LIBREAS.Library Ideas

Ein Handbuch und sein Fach. Zu einer aktuellen Besprechung in der Zeitschrift BuB.

Posted in LIBREAS.Debatte, LIBREAS.Referate by libreas on 19. Juni 2014

Eine Anmerkung von Ben Kaden (@bkaden).

Das im vergangenen Herbst erschienene „Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ (herausgegeben von Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach und Michael Seadle) bereitet uns in der LIBREAS-Redaktion einen kleinen Kummer. Denn seitdem suchen wir jemanden, der den satten Band in Orange und Grün für LIBREAS bespricht. Warum es so schwierig ist, jemanden für diese Aufgabe zu gewinnen, ist ziemlich offensichtlich: Die größte Zahl derer, die es angemessen könnten, ist befangen oder beteiligt. So ist ein herausragender Nebeneffekt der Publikation, dass sie aufzeigt, wie klein die Community eigentlich ist. Und zugleich stehen natürlich auch Abhängigkeiten im Raum, denn in so einem übersichtlichen Gefüge von Akteuren möchte sich auch kein Nachwuchswissenschaftler mit einer eventuell sehr kritischen Besprechung ins Abseits schreiben.

Jan-Pieter Barbian, Kulturhistoriker und Direktor der Stadtbibliothek Duisburg, hat dieses Problem nicht. Weder im Fach der Bibliotheks- und Informationswissenschaft verankert noch mit der Notwendigkeit, eine Anschlussbeschäftigung zu finden, kann er den Band in der aktuellen Ausgabe der BuB (06/2014) ganz frei und offen rezensieren. Und wenigstens am Berliner Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft sorgt diese Rezension für das eine oder andere Flurgespräch, so dass es auch deshalb durchaus sinnvoll scheint, einen genaueren Blick darauf zu werden.

Seine Einschätzung nach einer, wie er betont, vollständigen Lektüre („was bei diesem Medium eigentlich weder intendiert noch zwingend erforderlich ist“) lautet in etwa: Wer darin sucht, findet schon etwas. Aber: „Wer viel Zeit für die Lektüre dieser seitenstarken Einführung in die große Welt der akademischen Theorien und Methodologien investiert hat, muss am Ende nach deren Wert für die wesentlich bescheidenere Praxis fragen.“ (S.488)

Die Einschätzung überrascht dahingehend ein wenig, steht doch im Handbuch gleich zum Beginn der Einleitung:

„Beim Stichwort Methoden denken Praktiker und Fachvertreter überwiegend an Methoden, die in der Praxis Probleme lösen oder bei der Aufgabenwahrnehmung zur Anwendung kommen […] Um solche Methoden geht es in diesem Handbuch nicht.“

Die Herausgeber betonen, im Gegensatz zur Lesart des Rezensenten in der BuB, gerade nicht die Anwendbarkeit der geschilderten Methoden in der Praxis. Dafür eine gesonderte Aufarbeitung anzubieten und den Wissenstransfer aus der Bibliothekswissenschaft in die Bibliothekspraxis zu fördern, wäre zweifellos eine noble Arbeit. Aber es ist keinesfalls die Aufgabe des Handbuchs, in dem die Herausgeber viel mehr herausstellen, dass die „Forschungsergebnisse mindestens teilweise letztlich auch wieder im Anwendungsfeld des Faches […] ausgewertet werden können.“ Hier wünschte man sich selbstverständlich eine klarere Formulierung wie: „Forschungsergebnisse des Faches wirken idealerweise auf die Ausgestaltung der Bibliotheks- und Informationspraxis zurück“ o.ä. Aber der Wunsch bleibt Wunsch und die Herausgeber werden schon wissen, warum sie drei an sich überflüssige Adverbien aneinanderreihen. Dennoch bleibt das Anliegen leicht fassbar.

Dagegen muss man vermuten, dass Jan-Pieter Barbian den besprochenen Titel aus irgendeinem Grund schlicht von der falschen Seite las. Denn das Handbuch ist erklärtermaßen der Versuch, einen Überblick über die Verfahren und Methodologiediskussionen zu geben, die für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft (Betonung auf „Wissenschaft“) relevant sind. Hier wie Barbian die Despektierlichkeit beizulegen: „[…] letztlich bleibt dies alles [die Methoden] etwas für akademische Fetischisten“, zeugt zunächst von einer völlig verkehrten Erwartung. Das ist ein wenig, als würde ein Bergsteiger sich beklagen, dass ihm ein glaziologisches Standardwerke am Steilhang so wenig hilft.

Darüber hinaus eröffnet die in der Formulierung „akademische Fetischisten“ eingeschnürte Herablassung zusätzlich die Interpretationsoption, dass dem Rezensenten daran liegt, der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin eins mitzugeben, was sich dadurch verstärkt, dass er direkt im Anschluss lobend auf die in diesem Zusammenhang eher mit nachgeordneter Relevanz auftretende Buchwissenschaft verweist.

Man mag bedauern, dass buchwissenschaftliche Aspekte aus der Forschungsagenda der gegenwärtigen Bibliothekswissenschaft, jedenfalls hier in Berlin, fast völlig verschwunden sind. Aber dann kann man es auch so formulieren. Oder eben anerkennen, dass im 21. Jahrhundert Buch- und Bibliothekswissenschaft oft getrennte Wege gehen, wie auch in vielen Bereichen Buch und Bibliothek. Man mag auch diese Entwicklung als Verlust empfinden. Außerdem bleibt es eine Debatte, die zu weit über den besprochenen Band hinausführt, als dass sie nebensätzlich auftauchen muss.

Dass Barbian den leider weitgehend deskriptiven und nicht wirklich methodologisch ausgeführten Beitrag von Elmar Mittler zur Historischen Buchforschung (darin als Tiefpunkt eine Abarbeitung der Gender Studies in ihrem Bezug zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft in vier Zeilen, drei Wörtern, vgl. S. 498) als besonders aufschlussreich heraushebt, ist tatsächlich besonders aufschlussreich – und zwar hinsichtlich des Blickwinkels, aus dem hier bewertet wird.

Die eigentlichen Probleme des Handbuchs blendet Barbian dagegen aus. Denn man darf durchaus sogar unabhängig vom eigentlichen Inhalt fragen, ob ein Handbuch, dem zudem zugeben wirklich etwas mehr innere Ordnung und Kontur nicht schlecht stehen würde, in dieser Form und zu diesem Preis für die Hauptzielgruppe, nämlich Studierende und Doktoranden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft, überhaupt noch zeitgemäß ist. E-Book und Druckausgabe kosten jeweils 99,95 Euro und im Paket 149,95 Euro. Welcher Dozent möchte seinen Studierenden ernsthaft zuraten, sich dieses Buch für den Schreibtisch zu kaufen, zumal zu den meisten der beschriebenen Methoden recht gute Einführungen zu weitaus günstigeren Preisen oder sogar frei im Web verfügbar sind?

Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft

Die Wikipedia informiert: “A reference work is a book or serial to which one can refer for confirmed facts.” Damit hätte man bereits einen Ansatzhebel für die Einschätzung a) ob deGruyter den Titel in die richtige Reihe geschoben hat und b) ob das Handbuch bei dieser Zuordnung hält, was die Gattung verspricht.  Weitere Aspekte  dafür wären: “The information is intended to be found quickly when needed.”, “Reference works are usually referred to for particular pieces, rather than read from beginning to the end.” und “The writing style used in these works is informative; the authors avoid use of the first person and emphasize facts.” Wäre die Welt wikipedianisch, wäre eine Kritik auch anders und vielleicht einfacher möglich gewesen – dies sogar aus der bibliothekspraktischen Sicht, nämlich in Beantwortung der Frage ob sich die Anschaffung des Titels aus dieser Hinsicht lohnt. Die Nachfrage, auch das zählt ja, ist übrigens offenbar gegeben. Von den 10 Exemplaren im Berliner Grimm-Zentrum sind derzeit 8 entliehen und ein neuntes ist Teil des Präsenzbestandes.

Wer ein konkretes wissenschaftliches Projekt durchführen möchte, findet in der überwiegenden Zahl der Beiträge naturgemäß mehr einen Impuls als eine erschöpfende Abhandlung, wird also ohnehin nach weiterführenden Darstellungen suchen. Das eigentliche Desiderat, eine integrative und auch kritische Auseinandersetzung mit der Grundfrage, was eine typische bibliotheks- und informationswissenschaftliche Methodologie kennzeichnet, wird von dem vorliegenden Band dagegen nicht adressiert.

Man kann also Oliver Schoenbeck nicht wirklich widersprechen, wenn er in seiner Besprechung des Bandes für die Informationsmittel (IFB) notiert:

„Gerade angesichts der inhaltlich so verschiedenen Methoden hätte dem Band wohl auch eine stärkere Strukturierung gut getan.“

Aber auch bei ihm klingt ein Anspruch an, dass der Band unbedingt auch für die konkrete Praxis genutzt werden sollte:

„Hier hätte man sich ein weniger akademisches Methodenverständnis gewünscht.“

Dahinter steht möglicherweise in beiden Fällen das klassische Problem, dass die Bibliotheks- und Informationswissenschaft nach wie vor in der Bibliothekspraxis nicht als freie und unabhängige Wissenschaftsdisziplin anerkannt wird, sondern nur als eine Art Zulieferinstanz oder „Formen des Luxus“ (Barbian) Akzeptanz findet. Das darf die Praxis natürlich. Aber aus wissenschaftstheoretischer Sicht ist diese immer wieder aufglimmende Legitimationsforderung nicht haltbar. Eine Wissenschaftsgemeinschaft muss sich schon nach Art. 5 Abs. 3 GG nicht vor dem von ihr betrachteten Praxisfeld rechtfertigen. Kein Schriftsteller würde von der Literaturwissenschaft verlangen, dass ihre Erkenntnisse für seine Arbeit nützlich sind.

