sich ihr anpasst, auch einen Aufstieg in die französische Gesellschaft machen wird. Dies begreifen Bibliotheken – aber auch Schulen – als die Chance, die sie der Bevölkerung bieten. Auch dies ist eine Sichtweise, die in den Banlieues nicht unbedingt geteilt wird. Werden Konflikte zum Beispiel als rassistisch begriffen oder wird klar, dass eine hohen Universitätsabschluss auch nicht den versprochenen Aufstieg garantiert, sondern der Wohnort sich trotzdem negativ auf die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt auswirkt, wird auch das Versprechen der französischen Kultur unglaubwürdig. Zumal, wie Merklen betont, diese Kultur sich zwar wandelt und zum Beispiel die politische Literatur und Musik der 1960er und 1970er integriert hat, aber eben nicht von den heutigen Jugendlichen beeinflusst werden kann.

Grundsätzlich zeichnet Merklen das Bild von zutiefst verunsicherten Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, welche die Umgebung ihrer Bibliotheken nicht verstehen – sich aber von dieser Umgebung auch massiv unterscheiden, weil zum Beispiel fast niemand von ihnen je in Banlieues gewohnt hat oder weil sie alle feste Stellen haben, im Gegensatz zum Grossteil der Bevölkerung, die keine oder nur prekäre Stellen haben oder auch, weil sich für sie der Aufstieg durch Bildung oft bewahrheitet hat, während dies bei Bewohnerinnen und Bewohner der Banlieues nicht unbedingt der Fall ist – und auch nicht von der Umgebung angenommen werden. So haben die Bibliotheken in den Banlieues durchschnittlich viel geringere Nutzungszahlen (rund 10% der Bevölkerung als aktive Nutzerinnen und Nutzer versus rund 20% im nationalen Durchschnitt) und erreichen zu grossen Teilen Kinder bis 14 Jahren, aber nicht darüber hinaus.

Konflikt, nicht Gewalt

Angriffe auf Bibliotheken sind aber nicht nur Angriffe auf den französischen Staat, sondern auch auf Bibliotheken im Besonderen. „C’est le soit disant frimeur qui vous envoie ce message si gentiment“ („Es sind die Angeber, denen wir mit Freuden diese Nachricht bringen“) steht mit Schreibmaschine geschrieben auf einem Papier, dass um einen Stein gewickelt wurde, welcher gegen die Ausstellung einer der untersuchten Bibliotheken geschleudert wurde und der im Buch abgebildet ist. Die Distanz ist sichtbar: Die Bibliothek als Angeber, als Einrichtung, die sich etwas besseres dünkt und die nicht als Gleiche akzeptiert wird.

Gleichzeitig sehen die Bibliotheken ihre Umgebung nicht positiv. Vielmehr nehmen sie diese wahr als von Armut und Perspektivlosigkeit bestimmt, als überwältigend viel und konzentriert auf wenige Orte (auch, weil die Bibliothekarinnen und Bibliothekare fast alle in anderen Städten und Umgebungen wohnen und aufgewachsen sind, die keine so hohe Dichte aufweisen), als Ansammlung unterschiedlicher Ethnien (und nicht unbedingt französischer Individuen mit unterschiedlicher Herkunft) und von Gewalt geprägt. Das ist nicht unbedingt falsch, aber (a) haben die Bibliotheken, wie schon erwähnt, den Eindruck, von dieser Situation nur betroffen, aber nicht an ihr beteiligt zu sein (was ein Teil der Bevölkerung anders sieht) und (b) tendieren sie dazu, diese Situation nicht verändern zu wollen. Merklen kommt mehrfach auf einen Vorfall zurück, in dem ein junger Mann „Salaam alaikum“ grüssend eine Bibliothek betritt, was von dem anwesenden Bibliothekar als Provokation verstanden wird. Ob es eine solche ist, ist unklar, allerdings macht Merklen mit der mehrfachen Diskussion klar, dass die Bibliothek und die Beziehung zu ihrer Umgebung unterschiedlichen Deutungsrastern und Erfahrungen unterliegen: Ist es zum Beispiel eine rassistische oder kulturalistische Interpretation des Bibliothekars? Ist es wirklich eine Provokation? Ist es ein normaler Gruss? Ist es ein Angriff auf den säkularen französischen Staat? Ist es unbewusst oder ist es gewollt gesagt worden?

Grundsätzlich gelangt Merklen dazu, die Situation zwischen Bibliothek und Banlieue als Konflikt zu beschreiben. Der Augenmerk sollte sich nicht auf den Akt der Zerstörung legen, sondern dieser Akt sollte als Teil einer tiefergehenden Auseinandersetzung verstanden werden. Diese Auseinandersetzung ist komplex, es gibt keine einfach richtigen, guten oder auch nur konsistenten Positionen. So ist zum Beispiel auch unter der Bevölkerung in den Banlieues nicht klar, ob die Bibliothek eine Chance und ein Angebot ist oder ein Eindringling. Klar ist allerdings am Ende der Studie, dass die Bibliotheken sich nicht als neutrale Einrichtungen begreifen können. Sie vertreten eine Kultur – zumal mit der Betonung des Buches als Kulturgegenstand, die zumindest vor den aktuellen Umbauten in den untersuchten Bibliotheken vorherrschten – und diese Kultur ist weder so offen, wie sie von Ihren Vertreterinnen und Vertretern verstanden wird, noch ist sie so universell, wie dies von der französischen Politik verstanden wird.

Ein wichtiger Hinweis, den Merklen anbringt, ist allerdings, dass es bei diesem Konflikt nicht per se um die Bibliotheken allein geht. Auch andere Einrichtungen haben kaum Kontakt zur Bevölkerung in den Banlieues. So sind die untersuchten Gebiete politisch von der PCF, der Kommunistischen Partei Frankreichs, dominiert, bei der man erwarten würde, dass sie auf die Interessen der Personen in den Banlieues, die von Armut betroffen sind, genauso eingeht, wie sie darauf achten sollte, das die institutionellen Strukturen nicht rassistisch wirken. Aber auch dies ist nicht so einfach. Dass es immerhin 23 Bibliothek in diesem Gebiet gibt, ist auch der PCF zu verdanken, die solche Kultureinrichtungen als notwendig ansieht. Nur ist dies offenbar nicht unbedingt die Meinung der Bevölkerung. Allerdings geht auch nur eine sehr geringe Zahl dieser Bewohnerinnen und Bewohner, weit unter 50%, überhaupt wählen. Auch andere politische Bewegungen haben nur geringen Einfluss auf die Bevölkerung. Dies hat, so zumindest Merklen, auch damit zu tun, dass die Politik dieser Bewegungen – egal ob PCF oder organisierten Katholizismus – in Konflikten und Politikformen verfangen ist, die von dieser Bevölkerung so nicht gesehen oder akzeptiert werden. Praktisch alle Beziehungen zwischen offizieller Kultur und Banlieues sind konfliktgeladen, Bibliotheken sind da nur ein Teil des Konfliktes. Gewalt wird, wenn man Merklen in seiner Analyse folgt, in der einen oder anderen Form von allen Seiten angewandt, egal ob mit Steinen und Molotowcocktails, mit Polizeiaufgebot und Vorschriften oder strukturell. Das ist nicht mit besserem Bibliotheksmarketing oder anderen Strategien, die im Bibliothekswesen gerne besprochen werden, sondern nur mit einer Veränderung von Bibliothek, Gesellschaft und Banlieues zu erreichen, die auf einem Anerkennen der Situation – und nicht unbedingt einem reinen Skandalisieren von Gewaltausbrüchen allein – basieren muss.

