LIBREAS.Library Ideas

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: (Nicht) in Natalja Kljutscharjowas Dummendorf.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur by Ben on 14. April 2012

von Ben Kaden

Über:

Spuren der Bibliothek in den Romanen Endstation Russland (Berlin: Suhrkamp, 2010) und Dummendorf (Berlin: Suhrkamp, 2012) der jungen russischen Autorin Natalja Kljutscharjowa.

(Soeben entdeckte ich auf einem entlegenden Datenträger einen Schubladentext. Da man so etwas heute schnell und einfach aus der Schublade eines vergessenen Dateiordners in die Weböffentlichkeit zerren kann, vollziehe ich diesen Schritt nun einfach mal zum Samstagabend. Denn unsere Kategorie Die Bibliothek in der Literatur zeigt sich doch etwas stiefmütterlich behandelt=vernachlässigt. Als Erläuterung für alle, die es nicht kennen sollten: Das Wort Frankenpolish taucht – auch für mich bei der heutige Nachlektüre erstaunlich – zweimal im Text auf und steht für eine ausgeprägte Fingernagel- bzw. Manikürkultur und in diesem Fall stellvertretend für eine überbetonende Einstellung zu Glanz und Bling und Körperpolitur, wie sie erfahrungsgemäß bei Studentinnen der Bibliotheks- und Informationswissenschaft äußerst selten anzutreffen ist, in anderen Ausbildungsstudiengängen dafür etwas häufiger.) (weiterlesen…)

Schreiben Sie! Eine Karte Ermunterung von / eine Karte Erinnerung an Christa Wolf.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Dezember 2011

Am 26.03.1970 antwortet die 41-jährige Christa Wolf  einer 18-Jährigen auf die Frage, wie man es anfängt, dieses Schreiben.

Briefkarte Christa Wolfs vom 26.03.1970

Briefkarte Christa Wolfs vom 26.03.1970

Kleinmachnow, d. 26.3.70

Liebes Fräulein Marquardt,

ich fürchte, meine Antwort auf Ihren Brief muss Sie enttäuschen. Es ist nämlich nicht möglich, jemand anderem irgendwelche Ratschläge zu geben, wenn der andere schreiben will und nicht recht weiß, wie er es anpacken soll. Wahrscheinlich ist es am Anfang bei jedem so, und erst mit der Zeit stellt sich heraus, ob man wirklich schreiben muss. Aber das kann man erst merken, wenn man wirklich schreibt, und dazu möchte ich sie ermuntern. Ich kann nichts zu Ihrem Thema sagen – es kommt ganz darauf an, ob sie es auf neue Weise zu behandeln wissen. Auf alle Fälle unterdrücken Sie Ihren Wunsch nicht und gehen Sie an die Arbeit.

Dazu wünsche ich Ihnen Mut und Freude.

Ihre

Christa Wolf

(bk)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Robert Bobers Pariser Dokumentation.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. Oktober 2011

(zu:  Robert Bober (2011) Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen.
München: Verlag Antje Kunstmann.)

Eine für Stadtsoziologen und Ethnografen wenig überraschend These lautet, dass der gebaute Raum mit seinen diversen Einschreibungen von Architektur bis zur Gebrauchsspur selbst schon die Rolle eines kulturellen Archivs übernimmt. Je intensiver und vielschichtiger ein Stadtleben ist, desto nachhaltiger neigen diese Spuren zu sein. Die künstlerische oder literarische Auseinandersetzung mit dem konkreten Stadtraum nimmt diesen Effekt auf und hebt ihn auf zusätzliche Stufe: Die Spuren einer Stadt werden im Werk in einer separierten und übertragbaren Form aufgezeichnet.