Zweifellos ist die ideale Welt eine, in der sich Bibliothekspraxis und Bibliothekswissenschaft permanent gegenseitig befruchten, denn die besondere Konstellation von Gegenstand und wissenschaftlichem Analyseapparat ermöglicht dies im Fall von Bibliothek und Bibliothekswissenschaft in spezifischer Weise. Genauso aber ist es der (universitären) Bibliothekswissenschaft als Wissenschaftsdisziplin gestattet, sich auch völlig unabhängig von den Mühen der Ebenen der Bibliothekspraxis bewegen. Sie ist kein Dienstleister für ein Bündel von Institutionen und eigentlich auch keine Ausbildungseinrichtung für Bibliothekare.

Die besondere Situation in Deutschland, in der auch das Berliner Institut seit langer Zeit feststeckt, macht dies in der Praxis weniger trennbar. De facto finden viele der Absolventen den Weg in die Bibliothekspraxis, was erfahrungsgemäß für alle Beteiligten nur gut ist. Es wäre gerade deshalb wünschenswert, wenn die Diskussion auf gegenseitigem Respekt und der Anerkennung der Eigenständigkeit der akademischen Disziplin Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die sich Binnendiskurse zu ihrer Methodologie genauso leisten darf wie suboptimale Methodenhandbücher, beruhte und nicht auf dem Anlegen falscher Maßstäbe.

Dass das Handbuch ein schwieriger Fall ist, dass es mittlerweile gegenwärtige Formen gäbe, zum Beispiel eine dynamische Variante, in der man stillschweigend den Ratschlag aus dem Kapitel zur Usability-Forschung „Beschriften der Videokassette, ggf. neue einlegen“ (S.255) in „Eindeutige Benennung der Datei und Speicher-Backup“ verändern könnte, wissen Herausgeber und Autoren vermutlich selbst sehr gut.

Der Hauptkritikpunkt, neben dem Publikationsmodell an sich, bleibt sicher der, den Oliver Schoenbeck herausstellt:

„[…] Eine deutlichere Herleitung der einzelnen Beiträge aus dem inhaltlichen Anspruch und den Fragestellungen der Disziplin ist nicht immer gegeben. Man scheint den einzelnen Autoren überlassen zu haben, diese Herleitung – eine Chance, die mal wahrgenommen und mal vertan wurde.“

also der fehlende Überbau, der die Methodenbeschreibungen überhaupt zu einer Methodologie systematisiert. Um das Beste aus der Sache zu machen, wäre denkbar, dass die Herausgeber und die Autoren die Beiträge vielleicht realisiert in einem Projektseminar am IBI in ein Wiki einpflegen und so als aktualisierbare, dialogisch gerichtete und dynamische Basis für jede Methodenfrage einer aktiven und reifen Bibliotheks- und Informationswissenschaftscommunity etablieren. Als 100-Euro-Handbuch ganz alter Schule scheint die Arbeit bei aller Mühe tatsächlich vor allem aus der Zeit gefallen.

(Berlin, 19.06.2014)

 

. Jan-Pieter Barbian (2014) Begrenzter Mehrwert. Ein Handbuch für Theoretiker, die Erkenntnisse über die Praxis gewinnen wollen. In: BuB, 66 (2014), 06, S. 487f.

. Oliver Schoenbeck (2014) Schoenbeck, Oliver Rezension zu: Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse / hrsg. von Konrad Umlauf … Red.: Petra Hauke. – Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur, 2013. – 560 S. : graph. Darst. ; 25 cm. – (Reference). – ISBN 978-3-11-025553-9. Informationsmittel IFB. ISSN 1619-3954. Verfügbar über: http://oops.uni-oldenburg.de/1755/

. Konrad Umlauf, Simone Fühles-Ubach, Michael Seadle (Hrsg.) (2014) : Handbuch Methoden der Bibliotheks- und Informationswissenschaft: Bibliotheks-, Benutzerforschung, Informationsanalyse. Berlin [u.a.] : De Gruyter Saur. Informationsseite zum Titel beim Verlag

Kunst, Bibliothek und Medienwandel. Eine Sichtung aktueller Publikationen.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 19. Mai 2013

von Ben Kaden

I

Heike Gfrereis, Ellen Strittmatter (Hrsg.) Zettelkästen : Maschinen der Phantasie. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft, 2013.

Es ist nicht unbedingt neu, dass sich Künstler_innen aus diversen Perspektiven dem Phänomen Bibliothek nähern. Aber aus der Sicht derer, für die die Bibliothek nicht nur Ort oder Gegenstand müßiger Lohnarbeit ist, sondern die aus welchem aberwitzigen Grund auch immer eine Kammer ihres Herzens für dieses Kulturobjekt freigeräumt haben, ist dieser zumeist dekonstruierende Blick in der Regel hochinteressant.

Diese Menschen fahren ihrer Leidenschaft gemäß extra nach Marbach, um sich die exzellente Zettelkastenschau anzusehen, die vielleicht weniger das Label Kunst offen trägt, aber genau die Funktion erfüllt, die gute Kunst eben auch erreicht: durch Zusammenführen, Verschieben und Darstellen (oder Weglassen) von Material oder (wenn es Literatur ist) Sprache, Zwischenräume zu öffnen, die sonst verschlossen blieben, durch die sinnliche Aufladung einen Eindruck, ein Gefühl hervorzurufen, hinter das man nie wieder zurückgelangt und das nach und nach zu einem differenzierterem und reicherem Weltbild zu gelangen hilft.

Nun sind die in der Ausstellung Zettelkästen. Maschinen der Fantasie gezeigten, geöffneten und  eben tatsächlich dekonstruktiv eröffneten Objekte, die Kästen Hans Blumenbergs, Friedrich Kittlers, Peter Rühmkorfs, Arno Schmidts, Walter Benjamins, selbstverständlich Niklas Luhmanns sowie einiger weiterer Vertreter der deutschen Geisteselite die Ausstellung, etwas entfernt vom klassischen bibliothekarischen Zettelkatalog. Das verbindende Element ist einzig die Formähnlichkeit.

Jedoch weisen die Exponate einen viel zeitgenössischeren Bezug zur Bibliothek auf. Denn sie nehmen in aller Konsequenz und Verästelung die Idee der semantischen Netze, auf die Digitale Bibliotheken hinarbeiten, und den Gedanken des Hypertextes, aus dem Digitale Bibliotheken geformt werden, mit mechanischen Mittel voraus. W.G. Sebalds Gesichter-Index ist eine Prä-Tumblr-Sammlung von Fundfotos. Walter Kempowskis “Weltkrieg II”-Kartei ist ein nahezu idealtypischer Material-Mash-Up.  Von Hermann Hesses Postkarten-Kartei ist es nicht weit zu einer FOAF-Struktur. Siegfried Kracauers Sammlung zu Jaques Offenbach und dem Paris seiner Zeit nimmt schließlich fast ein wenig das Geospacing vorweg.

Was aber deutlich wird, ist, wie diese schöpferischen Zettelkästen immer gerichtet zumindest begonnen werden – je nach Disziplinen erweitern sie sich bisweilen zum reinen Selbstzweck – immer das Ziel verfolgen, eine enorme Informationsmenge zu strukturieren und beherrschbar zu machen. Die Flexibilität des Mediums Zettelkasten ist auch heute noch beeindruckend oder vielleicht umso mehr, da man sieht, wie so vieles, was heute als Innovation offeriert wird, schon an anderer Stelle mit unglaublicher Konsequenz durchgespielt wurde. Zugleich wird sichtbar, wie Komplexität und Eigensinn des Mediums die Ordnungsversuche immer wieder durchbrechen, wie die Zettelkästen dazu neigen, die, die sie pflegten, zu binden und zu beherrschen. Mehr noch als die Bandbreite der Möglichkeiten des Einsatzes von Zettelleien ist diese Macht des Mediums und seiner Struktur über die Inhalte und die sie nutzenden Menschen das Eindrucksvolle, das man aus der Marbacher Schau als Erinnerung mitnimmt.

Wer sich mit semantischen Netzen über einen schematischen Durchprogrammierwunsch beschäftigt, erhält aus diesem Blickwinkel außerdem einen ganzen Stapel Karteikarten als Inspiration zum Überdenken der eigenen Selbstverständlichkeiten. Aus dieser Perspektive gelingt der Ausstellung das, was man von Kunst idealerweise erwarten kann.