Für mehr französisch in den deutschsprachigen Bibliotheken

Die Studie von Denis Merklen ist anders, als alles, was man in der deutsch- oder englischsprachigen Literatur zu Bibliotheken liesst. Sie ist eine Langzeitstudie, die mit soziologischem Instrumentarium „von aussen“ an die Bibliotheken herangeht und Dinge, die sich Bibliotheken immer wieder gegenseitig erzählen – Bibliotheken sind anders als Schulen, Bibliotheken sind offen, Bibliotheken sind soziale Znentren – einmal im gesellschaftlichen Zusammenhang als uneingelöste Ansprüche thematisiert. Das Buch ist unbedingt zu empfehlen. Es zeigt unter anderem, wie gefährlich es ist, sich beim Erkunden der Wirkung von Bibliotheken auf einfache Methoden wie Umfragen, Expertinnen- und Experteninterviews oder Social Audits zu verlassen; da diese fast immer nur ein Seite der Situation zeigen (ohne das diese als Konflikt begriffen werden kann).

Vor einigen Monaten besprach ich schon ein ebenso soziologisches Werk aus Frankreich zu Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris sehr positiv (Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013, Besprechung hier), des Weiteren empfehle ich immer wieder gerne „Du lecteur à l’usager“ (Roselli, Mariangela ; Perrenoud, Marc (2010) / Du lecteur à l’usager : ethnographie d’une bibliothèque universitaire. Socio-logiques. Toulouse : Presses universitaires du Mirail, 2010) über die Nutzerinnen und Nutzer in der Bibliotheksbibliothek Toulouse als eine der tiefgreifendsten Untersuchungen über die Nutzung von Bibliotheken. Auch der vor kurzem aus dem Französischen übersetzte Text Die Bibliothek, eine Frauenwelt (Roselli, Mariangela (2013) / Die Bibliothek, eine Frauenwelt. Analyse und Folgen der Segmentierung des jungen Publikums in den Bibliotheken. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 37 (2013) 3, 322-330) scheint mir herausragend im Sachen Erkenntnis über Bibliotheken und deren gesellschaftliche Wirkung zu sein. Grundweg wird für mich immer mehr sichtbar, dass die deutschsprachigen Bibliothekswesen mehr über die gesellschaftlichen Wirkungen von Bibliotheken lernen können, wenn sie diese Literatur sowie die darin enthaltenen Forschungsfragen, -methoden und -haltung wahrnehmen. Insoweit ist diese Besprechung auch ein Aufruf, mehr Französisch zu lesen.

Personen ohne festen Wohnsitz in der Bibliothek des Centre Pompidou

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 10. Juni 2013

Karsten Schuldt

[Zu: Paugam, Serge ; Giorgetti, Camila (2013) / Des pauvres à la bibliothèque : Enquête au Centre Pompidou. – Le lien social. – Paris : Presses Universitaires de France, 2013]

 

In Frankreich, so scheint es, werden interessantere Bücher zum Bibliothekswesen publiziert als im DACh-Raum. Die Studie Des pauvres à la bibliothéque von Paugam und Giorgetti ist nur eines davon. Auf der einen Seite untersuchten die beiden Forschenden eine sehr spezielle Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern einer sehr speziellen Bibliothek, nämlich Obdachlose in der Bibliothek des Centre Pompidou in Paris. Diese Bibliothek ist eingelassen in das radikal-demokratische Grundkonzept des Centre, welches wiederum innerhalb einer Metropole – also auch einem Anziehungspunkt für sehr unterschiedliche Personen; die anderswo kaum ein sozial akzeptables Leben führen könnten – verortet ist. Auf der anderen Seite legen die beiden Forschenden etwas, was im deutschsprachigen Raum praktisch vergebens gesucht würde, vor: eine (ethnologische) Untersuchung der Nutzung einen Bibliothek, die auf soziologische Theoriebildung zurückgreift und diese widerum informieren kann.

Dies ist noch nicht einmal beispiellos im französischen Bibliothekswesen. So legten im Jahr 2000 drei Forschende eine ebenso soziologische Untersuchung zur Nutzung der gleichen Bibliothek vor. [Evans, Christophe ; Camus, Agnès ; Cretin, Jean-Michel (2000) / Les habitués : Le microcosme d’une grande bibliothèque. [Paris] : Bibliothèque publique d’information – Centre Georges Pompidou, 2000] Zugleich ist die Diskussion um die tatsächliche soziale Rolle der Öffentlichen Bibliothek in Frankreich weiter fortgeschritten als in den deutschsprachigen Bibliothekswesen. [Dies gilt auch für das englisch-sprachige Bibliothekswesen, für das stellvertretend auf die erste Ausgabe 2013 der Library Review verwiesen werden soll, die sich vollständig mit dem Thema Public Libraries and the Homeless beschäftigt und in der sich auch eine englisch-sprachige Zusammenfassung des hier besprochenen Buches findet – leider alles hinter eine Paywall.] Grundsätzlich lohnt es sich, über den Rhein zu schauen.

Fragilité, Dépendance, Rupture

Paugam und Giorgetti legen eine Studie vor, deren Ergebnisse nur mit einiger Vorsicht – da es sich, wie gesagt, um eine sehr spezielle Bibliothek handelt – übertragen werden können, aber deren Design in anderen Bibliotheken sinnvoll angewendet werden könnte. Es werden in ihr soziologische Theoriebildung, Beaobachtung und Interviews verbunden. Aufgebaut ist die Studie auf ein in früheren Arbeiten von Paugam erarbeitet Struktur vom Leben in Obdachlosigkeit. Diese postuliert, dass es unterschiedliche Stufen der sozialen Desintegration beim Leben ohne festen Wohnsitz gäbe. Grob unterteilt in Fragilité ( Prekarität), Dépendance ( Abhängigkeit von gesellschaftlicher Unterstützung) und Rupture ( Bruch mit der gesellschaftlichen Integration) implizieren diese Stufen ein sehr unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Ziele, der Personen, die von ihnen betroffen sind. (Und dies selbstverständlich immer als Idealtypen, die in der Realität komplexer sind.)

