Statt Standards, Handlungshilfen für Bibliotheken
Zu: Ministère de la culture et de la Communication, Direction générale des médias et des industries culturelles, Service du livre et de la lecture ; Collignon, Laure (ed.) ; Gravier, Colette (ed.) / Concevoir et construire une bibliothèque : Du projet à la réalisation. Paris : Éditions du Moniteur, 2011. 75 €.
Von Karsten Schuldt
In Deutschland, aber auch der Schweiz und zuletzt in Österreich, versuchten und versuchen bibliothekarische Verbände, mal alleine, mal in Kooperation mit anderen Organisationen Masterpläne für ein nationales Bibliothekswesens aufzustellen. Diese Masterpläne folgten zwar immer wieder neuen, zeitgenössischen Vorstellungen und Sprachmoden, waren mal mit mehr, mal mit weniger Zahlenmaterial bestückt, mal mehr, mal weniger in PR-Sprache gehalten. Grundsätzlich sollten sie nicht nur einen Rahmen für das Bibliothekswesen bieten, sondern auch die Politik und Gesellschaft davon überzeugen, die Bibliotheken sich in die jeweils gewünschte Richtung entwickeln zu lassen und diese Entwicklung zu finanzieren. Fraglos immer mit dem Wunsch, dass jeweils bestdenkbare Bibliothekswesen zu schaffen. Gleichzeitig aber scheiterten diese Masterpläne – Bibliotheksplan ’73, Bibliotheken ’93, Bibliotheksplan 2000, Bibliothek 2007, Die Zukunft gestalten: Chance Bibliothek et cetera – an diesem Anspruch. Sie waren Thema der bibliothekarischen Ausbildung, aber (bislang zumindest, gerade in Österreich wurde vom Parlament im letzten Jahr bekanntlich anderes beschlossen) kaum der Politik. (weiterlesen…)
Der Kulturinfarkt – Ärgernis oder Vision für Bibliotheken?
zu: Dieter Haselbach / Armin Klein / Pius Knüsel / Staphan Opitz: Der Kulturinfarkt. Von allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention. München, 2012
Ein Kommentar von Susanne Brandt
Um es gleich vorweg zu nehmen: So richtig spannend wird das Buch erst in der zweiten Hälfte. Um dorthin zu gelangen, wo es um Visionen und Zukunftsszenarien geht, die Widerspruch, Zustimmung oder eben die viel beschworene Phantasie so richtig auf Trapp bringen, muss man bis zur Hälfte des Buches eine Menge Zynismus und Verallgemeinerungen überstehen. Das ist im Sinne der gewollten Polemik nicht überraschend, in dieser Form und Länge allerdings ziemlich unergiebig. Zu oft ist von „allen“, von „niemand“, von „immer“ oder „nie“ die Rede, wo es um „einige“ oder „zeitweilige“ Phänomene und Beobachtungen geht. Zu schnell und teilweise unkritisch werden einzelne Statistiken herangezogen (z.B. zum Leseverhalten), an deren Seite andere Erhebungen genannt werden müssten, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Zu oft wird die alte Tante Kultur auf der Couch gesehen – mal als todkranke Patientin und lieber noch als träge Masse, die sich selbstgefällig auf den Kissen staatlicher Förderungen ausruht. Wer den Alltagsbetrieb in kulturellen Institutionen kennt, weiß, dass dieses Bild für die Mehrheit der Engagierten dort einfach nicht passt. Auch das Argument von der offenbar grenzenlosen Mobilität in der Bevölkerung, mit dem wiederholt eine Verknappung von Standorten kultureller Institutionen gerechtfertigt wird, lässt sich wohl kaum auf die pauschal in vielen Aufzählungen mit genannten Bibliotheken übertragen, wenn diese gleichzeitig den an anderer Stelle wiederum geforderten Anspruch von Bürgernähe und Nutzerorientierung erfüllen. Ein Grundschulkind aus einer türkischen Familie zum Beispiel kann die Schließung einer Stadtteilbücherei in seinem Bezirk eben nicht so einfach verschmerzen und allzeit mobil auf einen weiter entfernten Standort ausweichen. Das finden die Autoren dann irgendwann auch und relativieren in der Mitte des Buches einige ihrer Aussagen wieder. Doch muss man sich an dieser Stelle fragen, ob für das Buch nicht das gilt, was darin für die Kultur durchaus richtig festgestellt und eingefordert wird: Quantität erzeugt keine höhere Qualität! Will sagen: Der erste Teil des Buches könnte um die Hälfte gekürzt werden, um an Prägnanz und Überzeugungskraft zu gewinnen. (weiterlesen…)
Unklare Begriffe, Konzepte, Perspektiven
Rezension zu: Treude, Linda / Das Konzept Informationskompetenz : Ein Beitrag zur theoretischen und praxisbezogenen Begriffsklärung. (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 318) Berlin : Humboldt Universität zu Berlin, Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 2011.
