LIBREAS.Library Ideas

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (7): Ex Libris

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 16. März 2013

(Anmerkung: Aufgrund widriger digitaltechnischer Probleme kann der Beitrag, der eigentlich für Freitag gedacht war, erst am heutigen Samstag erscheinen.)

zu: Emily Jacir (2012) ex libris, 2010-2012.  Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König.

von Ben Kaden

Am Anfang eine Schachtel:

In einer dieser frischen Buchhandlungen mit Drang zur Nische, die man in Zentral-Berlin erstaunlicherweise bei abendlichen Wandelgängen plötzlich gern dort entdeckt, wo man gestern noch nicht einmal eine leeres Lokal wahrgenommen hatte (war es ein Schuster? Ein asiatisches Restaurant?), wobei diese rapide Vermehrung nicht nur darin ihre Ursache haben dürfte, dass, wie mir vor kurzem in der lauten Salontangotanzwelt des Clärchens Ballhaus der Vertreter eines mittelgroßen deutschen Literaturverlages eher bestätigte als mitteilte, nahezu alle aufstrebenden SchriftstellerInnen jedenfalls seines Hauses innerhalb des Berliner S-Bahnrings mindestens Zweitwohnung nehmen, was ganz eigene Probleme nach sich zieht, die Reisekosten aber kalkulierbar hält, entdeckte ich halb unter anderen Bänden versteckt nah der Kante eines Präsentationstischchens für Neuerscheinungen ein Buch von der Art, auf die man eher selten stößt, weil man von ihnen nichts weiß, sie Buchhändler eher selten von sich aus ins Sortiment nehmen, die aber dem bibliobibliothekarischen (im Gegensatz zum technobibliothekarischen) Blick ohne Umschweife ihre Relevanz offenbaren und daher auch alsbald in irgendeiner Verkaufsstatistik erscheinen.

Viele Exemplare der Dokumentation zu Emily Jacirs Ex Libris-Projekt dürften sich in dieser freilich nicht aufeinander addieren (der Amazon Verkaufsrang liegt derzeit in der Höhe „Viertelmillion“, also in einem Bereich, wo eine einzelne Bestellung gleich einen Satz um tausend Positionen nach vorn zur Folge hat) und aus bibliophiler Sicht macht das eher schlichte Büchlein wirklich nicht allzu viel her. Aber die Geschichte dahinter ist für uns unvermeidlich bemerkenswert.

Der Band spiegelt den Beitrag der Künstlerin für die dOCUMENTA (13). Dieser besteht aus Nahaufnahmen von bzw. aus Büchern, die im Palästinakrieg Ende der 1940er Jahre aus verlassenen öffentlichen Bibliotheken und vor allem aus Privathäusern in Palästina gezielt übernommen und nun zum Teil mit dem Vermerk „Abandoned Property“ (AP) in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt werden. Die Bände waren, wie Gish Amit in seinem Aufsatz Ownerless Objects? (In: Jerusalem Quartely, 33 / Winter 2008) ausführt, aufgegeben. Und zwar, weil ihre Besitzer vor dem Krieg flohen. Kurt Warman, damaliger Direktor der Nationalbibliothek in Israel, reagierte schnell und forderte von  seiner Regierung, was er umgehend erteilt bekam: Die Zuständigkeit für diese zurück- und verlassenen Bestände.

Daraufhin sammelten Bibliothekare – teilweise auch als in die israelische Armee embedded librarians – geschätzt 30.000 Bände ein. Der offizielle Zweck war, wie ein Memo Kurt Warmans zeigt, die Rettung der Bücher an sich mit der Horizontlinie einer eventuellen Rückgabe an die ehemaligen Eigentümer. Daher kennzeichnete man die Exemplare in den 1950er wenn möglich mit entsprechenden Herkunftsnachweisen. In den 1960ern wurden diese Namen durch das AP-Kürzel ersetzt. Dieser Schritt überführte diesen Sonderbestand, so Gish Amit, in eine Art besitzrechtliche Zwischenlage: Er gehörte nicht zum Bibliotheksbestand und er war doch nicht mehr auf die ursprünglichen Besitzer rückführbar. Und auch sonst bleibt unklar, jedenfalls aus der Position Gish Amits, welche Motivation wo und wie und vom wem hinter den Sammelaktionen parallel zum Militäreinsatz stand. Gish Amit zitiert aus einem Memo eines Dr. Strauss, Leiter des Eastern Science Department der Nationalbibliothek, der ein ganz anderes Opportunitätsfenster aufgehen sah:

„If a substantial number of these books is given to the National Library, we would be able to dramatically expand our research opportunities. Doubtless, we have first to bring into the National Library those books that are not current lyin our possession. As for the other books, we are mainly interested in classical literature publications… examining the books that have come into our hands therefore requires library processing with exact awareness of our needs, and it should be noted that in this aspect, the Eastern Department at the National Library far surpasses similar institutions in the rest of the Near East countries that, although they are wealthy in books, are not adequately organized and do not allow the reader and the researcher the kind of work that can be done here.”

Eine Nationalbibliothek im Aufbau in einem jungen, seine Kultur erst definierenden Land bekam nun die Gelegenheit, auf einen Schlag seinen Bestand erheblich zu erweitern. In diesem Fall mit Beständen, deren Schicksal sonst weithin in den dunklen Zügen dieses Krieges gelegen hätte und daher vermutlich Zerstörung und Verlust heißen müsste. Bibliotheksethisch stellt die Situation durchaus eine Herausforderung dar und die beiden Positionen – Bewahren für spätere Rückgabe oder Übernehmen zum Zwecke der Forschung – markieren zwei Seiten derselben Plakette. Die dritte Option, Belassen, schien nachvollziehbar unannehmbar.

Briefmarke Mount Scopus

“Tomorrow never comes until its too late” – Wir popkulturellen Kinder der 1990er+ kennen die beatmusikalische Aufarbeitung des Sechstagekriegs zumeist nur dank der außerordentlich eingängigen Wiederverwertung des Stücks durch DJ Shadow (Six Days. (Single-CD) MCA Records, 2002). Entsprechend läuft die zitierte und von Shadow dramaturgisch perfekt reinszenierte Zeile des Kehrreims unwillkürlich los und in Schleife, wenn nur irgendwo der Bezug zum Berg Skopus auftaucht. Denn der Sechstagekrieg führte zur Wiedereröffnung des Universitätscampus auf eben dieser Jerusalemer Höhe, dessen Fünfzigjähriges Bestehen durch die gezeigte Sonderbriefmarke, die am 14. Januar 1975 an die israelischen Postschalter gelangte, Würdigung erfuhr. Die National- und Universitätsbibliothek befindet sich jedoch auf einem anderen Campus in Jerusalem. Sie stand zwar auch einmal im Zentrum einer Briefmarkenemission (am 17.09.1992 und damit pünktlich zum ראש השנה), jedoch liegt mir ausgerechnet dieser Satz mit drei Werten genauso wenig vor, wie das biblionumismatische Glanzstück der zum gleichen Anlass ausgegebenen Münze. Daher bleibt für heute nur diese bibliophilatelistische Halbgarheit als Notlösung.

Die 1970 in Bethlehem geborene Künstlerin Emily Jacir, die generell die Geschichte der Palästinenser in die Mitte ihrer Arbeiten rückt, interessierte sich in der Arbeit Ex Libris für die Spuren, die von den ursprünglichen Besitzern in den Exemplaren blieben. Bemerkenswert ist die Annäherung auch aus medial-transformativer Sicht: Bei Besuchen der Nationalbibliothek in Jerusalem fotografierte sie die Markierungen, Einschreibungen und auch Verletzungen des Materials mit der Kamera ihres Mobiltelefons, um diese Aufnahmen später für die Präsentation und den Begleitband drucken zu lassen. Für ihre Auseinandersetzung mit dem Thema griff Emily Jacir zudem die library-processing-Perspektive des Dr. Strauss als Ausgangspunkt wieder auf: Sie sichtete den Freihandbestand nach AP-Titeln, um anhand der vorgefunden Exemplare die Fragen:

„Which books were deemed unimportant and insignificant and not worth collecting or preserving? Which ones were discarded? … Which books bypassed the “AP” designation and became part of the library’s general collections?” (S. 6)

zu reflektieren. Angesichts des Status der Arbeit als Teil der dOCUMENTA (13) schlug sie schließlich den Bogen zu den im September 1941 im Kasseler Fridericianum im britischen Bombardement verbrannten Bestände der Hessischen Landesbibliothek – übrigens auch Referenzpunkt der Documenta-Arbeit What Dust Will Rise des Künstlers Michael Rakowitz, der aus Steinen aus Bamiyan Bücher nachmeißeln ließ, die während der Bombenflüge im II. Weltkrieg in Kassel verloren gingen.