Dabei darf Obdachlosigkeit in Wetseuropa nicht als das Leben auf der Strasse verstanden werden, sondern ist zumeist gekennzeichnet von Leben zwischen unterschiedlichen Unterkünften, die aber alle prekär sind (Heime, Unterkünfte, „Couchsurfing“ etc.).

Personen, welche der Stufe Fragilité zugeordnet werden, versuchen zumeist, direkt aus der Obdachlosigkeit auszusteigen. Diese Personen zeigen in der Untersuchung auch ein Verhalten, dass geprägt ist von Versuchen, in die französische Gesellschaft (wieder) einzusteigen. Gerade bei Flüchtlingen ist dies gezeichnet von Lernaktivitäten in der Bibliothek, insbesondere dem Französisch-Lernen. Die Bibliothek wird zudem aktiv genutzt, um Informationen über den Arbeitsmarkt oder über Unterstützungsleistungen einzuholen. Gleichzeitig wird von diesen Personen aktiv versucht, ihre ökonomische und gesellschaftliche Situation nicht offen darzustellen. Paugam und Giorgetti beschreiben einige Strategien, dies zu tun, beispielsweise das Besuchen der Bibliothek in Anzug und Kostüm. Gleichzeitig versuchen diese Personen in den Interviews, sich von den „echten Armen“ abzugrenzen und ihre eigene Situation als Übergang darzustellen. Dabei besuchen sie die Bibliothek auch wegen ihres Habitus als „intellektuelles Zentrum“. Das Arbeiten in der (grossen und bekannten) Bibliothek verleiht den Personen, so Paugam und Giorgetti, ein positive Identität. So stellt die Studie auch eine Höherorientierung der bevorzugtes Literatur durch diese Personen fest, die, wenn sie gefragt werden, betonen, eher Weltliteratur oder den französischen Literaturkanon zu bevorzugen als „einfache Belletristik“.

Personen, die auf der Stufe Dépendance verortet werden, nutzen die Bibliothek oft als Lebensraum und als Ort, von dem aus Unterstützungsleistungen organisiert, also recherchiert, werden können. Auch diese Nutzenden sind nicht per se auffällig, sondern versuchen, sich dem Alltag der Bibliothek (beziehungsweise des gesamten Centre Pompidou) anzupassen. Dabei kommt ihnen die Grösse des Centre zupass. Dennoch sind sie auffällig, da sie sich ständig in der Bibliothek, der auch als geschützter Raum wirkt, aufhalten. In der Studie werden Beispiele von Personen angeführt, die fast täglich acht Stunden in der Bibliothek verbringen. Hauptinteresse dieser Personen ist, neben der Recherche nach Unterstützungsleistungen zum Überleben und zum Ausstieg aus ihrer sozialen und ökonomischen Situation, die Strukutrierung ihres Alltags. Sich in der Bibliothek aufhalten und lesen gilt ihnen als sinnvolle Tagesgestaltung.

Nur Personen, die der Stufe der Rupture zugeordnet werden, stimmen überhaupt in Ansätzen mit den Vorurteilen über Obdachlose überein, aber auch das nicht wirklich. (Wie eigentlich auch zu erwarten war.) Zwar nutzen einige dieser Personen die Bibliothek auch als Aufenthaltsraum; aber nicht übermässig. Zudem stellen sie nicht die Mehrzahl der Personen sans domicile fixe. Die Bibliothek – und wieder eigentlich das gesamte Centre Pompidou – stellen für sie Aufenthaltsräume da, die zwar nicht vom Leben „auf der Strasse“ abgetrennt sind, aber doch im Gegensatz zu anderen Orten relativ sicher sind. Diese Personen versuchen immer wieder einmal, die Regeln auszutesten, sind aber auch schnell bereit, sich den Regeln, die sie getestet haben, unterzuordnen, um diesen Raum nicht zu verliehren. Ihr Interesse an der Bibliothek ist hauptsächlich der geschützte Raum.

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Frage zur sozialen Beobachtungsgabe, vom Cover der Studie gestellt: In welcher sozialen Situation befindet sich die abgebildete Person?

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Personen die Bibliothek sehr gezielt zur Gestaltung ihres eigenen Lebens nutzen und zwar immer wieder ausgehend von ihrer sozialen Situation und den Zielen, die sie sich realistisch zu setzen bereit sind. Sie alle sind der Bibliothek gegenüber positiv eingestellt. Gleichwohl die Bibliothek ganz explizit keine Sozialarbeit betreibt, erfüllt sie für diese Personen eine soziale Funktion und zwar durch die offene Angebotsstruktur.

Für die deutschsprachigen Bibliothekswesen (zumindest in der den Grossstädten und Metropolen) lässt sich lernen, dass die Interessen und Nutzungsweisen der Personen ohne festen Wohnsitz nicht mit so einfachen Modellen wie Zielgruppenanalysen oder einfachen Interviews zu erfassen sind. Die soziale Realität ist offensichtlich zu komplex. (Und gleichzeitig wirkt die Bibliothek als gesellschaftlich relevant positiv, ohne direkt daraufhin gestaltet zu sein.)

Forschungsdesign

Neben dem soziologischen Wissen, dass vor der Studie vorhanden war, nutzten die Forschenden ein grundsätzlich einfaches Forschungsdesign, welches allerdings eine relativ lange Forschungszeit und Offenheit für Beobachtungen und das sich Einlassen auf Situationen erforderte. Auf der einen Seite wurden Beobachtungen durchgeführt. Personen, die mehr oder minder auffällig waren und deren Verhalten in der Bibliothek wurden von einer Forschenden beobachtet und diese Beobachtungen in einem Forschungstagebuch eingetragen. Die Personen wurden so beschrieben, dass die Forschenden die Beobachtungen mehrere Tage zusammenfassen konnten; gleichzeitig waren die Personen anonymisiert.

Eine andere Forschende sprach im Verlaufe der Untersuchung Personen an, die beobachtet wurden und befragte sie, wenn diese zustimmten, in strukturiert-narrativen Interviews (also anhand eines Fragebogens durchgeführten Interviews, bei denen die Interviewten möglichst frei antworten konnten).

Die Auswahl der Personen, die beobachtet und interviewt wurden, bedurfte einer relativ grossen Beobachtungsgabe. Ansonsten wäre es zum Beispiel schwierig, Personen zu erkennen, die ihre soziale Situation gerade verstecken wollen. Sie bedurfte auch einiges an Fingerspitzengefühl bei den Interviews und den möglichst objektiven Beschreibungen der Beobachtungen, welches sich mit einer langjährigen Forschungspraxis erarbeitet werden musste.