von Karsten Schuldt
Der Text Das Konzept Informationskompetenz von Linda Treude lässt einen nach dem Lesen verwirrt zurück. Das ist ernst gemeint: Der Rezensent hat mehrere Versuche unternommen, den Text zu besprechen, mehrfach den Text neu durchgeblättert, die Notizen durchgeschaut, immer in der Angst, etwas wichtiges übersehen zu haben. Aber nein: Je länger je mehr hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass der Text mit dem Titel etwas gänzlich anderes verspricht, als er dann tatsächlich darstellt. Eventuell ist durch den Transformationsprozess aus einer Studienabschlussarbeit in die jetzt vorliegende Form ein wichtiger Teil verschwunden; aber in der jetzigen Form enthält der Text nicht nur einige steile Thesen, sondern auch inhaltliche Kurzschlüsse, die ihn in seiner Wirkung massiv einschränken.
Letztlich versucht Treude nachzuweisen – so zumindest die Interpretation des Rezensenten –, dass, wenn im bibliothekarischen Rahmen über Informationskompetenz geredet wird, nicht wirklich über Informationskompetenz geredet wird. Vielmehr will die Autorin zeigen, dass der Informationsbegriff, welcher im bibliothekarischen Rahmen genutzt wird, mit einem Informationsbegriff, wie er in einer informationswissenschaftlichen Auseinandersetzung herausgearbeitet werden könnte, nichts gemein hat. (weiterlesen…)
Eigenlob und Fremdlob aus Wendezeiten. Rezension
Rezension zu: Baron, Günter & Riese, Reimar (Hrsg.) / Wendezeit – Zeitwende in deutschen Bibliotheken : Erinnerungen aus Ost und West. – Berlin : BibSpider, 2011
Es ist nicht wirklich so, dass allgemein nach neuen Büchern über die Wendezeit verlangt wird, gerade nicht mit solch einer Spezialisierung wie dem Bibliothekswesen. Aber es hat auch niemand etwas dagegen, wenn sie erscheinen. Ungefähr so unmotiviert wird auch das Herausgeberwerk von Günter Baron und Reimar Riese aufgenommen werden. Es füllt keine Lücke im Wissensstand, es liefert keine wirklich neuen Einsichten, aber es ist auch kein schlechtes oder gar vollkommen überflüssiges Buch. Man ist nach dem Lesen weder begeistert noch abgeneigt.
Wendezeit – Zeitwende in deutschen Bibliotheken beginnt mit der Aussage, dass zwar viele Quellen zum Themenbereich Wende im deutschen Bibliothekswesen erscheinen seien, aber noch wenig subjektive Berichte von Handelnden dieser Zeit vorlägen. Dies soll mit den Werk geändert werden. Abgesehen davon, dass die Behauptung, es gäbe ausreichende Quellen zur Wendezeit, etwas überrascht, kann man dem Ansinnen selber nicht widersprechen. Allerdings schaffen es die publizierten Texte nicht ganz, die Möglichkeiten einer solchen Dokumentation auszuschöpfen. Dies wird seinen Grund auch darin haben, dass nur ein Teil der Angefragten einen Text geschrieben hat. Allerdings hätten die Herausgeber auch stärker eingreifen können. (weiterlesen…)
Take Humboldt? Ein Bildband zum Ivy-Style.
