Auslöschung des Papiers. Ein Beitrag im Cabinet Magazine erklärt, was die Informationsgesellschaft von der Aktenvernichtung lernen kann.
zu: D. Graham Burnett; Sal Randolph (2011) The Memory Hole has Teeth. Toward a field guide to shred. In: Cabinet. A Quarterly of Art an Culture. Issue 42. S. 70-77
„Shred is the versicolor confetti saluting the end of the age of the book –
and the party is just getting started.“ (D. Graham Burnett, Sal Randolph)
I
Über dem digitalen Lebensalltag mit all seinen Abhängigkeiten von der Rechentechnik schwebt nicht nur eine schwerelose Cloud, sondern auch eine weitere, bisweilen sehr dunkle Wolke. Denn manchmal, wenn man beispielsweise eine arglose E-Mail an einen freundlichen Menschen schreibt, färbt sich der Bildschirm wie vom Blitz getroffen um und anstelle des Eingabefensters präsentiert sich ein Blue Screen, dessen Farbe nicht für das himmlische Datenparadies der Cloud steht, sondern für einen handfesten Hardwareschaden im physischen Laufwerk. Wenn man sich dann auf die akute Odyssee der Datenrettung begibt, offenbart die unendliche Leichtigkeit der digitalen Information die Bleischwere, die dahinter stehen kann. Jedenfalls, wenn der automatische Backup des Rescue-and-Recovery auf demselben Gerät stattfindet. Immerhin erfährt man vom Fachmann, wie viel man eigentlich in den vergangenen drei Jahren an Informationsmengen auf dem Arbeitsrechner ansammelte. 220 Gigabyte informationellen Handelns stehen derzeit am Letheufer und sind bereit zur Einschiffung. Aber man tut, was man kann.
Neben der Verzweiflung, die vielleicht drei oder vier Texten im Entwurfsstadium dreidutzend E-Mails und der Sammlung legal erworbener MP3s, die irgendwo dort abgeladen sind, gilt, hält sich – und das ist die eigentliche Überraschung – die Verlustangst in erstaunlichen Grenzen. Vermissen würde man vielleicht eines der 220 Gigabytes. Da die Lage aber keinen gezielten Zugriff erlaubt, muss man eben retten, was zu retten ist. Die Lage erzwingt ein alles oder nichts. Das Sortieren und Aussondern kann erst nach der Rettung folgen.
Ein schöner Nebeneffekt dieser Notlage sind ein, zwei kleine Überlegungen zu den verschiedenen Dimensionen der Bindungen und Lösungen in diesem Zusammenhang: (weiterlesen…)
Nützlichkeit kennt klare Grenzen. Eine Position zu Dissens, Kritik und Wissenschaftsfreiheit (nach Judith Butler)
von Ben Kaden
Abstract:
Der Aufsatz untersucht ausgehend von der Argumentation Judith Butlers zur Wissenschaftsautonomie (Butler, 2011) das Konzept der Kritik als möglichen meta-analytischen und meta-methodologischen Grundbaustein von Wissenschaft. Diese Kritik zweiter Ordnung wird dabei nicht nur, Judith Butler folgend, als Option für die Selbstlegitimation von Wissenschaft vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ansprüche an eine Nutzbar- und Verwertbarkeit wissenschaftlicher Arbeit angesehen, sondern darüber hinausgehend verstanden als erforderliches Verfahren, aus dem heraus sich Aktualisierungs- und Übersetzungsprozesse inner- und interdisziplinär organisieren lassen.
Freiheit der Wissenschaft wird dabei als Verpflichtung zum Entscheiden verstanden, der nur mit einer elaborierten kritischen Kompetenz entsprochen werden kann. Die Integration dieser Kompetenz erfordert gleichermaßen das Anerkennen der sozialen Dimension von Wissenschaft, das produktive Zulassen von Dissenz und ein Verständnis der Rolle von Kontingenz im Prozess der Erkenntnisproduktion. Der Forderung nach Nützlichkeit wird einerseits die Notwendigkeit der Kontextualisierung (=nützlich für wen in welcher Hinsicht?) und andererseits das Konzept der Möglichkeit als Zweck der Wissenschaft entgegen gestellt.
(Der hier wiedergegebene Text ist die Vorversion eines Beitrags für die kommende Ausgabe (No. 19) der Zeitschrift LIBREAS. Library Ideas. ) (weiterlesen…)
Franzens Bad in der Informationsmenge. Und: Der n+1-Diskurs zum Thema gerät in der Frühlingsausgabe zum digital-bohemischen Dorf.
von Ben Kaden
Es ist durchaus ein berechenbarer Blick mit einem klar fokussierbaren theoretischen Hintergrund, den die Autoren der Zeitschrift n+1 auf all diejenigen Phänomene werfen, die auch uns tagtäglich beschäftigen: Foucault, Bourdieu, Adorno, mitunter ein paar weitere Franzosen treiben die Leser regelmäßig durch das obligatorische „Information Essay“, das zudem durchweg wie von einer Dachterrasse in Brooklyn aus geschrieben wirkt. Und dabei gelingt es dem Redaktionsteam zumeist, in diesem Editorial zur „Intellectual Situation“ ihrer Zeit aus ihrem sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen (im weitesten Sinne) Winkel mühelos die präzisesten und überzeugendsten Einschätzungen zur kulturell munter vor sich hin evolutionierenden Informationsgesellschaft aufs Papier zu bringen, die aktuell im Pressevertrieb zu haben sind. (weiterlesen…)
Autorität und Schreibmaschine: Überlegungen zur Digitalkultur.
“I love the tactile feedback, the sound, the feel of the keys underneath your fingers”
In der Ausgabe des Times Literary Supplement vom 25. März 2011 bespricht der Medienwissenschaftler David Finkelstein unter der Überschrift „Textual liberation“ zwei aktuelle Bücher zur Veränderung des Schreibens unter digitalen Bedingungen. Das Thema ist nicht nur medientheoretisch, sondern auch bibliothekswissenschaftlich bedeutsam, betrifft doch der Übergang zum so genannten Read/Write-Web und die damit verbundene Wandlung der dominierenden Lese- und Schreibtechnologien und -praxen alles, was für Bibliotheken die Zeitstrahlsegmente Gegenwart und Zukunft markiert.
Nachfolgend spanne ich von diesem Rezensionstext ausgehend auf sanften 3000+ Wörtern einen regen Bogen ausgehend vom Zusammenhang zwischen dem digitalen Handeln und den dieses Handeln prägenden Institutionen hin zur Parallele von Schreibmaschine und digitalem Textwerk vor dem Hintergrund einer Studie aus dem Jahr 1932. An den Bibliotheken geht dieser Bogen ausnahmsweise etwas vorbei. (weiterlesen…)
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