Die Auswertung der Daten bedurfte ebenso einer grossen sozialen Offenheit. Die Einzelfälle durften nicht als reine (bedauernswerte) Einzelfälle betrachtet, aber auch nicht einfach subsumiert werden. Dabei half die soziologische Theoriebildung, auf die zurückgriffen wurde; welche die Forschenden bei der Zusammenstellung der Daten und Auswertung leitete, da sie nicht darauf angewiesen waren, einfach nur Daten zu berichten (etwas, was notwendig ist, wenn man ohne Theoriebildung einfach nur Umfragen macht), sondern in der Lage waren, Aussagen und Verhaltensweisen in ein Modell der gesellschaftlichen Nutzung von Bibliotheken als Ort und Infrastruktur zu integrieren, dieses Modell zu erweitern und aus diesem Modell Erklärungen für Verhaltensweisen abzuleiten.

Le Livre

Das Buch ist in einem eingängigen Französisch geschrieben. Zur Erläuterung der Ausführungen werden sowohl die Aufzeichnungen aus dem Beobachtungstagebuch als auch den Interviews angeführt. Weite Teile der Erklärungen bestimmter sozialer Ansichten werden überhaupt von Interviewaussagen getragen.

Paugam und Giorgetti sind beide sozialwissenschaftlich Forschende und halten sich deshalb auch erfrischend klar mit konkreten Handlungsanweisungen zurück. Während in deutschsprachigen Bibliothekswesen wohl sehr schnell der Ruf nach einer Praxisanleitung erhoben würde – im Sinne von: Was genau soll die Bibliothek tun? Wo sind die abzuarbeitenden Checklisten? etc. – beschränkt sich die Studie darauf, zu beschreiben und verständlich zu machen. Dies gibt den Kolleginnen und Kollegen in Paris die Aufgabe, die Erkenntnisse der Studie selber zu interpretieren; dabei aber sind sie dazu aufgefordert, diese nachzuvollziehen, was ein sinnvolles Zurücktreten von der Praxisfrage erzwingt beziehungsweise ermöglicht und vor Augen führt, dass die gesellschaftliche Situation so komplex ist, dass sie mit einfachen Werkzeugen nicht zu bearbeiten ist. Gleichzeitig legt die Studie damit die Möglichkeit an, über den – wie schon gesagt sehr speziellen – Einzelfall der Bibliothek im Centre Pompidou hinaus etwas über die tatsächliche Nutzung von Bibliotheken durch Personen in sozial und ökonomisch prekären Lagen zu lernen.

Das coole UND. Anmerkungen zur Umbenennung der DGI.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte by Ben on 4. Mai 2013

von Ben Kaden

„Die Namensänderung der DGI hat für Furore gesorgt. Das kann ich verstehen, jedoch nur aus euphorisch positiven Gründen“

schreibt Clemens Weins heute im Weblog der nun Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen (DGI). Ich sehe das nur bedingt. Furore im Sinne einer Begeisterung ist es nicht. Und Furor im Sinne wütender Proteste lässt sich in der Fachöffentlichkeit auch nicht erkennen. Treffender wären vielleicht Worte wie Kopfschütteln oder Verwunderung. Irgendwo in diesem Umfeld wäre jedenfalls meine Reaktion zu verorten.

Als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler scheint es mir jedenfalls für Euphorie kein Anlass zu bestehen, wenn man die Informationswissenschaft streicht, um sie durch die unscharfen Ausdrücke „Information“ und „Wissen“ zu ersetzen. Möglicherweise muss eine „agile“, also laut Duden „regsame und wendige“, DGI diesen Schritt gehen, um damit ihre Agilität bzw. Augenhöhe zur Zeit zu beweisen. Eventuell ist sie damit ihrer Zeit auch voraus, wenn mit ihr ein „Paradigmenwechsel […]  vom institutionellen Denken zum inhaltlichen Austausch“ angestrebt wird und man annimmt, dass strenge Wissenschaftlichkeit durch das Kriterium des pragmatischen Passens abgelöst wird. Das setzt voraus, dass sich die Grenzen von Wissenschaft und Praxis tatsächlich vermischen und man hat wenig Möglichkeiten, entsprechende Anzeichen zu ignorieren. In der Gesamtschau wäre dies das Ende der Wissenschaft, wie wir sie kennen und vielleicht ist es auch das Schicksal der Informationswissenschaft, frühzeitig diesen Schritt zu vollziehen.

Clemens Weins bringt mit dem Beispiel der „modernen IT-Unternehmen“ das Vorbild ins Spiel. Die großen Dominanten (Google, Facebook, Apple, Amazon) verwenden nicht nur etliche Elemente, die man aus der dokumentationswissenschaftlichen Grundausbildung kennt, sie integrieren sie auch überdisziplinär mit allem, was für Netzwerkanalyse und Rückkopplungsverfahren u.ä, an Methoden zweckmäßig erscheint. Wenn man so will, haben sie und nicht etwa die Informationswissenschaft (oder die Soziologie), die Gesellschaft zur Netzgesellschaft gemacht und informationswissenschaftlich wie informationssoziologisch durchdrungen.

Eine Nebenwirkung könnte bei dieser Entwicklung sein, dass sich dabei die wissenschaftliche Disziplin Informationswissenschaft einfach auflöst zugunsten wohlklingender und pragmatischer Lösungen und zu einem Evaluations-und Think-Tank für (tatsächliche und denkbare) Informationsdienstleistungen zusammenschnurrt. Selbstverständlich machen sich Unternehmen „intern Gedanken, was neue Technologien auslösen können und stellen sich sofort den praktischen Herausforderungen“, denn davon hängt ihre Geschäftsentwicklung ab. Diese ist im Gegenzug aber auch Erkenntnis leitend. Und hier liegt der Unterschied zur akademischen Informationswissenschaft, die sich um all die Aspekte kümmern kann (und sollte), die zwar aus Sicht von Verwertung und Produktentwicklung irrelevant sind, die aber für die Gesellschaft eventuell gerade deshalb eine große Bedeutung besitzen.

Ich habe folglich Probleme, mir Wissenschaft derart unternehmerisch eingefärbt zu denken. Und gerade, wenn man wie Clemens Weins Informationswissenschaft etwas hemdsärmlig als „Soziologie der Informatik“ definiert, was ich an sich begrüße, was allerdings vor nicht allzu langer Zeit nur sehr eingeschränkt nachweisbar dem Selbstverständnis der Disziplin entsprach (vgl. Kaden, Kindling, Pampel, 2012), sollte man sich vom Kriterium der „Faszination“ lösen.