Besprechung zu: Hayashida, Teruyoshi; Ishizu, Shosuke; Kurosu, Toshiyuki; Hasegawa, Hajime (2010) Take Ivy. Brooklyn: PowerHouse Books. 1st English Edition. 142 S. - ISBN: 9781576875506
Das Wintersemester blättert so nach und nach in die Universitätsgebäude und damit in einer Modemetropole wie Berlin nicht nur für Erstsemester die Frage, wie man sich angemessen kleidet. Die Paris Fashion Week ging gerade zu Ende und bot ab und an sogar bibliothekstaugliche Modelle. Allerdings gilt auch, dass wer sich eine von Phoebe Philo entworfene Garderobe der Saison leistet, selten das Interesse verfolgt, Bibliotheks- und Informationswissenschaft zu studieren. Man mag dies bedauern, muss es aber akzeptieren, bis irgendwann der schwarze Schwan dieses Klischees in der Dorotheenstraße über den Weg schwimmt.
Wenigstens die männlichen Studierenden haben es ohnehin einfacher. Wenn sie nachts davon träumen möchten, dass das i in der Berlin iSchool of Library and Information Science nicht nur für Information steht, sondern auch einen Hauch von Ivy übernimmt, finden sie in der letztes Jahr übersetzten Neuausgabe der japanischen Programmschrift „Take Ivy“ das passende Leitwerk.

Zum Mitnehmen oder zum Hierlesen ist bei der Ivy-Kultur keine Frage. Zu ihr kommt man, um zu bleiben. Allerdings ist der kleine Band selbst dafür ein Rapport aus einer anderen Zeit. Und ohnehin scheint es fast wichtiger, sich bei allen Anleihen mit grundständiger Gelassenheit (und mit Käsekuchen und Kakao) immer auch ein wenig selbst zu erfinden.
Verfehlen und Verschieben
Ein Sammelband über Ordnungen zeigt, dass wir lernen müssen, den Störfall anzunehmen.
Rezension zu: Bäumler, Thomas; Bühler, Benjamin; Rieger Stefan (Hrsg.) Nicht Fisch – nicht Fleisch. Ordnungssysteme und ihre Störfälle. Zürich: Diaphanes, 2011 (Informationen zum Titel beim Verlag)
von Ben Kaden
I
Wenn man die Welt nach Fisch und Fleisch unterteilt, dann ist das Yvana Fischfleisch. Oder nichts von beidem. Der flämische Naturforscher Charles de l’Écluse wusste jedenfalls nicht so recht, wohin mit diesem kuriosen Tier und daher steckte er es passend in sein 1605 publiziertes Werk der zehn Bücher exotischer Lebensformen (Exoticorum libri decem). Während es so in einer Oberklasse „exotische Tiere ferner Länder“ problemlos seinen Platz fand, entzog es sich einer taxonomischen Zuordnung nach dem Differenzierungsschema Landtiere/Wassertiere. Und stellte ahnungslos durch seinen Lebenswandel eine scheinbar stabile Ordnung nicht als schwarzer Schwan, aber als Baum-Land-Fluss-Bewohner in Frage.
Derartige Ausreißer finden sich früher oder später in so gut wie jedem Ordnungssystem. Das liegt gar nicht mal so sehr in Natur und Sache, sondern ist ein Problem des Ordnens. Von Paul Valéry wird die Einsicht überliefert: „Unser Geist besteht aus Unordnung, plus dem Bedürfnis, Ordnung zu schaffen.“ Konfrontiert mit einem prinzipiellen Tohuwabohu legen wir eine Erkenntnisstruktur mitsamt passender Ordnungsschablone über selbiges, um es für uns wenigstens in der eigenen Wahrnehmung zu überblicken.
Wer wüsste das besser, als die Bibliothekswissenschaft, die sich elementar mit Klassifikationen, Taxonomien, Thesauri befasst und gemeinhin mit der Frage, wie man ein stabiles und für die Erschließung und das Wiederauffinden von Literatur praktikables Ordnungswerkzeug entwickelt? Der Unterschied zur Wissensgeschichte liegt hauptsächlich in dieser Zielrichtung auf eine ganz konkrete Funktion. In digitalen Kommunikationsräumen jedoch, in denen die Ordnung, die sich als Zuschreibung bestimmter Eigenschaften und Verknüpfungen (bzw. Relationen) entfaltet, mit den Inhalten verschmilzt, stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten und Verfahren des Ordnens in aktualisierter Form. Denn hier ist es notwendig, Zugangsstrukturen und damit auch Ordnungsstrukturen als Apriori der technisch vermittelten Nutzung dieser digitalen Inhalte zu formulieren. (weiterlesen…)
Die Dinge in Kybernesien. Marc Schweskas aktueller Wissenschaftsroman weiß auch, wie es in Berliner Bibliotheken zuging.