Wer es verpasst, verpasst zwar etwas, aber es ist ja nichts verloren. Denn Friedrich Kittler, der sich von den angesprochenen Zettelkästlern vermutlich am klarsten und bewusstesten mit der Medialität und der Transformation von Medialität befasste, antwortete in einem Interview in seinem Todesjahr 2011 mit der WELT am Sonntag auf die Frage „Erwartet uns eine Edition der gesammelten Festplatten?“

„Ich habe versucht, zumindest die Dateien aufzuheben. Aber die meisten alten CDs sind jetzt kaputt. Meine Zettelkästen dagegen stehen noch hier im Nebenzimmer. Mit Schreibmaschine verfasst, ganz ordentlich geführt.“ (zitiert nach dem besprochenen Band ,S.50)

Wenn also die Dateien alle zu unbezahlbaren Problemfällen der digitalen Langzeitarchivierung geworden sind, wird Friedrich Kittlers Mondfarbensammlung noch problemlos in einem kühlen Archivkeller konsultierbar sein. Der Katalog zur Ausstellung ist dagegen leider, und das ist wirklich der einzige Knackpunkt, so unglücklich klebegebunden, dass er sich nach einer intensiven Lektüre leider buchstäblich selbst verzettelt. Hier hätte man buchgestalterisch wenigsten den Bogen zu einem Karteikartennormformat schlagen können, damit es dem Leser möglich wird, die Seiten dem Prinzip der Maschinen der Fantasie folgend in einem eigenen Kasten neu zu ordnen.

Besprochene Bücher / Mai 2013

Von links nach rechts: Die erste Ausgabe des Bulletins of the Serving Library (sh. IV), der Marbacher Ausstellungskatalog (I) und Sara MacKillops Ex-library Book (III). Die New York Times (II) bekommt man selbst in Berlin gedruckt nur noch als Print-on-Demand.

II

Susan Hodara: An Old Technology, Transformed. ‘Artists in the Archives,’ at Greenburgh Public Library in Elmsford. In: New York Times / nytimes.com. 18.05.2013, Volltext

Wäre der Aufwand nicht so hoch, böte sich als Ergänzung die Reise in die im Vergleich zu Marbach am Neckar noch unscheinbarere Stadt Elmsford, New York an. Denn in der dortigen öffentlichen Bibliothek zeigt man bis zum September eine Ausstellung Artists in the Archives: A Collection of Card Catalogs, die sich weniger aus Gründen des persönlichen Kreativmanagements und mehr zum Zweck der Kreativität selbst mit Katalogkästen und –karten auseinandersetzt. Da Berlin aber doch selbst für das Pfingstwochenende zu weit vom Staate New York entfernt liegt, kann an dieser Stelle nur auf den gestern in der New York Times erschienenen Artikel verwiesen werden. Als Symptom für die Praxis der künstlerischen Annäherung an Medialität und Eigenschaften der Bibliothek eignet er sich allemal, auch wenn er nur wenig zeigt von Carla Rae Johnsons Alternet-Installation, der Arbeit einer Künstlerin, die bereits vor zwei Jahrzehnten recht kurios die Beziehung von Bibliothek und Beton auslotete.

Immerhin zwei Trends für die Kunst mit Bibliotheksbezug werden auch so deutlich: Re-Use, also die in diesem Fall rekontextualisierende Nachnutzung von an sich obsoleten Materialien und zweitens, wie im Fall des von der Fotografin JoAnne Wilcox angestoßenen Call to Everyoneeine partizipations-orientierte Kunstpraxis, wie sie auch bei der im vergangenen Jahr abgehaltenen Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst im Zentrum stand und dort so halb erfolgreich war. (Ich jedenfalls habe mit großer Freude zwei Bögen von Khaled Jarrars Briefmarken-Arbeit in die Welt verteilt. vgl. auch hier)

Von der Web-Anmutung her wirken die Arbeiten ästhetisch freilich sehr anders als die Auguststraßen-Galerie-Kultur. Andererseits ist es auch gar nicht schlecht, einmal nicht in dieser überpolierten Präsentationsästhetik zu schwimmen und die heute etwas eigenartig wirkenden Navigationsbuttons auf Barbara Pages Book Marks- und Buchkunstprojektpräsentation sollten nicht unbedingt von der Arbeit selbst ablenken.

III

Sara MacKillop: Ex-Library Book. Kopenhagen: Pork Salad Press, 2012, Informationsseite beim Verlag

Mehr von Berlin geprägt ist die Arbeit der britischen Künstlerin Sara MacKillop, allerdings eher kreuzbergisch und zwar deshalb weil ihr Ex-library Book in einer Anzeigenkunstaktion an der Normaluhr unweit der Amerika-Gedenkbibliothek (etwa dort, wo die Glitschiner Straße zum Halleschen Ufer wird) in den öffentlichen Raum leuchten durfte. Das Projekt Ex-library Book  beschäftigt sich mit dem Hauptproblem materialorientierter Bibliotheken, nämlich der Aussonderung, die, so der Beschreibungstext zum Clock-Tower-Projekt eine ganze kleine Industrie am Leben hält:

„Manilla book tickets (green or buff), cross ruled catalogue cards (punched), accession sheets (pack of 500), Sinclair display units (1200mm), and self­inking mini date stamps… an industry exists to support analogue archival processes with products that are new but lack newness, already tinged with obsolescence.”

Vielleicht wäre die Idee der Meta-Materialien um das ausgesonderte Buch herum noch origineller fokussierbar. Aber Sara MacKillop entschied sich anders und versammelt in ihrer Publikation zum Thema eine sehr gemischte Abbildung von Spuren, Illustrationen, Flecken und Stempeln, die zweifellos irgendwie mit ausgesonderten Titeln in Verbindung stehen. (LIBREAS selbst hatte einmal eine ähnliche Reihe, allerdings e-only: Ben Kaden: Aussonderungsvermerke. 16 fotografische Variationen über ein Thema. In: LIBREAS 10/11, 2007)  Auch der Zettelkatalogkasten findet in dieser Pin-Wand-artigen Kollektion seine Würdigung.

Die Publikation selbst ist leicht bibliothekssubversiv angehaucht. Jedenfalls deutet die Projekterläuterung auf eine solche Überdrehung:

„An affirmation of a negation: an advertisement for something which is described by what it is no longer; a deadpan statement not of intent but of conflicting ideologies. Exactly what it says it is and not some awful pun; the Ex­library Book is difficult to place.”

Diese an sich sehr originelle Volte wirkt leider in der Publikation nicht so ganz markerschütternd umgesetzt – schlicht weil sich die kleine Arbeit kaum in Bibliotheksbestände verirren wird. Die Kongelige Bibliotek in Kopenhagen immerhin fand für den Titel jedenfalls anstandslos und unkompliziert die passende Sachgruppe: konceptkunst. So läuft die Unterwanderung ins Leere und das Büchlein doch passend in die Ordnung des Lesesaals. Auch die auf die Rückseite des Buches aufgedruckte These wäre differenziert diskutierbar:

„An Ex-library book is the least desirable book in book collecting terms. The term is used for books that once belonged to a library. Ex-library books are generally unattractive, as they have usually been stamped, taped, glued or had a card pocket glued to them. The books have often been damaged by the patrons of the library themselves.”

Das mag pauschal zutreffen. Wo allerdings Läden wie The Monkey’s Paw (mehr dazu auch hier) nach dem Absonderlichen suchen, sind Bibliotheksbestände eine fantastische Quelle. Gerade traditionsreiche Universitätsbibliotheken sondern erfahrungsgemäß mitunter exakt die Titel aus, die in dieses Beuteschema fallen, die so abseitig sind, dass sie zu ihrer Erscheinungszeit kaum je einen privaten Käufer fanden (oder die kaum bewahrt wurden) und die auch in der Bibliothek wenig genutzt und häufig sehr mediengerecht gelagert wurden. Der klassische Buchsammler auf der Jagd nach tadellosen Erstausgaben ist dafür nicht die Zielgruppe. Aber während diese Gruppe ihren Zenit wie fast alle Sammelkulturen zu überschritten haben scheint, wächst die andere, also die derer, die Ungewöhnliche eventuell sogar aus eigenartigen und längst geschlossenen Bibliotheken suchen. Auf die freilich groß genug wird, dass es sich für den Antiquariatsbuchhandel lohnt, sie gezielt ansprechen, vermag auch ich nicht aus meiner Alltagsempirie zu beantworten.

IV

Bruce Sterling: The Life and Death of Media. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 2-16
Rob Giampietro, David Reinfurt: Information on Libraries. In: In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 17-24
Angie Keefer: An Octopus in Plain View. In: Bulletins of the Serving Library. #1, 2011. S. 40-76

Eventuell entspricht die Größe dieser Gebrauchtbuchkundengruppe ja dem Leserkreis des Bulletins of The Serving Library, dessen erste Ausgabe zwar bereits 2011 erschien, es aber erst jetzt auf meinen Schreibtisch schaffte. Es ist eine äußerst merkwürdige Publikation, die freilich für alle, die sich dafür interessieren, wie Jaron Lanier („better know as the father of virtual reality“) über die Biologie bzw. Kraken Claude Shannons Informationstheorie in ihre Schranken weist und für Rechnerarchitektur etwas weitaus komplexeres im Sinn hat:

„Lanier […] thinks Shannon’s “information” should be renamed “potential information.” Against the protocol-based programming of contemporary computing, he offers the model of PHENOTROPIC computing. The goal of phenotropic computing  is to render systems in which every instance of information in a system relates to its context and which can effectively make inferences about other systems based on how they behave in a shared context. Communication transmissions in a phenotropic system MUST have a causal relationship to their environment. Instead of thinking of information as single bit traveling from A to B, Lanier conceives of an ever-changing SURFACE from which multiple points are sampled simultaneously and continuously.” (Keefer, S.74 f.)