Das Faszinierende an dieser und an Emily Jacirs Arbeit ist, welche Aura das gegenständliche Medium Buch, das sich derzeit erklärtermaßen durch die digitale Verwandlung in Dateien dematerialisiert, gerade auch in seinem Verloren-Gehen und Versetzt-Werden auffaltet. Das Bändchen Ex Libris selbst trägt, wie erwähnt, zugegeben nicht viel dazu bei und bietet auch keine direkten Antworten. Aber die kleine Sammlung von Fotografien der Namenszüge, Papiereinrisse, handschriftlichen Zueignungen, Stempelspuren und auch Fotografien weckt eine andere Assoziation: die einer erratischen Spurensicherung. Wir können nicht nur in den Büchern, wie können auch die Bücher selbst als Manifestationen von (vergangener) Existenz und Geschichte lesen. Jedes Exlibris verweist darauf, dass ein konkreter Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt dieses Buch in den Händen hielt, aufschlug und vielleicht nicht ganz selten in dieser Handlung ein kleines Stück in seiner individuellen Biografie verändert wurde.

Uns bleibt als Überlegung – gesetzt den Fall das Buch als Medium verschwindet auf breiter Front, was angesichts der sprießenden Buchhandlungskultur wenigstens in Berlin vollends absurd erscheint, aber sicher weiß man es ja nie – ob es für den kostbaren Eigensinn der Materialisierung von Leben, Wissen und Wissenwollen im realweltlichen Medium Buch irgendein Gegenstück in digitalen Medienräumen geben kann (oder ob wir eines programmieren müssen). Und im Anschluss, was dies für die Erinnerungskulturen und die Bibliotheken als gern selbsterklärtes Gedächtnis der Menschheit bedeutet? Zwei nur scheinbar unscheinbare Fragen surren also dazu als Nachhut auch des Lebens, das wir gelebt haben werden, durch den Raum: Wie werden wir uns erinnern? Und: Wie wollen wir uns erinnern? Letztlich müssen wir zudem aus professioneller Verpflichtung  ergänzend mit uns abklären, welche Rolle die Institution Bibliothek auch aus, wenn man so will, erinnerungsethischer Sicht, dabei spielen kann?

Am Ende eine Biegung:

Die Katze Erinnerung / raum:shift

Die Katze Erinnerung: Angeblich gibt es Parallelen zwischen dem liebsten Begleittier der Johnsonianer und dem der Bibliothekare. Die gezeigte Aufnahme soll genau darauf hinweisen und außerdem fügt sie auch sonst allerlei allegorisches Potential (das zerkratzte Parkett, die Höhlengleichnis-artige Ausplustern des Schattenschwanzes, die geometrisch exakte Rahmung und die beide Bezugspunkte dieses Textes) nicht ungeschickt zueinander.

(15.03.2013)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (19): Wird Tumblr das Facebook der Generation Z?

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 3. März 2013

von Ben Kaden

„Dein Tumblr-Blog ist offline: Ein schöner Tag zum Sterben.“ – Audio88 und Yassin: Die Quadratur des Dreiecks. (Vinyl 7″. Erschienen bei: Spoken View, 25.01.2013)

„Ich zähl die Millen, chill in Villen, du bist still, Digger / Keine Zeit für Facebook und Unsinn zu twittern“ – Haftbefehl: Welcome to Alemania (Auf: Blockplatin. Doppel-CD. Erschienen bei: Azzlackz, 25.01.2013)