Von Ben Kaden
I
In einem heute etwas wunderlich schimmernden und erstaunlicherweise auf außergewöhnlich alterungsbeständigem Papier gedruckten Handbuch in A4 mit dem Titel „Arbeitsgestaltung. Psychophysiologische Probleme bei Überwachungs- und Steuerungstätigkeiten“ aus dem Jahr 1970 liest man auf Seite 12:
„In der Tat gibt es eine Reihe äußerer Ähnlichkeiten im Prozeß der wissenschaftlich-technischen Revolution in Kapitalismus und Sozialismus. In dem Maße, wie sich die Produktionsinstrumente als Kennzeichen der industriellen Revolution gleichen, werden beispielsweise Resultate und zum Teil auch Themenstellungen bei der Untersuchung menschlicher Arbeitsleistungen unabhängig von der Gesellschaftsordnung, zumal die Anforderungsverlagerungen, bedingt durch die veränderte Stellung des Menschen im Produktionsprozeß, im sozialistischen und kapitalistischen System ähnlich sind.“
Man merkt dem Kapitel 1.1.1. Zur bürgerlichen Technikphilosophie und den folgenden Abschnitten deutlich an, wie schwer sich die Autoren Jochen Neumann und Klaus-Peter Timpe in ihrem kleinen Manifest der angewandten Regelungstechnik dabei taten, a) die Klassenproblematik überhaupt in diesem Zusammenhang zu entfalten und b) zugleich die Überlegenheit des Sozialismus herauszustreichen. Zu vertraut waren Fortschrittsoptimismus und Automatisierungsbegeisterung in beiden Systemräumen und was den Stand des Wissens anging, bewegte man sich in diesem Bereich der technischen Metareflexion noch auf relativ ähnlichem Niveau. Entsprechend hilflos wirkt dann der obligatorische Hinweis:
„Analogien im wissenschaftlich-technischen Bereich führen nicht notwendig zu Konvergenzen im ideologischen Bereich. […] Vorhandene Ähnlichkeiten, die in bestimmten Bereichen sicherlich gegeben sind, führen nur zu Schnittpunkten, nicht zu Asymptoten im ideologischen und sozialen Bereich.“ (S. 13)
Man hat fast vor Augen, wie das Autorenduo in einer langen Nachtschicht unter dem gnadenlosen Neonröhrenlicht eines Büros im Institut für Psychologie der Humboldt-Universität an diesen technikphilosophischen Problemkapitelchen herum schraubte, um den klaren ingenieurpsychologischen Resultaten und Ableitungen zur Arbeitsplatzergonomie aus den Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Professor Friedhart Klix das erforderliche ideologische Beiwerk anzufügen. Und wie es schließlich glücklich auf einen ausgeschnittenen und erst vergessenen Artikel aus der Ausgabe des kulturpolitischen Wochenblatts Sonntag vom 22.09.1968 stieß, der die Gegensätzlichkeit Sozialistische Dynamik wider Konvergenz zweckdienlich zitierbar ausrollte. (weiterlesen…)
Martin Warnkes eine Theorie des Internets
von Karsten Schuldt
Rezension zu: Martin Warnke (2011). Theorien des Internet zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag. 13,90 Euro. ISBN: 978-3-88506-679-8
Die „zur Einführung“-Reihe des Junius Verlags hat sich zu Recht einen guten Ruf erarbeitet. Für übergreifende philosophische Fragestellungen und das Denken einzelner Philosophinnen und Philosophen liefern diese Bücher relativ kurze Besprechungen, die mit der Intelligenz ihrer Leserinnen und Leser rechnen. Dass die Autorinnen und Autoren der Werke ihre intellektuelle Herkunft aus der kritischen Linken meist nicht verheimlichen, macht die Reihe ansprechend, da brennende gesellschaftliche Fragen gestellt und nicht einfach nur, wie in anderen Einführungen, Fakten berichtet werden.