Dieses systemische Verständnis ist für Bibliotheks- und Informationswissenschaft nicht ganz neu aber eher auch nicht ganz etabliert. Und während man in den Mühen der Ontologie-Einebnungen rund um irgendwelche semantische Netze die Probleme der traditionellen Sacherschließung und Thesaurus-Kunde potenziert, dürfte die Big-Data-Avantgarde mit der Erschließung konkreter Kommunikationshandlungen in Sozialen Netzwerken längst auf der Schussbahn eines pragmatischen Netzes unterwegs sein, die möglicherweise die Semantic-Web-Entwicklungen bereits in die Ecke der Obsoleszenz schiebt, bevor diese in wirklich ausgereiften Anwendungen massentauglich werden.

Darüber hinaus gibt einen schönen Aufsatz des Science Fiction-Autors Bruce Sterling, der von Jacqueline Goddards Erinnerungsthese, die Erfindung des Telefons hätte die Kultur von Montparnasse zerstört über Medientransformationen nachdenkt und – nicht unberechtigt und wunderbar staunend  schlussfolgernd – fragt:

„What’s our hurry anyway? When you look at it from another angle, there’s an unexpected delicious thrill in the thought that individual human beings can now survive whole generations of media. It’s like outliving the Soviet Union once every week! That was never possible before, but for us, that is media reality.” (Sterling, S. 15)

Und er fährt mit einer Verortung fort, die man sich durchaus für die Gelegenheiten merken kann, an denen man einen originellen Vergleich benötigt:

„It puts machines into a category where machines probably properly belong – colorful, buzzing, cuddly things with the lifespan of hamsters. This PowerBook has the lifespan of a hamster. Exactly how attached can I become to this machine? Just how much of an emotional investment can one make in my beloved $3,000 hamster?” (ebd.)

Wir alle kennen natürlich die – Hamster! – Bilder von MediaMarkt- und Apple-Store-Eröffnungen und die Psychologie ist sicher befähigt, schlichte und handliche Beschreibungen dieser Ereignisse formulieren. Kulturtheoretisch ist das diese gesellschaftliche Umpriorisierung von den medialen Inhalten hin zu den Anzeige- und Übertragungsmedien eine aufregende Angelegenheit, wobei kulturtheoretisch mittelbar ebenfalls bibliothekskulturtheoretisch heißen muss.

Rob Giampietro und David Reinfurt erörtern schließlich in einem FROM 0 to 1 überschriebenen Gespräch den Eigensinn der Information und die Frage, was diese wirklich will – und zwar im Anschluss an Steward Brands totzitierte Aussage „Information wants to be free.“ Bücher mögen hier wahlweise als Gefäße oder Gefängnisse angesehen werden. In jedem Fall binden sie als Informationsträger die Informationen in bestimmten medialen Beziehungsraum, der sich grundsätzlich von dem digitaler Medien unterscheidet:

„[…] [B]ooks want to remain as book-like as possible, while other information carriers – webpages, for example – try to take their place. We dislike calling Amazon’s Kindle a “book”. It’s really something that’s emulative of a book. You “turn” a digital “page” by pressing a button, which wipes the screen of pixels and replaces those pixels with new ones. Design is the set of decisions that add one metaphor on top of another to make the Kindle feel book-like. It’s an exercise in analogy. But Books don’t want the Kindle. Books, as a medium, want more books. Information, however, just wants to be transmitted, through whatever host allows it to spread as widely as possible.” (Giampietro, Reinfurt, S. 23)

Man kann die Digitalisierung also auch sehr evolutionär interpretieren und die Vorstellung, die Information strebe aus einem innneren Strukturzwang automatisch nach dem für sie weitreichensten und einfachsten Verbreitungsweg, ist nicht ohne Reiz, fordert aber zugleich eine Abgrenzung ein – nämlich die zwischen Information im Bit-Sinn und der Kultur, inklusive dem Wissen, der Informationsnutzung und der Mediengestaltung. Wahrscheinlich zwingt uns der Eigensinn von Information tatsächlich dazu, Medien in einer bestimmten Weise zu gestalten. Unsere eigenen Intentionen, Anspruch und auch sinnliche Dispositionen spielen jedoch mindestens eine gleichwirksame Rolle. Für die Information an sich mag das Buch (oder auch der Zettelkasten) eine längst überholte Bremse sein. Für den Menschen selbst könnte aber gerade diese die Information und ihren Fluss durch Materialität restringierende Form eine besondere, nicht emulierbare Bedeutung besitzen. Vielleicht auch nicht, aber nachdenken sollte man darüber schon.

Auf S.91 des Hefts wird eine bekanntere Übersicht von Régis Debray zitiert, die das Dreistadienmodell Logosphäre (Schreiben) – Graphosphäre (Drucken) – Videosphäre (Audio-Visualisieren) mit bestimmten Symbolrahmen und sozialen Bezugsgrößen in Beziehung stellt. Anhand dieser lässt sich sehr gut die mediale Verschiebung auf die ethische Grundfrage „Wie wollen wir leben?“ rückbinden. Beispielhaft sei hier nur die Entwicklungen des Bezugs für die Legitimation angegeben: Logosphäre: Das Gottgegebene (denn es ist heilig), die Graphosphäre: Das Ideale (denn es ist wahr), die Videosphäre: Das Effektive (denn es funktioniert).

Wenn wir also über die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem und Medienwandel nachdenken wollen, was aus meiner Sicht der Kern der Bibliotheks- und Informationswissenschaft als Wissenschaft sein sollte, dann wird hier deutlich, dass es sich bei weitem nicht einzig um Fragen von Oberflächendesign und Übertragungstechnik handeln kann.

Und wenn uns als Aktive dieses Faches sowohl die Dekonstruktionen und die Metadiskurse aus der Kunst entsprechend sensibilisieren und gleichzeitig dadurch hinterfragen, dass sie die Thesen verhandeln, die eigentlich bzw. zugleich unser Stoff wären, dann ist das nicht nur eine Anregung. Sondern parallel – und viel entscheidender – die implizite Frage, ob die Strukturen unserer Wissenschaft, die diese großen, übergeordneten und entscheidenden Fragen nur äußerst selten befriedigend zu greifen bekommt, möglicherweise häufiger mehr eine Praxis der Selbsterhaltung als eine des progressiven Denkens pflegt.

Wenn Régis Debray mit seinem Schema Recht hat und wir ohnehin von der Kultur des Arguments hin zu einer Kultur der Verführung (auch als Form der Gesellschaftssteuerung) gleiten, dann stellte sich tatsächlich die Frage, ob für das Betrachtungsfeld unserer Disziplin nicht mehr mit gezielter Kunst- als mit Wissenschaftsförderung gewonnen wäre?

Die Frage ist selbstverständlich so überspitzt, dass sie sofort bricht, wenngleich die allgemeine Anerkennung und Würdigung von Kunst als Erkenntnispraxis ein fantastischer kultureller Schritt wäre und ich im Gegenzug eine Übernahme bestimmter intellektueller Aspekte der Kunstpraxis in die Wissenschaft genauso gut heißen würde. Dennoch sind die Annährungspfade der Auseinandersetzung aus gutem Grund unterschiedlich. Wir sollten gerade deshalb überlegen, wie man dies in einer übergeordneten Zusammenführung des an sich Getrennten fruchtbar und wirksam machen könnte.

(Berlin, 19.05.2013, @bkaden )

Von wegen Pferdefleischeslust. Über Chrissie Bentleys “The Nympho Librarian and Other Stories”.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 26. April 2013

Eine Rezension zu Chrissie Bentley (2011) The Nympho Librarian and Other Stories. [ohne Ortsangabe]: CreateSpace. ISBN: 9781468106084

von Ben Kaden

“Get rid of the glasses, if I wanted to see a librarian I would be at library.” – ronsanchez am 26.01.2004 in einem Forum auf kinkondemand.com

„Wir ahnen ja, daß dort [in den Bibliotheken] auch das Amouröse, ja das Erotische seinen Platz haben muß und finden die Bestätigung bei [Philip] Larkin, der die Emporen für Verabredungen romantischer Art als besonders geeignet ansah und sich zu mehr als einer Mitarbeiterin hingezogen fühlte – über eine Kollegin, vertraute er einem Freund an, hätte er herfallen mögen wie ein Löwe über den täglichen Batzen Pferdefleisch…“ (Jan Wagner, 2013)

Es ist ein selten saftiges Bild, das der Schriftsteller Jan Wagner in seiner „Rede zum neuen Jahr“, die mindestens so sehr eine Hymne auf die Bibliothek wie Philip Larkins Library Ode ist, zum Delektieren bereitstellt. Tatsächlich verlor der außergewöhnliche Bibliothekar und Dichter Larkin mehr als sein Herz in der Stadtbibliothek.

Aber zunächst eben dieses und zwar als nicht wenig einsamer, sexuell so unerfahrener wie verwirrter 21-Jähriger Bibliothekar in Wellington, Shropshire an die schmale, bebrillte in der wirren Vielfalt adoleszierender Blüte gefangenen 16-jährigen Schülerin Ruth Bowman. In sein Tagebuch schrieb er zu dieser Zeit „Re sexual intercourse: always disappointing and often repulsive, like asking someone else to blow your own nose for you”. (vgl. Morton, 1993) Zu seiner Verteidigung ist zu ergänzen, dass er erst wenig verkehrsteilnehmende Erfahrungen und schlicht eine Heidenangst vor Sexualität an sich gehabt haben soll. So gehandicapt reduziert man als junger Mann das intime Verschmelzen denn auch gern auf eine Variation des Schnäuzens. Unbestritten war für Larkin das Thema Sexus (inklusive seiner Darstellbarkeit) zeitlebens mindestens so wichtig wie die Bibliothek.