Was die Häufigkeit der Erwähnung im Korpus der Raplyrics (nach rapgenius.com) angeht, so liegt das Verhältnis von Facebook zu Tumblr derzeit (noch) bei etwa 10:1. Dass die auf dieser Plattform hinterlegte und annotierbare Textkultur einen exzellenten Seismographen für die (jugend)kulturellen Trends der westlichen Hemisphäre bildet, ist in Deutschland spätestens seit dem Artikel Schallmauer des Internets Andrian Kreyes in der Süddeutschen Zeitung (sueddeutsche.de, 24.01.2013) weithin bekannt. Rapgenius könnte gerade durch seine popkulturelle Tiefengrundierung die Digital Hermeneutics zu einem hippen crowdgesourcten Alltagsvergnügen machen und nebenbei zeigen, dass die Digitalen Geisteswissenschaften momentan in der Freizeitvariante ein fruchtbareres Echo als in ihrer professionellen Ausprägung  finden. In jedem Fall könnten sich die Entwickler entsprechender Werkzeuge hier ein paar Hinweise abholen.

Auch wenn wissenschaftliche Kriterien die dort Annotierenden und Auslegenden höchstens implizit bewegen: Die Wissenschaft hat mit rapgenius.com einen Radar für das, was derzeit entweder aufstrebenden KünstlerInnen – die selbst den Trends folgen – oder eben den etablierten TrendsetzerInnen als markant genug erscheint, um ein Publikum zu erreichen. Wobei erreichen voraussetzt, dass die Zuhörerschaft mit den Referenzen in den Texten auch etwas anfangen kann. Die sehr aktuelle, äußerst textlastige und weithin jugendkulturell etablierte Rapkultur erfasst, so eine These aus dem Ärmel, für bestimmte Statusgruppen relativ großflächig semiotische (und semionische) Bewegungen (Zeichenprägung, Zeicheninterpretation, Zeichenverwendung). Trend- bzw. Konsumtrendscouts haben hier also ihr Trüffelterrain. Und Kultursoziologen sowieso. Denn wenn beispielsweise der Friedrichshainer Rapper Mc Fitti (auch bekannt dank seiner Single Whatsapper) einen Text YOLO (Video online seit 22.01.2013) nennt, dann ist es nicht nur eine etwas typisch überironisiert-bemühte Post-Hipster-Pose. Sondern eben auch eine Aufzeichnung aktueller Kulturmerkmale aus der Hauptstadt.

II

„Hashtags auf Blogs und auf Facebook“ – ob diese Zeile aus dem Titel demnächst noch auf dem Kamm der Social Media-Welle Platz hat ist ein wenig fraglich. (Die digitalhermeneutische Auslegung lautet übrigens: „Hashtags wurden etabliert auf Twitter und neuerdings auch Instagram, aber auf Blogs und Facebooks funktionieren sie nicht. Fitti benutzt sie dort trotzdem. #yolo“)

Denn im Zuge einer derzeit halbwegs populären (nach den Metriken des Streuens in Social Media) Nachricht, die da lautet, dass der bisherige Facebook Director of Product, Blake Ross, sich neuen Aufgaben zu wendet, lieferte Ross eine nicht ohne Ironie aber eben auch nicht ohne Wahrheit formulierte und nun viel zitierte Anekdote mit:

„I’m leaving because a Forbes writer asked his son’s best friend Todd if Facebook was still cool and the friend said no, and plus none of HIS friends think so either, even Leila who used to love it, and this journalism made me reconsider the long-term viability of the company.”

Das ist weniger albern und aus der Luft geschossen, als es zunächst klingt. Die Diskurslinie der schwindenden Popularität von Facebook bei den Teenagern gibt es in den spezialisierten Webmedien bereits länger (=einige Wochen). Vor einer Woche jedoch begegnete sie mir leibhaftig  am Puls der Trendkultur der Bundesrepublik, nämlich in Berlin-Kreuzkölln. In einem kleinen Kreis junger kreativer Mittzwanziger wurde die Frage nach der möglichen Facebook-Freundschaft abschlägig beurteilt und zwar nicht aus persönlicher Antipathie sondern schlicht, weil man damit „durch sei“. Zu fordernd, zu bedrängend und zu süchtig machend sei die dort quasi eingeforderte Dauerinteraktion und da man Freunde lieber „in echt“ trifft, wurde der Tipping Point spätestens dann erreicht, wenn genau diese Kontakte unbefriedigend ausfallen mussten, weil auch im Lokal jeder permanent – übrigens nicht mehr per iPhone, auch das ist erledigt – sein Profil prüfte und optimierte Man könne jetzt aber gern dem Tumblr-Blog folgen.