Für das mit solchen Auf- und Nachzeichnungen nun wahrlich nicht zu knapp versehene Paris legte jüngst der Münchner Verlag Antje Kunstmann mit der Übersetzung eines Erinnerungsromans mit dem so bedeutungsverheißenden wie sperrigen Titel Wer einmal die Augen öffnet, kann nicht mehr ruhig schlafen. (On ne peut plus dormir tranquille quand on a une fois ouvert les yeux) ein weiteres Dokument auf den Stapel literarischer Parisiana. (weiterlesen…)

Die Dinge in Kybernesien. Marc Schweskas aktueller Wissenschaftsroman weiß auch, wie es in Berliner Bibliotheken zuging.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. August 2011

Von Ben Kaden

I

In einem heute etwas wunderlich schimmernden und erstaunlicherweise auf außergewöhnlich alterungsbeständigem Papier gedruckten Handbuch in A4 mit dem Titel „Arbeitsgestaltung. Psychophysiologische Probleme bei Überwachungs- und Steuerungstätigkeiten“ aus dem Jahr 1970 liest man auf Seite 12:

„In der Tat gibt es eine Reihe äußerer Ähnlichkeiten im Prozeß der wissenschaftlich-technischen Revolution in Kapitalismus und Sozialismus. In dem Maße, wie sich die Produktionsinstrumente als Kennzeichen der industriellen Revolution gleichen, werden beispielsweise Resultate und zum Teil auch Themenstellungen bei der Untersuchung menschlicher Arbeitsleistungen unabhängig von der Gesellschaftsordnung, zumal die Anforderungsverlagerungen, bedingt durch die veränderte Stellung des Menschen im Produktionsprozeß, im sozialistischen und kapitalistischen System ähnlich sind.“

Man merkt dem Kapitel 1.1.1. Zur bürgerlichen Technikphilosophie und den folgenden Abschnitten deutlich an, wie schwer sich die Autoren Jochen Neumann und Klaus-Peter Timpe in ihrem kleinen Manifest der angewandten Regelungstechnik dabei taten, a) die Klassenproblematik überhaupt in diesem Zusammenhang zu entfalten und b) zugleich die Überlegenheit des Sozialismus herauszustreichen. Zu vertraut waren Fortschrittsoptimismus und Automatisierungsbegeisterung in beiden Systemräumen und was den Stand des Wissens anging, bewegte man sich in diesem Bereich der technischen Metareflexion noch auf relativ ähnlichem Niveau. Entsprechend hilflos wirkt dann der obligatorische Hinweis:

„Analogien im wissenschaftlich-technischen Bereich führen nicht notwendig zu Konvergenzen im ideologischen Bereich. […] Vorhandene Ähnlichkeiten, die in bestimmten Bereichen sicherlich gegeben sind, führen nur zu Schnittpunkten, nicht zu Asymptoten im ideologischen und sozialen Bereich.“ (S. 13)

Man hat fast vor Augen, wie das Autorenduo in einer langen Nachtschicht unter dem gnadenlosen Neonröhrenlicht eines Büros im Institut für Psychologie der Humboldt-Universität an diesen technikphilosophischen Problemkapitelchen herum schraubte, um den klaren ingenieurpsychologischen Resultaten und Ableitungen zur Arbeitsplatzergonomie aus den Untersuchungen der Arbeitsgruppe um Professor Friedhart Klix das erforderliche ideologische Beiwerk anzufügen. Und wie es schließlich glücklich auf einen ausgeschnittenen und erst vergessenen Artikel aus der Ausgabe des kulturpolitischen Wochenblatts Sonntag vom 22.09.1968 stieß, der die Gegensätzlichkeit Sozialistische Dynamik wider Konvergenz zweckdienlich zitierbar ausrollte. (weiterlesen…)

Es gibt kein richtiges Lesen im Veilchen. Ein Sonntagsaufsatz.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 19. Juni 2011

von Ben Kaden

I

Die Studierenden, die im Frühjahrssemester 1957 an der Cornell University eine Literaturvorlesung des Dozenten Vladimir Nabokov besucht hatten, in deren Zentrum der vom Dozenten höchstgeschätze russische Ehebruch- und Eisenbahnroman Anna Karenina stand, sahen sich am Dienstag den 19.März in der Prüfung mit einer denkwürdigen Fragestellung konfrontiert:

„Beschreiben sie die Tapete in Karenins Schlafzimmer.“ („Describe the wallpaper in Karenins‘ room.“) (Sprung zur Antwort) (weiterlesen…)

It’s the frei<tag> Countdown. Noch 30 Tage.