Ob er damit typisch für Bibliothekare steht, ist mutmaßlich noch empirisch unbeforschtes Terrain. Doch bekanntermaßen lässt das Klischee entsprechende Kurzschlussfolgerungen zu. Den kreuzbraven brillenbeschlagen Strickjackenwesen – man denke nur an Donna Reed als Bibliotheksmamsell in Frank Capras Ist das Leben nicht schön? (Capras Antwort: Nur wenn man einen Mann wie George Bailey findet, der einen vor dem Bibliotheksdienst rettet.) – traut man entweder keine Sexualität zu. Oder eine sehr eigentümliche.

Für die zweite Variante gibt es einen Fantasieraum in der Pornographie. Reziprok findet sich dagegen selten ein Platz für die Pornographie im Realraum der Bibliothek. (Es sei denn im Schreibtischfach des Bibliothekars Philip Larkin.)
Abgesehen von der Pionierarbeit der progressiven BDSM- und Fetisch-Fans aus dem Armory in San Francisco, die zum Beispiel Bobbi Starr einmal als Bibliothekarin für ein griffiges Filmchen der Reihe Whipped Ass inszenierten, die Dominatrice Madison Young einen säumigen Nutzer namens Kade (sic!) demütigen ließ und auf deren Seite Darstellerinnen mit

„Maggie has the cute next girl look, with booming tits and ass. To see her on the street you would think her a Doctor or Librarian, no one would expect that a lifestyle submissive hides under those glasses.”

vorgestellt werden, erweist sich das weite Feld der Bildpornographie hinsichtlich Referenzen auf Bibliothek und Bibliothekskultur als weitgehend unbefriedigend.

Seiten wie Naughty Bookworms bleiben im Schulbildungsbereich stecken, die am Schauplatz College orientierten Dare-Dorm-Angebote in den Internatszimmern. Entsprechende Filmproduktionen wie Naughty Blonde MILF Librarians (2009) oder Fuck the Librarians (2012) benutzen mehr noch als der Klassiker Midnight Librarians (2001) Bücher, Regal und Brille ausschließlich und dem Genre gemäß lieblos als Staffage für den üblichen schematischen Aktionismus. Wobei beim letztgenannten Film immerhin die Beschreibung ganz neckisch daher kommt:

„Ever wonder what librarians do after hours when they remove their glasses, lose the orthopedic shoes and let their hair hang down? Do you think librarians have sex?“

Die erfrischendste Produktion in diesem Bereich ist bisher Joanna Angels Librarians (2011), die nicht nur neben der Altmeisterin Kimberly Kane mit Asphyxia Noir, Skin Diamond, Kleio und Draven eine Reihe der neuen, professionell-auf- und abgeklärt auftretenden Darstellerinnenzunft (nicht ohne Hipster-Nimbus) als Bibliothekarinnen zum Einsatz bringt, sondern auch einen knuffigen Plot besitzt:

„It was your average day at the Clitty City Public Library. Joanna Angel was running the place as usual, and Asphyxia, Draven and Kleio were stocking the shelves and rolling the carts. But everything changed when James Deen came in…and tried to take out a book! He had more than two-hundred overdue library books! A complete disgrace to the community. He still wanted that book, though…in fact, he wanted to rob the library clean! But the girls had pledged their souls to the Dewey Decimal System and refused to give in…if he wanted those books, he was gonna have to […]”

und so weiter und so fort.

Doch auch hier stößt Originalität wieder dort an ihre Grenzen, wo man sie üblicherweise entdeckt: bei der expliziten Darstellung der Sexualität, die keinerlei Knistern entfaltet, sondern sich in Standardeinstellungen erschöpft. Das Dilemma von Pornographie dieser Art liegt in der Absenz jeglicher Sinnlichkeit. Die rein visuelle Inszenierung des sportlichen Standardrepertoires bis zum Money Shot führt anscheinend unvermeidlich zu erheblichen Redundanzen und entgleitet damit in eine klinisch reine Langeweile. Bis auf wenige Ausnahmen ist diese Form der letztlich fast immer Fließbandpornographie in ihrer Uniformität vergleichbar mit der Systemgastronomie: Man bekommt immer nach den gleichen Abläufen exakt das serviert, was man bereits kennt.

Chrissie Bentley: Nympho Librarian

Chrissie Bentleys Nympho Librarian Stories ist mit knapp 60 Seiten Umfang tatsächlich kopfkissentauglich. Aber für geübte Leser höchstens etwas für eine Nacht.

Ein wenig besser stellt es sich im Bereich der geschriebenen Pornographie dar, bleibt hier doch visuell-fantasievolle Füllung des geschilderten mit eigenen Bildern möglich und wenn man möchte, kann man sich gern die Bibliothekarin oder den Bibliothekar (bzw. Nutzer und Nutzerin) aus der eigenen Bibliothek in entsprechende Rollen hineinimaginieren. (Man sollte es aber nicht unbedingt kommunizieren.)

Es gibt, wenigstens in den USA, eine regelrechte und blogaffine Liebhabergemeinde solcher früher als Schund und Schmutz (oft so pragmatisch fragwürdig wie semantisch berechtigt) bezeichneten Textergüsse, die berühmte und einschlägige Olympia-Press-Titel wie Heather Browns The Librarians Naughty Habit, Rod Walemans The Young Librarian oder Jessica Ludwigs Sex for Charity (Titel, die man übrigens vergeblich im Worldcat sucht) ganz offen im (LibraryThing-)Regal zeigt und mit typisch postmoderner Ironie zur ihrer Leidenschaft erklärt. Das dank diverser Presseberichte (u.a. bei der Paris Review vgl. Steinberg, 2012) mutmaßlich populärste Werk ist Les Tuckers The Nympho Librarian, von dem mangels Verfügbarkeit in Buchhandel und Bibliothek die meisten jedoch nur das berühmte Cover (vgl. Pierce, 2012) kennen.

Nun gibt es unter demselben Titel eine kleine Kollektion (wahrscheinlich Fan-fiktionale) Stories, die als Print-on-Demand mit einem grauenhaft verhunzten Titelbild allgemein verfügbar ist. Die von der Bloggerin Chrissie Bentley herausgegebene Zusammenstellung erhält als Ouvertüre ein buchstäblich nuttiges Vorwort von Jenny Swallows, was ein typischer nom de porn sein dürfte – wobei allerdings Donna Reeds Figur bei Frank Capra ja auch in aller Unschuld Mary Hatch hieß.

Traurigerweise ist diese Einleitung nichts anderes als eine äußerst mäßige Fantasie über eine Fellatio, wie sie aus einem Grundkurs für obszönes Schreiben stammen könnte und vermutlich auch stammt und darin eine Art dürftiges Gegenstück zu Marco Vassis Die Rache des Sizilianers (Vassi, 1989). Die Geschichte The Nympho Librarian erscheint im Vergleich weitaus intensiver und auch wenn die Integration einer Gasmaske in ein bibliothekarisches Liebesabenteuer nicht jedem Identifikationspunkte schafft, so ist das Machtspiel im Vorstellungsgespräch in satter Konsequenz ausgeführt.

Für das Genre sind auch die anderen Texte akzeptabel. Die Freude ist jedoch fast immer dadurch getrübt, dass es sich nur Kürzestgeschichten handelt, die weder wirklich Handlung noch Spannung wirklich entfalten. Vielleicht könnte man eine entsprechende Story wie Silence in the Library auch auf dreieinhalb Seiten mitreißend und aufwühlend ausgestalten. Aber dazu wären literarische Fertigkeiten nötig, die in diesem Feld der Schriftstellerei äußerst rar gesät sind. George Batailles‘ Das Auge der Katze gelingt das. (Bataille, 1972) Die Jenny Swallows-Fraktion bleibt dagegen hilflos. Denn wenn Kopulationsgeschichten konventionell auserzählt werden, wird in dieser Kürze schlicht kein allzu hohes Plateau erreicht.

Dagegen muss man den (nicht genannten) AutorInnen der Geschichten immerhin das Bemühen zugestehen, die Bibliothek als Ort bis hin zur korrekten DDC-Systemstelle präsent zu halten und ein paar Klischees durchaus spielerisch zu verarbeiten. Bei der Bibliographie zweifelt man aber fast schon wieder an der Fachkenntnis der Herausgeberin. Zudem ist keine der Geschichten selbst eindeutig bibliographiert. Da zeigt sich die Anthologie „Porno“ (N.N., 2004) des Fischer Taschenbuchverlages weitaus professioneller (krankt aber daran, dass sich Stephen Solomita in Übersetzung höchstens so überzeugend liest, wie die Synchronisation eines Pornofilms authentisch wirkt).

Wem der Sinn nach billiger und billig produzierter (Printed by Amazon Distribution GmbH, Leipzig – also mutmaßlich direkt im Logistikzentrum) Darstellung von Sexualität steht, die ohne Umschweife auf den Punkt kommt, der wird mit The Nympho Librarian and other Stories leidlich gut bedient. Mit Erotik oder erotischer Literatur hat die Anthologie dagegen rein gar nichts zu tun. Statt des Larkin’schen Löwen überm Pferdefleisch findet man in dem Bändchen eher einen an sich doch zahmen Stubentiger vor einem Näpfchen Trockenfutter.

(Berlin, 25.04.2013  / @bkaden)

Literatur

Anmerkungen: Von Verweisen auf pornografischen Internetquellen sehen wir ab.