Eine Eigenheit der Reihe besteht darin, dass die Autorinnen und Autoren sich eigentlich nie auf einen vorgeblich objektiven Standpunkt zurückziehen, sondern die subjektiv Prägung der Darstellung sehr schnell sehr klar wird. Das ist zum Teil sympathisch, gleichzeitig prägt damit eine Person die Interpretation einer Philosophie und besetzt mit ihrer Meinung das Thema. Insoweit ist es immer auch relevant, wen der Verlag und der Wissenschaftliche Beirat als Autorin beziehungsweise Autor für welches Thema auswählen. (weiterlesen…)
Abkunft, Auskunft, Zukunft. Perspektiven auf Buch und Literatur.
Ein Besprechungs-Essay zu
Jeff Martin, C. Max Magee (eds.) (2011) The Late American Novel. Writers on the Future of Books. Berkeley: Soft Skull Press. (Facebook-Seite zum Buch)
Umberto Eco, Jean-Claude Carrière (2010) Die große Zukunft des Buches. München: Hanser. (Seite zum Buch beim Verlag)
von Ben Kaden
„Angeblich soll es ja noch heute Leute geben, die Bücher lesen. /
Es gibt ja immerhin auch Leute,
die Faldbakken für einen talentierten Autor halten.“
Audio88 / Guter Vorsatz (mit K-T-I???)[1]
I
Die Zukunft des Buches bestimmt sich nicht über die Medienform, sondern um den Umgang mit der Medienform. Also: Unserem Verhältnis zu den Kulturtechniken Lesen und Schreiben. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2011 entdeckt man eine Spiegelung des Feldes, das als Substrat dieser beiden Facetten kommunikativen Handelns zu begreifen ist: die Literatur. Florian Kessler zeigt sich ob der mangelnden Ausschöpfung der digitale Potentiale durch die deutsche Literatur schlicht enttäuscht.[2] Das Web ist wenig mehr als eine Art dynamische Litfasssäule, über die man seine Produkte – deren Palette das Außenimage des Autors unweigerlich einschließt – zum Markte bzw. Endverbraucher trägt. Die Wechselwirkung mit dem Publikum findet jedoch nur über die Facebook-Dependancen der Verlage statt:
„Die karge Landschaft deutscher Autorenhomepages bietet so ein geradezu spektakulär trostloses Panorama unversuchter Möglichkeiten.“
Wenn dieser virtuelle Landstrich also die webgewordene Land Art der Schriftstellerdomänen fasst, dann, so möchte man meinen, zelebriert man eine besondere Form von Minimalismus. Das wäre gar nicht schlecht, wenn dahinter ein Unterlaufen einer allzu Brave und New gedachten WWWorld läge. Aber es geht hier nicht um ein drastisches Double Negative, sondern um die Beine der Susanne Heinrich im Sunset Strip über den Dächern der Hauptstadt. Volle Pulle Leben im Negligé. Das deutsche Literaturweb kennt keinen Michael Heizer. Aber womöglich den einen oder anderen Walter De Maria, dessen vertikale Durchdringung der Digitalosphäre auch Florian Kessler entgeht, weil für sie nicht einmal litblogs.net den Marker setzt.
Denn natürlich ist Florian Kesslers Forderung an die Autoren nach stärkerer Nutzung der digitalen Werkzeuge ziemlich unverschämt, forciert sie doch fast normativ eine bestimmte Form von Autorenpräsenz im Web, die im Kern das Öffentlich- und Rückkopplungsbereitsein überbetont. Also eine Extroversion 2.0 des Literaturbetriebs. Es genügt ein flüchtiger Blick in die Literaturgeschichte, um zu erkennen, dass man damit nur eine Ecke der Blätter, die die Welt erzählen, zu greifen bekommt. Und über die Langstrecke sind das nicht immer die wirklich wertvollen. Die anderen entdeckt man vielleicht erst, wenn das Marbacher Literaturarchiv E-Mails an eine Ottla zu erschließen beginnt. (weiterlesen…)
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