Man muss nicht mit bzw. besser nach Pierre Bourdieu „Soziologie als Kampfsport“ (vgl. z.B. Hollerstein, 2012) ansehen. Doch man sollte anerkennen, dass es vor allem um Analyse und Kritik geht, also das gezielte und systematische Infragestellen von Scheingewissheiten idealerweise auf Grundlage empirischen Materials. Das steckt in gewisser Weise schon in dem Wunsch, „Informationen fließen zu lassen und immer verstehen wollen, wie sie fließen.“ Es ist auch vereinbar mit dem Bild der „Menschen, die verstehen wollen, wie sich Gesellschaft durch neue Informationstechnologien verändert und auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern sind.“ Nur wirkt der Ausdruck „Geschäftsfelder“ hier in der Rückbindung an die Wissenschaft genauso als Splitter im Text, wie die Reduzierung der Soziologie auf die Technologie- und Methodenanalyse. Wenn Clemens Weins den entsprechenden Absatz mit der Basta-Formulierung „Damit ist alles gesagt.“ einleitet, muss er sich auch darauf hinweisen lassen, dass in seiner Darstellung neben Technologien und Methoden der Grundgegenstand der Soziologie schlicht fehlt.

Es ist wahrscheinlich Teil des Zeitkolorits, Wissenschaft stark in Hinblick auf Innovation, Spin-Off-Projekte und mögliche wirtschaftliche Verwertungsszenarien zu betreiben und zu denken. Das beißt sich allerdings mit dem Konzept der Soziologie als Wissenschaft, wie ich sie verstehe. Mehr noch: wissenschaftliche Erkenntnisproduktion ist nach meinem Verständnis gerade nicht der Fluss sondern viel mehr die Staustufe der Information. Es geht in ihr nicht um die Optimierung und Stromlinienformgebung für reibungslose Übertragung, sondern darum, das, was geschieht, in einem größeren Rahmen zu verorten. Diesen Rahmen bildet die Größe Mensch. Es geht um den Menschen, sein Handeln, die dahinterstehenden Motivationen und wie er sich im Gefüge der Handlungsfolgen bewegt. In der Informationswissenschaft wäre das dann mindestens an den Phänomenen „Information“ und „Wissen“, gern auch noch mit „Redundanz“, „Rauschen“ und „Bedeutung“ zu konkretisieren und beispielsweise auf die in letzter Zeit mehr vom Feuilleton als von der Wissenschaft reflektierten Informationsethik orientierbar. (also vielleicht eben doch im Bourdieu’schen Kampfsportstil, vgl. Hollenstein, 2012, S.68: „Soziologie ist Kampfsport, fasst Bourdieu sein wissenschaftliches Selbstverständnis [...] zusammen: Selbstverteidigung der Schwachen gegen Ungerechtigkeit. Soziologie ist also für Bourdieu „per se kritisch“, sie offenbart „Geheimnisse“, der Soziologe ist ein „Störenfried“.“)

Erfahrungsgemäß wirkt bereits der Streit um die Begriffs- und Gegenstandseingrenzung deutlich bremsend (also störend). Dazu addiert sich, dass Wissenschaft, wie ich sie hier denke, vorwiegend retrospektiv arbeitet, da ihr Material erst entstehen bzw. beobachtbar werden muss, bevor sie es durchdringen kann. So ist sie selbst gerade kein Innovationsmotor. Im Ergebnis könnte sie jedoch im Wechselspiel mit der Praxis dieses Wissen über an die gestaltenden Akteure (z. B. die Praxis) weitergeben, die es beispielsweise in ihr Wissen wie einfließen lässt. Oder eben nicht.

Das gravierendste Problem der Umbenennung der DGI liegt für mich in der Reproduktion des Urproblems der Informationswissenschaft selbst: der Terminologie selbst. Es gibt keine übergreifend anerkannte Definition der Ausgangsbasis „Information“ und dem Verhältnis zum nicht minder vieldeutigen Begriff des „Wissens“. Dazu kommt seit einigen Jahren der nicht minder ambivalente Omnibus „Inhalte“, für die die DGI mittlerweile offensichtlich steht, ohne sich, so könnte man flapsig sagen, in Deutsche Gesellschaft für Inhalte benannt zu haben.

Ich schreibe dies als jemand, der die Gelegenheit hatte, bei zwei zentralen Antagonisten dieser Debatte in der deutschsprachigen Informationswissenschaft zu lernen und der dabei erkennen durfte, wie wichtig eine genaue Bestimmung des Bezugsrahmens für diese Ausdrücke ist. Diesen Rahmen finde ich in der Argumentation im Blog nicht zureichend dargestellt.

Information und Wissen sind dank ihrer Universalität äußerst divers verwendete, bisweilen einfach sehr missverständliche Konzepte. Die Einhegung auf das Feld der Informatik bzw. Informationstechnologie, also auf die bitweltlich verarbeitbare Information wäre womöglich eine gangbare Spezifizierung (wenn auch nicht die mir sympathischste). Aber das geht aus dem neuen Namen nicht vor. Den problematischeren Begriff des Wissens (laut Walther Umstätter „begründete Information“, laut Rainer Kuhlen eine Art Agens der Informationsprozess) blieben dann immer noch unbestimmt. Der Container „Inhalt“ sowieso.

Als Nicht-Mitglied der DGI kann ich ihre Umbenennung gelassen nehmen. Als Informationswissenschaftler bedauere ich dennoch die Streichung der „Informationwissenschaft“ im Namen der DGI, zumal mich der Ersatzname in keiner Hinsicht und trotz der verständlichen und engagierten Erläuterung durch Clemens Weins nicht als bessere Wahl überzeugt. Das Fach, um das es mir geht, vermag ich im neuen „und“ jedenfalls nicht mehr erkennen. Und auch was Willi Bredemeier als einen Grund zur Umbenennung anführte, überzeugt mich, offen gesagt, keinen Millimeter:

„Der neue Name klingt gut oder ist, wie ein Teilnehmer der Mitgliederversammlung sagte, “cool”.“ (Bredemeier, 2013)

 (25.04.2013  / @bkaden)

Verweise

Willi Bredemeier (2013) DGI – Neuer Name verabschiedet. In: Password / passwordonline.de, 28./29.04.2013, http://www.passwordonline.de/cms/news/28.-29.-april-2013.html

Oliver Hollenstein (2012) Soziologie als Kampfsport – Pierre Bourdieu. In: dersb. (2012) Das doppelt geteilte Land. Neue Einblicke in die Debatte über West- und Ostdeutschland. Wiesbaden: Springer VS. S.67-78

Ben Kaden, Maxi Kindling, Heinz Pampel (2012) Stand der Informationswissenschaft 2011. In: LIBREAS. Library Ideas. No.20  S. 83-96 urn:nbn:de:kobv:11-100199781.