III

Dieser Bewertung aus der Erfahrungswelt stellt CNET noch einen weiteren Aspekt zur Seite, der für Teenager hochrelevant ist: Facebook wird unpopulär, da mittlerweile auch die Eltern dort unterwegs sind:

„Facebook has become a social network that’s often too complicated, too risky, and, above all, too overrun by parents to give teens the type of digital freedom or release they crave.”

Facebook wird aus diesen Perspektiven folglich weniger als Ort der kommunikativen Entfaltung und mehr als einer der sozialen Kontrolle empfunden. Was sich weitgehend mit allgemeinen Nutzungserfahrungen decken dürfte. Generell bewahrheitet sich, dass Mainstreamfizierung folgerichtig zur Bildung neuer Abgrenzungsbewegungen führt. Anders als die übrigen digitalen Platzhirsche Google und Amazon, die weniger wegen ihrer Coolness und mehr wegen ihrer aus Kundensicht optimalen Dienstleistungen populär sind, leidet zum Beispiel Apple ein wenig darunter, dass der vermeintliche Avantgarde-Bonus mittlerweile nicht mehr gegeben ist. Ein iPad hat auch der fünfjährige Sohn des Nachbarn und Hausmeister Krause verfolgt nach dem Vertragswechsel bei der Telekom nun neben der Gartenarbeit auf dem iPhone 5 den Bundesliga-Ticker.

Das Unternehmen kann dies jedoch ebenfalls dank seiner nach wie vor stabil hohen Produktqualität ausgleichen und dürfte sich, wenn nichts schiefgeht, ein bisschen als Mercedes-Benz der Digitaltechnologie festsetzen: als Anbieter hochentwickelter und  hochpreisiger Produkte, die genau den Geschmack der Etablierten treffen. Für eine Existenz des Unternehmens auf höchstem Niveau reicht das sicher noch. Für einen Überhype zukünftig aber vielleicht nicht mehr. Wer in am Spreewald-Platz unterwegs ist, sieht jedenfalls auch, dass das Smartphone als Smartphone eigentlich niemand braucht und wenn WhatsApp nicht die SMS ersetzt hätte, sähe man vermutlich noch mehr dieser robusten Dumbphones, bei denen es auch nicht dramatisch ist, wenn sie morgens um halb fünf in irgendeinem Taxi nachhause verloren gehen.

IV

Im Gegensatz dazu steht Facebook vor der Herausforderung, vor allem die soziale Vernetzung (bzw. ihre Abbildung) als Produktkern zu besitzen. Der Fall StudiVZ zeigte, dass dies nur relevant ist, wenn sich das Netzwerk bzw. die Kontakte, die man sucht, auch dort finden lassen. Ein Ausstieg ist bei solchen Plattformen – im Gegensatz zu den nichtvirtuellen Netzwerken – vergleichsweise schmerzfrei und aufwandsarm möglich (das Entzugsdelirium möglicherweise Abhängiger einmal ausgeklammert). Daher verzeichnen nicht wenige Nutzer auf Facebook in letzter Zeit eher schrumpfende Kontaktzahlen (so jedenfalls die positive Erklärung). Sind also die Leute, die man persönlich für wichtig erachtet und die man nicht zuletzt auch als Publikum für sein Livecasting erreichen möchte, nicht auf der Plattform zu finden, verliert das Angebot an Reiz, Bedeutung und Aufmerksamkeit. Und mit dem letzten Aspekt auch die Grundlage seines Betriebsmodells.