Georges Bataille (1972) Das Auge der Katze. In: ders.: Das obszöne Werk. Reinbek: Rowohlt, S.7-10

Andrew Morton (1993) Larkin in Love. In: The Independent, 21.03.1993

N.N. (2004) Porno: Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuchverlag

J. Kingston Pierce (2012) Curious Catalogue of Carnality. In: Killer Covers. 26.07.2012, http://killercoversoftheweek.blogspot.de/2012/07/curious-catalogue-of-carnality.html

Avi Steinberg (2012) Checking Out. In: The Paris Review Daily. 26.12.2012, http://www.theparisreview.org/blog/2012/12/26/checking-out/

Marco Vassi (1989) Die Rache des Sizilianers. In: ders.: Erotische Komödien. München: Goldmann, S. 60-68

Jan Wagner (2013) Die Bibliotheken. Eine Rede zum neuen Jahr. In: Akzente. Zeitschrift für Literatur. Heft 2 / April 2013, S.147-159

Sie nannten es Arbeit. Eine Handreichung zu drei Informationsgesellschaftstheorien.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. März 2013

Rezension zu

Jochen Steinbicker (2011) Zur Theorie der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 2. Auflage Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-18054-0 29,95 Euro (Seite zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

I

Wer in den ausklingenden 1990er und beginnenden 2000er Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft über den Tellerrand hinaus sah und sich fragte, in welcher Gesellschaft er sich befindet, der blickte zwangsläufig in eine halb gegenwärtige, halb zukünftige Lebenswelt namens Informationsgesellschaft. Über diesem bereits an sich schillernden Begriff standen als besonders strahlende Leitgestirne die Beschreibungen von Daniel Bell (postindustrielle Gesellschaft) , Peter Drucker (Wissensgesellschaft) und Manuel Castells (informationelle Gesellschaft, Informationalismus). Allen drei Protagonisten beschäftigte, ungeachtet der Variation in der Benennung, die Transformation einerseits der ökonomischen und andererseits in dieser Folge auch der sonstigen Bereiche der Gesellschaft.

Grundlage der Entwicklung war eine Verschiebung im Bereich der Produktivkräfte (ein Ausdruck, der seinen Zenit etwa 1975 hatte und mittlerweile auch schon Staub trägt). Für die Wertschöpfung waren nun nicht mehr physische Arbeit (mitsamt der Körper, die diese verrichten mussten) und Land und nicht mehr nur Kapital, Maschinen und Energie notwendig. Entscheidend waren mehr oder minder plötzlich Wissen, Innovationsgeist, Wagnis und – wie das Beispiel der New Economy zeigt – auch Einiges an Chuzpe, Glück und richtigen persönlichen Kontakten.

Parallel dazu erkannte man, dass sich die bis dato weitgehend vorwiegend unter kulturellen bzw. sozialen Aspekten zu verortenden Phänomene Information und Kommunikation nicht nur nachrichtentechnisch in mathematische Fassungen bringen lassen, sondern generell als Waren begriffen werden und daher auch ihre Erzeugung, Verbreitung und Nutzung nach Marktmechanismen strukturiert werden können. Mit den entwickelten Formen der Informations- und Kommunikationstechnologie standen Kanäle und Werkzeuge zur Verfügung, die nahezu beliebige Quantitäten von Nachrichten bei zugleich relativ guter Kontrollmöglichkeit übertragbar machten. Die Totalisierung dieses Prinzips, dass wir mit dem Zeitalter des Smartphones und der digitalen sozialen Netzwerken bis in den kleinsten interpersonellen Austausch hinein erfahren, ist nicht nur direkte Nachwirkung dieses Gedankens, sondern zugleich Auslöser der Frage, in welche Richtung dieser Zug nun weiter rollt.

Schreibtisch

II

Möglicherweise ist die Wissensökonomie, bei der es um Individualwissen geht, schon längst wieder im Abschwung. Die Theorien der Informationsgesellschaft und deren Hauptvertreter, von denen zwei bereits verstorben sind, hinterließen dafür keine Orientierung. Ihre Arbeiten bieten tatsächlich Erklärungsmuster, die die Entwicklung bis circa in den frühen 2000er Jahre noch halbwegs begreifbar machen.

Das Gewicht ihrer Theorien liegt entsprechend noch auf dem Faktor Wissen, hier synonym mit Intelligenz und schneller Reaktionsfähigkeit bzw. Entscheidungsfreude zu verstehen. Zauderer hätten kein Google gebaut und der alte Industrieadel wäre an den frühen Bilanzen (ca. die ersten 15 Jahre) von Amazon zutiefst verzweifelt. Dennoch hat sich das Digitale in Form von Leit- und Steuertechnologie auch in den urständigsten Schwerindustrien durchgesetzt. Wer es nicht glaubt, den überzeugt jede beliebige Führung in einem gläsernen Stahlwerk oder eine anderen Art von (ehemaliger) Manufaktur in der Regel ziemlich schnell. Dass Bildung im Sinne von einer Verständnis- und Bedienkompetenz für entsprechende Steuermedien an vielen Stellen über Körperkraft geht, versteht sich von selbst. Ein bitteres Erwachen jenseits idyllischer Illusionen über das Emanzipationspotential einer digital basierten Kommunikationsgesellschaft spielte für die drei Leitbildbildner noch kaum eine Rolle. Die Entkleidung von Konzepten wie Bildung und Wissen auf ihren Verwertungskern scheint jedoch, wie wir heute leicht erkennen, ein logischer und unvermeidbarer Bestandteil der Entwicklung zu sein.

Wir sehen es jeden Tag: Bildung, auch universitär, besitzt auch in der universitären Praxis nur noch sehr geringe Schnittmengen mit aufklärerischen Vorstellungen und sehr große mit Fragen der Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt, in dem Wissen einzig dann wichtig ist, wenn es dem jeweiligen Funktionskontext nutzt bzw. sich jemand findet, um dafür etwas zu bezahlen. Der Wissensarbeiter – den beispielsweise Peter Drucker eher abstrakt beschrieb – ist zumeist tatsächlich nur Wissensproletarier (oder, vgl. S. 47, “Nachfahre des Facharbeiters”). Daniel Bells Vorstellung einer Wissenselite bleibt ebenfalls eher unterbestimmt und die Idee einer Verlagerung von Macht und Kontrolle weg vom Markt ist, wie auch Jochen Steinbicker betont, je nach Sichtweise entweder widerlegt oder noch auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie sich einlösen kann.

III

Der Soziologe Jochen Steinbicker bündelt also in seinem Überblicksbuch die am Ende doch ähnlichen Konzeptlinien des großen Vordenkertrios unserer (ökonomischen) Gegenwart, heuer in der zweiten Auflage, zusammen und macht somit die “Pfade zur Informationsgesellschaft” (so der Titel eines weiteren Buches, das er ebenfalls 2011 allerdings beim Velbrück Wissenschaftsverlag publizierte) aus diesen drei Perspektiven recht übersichtlich nachvollziehbar. Die Abhandlung eignet sich freilich mehr als Handreichung denn als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, obschon die jeweilige Kritik der Ansätze eine gute Basis für Folgediskussionen böte, lägen die Defizite aller drei Versuche, die kommende bzw. seiende Gesellschaft zu bestimmen, nicht bereits derart offen auf der Hand.

Letztlich sind die referierten Theorierahmen von Bell, Castells und Drucker im Jahr 2013 über weite Strecken hauptsächlich aus historischer Sicht interessant. Im Jahr der Erstauflage des Bandes – 2001 – stellte sich die Situation noch anders dar (und das Buch selbst war, das nebenbei  vermerkt, auch noch zum halben Preis zu haben – eine auch wissensökonomischer Sicht erstaunliche Kopplung von Halbwertszeit des Wissens und dem dafür geforderten Preis).

Zum Ausstieg argumentiert Jochen Steinbicker erwartungsgemäß resolut gegen eine techno-determinstische Entwicklung. Stattdessen plädiert er für die “Identifizierung verschiedener Typen von Informationsgesellschaften ” (S.125) als Startpunkt eines kritisch-reflexiven Hinterfragens. Beispielsweise der in der Tat bisweilen dreist von den prominenten Monomaniacs (Wortschöpfung von Peter Drucker) als unveränderlich verkauften Entwicklung, die freilich oft mit dem Verkauf einer jeweiligen Produktidee korreliert und mitunter die Verbindung zur Theorie eines viel älteren Vordenkers aus der Republik Florenz nahelegt.

Die vier Beobachtungsebenen, die sich für Anschlussuntersuchungen anbieten:

  1. These des Strukturwandels der Arbeit;
  2. These der Spaltung zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und geringqualifizierten Dienstleistungsangestellten (dieses Neoproletariat wurde freilich bereits von Walter Benjamin thematisiert);
  3. Verhältnis von Wissensarbeit und Organisation inklusive Verschiebungen im Verhältnis Hierarchie und Kontrolle;
  4. Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung des Strukturwandels der Arbeit (vgl. Steinbicker, S. 123)

bleiben zweifellos zeitfeste Plateaus intellektueller Deutungsarbeit und dies idealerweise auch für die Bibliotheks- und mehr noch Dokumentations- als Informationswissenschaft. Denn die Frage, wohin die Profession steuert, ist dauerhaft offen. Bibliothekare und Dokumentare (besonders letztere) standen gewissermaßen lange durchaus für eine Art Avantgarde der Wissensverarbeitung, die nun in der Informations- und Wissensgesellschaft vom Hauptfeld der Beschäftigungswelt einge- und manchmal überholt wurde. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sieht sich so mit einem mächtig erweiterten Gegegenstandsbereich konfrontiert und obwohl die Vorhersagen von Daniel Bell auf die 1960er rückdatieren und die Bücher frühzeitig auch in deutscher Übersetzung vorlagen, zeigte sie sich lange nicht sonderlich für diese Transformation gewappnet.