Weins, Clemens (2013):  Die agile DGI – ein Club für Informationsphilosophen und -pragmatiker. In: http://blog.dgi-info.de / 04.05.2013

Anmerkung: Namentlich gekennzeichnete Beiträge in diesem Weblog geben ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autoren wieder.

Sie nannten es Arbeit. Eine Handreichung zu drei Informationsgesellschaftstheorien.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. März 2013

Rezension zu

Jochen Steinbicker (2011) Zur Theorie der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 2. Auflage Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-18054-0 29,95 Euro (Seite zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

I

Wer in den ausklingenden 1990er und beginnenden 2000er Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft über den Tellerrand hinaus sah und sich fragte, in welcher Gesellschaft er sich befindet, der blickte zwangsläufig in eine halb gegenwärtige, halb zukünftige Lebenswelt namens Informationsgesellschaft. Über diesem bereits an sich schillernden Begriff standen als besonders strahlende Leitgestirne die Beschreibungen von Daniel Bell (postindustrielle Gesellschaft) , Peter Drucker (Wissensgesellschaft) und Manuel Castells (informationelle Gesellschaft, Informationalismus). Allen drei Protagonisten beschäftigte, ungeachtet der Variation in der Benennung, die Transformation einerseits der ökonomischen und andererseits in dieser Folge auch der sonstigen Bereiche der Gesellschaft.

Grundlage der Entwicklung war eine Verschiebung im Bereich der Produktivkräfte (ein Ausdruck, der seinen Zenit etwa 1975 hatte und mittlerweile auch schon Staub trägt). Für die Wertschöpfung waren nun nicht mehr physische Arbeit (mitsamt der Körper, die diese verrichten mussten) und Land und nicht mehr nur Kapital, Maschinen und Energie notwendig. Entscheidend waren mehr oder minder plötzlich Wissen, Innovationsgeist, Wagnis und – wie das Beispiel der New Economy zeigt – auch Einiges an Chuzpe, Glück und richtigen persönlichen Kontakten.

Parallel dazu erkannte man, dass sich die bis dato weitgehend vorwiegend unter kulturellen bzw. sozialen Aspekten zu verortenden Phänomene Information und Kommunikation nicht nur nachrichtentechnisch in mathematische Fassungen bringen lassen, sondern generell als Waren begriffen werden und daher auch ihre Erzeugung, Verbreitung und Nutzung nach Marktmechanismen strukturiert werden können. Mit den entwickelten Formen der Informations- und Kommunikationstechnologie standen Kanäle und Werkzeuge zur Verfügung, die nahezu beliebige Quantitäten von Nachrichten bei zugleich relativ guter Kontrollmöglichkeit übertragbar machten. Die Totalisierung dieses Prinzips, dass wir mit dem Zeitalter des Smartphones und der digitalen sozialen Netzwerken bis in den kleinsten interpersonellen Austausch hinein erfahren, ist nicht nur direkte Nachwirkung dieses Gedankens, sondern zugleich Auslöser der Frage, in welche Richtung dieser Zug nun weiter rollt.

Schreibtisch

II

Möglicherweise ist die Wissensökonomie, bei der es um Individualwissen geht, schon längst wieder im Abschwung. Die Theorien der Informationsgesellschaft und deren Hauptvertreter, von denen zwei bereits verstorben sind, hinterließen dafür keine Orientierung. Ihre Arbeiten bieten tatsächlich Erklärungsmuster, die die Entwicklung bis circa in den frühen 2000er Jahre noch halbwegs begreifbar machen.

Das Gewicht ihrer Theorien liegt entsprechend noch auf dem Faktor Wissen, hier synonym mit Intelligenz und schneller Reaktionsfähigkeit bzw. Entscheidungsfreude zu verstehen. Zauderer hätten kein Google gebaut und der alte Industrieadel wäre an den frühen Bilanzen (ca. die ersten 15 Jahre) von Amazon zutiefst verzweifelt. Dennoch hat sich das Digitale in Form von Leit- und Steuertechnologie auch in den urständigsten Schwerindustrien durchgesetzt. Wer es nicht glaubt, den überzeugt jede beliebige Führung in einem gläsernen Stahlwerk oder eine anderen Art von (ehemaliger) Manufaktur in der Regel ziemlich schnell. Dass Bildung im Sinne von einer Verständnis- und Bedienkompetenz für entsprechende Steuermedien an vielen Stellen über Körperkraft geht, versteht sich von selbst. Ein bitteres Erwachen jenseits idyllischer Illusionen über das Emanzipationspotential einer digital basierten Kommunikationsgesellschaft spielte für die drei Leitbildbildner noch kaum eine Rolle. Die Entkleidung von Konzepten wie Bildung und Wissen auf ihren Verwertungskern scheint jedoch, wie wir heute leicht erkennen, ein logischer und unvermeidbarer Bestandteil der Entwicklung zu sein.

Wir sehen es jeden Tag: Bildung, auch universitär, besitzt auch in der universitären Praxis nur noch sehr geringe Schnittmengen mit aufklärerischen Vorstellungen und sehr große mit Fragen der Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt, in dem Wissen einzig dann wichtig ist, wenn es dem jeweiligen Funktionskontext nutzt bzw. sich jemand findet, um dafür etwas zu bezahlen. Der Wissensarbeiter – den beispielsweise Peter Drucker eher abstrakt beschrieb – ist zumeist tatsächlich nur Wissensproletarier (oder, vgl. S. 47, “Nachfahre des Facharbeiters”). Daniel Bells Vorstellung einer Wissenselite bleibt ebenfalls eher unterbestimmt und die Idee einer Verlagerung von Macht und Kontrolle weg vom Markt ist, wie auch Jochen Steinbicker betont, je nach Sichtweise entweder widerlegt oder noch auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie sich einlösen kann.

III

Der Soziologe Jochen Steinbicker bündelt also in seinem Überblicksbuch die am Ende doch ähnlichen Konzeptlinien des großen Vordenkertrios unserer (ökonomischen) Gegenwart, heuer in der zweiten Auflage, zusammen und macht somit die “Pfade zur Informationsgesellschaft” (so der Titel eines weiteren Buches, das er ebenfalls 2011 allerdings beim Velbrück Wissenschaftsverlag publizierte) aus diesen drei Perspektiven recht übersichtlich nachvollziehbar. Die Abhandlung eignet sich freilich mehr als Handreichung denn als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, obschon die jeweilige Kritik der Ansätze eine gute Basis für Folgediskussionen böte, lägen die Defizite aller drei Versuche, die kommende bzw. seiende Gesellschaft zu bestimmen, nicht bereits derart offen auf der Hand.