“Im Hintergrunde erhebt sich die Kaserne, rechts das Gefängnis und links das Spital. Ist dies nicht wirklich ganz der Platz, welchen der Mann selbst gewählt haben würde, er, der mit solchem Muthe und so viel Geschick die alte Zivilisation gegen die Barbarei der Neuerer vertheidigte?” - Édouard René Lefebvre de Laboulaye: Prinz Pudel. Heidelberg: Carl Winters Universitätsbuchhandlung, 1868. S. 280

Zugegeben: Auf der Freshness-Skala selbst einer noch so printaffinen Hipster-Kultur muss es jedes Buch mit dem Namen “Prinz Pudel” einfach nur schwer haben, auch wenn die Popper’resken (gemeint ist die Jugendkultur der 1980er und nicht etwa der Erkenntnistheoretiker) Frisuren mancher Vertreter dieser Gruppe doch oft sehr an Scheren und Trimmen erinnern.

Aber nicht jeder, der die Haare wie ein Barbet trägt, fühlt sich von der Assoziation mit Laboulayes Prinz Hyazinth zu Tulipanen, König der Mückenschnapper auch wirklich geschmeichelt.

Was ein Fehler ist, denn wer die politische Humoreske kennt, weiß, wohin der kluge Jungaristokrat sein Volk führt: zur Verfassungsurkunde von Liberia. Und so wie ein ehemaliger Präsident des realen Liberias zwar Charles Taylor heißt, jedoch nichts mit dem gleichnamigen kanadischen Meisterdenker des Kommunitarismus zu tun hat (wobei letzterer an Laboulayes Buch ein gewisses Vergnügen empfinden würde und ersterer sicher ein oder zwei der geschilderten dystopische Grundzüge in seine Herrschaftszeiten legte) so entspricht dieses Liberia bestenfalls dem 1847 intendierten (und damals schon fragwürdigen), aber nicht dem realen des frühen 21. Jahrhunderts.

Die Vereinigten Staaten waren, so Tocqueville, dereinst das Maß der freiheitlichen Dinge, was Laboulaye in seinem Pudelbuch im Kapitel zur Laterna magica zu der zukunftsweisen These veranlasste:

“Im Grunde war sie nichts anderes als die vierzigste Auflage der Verfassung der Vereinigten Staaten, welche die Runde in der neuen Welt macht und eines Tages wohl auch zu den Chinesen hinüberkommen kann.” (S. 271)

Die Betonung liegt auf der Möglichkeitsform und im heutigen Peking geht man vermutlich nach wie vor davon aus, dass dieser eine Tag dem berühmten Heiligen Nimmerlein gewidmet sein wird.

Woran es schließlich lag, dass die politische Satire des geistigen Vaters der Freiheitsstatue, die wirklich wenig mit Hundeliebe zu tun hat, über die kleine Auflage in dem Heidelberger Universitätsverlag nicht hinauskam, weiß nur der damalige Buchmarkt allein. Und heute dürften die Annales Mückenschnapperorum selbst im Longtailvertrieb ihr Stammpublikum bestenfalls an der hintersten Haarspitze der Pudelquaste finden.