Obschon derzeit nicht zu befürchten ist, dass Facebook ein Schicksal analog dem der trüben Holtzbrinck-Netzwerke droht, scheint es offensichtlich, dass dem Unternehmen seine Dominanz eben nicht so grundstabil wie bei Google gegeben ist. Sondern, dass es – vielleicht in Konkurrenz zu Google – unbedingt das derzeit vorhandene Vermögen (vor allem im Bereich der Social Data) in die Entwicklung neuer Produkte einbringen muss. Maßgeschneiderte Werbung allein dürfte kaum als Anker reichen. Der gangbare Weg ist vermutlich, die Transformation vom Trendprodukt zur Alltagsbasis weiterzugehen. Facebooks Zukunft könnte die eines Netzwerkgeneralisten werden, eine Mischung aus interaktiven Gelben Seiten, Telefon- und privatem Adressbuch (mit eingelegten Urlaubsfotos und ein paar Tagebuchnotizen). Entsprechend betont Adam Rifkin in einem Beitrag für TechCrunch die Rolle der Plattform als Medium des sozialen Zusammenhalts:

„It’s important to note that Tumblr is not replacing Facebook; it’s merely siphoning off some authentic liking and sharing, especially among young Americans. Facebook needs to exist because it’s holding down the Mom, siblings, and lame friends part of a person’s social life — the “public-private” life, if you will. As long as Mom sees you on Facebook occasionally, she isn’t going to think to look for you on another site… which paradoxically frees young users to act out on a stage that seems more private to them despite being on the open web.”

V

Warum also jetzt Tumblr? In gewisser Weise erscheint Tumblr als ein stark verbessertes MySpace. Die Plattform fokussiert, was MySpace in seinen frühen Jahren so erfolgreich machte: Content. Geht es in den Facebook-Strukturen fast karteihaft um mehr oder weniger nüchterne Möglichkeiten der Selbstdarstellung über die Visualisierung (bzw. Auszählung) sozialer Beziehungen, betont Tumblr den Austausch von Inhalten.Deren Popularität wird, halbwegs dezent als Notes, abgebildet. Ein Artikel zum Thema auf The Verge zitiert einen 15-jährigen mit den Worten:

„It just seems more intimate and its not really a place of bragging, but more of a place of sharing.”

Wer bei Tumblr einen Inhalt einspeist, freut sich, wenn ihn 50 weitere NutzerInnen verbreitet haben. Wenn 30 von diesen dann auch noch den eigenen Stream abonnieren, ist das schön. Aber nicht Kern der Aktivität.

Das Teilen von Inhalten ist denkbar einfach: one-click. Tumblr vereint so die Funktionalität des Weblogs mit der des sichtbaren Bookmarkens und Weiterleitens. Das man nicht direkt kommentieren kann, reduziert die Kommunikationskomplexität auf ein handliches Minimum.

Wie bei Facebook gibt es neben der Share- auch eine Like-Funktion. Per Tumblr-metrie wären entsprechend zweidimensionale Popularitätsanalysen zu konkreten Inhalten möglich. Ungleich zu Facebook gibt es die Möglichkeit, direkt Tags zuzuordnen und somit eine inhaltsfilternde Ebene. Die Tumblr-Suche funktioniert derzeit nur in diesen Tags – für die Volltextsuche benötigt man Google.

Die Vernetzung bei Tumblr bezieht sich nicht auf direkte Personen (wenngleich man sich auch als Person inszenieren kann) sondern auf Einzelinhalte Tumblr-Streams. Das Ego des Autors wird demnach hauptsächlich durch Inhalte vermittelt, nicht durch seine Präsenz an sich. Es ist zwar möglich, ein Template für den eigenen Präsentationsstream zu gestalten, aber so richtig wichtig erscheint dies nicht und die visuellen Exzesse, für die MySpace in seiner späten Phase berüchtigt war, muss man aktuell noch sehr suchen.

Aus urheberrechtlicher Sicht ist Tumblr allerdings zweifellos ein mittelprächtiger Albtraum. Urheberrechtsverstöße können derzeit nur über ein Copyright-Infringement-Formular gemeldet werden. Und danach folgt vermutlich ein eher intransparentes und aufwendiges Löschverfahren. Aus dieser Warte dürfte Tumblr also bei wachsender Popularität noch für einiges Aufsehen sorgen. Definitionsbedarf besteht hier ohnehin an der Stelle, ob jedes Teilen eine separate Verbreitungs- bzw. Vervielfältigungshandlung darstellt oder einzig derjenige, der die Ersteinspeisung eines Inhalts in das Tumblr-Netzwerk vornahm, für einen eventuellen Verstoß verantwortlich ist. Und wie man diesen überhaupt identifiziert. Zur Anmeldung bei Tumblr braucht man bisher nur eine valide E-Mail-Adresse.