IV

Kurioserweise musste man auch in ihr ausgerechnet lange um das ringen, was Jochen Steinbicker als “dritten Weg zwischen der pauschalen Ablehnung [...] und der unkritischen Zustimmung” einfordert. (S. 125) Früher nannte man das ein vernünftiges Gleichgewicht. Die stattdessen in dem Feld lautstärker wahrnehmbaren Extrempositionen wie a) Treue zu anachronistischen Prinzipien oder b) servile Anpassung an den Zeitgeist treten, wie jeder weiß, immer besonders gern in Situationen der Unsicherheit auf. Dass die Veränderung der Beschäftigungswelt mit gegenläufigen Trends einerseits der Ausweitung der lebensweltlichen Bedeutung des Arbeitsverhältnisses (vermittelt durch das Medium Geld) und andererseits die weitreichende Flexibilisierung und potentielle Prekarisierung der Arbeitswelten, wie wir es seit 2000er Jahren in größter Entfaltung erleben, zu Verunsicherung führt, erstaunt freilich ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder Bell noch Drucker noch Drucker in ihren Makroentwürfen sonderlich über die sozialpsychologischen Folgen der von ihnen beschriebenen neuen Gesellschaften reflektierten.

Vielmehr liest es sich so:

“Alle Konsumfreuden, wie ein Buch lesen, sich mit einem Freund unterhalten, eine Tasse Kaffee trinken, ins Ausland reisen, erfordern Zeit. Deshalb verfügen auch die Bewohner “rückständiger Länder”, die sich nicht so viele Dinge leisten können, über mehr Zeit. Besitzt jemand hingegen ein Segelboot, einen Rennwagen oder ein Konzertabonnement, ist “Freizeit” sein knappstes Gut. Will er z.B. ins Konzert, muß er entweder sein Abendessen hinunterschlingen [...] oder hinterher essen, was wiederum bedeuten kann, daß er zu lange aufbleibt und nicht genügend Schlaf hat, will er am nächsten Tag “pünktlich” zur Arbeit erscheinen.” – Daniel Bell (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 349

Das mag für irgendeine Welt korrekt sein. Aber wer heute als Wissensdienstleister zu arbeiten beginnt oder, vom Bildungsabschluss zur Wissenselite zählend, versucht im deutschen Universitätssystem Fuß zu fassen, merkt spätestens beim Blick auf seine Rentenprognose, dass ein Segelboot oder ein Rennwagen vermutlich nicht zum engsten Kreis der Probleme zählen werden. Die Frage nach der Aktualität und Aktualisierbarkeit der Arbeiten der großen Drei stellt sich so bei der Lektüre der Originaltexte nicht ganz selten. Sie zu kennen, schadet natürlich auch nicht.

Dass sich Jochen Steinbickers Arbeit vorwiegend an Soziologen und dabei vermutlich in der Hauptsache an SoziologiestudentInnen richtet, die das Buch zur Prüfungsvorbereitung lesen (vermutlich in der Bibliothek, denn für diesen Zweck ist die zweite Auflage schon etwas hochpreisig), braucht uns als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler keineswegs daran hindern, einen (Rück)Blick in die Pro- und Diagnostik der drei genannten Theoretiker zu werfen. Man erfährt durchaus Wichtiges über die Wurzeln der heutigen Haupttrends vor allem der digitalen und wissensbasierten Ökonomien. Und erst deren Kenntnis ermöglicht vermutlich ein adäquates Handeln in einer äußerst widersprüchlich und unklaren gegenwärtigen Gesellschaft jenseits von Informations-, Wissens- oder Wissenschafts-Präfixen.

(Berlin, 08.03.2013)

Hybrides Lesen – Marginalien zur Rezension des Handbuchs Informationskompetenz

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 5. Februar 2013

von Lars Müller (Potsdam)

Das Handbuch Informationskompetenz [1] erscheint bei De Gruyter Saur zugleich als Print- und Onlineausgabe. Ich war gespannt, welche der beiden Ausgaben mir als Rezensionsexemplar für die Besprechung in LIBREAS zur Verfügung gestellt werden würde. Ich erhielt – ganz in meinem Sinne – ein gedrucktes Exemplar.

Schon beim ersten Betrachten hatte ich den Eindruck, eine Mischform in den Händen zu halten: Das gedruckte Buch ist nach den Anforderungen einer digitalen Publikation gestaltet. Jedes Kapitel kann vom Inhalt her für sich allein stehen, auch die Literaturangaben befinden sich jeweils am Ende des Kapitels. Das ist für den fragmentierten, kapitelweisen Download (und Verkauf) am praktischsten. Die digitale Version hinterlässt dagegen zugleich den Eindruck, eine PDF-Version der Printausgabe zu sein. Sie enthält – und das wirkt für ein eBook etwas anachronistisch – auch das Stichwortverzeichnis der Printausgabe als eigenständig erwerbbares Kapitel. Zum Glück bietet der Verlag eine funktionierende und kostenlose Volltextsuche an – freilich werden nur die zu den Fundstellen zugehörigen Kapiteltitel angezeigt.

Google Books hat demgegenüber bekanntlich den Vorteil, die Fundstellen im Kontext anzuzeigen. Ein Vorteil, der mir trotz meines positiven Gesamteindrucks vom Handbuch Informationskompetenz eine kleine Ernüchterung bescherte:

Wer, wie ich es getan habe, ein längeres Zitat im Einleitungskapitel von Wilfried Sühl-Strohmenger (S. 4f.) googelt (Google Books), stößt nicht auf die Originalquelle (Jürgen Mittelstraß, s.u.), auch nicht auf das Handbuch Informationskompetenz, sondern neben Teaching Library (Sühl-Strohmenger 2012) auch auf das Buch Informationsethik von Rainer Kuhlen.[2] Ein Zufall, dem ich genauer auf den Grund gehen wollte.

Auf Seite fünf im Einleitungskapitel von Sühl-Strohmenger löste ein im Zitat formal inkorrekt in doppelte Anführungszeichen gesetztes Wort eine Irritation aus und regte genaueres Nachschauen an. Bei der Überprüfung des Zitats [3] stellte sich mit der oben bereits erwähnten Google-Books-Recherche heraus, dass der selbe Abschnitt auch in einem längeren Zitat in Kuhlens Informationsethik [4] enthalten ist. Ein Buch, das zwar in der weiterführenden Literatur des Handbuchartikels aufgeführt, aber nicht in dem inhaltlichen Zusammenhang des oben genannten Zitats erwähnt wird.

In der Bibliothek meines Vertrauens bestellte ich mir die Originalquelle und bekam ein gedrucktes Suhrkamp-Bändchen aus den 1990er Jahren ausgehändigt. Genau wie Kuhlen gibt Sühl-Strohmenger die Fundstelle mit „S. 226f.“ an. Der Vergleich mit dem Original zeigte, dass der von Sühl-Strohmenger zitierte – kürzere – Abschnitt allerdings ausschließlich auf Seite 227 steht. Außerdem machte Sühl-Strohmenger neben einem zusätzlichen Zeichensetzungsfehler – ebenfalls wie Kuhlen – im Satz „Informationen muss man glauben, …“[5] einen Übertragungsfehler und aus dem Plural wird das Singular „Information muss man glauben…“[6]

Dies mag natürlich Zufall sein, es hat aber doch ein „Geschmäckle“. Ein Umstand, der angesichts der Tatsache, dass es sich ausgerechnet um die Einführung in ein Handbuch zur Informationskompetenz handelt, bedauerlich ist.

Nichtsdestotrotz zeigt das beschriebene Leseerlebnis, dass zum Rezensieren noch zum Analysieren weder allein die digitale noch die gedruckte Form ausgereicht hätte. Noch gehört zum hybriden Publizieren eben auch das hybride Lesen.

(Eine ausführliche Besprechung des Handbuch Informationskompetenz erscheint in der nächsten Ausgabe von LIBREAS.)


[1] Wilfried Sühl-Strohmenger [Hrsg.] Handbuch Informationskompetenz (Berlin: De Gruyter Saur, 2012). Seite zum Titel beim Verlag.

[2] Folgende Phrase habe ich am 5.2.2013 bei der Suche verwendet:

“Erforderlich sind vielmehr Verarbeitungskompetenzen und das Vertrauen darauf, dass die Information“

aus: Jürgen Mittelstraß: Leonardo-Welt: Über Wissenschaft, Forschung und Verantwortung, 1st ed. (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992), S. 227 nach Wilfried Sühl-Strohmenger, ed., Handbuch Informationskompetenz (Berlin: De Gruyter Saur, 2012), S. 5.

[3] Mittelstraß, S. 226f.

[4] Rainer Kuhlen: Informationsethik: Umgang mit Wissen und Information in elektronischen Räumen (Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2004).

[5] Mittelstraß, S. 227.

[6] Ibid.S. 227. Zitiert nach:  Kuhlen, S. 161 sowie Mittelstraß, S. 227. Zitiert nach Wilfried Sühl-Strohmenger, “Informationskompetenz und die Herausforderungen der digitalen Wissensgesellschaft,” Sühl-Strohmenger [Hrsg.],  S. 5. Die selben Fehler macht Sühl-Strohmenger auch im Band Teaching Library -  : Förderung von Informationskompetenz durch Hochschulbibliotheken. Berlin: De Gruyter Saur 2012. S. 10.