Letztlich sind die referierten Theorierahmen von Bell, Castells und Drucker im Jahr 2013 über weite Strecken hauptsächlich aus historischer Sicht interessant. Im Jahr der Erstauflage des Bandes – 2001 – stellte sich die Situation noch anders dar (und das Buch selbst war, das nebenbei  vermerkt, auch noch zum halben Preis zu haben – eine auch wissensökonomischer Sicht erstaunliche Kopplung von Halbwertszeit des Wissens und dem dafür geforderten Preis).

Zum Ausstieg argumentiert Jochen Steinbicker erwartungsgemäß resolut gegen eine techno-determinstische Entwicklung. Stattdessen plädiert er für die “Identifizierung verschiedener Typen von Informationsgesellschaften ” (S.125) als Startpunkt eines kritisch-reflexiven Hinterfragens. Beispielsweise der in der Tat bisweilen dreist von den prominenten Monomaniacs (Wortschöpfung von Peter Drucker) als unveränderlich verkauften Entwicklung, die freilich oft mit dem Verkauf einer jeweiligen Produktidee korreliert und mitunter die Verbindung zur Theorie eines viel älteren Vordenkers aus der Republik Florenz nahelegt.

Die vier Beobachtungsebenen, die sich für Anschlussuntersuchungen anbieten:

  1. These des Strukturwandels der Arbeit;
  2. These der Spaltung zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und geringqualifizierten Dienstleistungsangestellten (dieses Neoproletariat wurde freilich bereits von Walter Benjamin thematisiert);
  3. Verhältnis von Wissensarbeit und Organisation inklusive Verschiebungen im Verhältnis Hierarchie und Kontrolle;
  4. Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung des Strukturwandels der Arbeit (vgl. Steinbicker, S. 123)

bleiben zweifellos zeitfeste Plateaus intellektueller Deutungsarbeit und dies idealerweise auch für die Bibliotheks- und mehr noch Dokumentations- als Informationswissenschaft. Denn die Frage, wohin die Profession steuert, ist dauerhaft offen. Bibliothekare und Dokumentare (besonders letztere) standen gewissermaßen lange durchaus für eine Art Avantgarde der Wissensverarbeitung, die nun in der Informations- und Wissensgesellschaft vom Hauptfeld der Beschäftigungswelt einge- und manchmal überholt wurde. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sieht sich so mit einem mächtig erweiterten Gegegenstandsbereich konfrontiert und obwohl die Vorhersagen von Daniel Bell auf die 1960er rückdatieren und die Bücher frühzeitig auch in deutscher Übersetzung vorlagen, zeigte sie sich lange nicht sonderlich für diese Transformation gewappnet.

IV

Kurioserweise musste man auch in ihr ausgerechnet lange um das ringen, was Jochen Steinbicker als “dritten Weg zwischen der pauschalen Ablehnung [...] und der unkritischen Zustimmung” einfordert. (S. 125) Früher nannte man das ein vernünftiges Gleichgewicht. Die stattdessen in dem Feld lautstärker wahrnehmbaren Extrempositionen wie a) Treue zu anachronistischen Prinzipien oder b) servile Anpassung an den Zeitgeist treten, wie jeder weiß, immer besonders gern in Situationen der Unsicherheit auf. Dass die Veränderung der Beschäftigungswelt mit gegenläufigen Trends einerseits der Ausweitung der lebensweltlichen Bedeutung des Arbeitsverhältnisses (vermittelt durch das Medium Geld) und andererseits die weitreichende Flexibilisierung und potentielle Prekarisierung der Arbeitswelten, wie wir es seit 2000er Jahren in größter Entfaltung erleben, zu Verunsicherung führt, erstaunt freilich ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder Bell noch Drucker noch Drucker in ihren Makroentwürfen sonderlich über die sozialpsychologischen Folgen der von ihnen beschriebenen neuen Gesellschaften reflektierten.

Vielmehr liest es sich so:

“Alle Konsumfreuden, wie ein Buch lesen, sich mit einem Freund unterhalten, eine Tasse Kaffee trinken, ins Ausland reisen, erfordern Zeit. Deshalb verfügen auch die Bewohner “rückständiger Länder”, die sich nicht so viele Dinge leisten können, über mehr Zeit. Besitzt jemand hingegen ein Segelboot, einen Rennwagen oder ein Konzertabonnement, ist “Freizeit” sein knappstes Gut. Will er z.B. ins Konzert, muß er entweder sein Abendessen hinunterschlingen [...] oder hinterher essen, was wiederum bedeuten kann, daß er zu lange aufbleibt und nicht genügend Schlaf hat, will er am nächsten Tag “pünktlich” zur Arbeit erscheinen.” – Daniel Bell (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 349

Das mag für irgendeine Welt korrekt sein. Aber wer heute als Wissensdienstleister zu arbeiten beginnt oder, vom Bildungsabschluss zur Wissenselite zählend, versucht im deutschen Universitätssystem Fuß zu fassen, merkt spätestens beim Blick auf seine Rentenprognose, dass ein Segelboot oder ein Rennwagen vermutlich nicht zum engsten Kreis der Probleme zählen werden. Die Frage nach der Aktualität und Aktualisierbarkeit der Arbeiten der großen Drei stellt sich so bei der Lektüre der Originaltexte nicht ganz selten. Sie zu kennen, schadet natürlich auch nicht.

Dass sich Jochen Steinbickers Arbeit vorwiegend an Soziologen und dabei vermutlich in der Hauptsache an SoziologiestudentInnen richtet, die das Buch zur Prüfungsvorbereitung lesen (vermutlich in der Bibliothek, denn für diesen Zweck ist die zweite Auflage schon etwas hochpreisig), braucht uns als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler keineswegs daran hindern, einen (Rück)Blick in die Pro- und Diagnostik der drei genannten Theoretiker zu werfen. Man erfährt durchaus Wichtiges über die Wurzeln der heutigen Haupttrends vor allem der digitalen und wissensbasierten Ökonomien. Und erst deren Kenntnis ermöglicht vermutlich ein adäquates Handeln in einer äußerst widersprüchlich und unklaren gegenwärtigen Gesellschaft jenseits von Informations-, Wissens- oder Wissenschafts-Präfixen.

(Berlin, 08.03.2013)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (20): Steile Thesen, mehr Diskussionen

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 2. März 2013

von Karsten Schuldt

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. (Friedrich Dürrenmatt)

Mit der frei<tag> 2013 wollen wir unter anderem die Zukunft der Bibliotheks- und Informationswissenschaft ausloten. Die Zukunft, das wissen wir alle, ist ein Konglomerat aus dem, was man entwirft, dem, was von anderen entworfen wird, den pfadabhängigen Entwicklungen und Machtkämpfen in Institutionen und Gesellschaft sowie unerwarteten Ereignissen. Oder anders: Sie ist nur zum Teil verständlich, nicht einfach planbar, aber auch nicht zufällig. Was auf jede Zukunft vorbereitet, ist ein Verständnis des Gegebenen und eine Ahnung davon, was man haben will. Ansonsten wird die Zukunft keine Zukunft sein, sondern etwas, dass über einen hereinbricht. Die Zukunft wird anders sein als das Heute, aber auch nicht unabhängig sein davon. Was wir heute entscheiden wird Einfluss haben; was wir heute verwerfen wollen kann in Zukunft verworfen sein.