Andere Räume

Die Eroberung anderer Räume. Das Motto raum:shift ist durchaus mit Bedacht gewählt. Denn es war so zu erwarten wie es mehr und mehr zu beobachten ist, dass digitale Kommunikationswelten eben nicht nur binär codiert werden. Sondern alle möglichen Mischnutzungen erfahren. Eine Bibliotheks- und Informationswissenschaft, die gesellschaftliche Relevanz beansprucht, muss vielleicht nicht jeder dieser Verästelungen folgen. Aber sie muss  schon die relevanten Zweige der Entwicklung registrieren, verstehen und entsprechende Schlüsse kommunizieren. Was nicht immer einfach ist. Aber gerade deshalb reizvoll.

VI

Solange wir auf die Musterprozesse (und den großen Abmahntsunami) noch warten, scheint die Verschiebung im Webnutzungsverhalte interessanter. Im Beitrag von Ellis Hamburger für The Verge findet sich folgende Einschätzung:

„Ultimately, the day of the overshare may have passed, and bragging online isn’t as fun as it used to be. “I think that kids just don’t care anymore, […] They have gotten over the idea of knowing everybody’s life and everybody knowing their lives!””

Das ist auch aus Sicht einer Digital Literacy bedeutsam. Sollte dies wirklich das Bewusstsein der Generation Z (oder auch Post-90s) prägen, dann zeigte sich hier eine ziemlich abgeklärte Sensibilität im Umgang mit diesen Medienformen. Während die Kulturkohorten vor ihnen Social Media als Innovation erlebten haben und – wie bei Innovationen üblich – die gesamte Bandbreite von extremer Skepsis bis hin zur Übernutzung ausprobierten, findet diese Generation einen eher natürlichen Modus vivendi mit der allgegenwärtigen digital vermittelten Sozialität (und Soziabilität), der nichts vom Staunen über die Möglichkeiten und viel von einer Redefinition bzw. Anpassung der Verwendungspraxis getreu eigenen Vorstellungen enthält. Man sticht mittlerweile mit dem Facebook-Profil auch bei sorgfältigster Pflege nicht mehr heraus und folgerichtig erscheint es unsinnig, darauf überhaupt Wert zu legen. Wenn an dieser Stelle die mittelbare und auf Tausch orientierte Selbstentfaltung die auf Status orientierte direkte Selbstdarstellung, die Facebook strukturell betont, ablöste, wäre das eine auch für Bibliotheken interessante Entwicklung.

VII

Denn einerseits müssen sie in jedem Fall wissen, was ihre (zukünftigen) Zielgruppen an kulturellen Werten, Zielen und Wünschen verfolgen. Und andererseits sind Inhalte und deren Vermittlung ihre genuine Stärke. LIBREAS probiert  – ergebnisoffen und mit nicht wenig Freude –seit Januar, ob sich die Idee einer digitalen Referatezeitschrift und damit auch so etwas wie Wissenschaftskommunikation über Tumblr abbilden lässt. Als Haupthürde zeigt sich dabei die simple Tatsache, dass die entsprechende Zielgruppe bisher (noch) nicht in diesem Medium aktiv ist. Auch was das generelle Verständnis für das Medium angeht, hat Tumblr im Jahr 2013 vielleicht den Stand von Twitter anno 2008.

Wie sich das für Bibliotheken darstellt, ist nicht ganz klar. Man findet aber zum Beispiel eine Reihe von Inhalten, die – an anderer Stelle – von der Library of Congress ins Netz gestellt wurden.