Weltgeist, ick hör dir trapsen. Wayne Bivens-Tatums Versuch, die Aufklärung zu instrumentalisieren

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 6. November 2012

Karsten Schuldt

Zu: Bivens-Tatum, Wayne (2012). Libraries and the Enlightenment. Los Angeles: Library Juice Press, 2012

Libraries and the Enlightenment ist – fast kann man es erwarten, da es bei Library Juice Press erscheint – nicht wirklich ein Buch über die Aufklärung und ihre Beziehung zu Bibliotheken oder der Bibliotheksgeschichte. Vielmehr ist es ein Versuch, einen sehr reduzierten Satz an moralischen Regeln als Teil der Aufklärung zu erklären und diesen dann in die US-amerikanischen bibliothekspolitischen Diskussionen einzuführen.

Wayne Bivens-Tatum, der Autor des Buches, gibt vor, eine Beziehung zwischen den beiden Themenbereichen des Buchtitels herzustellen. Real allerdings möchte er eigentlich folgendes sagen: Die Aufgabe der Bibliotheken ist es (a) allen Menschen offen zu stehen, (b) alle Medien zur Verfügung zu stellen und (c) Bildung zu befördern. Dieser Meinung kann der Autor auch gerne sein, aber seine inhaltliche Herleitung funktioniert nicht richtig. (more…)

Konstruierte Medienvergangenheiten

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 23. August 2012

Rezension zu: Felzmann, Sebastian. Playing Yesterday: Mediennostalgie im Computerspiel (Game Studies). Boizenburg : Verlag Werner Hülsbusch, 2012. 22,50 € (D) / 23,13 € (A) / 27,90 CHF (CH).

Karsten Schuldt

James Newman argumentierte vor Kurzem, dass die Aufgabe beim Archivieren von Computerspielen nicht nur darin besteht, die Software zu bewahren, sondern den gesamten Zusammenhang des Spiels.1 Dazu gehörten die unterschiedlichen Versionen der Software nach jedem Patch, die umgebenden Medien, die Videos und Texte, die von den Spielerinnen und Spielern produziert werden und vieles mehr. Seine Begründung: Ein Spiel wird erst zum Spiel, wenn es gespielt wird. Und dieses Spielen findet im Medienkontext statt. Bei Newman resultieren aus diesem Argument Probleme für die Archivierung von Computerspielen, die er zu lösen versucht.2

Sebastian Felzmann hingegen interessiert sich für eine andere, aber sehr verwandte Frage, nämlich das Nachleben von Medienformen, deren Zeit eigentlich vergangen ist. Warum reproduzieren Menschen Erfahrungen mit alten Computerspielen? Die Antwort, die er in seinem Buch – beziehungsweise seiner überarbeiteten Masterarbeit – gibt, ist etwas unbefriedigend, gibt aber der Position von Newman weitere Argumente. (more…)

Misstraut dem/n Durchleuchtstoffröhren. Die Transparenzgesellschaft Byung-Chul Hans bleibt ohne Strahlkraft.

Posted in LIBREAS.Feuilleton, LIBREAS.Referate by Ben on 17. April 2012

Rezension zu: Byung-Chul Han (2012): Transparenzgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz.

von Ben Kaden

Das gibt es tatsächlich: Jemand wird zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen und diejenigen, denen er gegenüber sitzt, haben das Facebook-Profil des Bewerbers geöffnet, um im Zweifelsfall abgleichen zu können, zwischen der Typisierung, die sich persönlich vorstellt und der, die man von sich über Jahre ins Netz hat fließen lassen. Profiling wird da wortwörtlich zur Selbstaufgabe. Denn diese potentielle Durchleuchtung vor Augen, stimmt man zwangsläufig das, was in das digitale Eigenarchiv aus semiprivaten Kommunikationen in Sozialen Netzwerke einfließt (wie würde es denn aussehen, wenn auf einmal Stephan Remmler in der Playlist erschiene und nicht Krzysztof Penderecki) mit immer notwendig diffusen Erwartungshaltungen von zukünftigen Durchleuchtern ab. Mit den Sozialen Netzwerken entfesselt man Bourdieu’sche Überlegungen in lange ungeahnter Weise. Wer sich davon einwickeln lässt, führt in der Tat eine armselige Existenz auf Repräsentation gerichteter, nun ja, Identitätsmodellierung.

Insofern handelt es sich genau genommen weniger um eine Selbstentblößung als um eine inszenatorische und soziotechnische Selbstgestaltung. Wie diese vermeintliche Befreiung des Individuellen im Digitalcode den Kreis zu der in harten Kämpfen halbwegs bezwungen erschienen Welt von Traditionszwängen und Übernormungen rückzuschließen beginnt, wäre ein hervorragendes Thema für gegenwartsanalytische Schriften. Aber anscheinend bewegen wir uns noch im Stadium einer anderen Anamnese. (more…)

Statt Standards, Handlungshilfen für Bibliotheken

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Karsten Schuldt on 11. April 2012

Zu: Ministère de la culture et de la Communication, Direction générale des médias et des industries culturelles, Service du livre et de la lecture ; Collignon, Laure (ed.) ; Gravier, Colette (ed.) / Concevoir et construire une bibliothèque : Du projet à la réalisation. Paris : Éditions du Moniteur, 2011. 75 €.

Von Karsten Schuldt

In Deutschland, aber auch der Schweiz und zuletzt in Österreich, versuchten und versuchen bibliothekarische Verbände, mal alleine, mal in Kooperation mit anderen Organisationen Masterpläne für ein nationales Bibliothekswesens aufzustellen. Diese Masterpläne folgten zwar immer wieder neuen, zeitgenössischen Vorstellungen und Sprachmoden, waren mal mit mehr, mal mit weniger Zahlenmaterial bestückt, mal mehr, mal weniger in PR-Sprache gehalten. Grundsätzlich sollten sie nicht nur einen Rahmen für das Bibliothekswesen bieten, sondern auch die Politik und Gesellschaft davon überzeugen, die Bibliotheken sich in die jeweils gewünschte Richtung entwickeln zu lassen und diese Entwicklung zu finanzieren. Fraglos immer mit dem Wunsch, dass jeweils bestdenkbare Bibliothekswesen zu schaffen. Gleichzeitig aber scheiterten diese Masterpläne – Bibliotheksplan ’73, Bibliotheken ’93, Bibliotheksplan 2000, Bibliothek 2007, Die Zukunft gestalten: Chance Bibliothek et cetera – an diesem Anspruch. Sie waren Thema der bibliothekarischen Ausbildung, aber (bislang zumindest, gerade in Österreich wurde vom Parlament im letzten Jahr bekanntlich anderes beschlossen) kaum der Politik. (more…)

Der Kulturinfarkt – Ärgernis oder Vision für Bibliotheken?

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Referate by libreas on 26. März 2012

zu: Dieter Haselbach / Armin Klein / Pius Knüsel / Staphan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. München, 2012

Ein Kommentar von Susanne Brandt

Um es gleich vorweg zu nehmen: So richtig spannend wird das Buch erst in der zweiten Hälfte. Um dorthin zu gelangen, wo es um Visionen und Zukunftsszenarien geht, die Widerspruch, Zustimmung oder eben die viel beschworene Phantasie so richtig auf Trapp bringen, muss man bis zur Hälfte des Buches eine Menge Zynismus und Verallgemeinerungen überstehen. Das ist im Sinne der gewollten Polemik nicht überraschend, in dieser Form und Länge allerdings ziemlich unergiebig. Zu oft ist von „allen“, von „niemand“, von „immer“ oder „nie“ die Rede, wo es um „einige“ oder „zeitweilige“ Phänomene und Beobachtungen geht. Zu schnell und teilweise unkritisch werden einzelne Statistiken herangezogen (z.B. zum Leseverhalten), an deren Seite andere Erhebungen genannt werden müssten, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Zu oft wird die alte Tante Kultur auf der Couch gesehen – mal als todkranke Patientin und lieber noch als träge Masse, die sich selbstgefällig auf den Kissen staatlicher Förderungen ausruht. Wer den Alltagsbetrieb in kulturellen Institutionen kennt, weiß, dass dieses Bild für die Mehrheit der Engagierten dort einfach nicht passt. Auch das Argument von der offenbar grenzenlosen Mobilität in der Bevölkerung, mit dem wiederholt eine Verknappung von Standorten kultureller Institutionen gerechtfertigt wird, lässt sich wohl kaum auf die pauschal in vielen Aufzählungen mit genannten Bibliotheken übertragen, wenn diese gleichzeitig den an anderer Stelle wiederum geforderten Anspruch von Bürgernähe und Nutzerorientierung erfüllen. Ein Grundschulkind aus einer türkischen Familie zum Beispiel kann die Schließung einer Stadtteilbücherei in seinem Bezirk eben nicht so einfach verschmerzen und allzeit mobil auf einen weiter entfernten Standort ausweichen. Das finden die Autoren dann irgendwann auch und relativieren in der Mitte des Buches einige ihrer Aussagen wieder. Doch muss man sich an dieser Stelle fragen, ob für das Buch nicht das gilt, was darin für die Kultur durchaus richtig festgestellt und eingefordert wird: Quantität erzeugt keine höhere Qualität! Will sagen: Der erste Teil des Buches könnte um die Hälfte gekürzt werden, um an Prägnanz und Überzeugungskraft zu gewinnen. (more…)

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