In der Managementsprache kommt oft der Begriff der strategischen Planung vor. Das ist selbstverständlich verwirrend: Strategische Planung klingt danach, als würde alles so kommen, wie man es plant, wenn man nur den Überblick behält, einen klaren Plan macht und proaktiv an seiner Umsetzung arbeitet. Aber: Dabei kann man sich immer verrechnen, wichtige Einflüsse übersehen, über- oder unterschätzen, sich zu sehr auf den Zufall verlassen, den Einfluss des strategischen oder nicht-strategischen Handelns anderer falsch einschätzen. Napoleon zum Beispiel hatte falsch geplant, als er davon ausging, bei Waterloo die englischen Truppen geschlagen zu haben, wenn die preußischen eintreffen würden. Wir wissen: Das stimmte nicht. Aber: Dank seiner Planungen ist Napoleon überhaupt mit Truppen bis nach Waterloo gekommen. (Und immer noch ist das Rätsel offen, ob ein vereintes Europa unter Frankreichs Aufklärung wirklich ein schlechte Option gewesen wäre. Das ist bei anderen Europaeroberungsplänen anders.) Die strategische Planung ist auch nicht vollständig falsch kann uns das lehren.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. In den Alpen sich zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das  Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skyfahren erlernen können.

Oder es könnte auch sein, dass die Welt wirklich untergeht, der Sommer zum Winter wird, die Tage zu Nächten, die Nächte zu Zeiten des allgemeinen Chaos. Sich in den Alpen zu verkriechen könnte da eine Strategie sein, aber wer den gesamten Dürrenmatt gelesen hat, weiss, dass auch das keine wirklich gute Strategie ist. Wenn die Welt untergeht und selbst auf die Schweiz Atombomben fallen, werden Bücher zu Feuermaterial. Dennoch: Für einige Tage oder Wochen mag der Weg in die Berge, hinauf mit den letzten fahrenden Bahnen, hindurch den Schnee und Niederschlag von dem man nicht weiss: Ist er gut oder schlecht? Was verbirgt sich darunter? eine Hoffnung bieten. Eine trügerische. Aber, wieder Weltliteratur, das Decamerone zeigt ja auch, dass diese kurze Hoffnung genossen werden kann. If you have to go, why not with a Boom?
Andererseits wird man es vielleicht verdammen, dass man damals lieber Bücher las und über die Anwendbarkeit der Foucaultschen Diskursanalyse auf reine Datenmengen stritt, wenn man hätte das Skifahren erlernen können.

Hier nun ein Aufruf: Wir, als Wissenschaftscommunity aber auch als Bibliothekswesen, sollten die Zukunft nicht über uns hereinbrechen lassen; auch wenn wir wissen, dass eine Planung immer etwas schief geht. Das Planen anstossen tun sehr oft intensive und heftige Diskussionen. Heftige Diskussionen werden sehr oft von steilen Thesen und grossen Behauptungen angeregt, gegen die man sich offen zu verwehren oder denen man heftig zuzustimmen müssen glaubt. Deshalb: Steile Thesen für die Massen! Offen zur Diskussion gestellt.

  1. Auch in zwanzig Jahren werden die Bibliotheken sich gegenseitig erzählen, dass sie sich der Zukunft stellen müssen und dabei immer noch die ähnlichen Angebote machen, wie heute. Die Entwicklung wird nur langsam vorangehen, durch das mangelnde historische Bewusstsein des Bibliothekswesens wird es aber so aussehen, aber sei man „gerade jetzt erst“ dabei, sich zu verändern.
  2. In der Bibliothekswissenschaft wird sich in den nächsten zehn Jahren eine starke sozialwissenschaftliche Strömung etablieren, während die Informationswissenschaft sich weiter in Richtung Informatik orientieren wird. Das wird beklagt, aber nicht verändert werden.
  3. Die Ethnologie wird zu einer Leitwissenschaft der Bibliothekswissenschaft werden.
  4. Das Forschungsdatenmanagement und das, was heute als „Big Data“ diskutiert wird, wird nicht von den Bibliotheken, sondern von neuen Einrichtungen betrieben werden.
  5. Es wird insbesondere im Bezug auf Open Government Data ein gesellschaftliches Interesse daran geben, dass eine Einrichtung mit der gesamten Gesellschaft zusammen beginnt, darüber zu diskutieren, was man mit all den Daten eigentlich anfangen kann. Bibliotheken werden diese Chance, die behauptete Informationskompetenz zu beweisen, vorüberziehen lassen.
  6. In zehn Jahren wird dem Bibliothekswesen klar geworden sein, dass die Behauptungen (a) Informationskompetenz wäre gesellschaftlich wichtig, (b) Informationskompetenz wäre vor allem Recherchefähigkeit und (c) Bibliotheken würden Informationskompetenz fördern, ausserhalb der Bibliotheken kaum ernstgenommen wird. Das Bibliothekswesen wird sich dann zu fragen beginnen, ob These (a) und (b) überhaupt stimmen und sich in diesen Diskussionen verfangen, während die Gesellschaft diese Diskussion weiter ignoriert.
  7. Schulbibliotheken werden sich in den nächsten zehn Jahren in den deutschsprachigen Staaten endgültig als eigenständige Bibliotheksformen etablieren und eine Professionalisierung beginnen. Es wird eigenständige Schulbibliotheksverbände geben, die sich dagegen verwahren werden, das Schulbibliotheken als Sonderformen Öffentlicher Bibliotheken verstanden werden.
  8. Ein tief differenziertes System von Bibliotheksfilialen, die zentrale Dienste zentral organisieren, gleichzeitig den lokalen Anforderungen angepasst sind, wird in zehn Jahren als zukunftsträchtig gelten. Eingliedrige Bibliothekssysteme und grosse Zentralbibliotheken werden als hauptsächlich negativ beschrieben werden. Es wird der Vorwurf erhoben werden, dass die grosse Konzentration von Bibliotheken seit den 1990er Jahren dem Niedergang des Bibliothekswesens Vorschub geleistet hätte.
  9. In zehn Jahren werden wir wieder mehr französischsprachige Fachliteratur lesen und mit den Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, der Romandie, Quebec und zahlreichen französischsprachigen Staaten in intensiven Austausch treten. Das wird das deutschsprachige Bibliothekswesen offener und interessanter machen. In zwanzig Jahren wird ähnliches mit dem Spanischen passieren.

Zürich, März 2013

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