Der Bedarf scheint also – wenn auch nicht ad hoc quantifizierbar – gegeben. Problematisch für das Trendmedium Tumblr dürfte aber sein, dass spätestens dann, wenn die Bibliotheken Tumblr-Seiten betreiben, der Mainstream da ist. Dass diese Medium einen grundsätzliche Bedeutung wie Facebook erlangt, ist derzeit jedenfalls nicht zu erwarten. Aber vielleicht läuft es eine Weile neben Twitter mit, dem es am Ende angesichts der Beschränkung auf ein sehr einfaches Grundprinzip wahrscheinlich doch näher steht. Aus meiner Sicht kann man Tumblr, wie ich schon einmal schrieb, irgendwo zwischen diesem für ausführliche Inhalte gedachten Weblog und dem Verbreitungskanal Twitter verorten. Dass nun eine kleine Konkurrenz zu Facebook entstehen soll, kommt auch für mich einigermaßen überraschend und begründet sich vor allem darin, dass dies die derzeit eher zufällig nahe liegende Alternative ist. In Bezug auf digitale Soziale Netzwerke ist sie vermutlich nicht die Zukunft. Vielleicht aber ein Türöffner, der die Hegemonie von Facebook ein Stück weit durchbricht und die den Weg für andere Varianten der sozialen Interaktion im Web bereitet.

In den Raptexten werden übrigens beide Varianten gleichermaßen ganz gern, wie die Eingangszitate zeigen, als überflüssige Medienformen abgekanzelt. Die spannende mediensoziologische Frage wäre nun, inwieweit dies irgendeinen Einfluss auf die Hörerschaft hat. Die Deutung von Social Media als Zeitverschwendung weist jedenfalls nicht wenig in die Richtung, dass (nicht nur) die Generation Z ausgerechnet das Erleben nicht-digitaler Räume als äußerst attraktiv empfindet. Ohne Digitaltechnologie wird dies sicher nicht ablaufen. Allerdings wird sie, so (nicht nur) meine Vermutung, nicht vordergründig darübergestülpt, sondern dezent in diese eingebettet sein.

Nebenbei bemerkt: Dem Facebook aus Zeitgründen abgeneigten Haftbefehl folgen auf Facebook aktuell mehr als eine halbe Million Nutzer. Audio88 und Yassin haben bislang keinen Tumblr-Blog.

(03.03.2013)

Franzens Bad in der Informationsmenge. Und: Der n+1-Diskurs zum Thema gerät in der Frühlingsausgabe zum digital-bohemischen Dorf.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Mai 2011

von Ben Kaden

Es ist durchaus ein berechenbarer Blick mit einem klar fokussierbaren theoretischen Hintergrund, den die Autoren der Zeitschrift n+1 auf all diejenigen Phänomene werfen, die auch uns tagtäglich beschäftigen: Foucault, Bourdieu, Adorno, mitunter ein paar weitere Franzosen treiben die Leser regelmäßig durch das obligatorische „Information Essay“, das zudem durchweg wie von einer Dachterrasse in Brooklyn aus geschrieben wirkt. Und dabei gelingt es dem Redaktionsteam zumeist, in diesem Editorial zur „Intellectual Situation“ ihrer Zeit aus ihrem sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen (im weitesten Sinne) Winkel mühelos die präzisesten und überzeugendsten Einschätzungen zur kulturell munter vor sich hin evolutionierenden Informationsgesellschaft aufs Papier zu bringen, die aktuell im Pressevertrieb zu haben sind. (more…)

Autorität und Schreibmaschine: Überlegungen zur Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. April 2011

“I love the tactile feedback, the sound, the feel of the keys underneath your fingers”

In der Ausgabe des Times Literary Supplement vom 25. März 2011 bespricht der Medienwissenschaftler David Finkelstein unter der Überschrift „Textual liberation“ zwei aktuelle Bücher zur Veränderung des Schreibens unter digitalen Bedingungen. Das Thema ist nicht nur medientheoretisch, sondern auch bibliothekswissenschaftlich bedeutsam, betrifft doch der Übergang zum so genannten Read/Write-Web und die damit verbundene Wandlung der dominierenden Lese- und Schreibtechnologien und -praxen alles, was für Bibliotheken die Zeitstrahlsegmente Gegenwart und Zukunft markiert.

Nachfolgend spanne ich von diesem Rezensionstext ausgehend auf sanften 3000+ Wörtern einen regen Bogen ausgehend vom Zusammenhang zwischen dem digitalen Handeln und den dieses Handeln prägenden Institutionen hin zur Parallele von Schreibmaschine und digitalem Textwerk vor dem Hintergrund einer Studie aus dem Jahr 1932. An den Bibliotheken geht dieser Bogen ausnahmsweise etwas vorbei. (more…)

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