Es war genau genommen auch eher ein drolliger Zufall dieses Mittwochs, der eine Wanderung über den Berliner Bebelplatz mit dem Eingangszitat zusammenführte und sich in einem Illustrationstext zur zweiten Countdown-Fotografie des frei<tag>s unterhaken ließ. Denn natürlich haben die Standbild-Errichtungsphantasien der Bürger zu Dummburg, die den erzreaktionären Baron und Polizeistaatsmeister Gerhard von Weinerlich zu ehren trachten (also – Achtung Western-Fans! – bestenfalls eine Art Statue of Liberty Valance aufzustellen planen), eigentlich keinen Platz auf einem Platz von dem sich sagen ließe: “Im Hintergrunde erhebt sich die Sankt-Hedwigs-Kathedrale, rechts die Staatsoper und links die Alte Bibliothek.” Nur sieht der Flaneur aktuell vor allem Bauplätze. Und Menschen, vorwiegend mit touristischen Ambitionen, im Gespräch.

Bemüht man sich nun wirklich, gelingt es sogar den Halbkreis zwischen Prinz Pudel, dem Stadtplatz gegenüber der Humboldt-Universität und unserer Unkonferenz mit zugegeben größerem Biegeaufwand zusammenzuführen. Denn im Vierten Kapitel des Buches berät die Regierung der Mückenschnapper über einen neuen Gesetzentwurf, die Zeitungs- und Bücherpolizei betreffend. Was bereits in der Überschrift polizeilich-totalitär anklingt, bestätigt in Artikel 4 des Gesetzes die finstersten, frühorwellianischen Erwartungen:

“Es wird unter der direkten Leitung der Regierung eine “officielle Bibliothek” errichtet, welche alle Meisterwerke des menschlichen Geistes in einer sorgfältigst revidierten, corrigierten und expurgierten Ausgabe enthalten wird. Nur diese Ausgabe wird zum Umlaufe im Reiche zugelassen; alle früheren werden, bei Geld- und Confiskationsstrafe, innerhalb eines Jahres über die Grenze geschafft und dort vernichtet.” (S. 42)

Wer mit dem Verb expurgieren seine Verständnisprobleme hat, sei an dieser Stelle an den LIBREAS Call for Papers #19 erinnert. Und auf dieses Dokument der ALA verwiesen.

freitag Bebelplatz

Unkonferenz ist überall. Auch wenn der Herr mit der laufmaschigen Feinstrumpfhose, der vor dem Bauzaun der Staatsoper eine Reihe von Büchern auslegt und damit einen eigenwilligen Kontrapunkt zu dem nur wenige Meter befindlichen Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 markiert, gemeinhin andere Dinge als den Freiheitsbegriff des Édouard Laboulaye auseinandersetzt, so lebt er ihn doch auf seine Art.

Wer übrigens selber Karten wie die gezeigte bekommen und verteilen möchte, der bekommt auch welche. Eine E-Mail an die LIBREAS-Redaktion mit Postanschrift und dem Betreff freitag-Flyer sollte genügen. Jedenfalls solange der Vorrat reicht.

(bk)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Die Ver-N-zelten des Leonid Dobyčin

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 12. April 2011

„ – Das Wahre, das Gute, – rief er, wie gewöhnlich deklamierend, – und das Schöne!“[1]

I

Im Jahr 1909 zog ein junger Student namens Naum Pevsner aus der ostrussischen Provinz in die Metropole München. Zunächst wollte er dort Medizin, später Hochbau zu studieren. Aber irgendwie – München schien zu dieser Zeit ein wenig wie Berliner Auguststraßen der 1990er gewesen zu sein – rutschte er dort in die Kunstkurse Heinrich Wölfflins und zugleich ins Umfeld der Neuen Künstlervereinigung. Den Stand der Avantgarde erhielt er aus erster Hand von Wassily Kandinsky und dessen Kreis  vermittelt und bald war er ein Teil dieser Münchner Kunstbohème. Damit war klar, dass die Architektur vielleicht seine Sache ist. Aber nicht in einem Hochbauamt. Unter dem Namen Naum Gabo wurde er zu einer der prägenden Gestalten des Konstruktivismus sowie der Kinetischen Kunst, pfiff auf die Zukunft und feierte die Gegenwart. Gemeinsam mit seinem Bruder, dem Bildhauer Antoine Pevsner, verfasste er später ein „Realistisches Manifest“ (1920), um das Utopische rechts zu überholen. Er wandte sich gegen den futuristischen Ansatz, Geschwindigkeit durch die Abbildung einer eingefrorenen Bewegung zu fassen. Ihm und seinem Bruder ging es darum, der Bewegung in Reinform mittels Kunstwerk Ausdruck zu geben. Mit dem für Manifeste meist üblichen Vergangenheit-in-einer-Sackgasse-Pathos wurde die neue, revolutionäre Lebensform ausgerufen:

„The blossoming of a new culture and a new civilization with their unprecedented-in-history surge of the masses towards the possession of the riches of Nature, a surge which binds the people into one union, and last, not least, the war and the revolution (those purifying torrents of the coming epoch), have made us face the fact of new forms of live, already born and active.”[2]

Die Kubisten, so das Manifest, würfelten sich im Gegenstand doch nur auf der Oberfläche und methodisch in der Regelarmut ihrer Logik fest. Die Fachkollegen vom Futurismus dagegen führen den Karren der Kunst mit ihrer Leinwandfixierung gegen die Galeriewände. Ihr Symbolvorrat – Automobile, Flugzeuge, Infrastrukturelemente und alles, was die frühe industrielle Beschleunigungsgesellschaft so auszeichnete – waren noch zu erdgebunden und konkret, um die Größe des Aufbruchs zu erfassen. Das Leben wartet nicht und vor allem lässt es sich auch nicht auf eine Diskussion ein: „deed is the highest and surest of truths“[3]. Die Tat geht über die Schönheit und die Ästhetik ist die der Konstruktion: „we construct our work as the universe constructs its own, as the engineer constructs his bridges, as the mathematician his formula of the orbits.”[4] Weg mit der Statik, her mit der Dynamik. Die Wissenschaft lehrt uns die Regeln und die gilt es ins Hier und Jetzt zu setzen. „We assert that the shouts about the future are for us the same as the tears about the past: a renovated day-dream of the romantics.”[5]

Das nennt man dann wohl einen hart bandagierten Richtungsstreit. Und obschon sie sich mit Ortega Y Gasset in der Ablehnung des Kubismus vielleicht die Hand reichen hätten können, stellt man sich ein entsprechendes luftschlössernes Treffen insgesamt eher schon vor wie das Conquête de l’air Roger de La Fresnayes. Angesichts der proklamierten Lust an der Aktion solcher Oden an eine jetztzeitige Massenkinetik greift man fast dankbar zu jedem Antidot. Und ist – Gnade der späten Geburt – glücklich, mit der eigenen Diskursfahrt erst am Ende des Jahrhunderts der –ismen und im Kunsttiegel Berlin begonnen zu haben. Und nicht bereits in Naum Gabos Geburts- und Kindheitsstadt Brjansk in den 1920er Jahren. (weiterlesen…)

Die Bibliothek in der Literatur. Heute: Das fahle Königreich des David Foster Wallace.

Posted in Die Bibliothek in der Literatur, LIBREAS.Feuilleton by Ben on 7. April 2011

„Given the academic setting here, an obvious question is how much of this work of adjusting our default setting involves actual knowledge and intellect.“ (David Foster Wallace, This is Water, New York: Little, Brown and Co., 2009, S. 46)

Spätestens als vor zwei Jahren Ulrich Blumenbachs wahnwitzige Übersetzung des noch wahnwitzigeren Romans Infinite Jest von David Foster Wallace erschien, erlangte der Ausnahmeschriftsteller und eigentlich auch Ausnahmedenker – wenn die Sterne gut stehen, fallen beide Eigenschaften auch mal zusammen und resultieren dann in einer Art intellektueller Supernova, die als eine Art Explorationswerk wie beispielsweise Alexander von Humboldts Kosmos aufblitzt, nur eben in diesem Fall eine hochkomplexe Innenwelt kurz ausleuchtet, selbige zwischen dem „Year of Glad“ und dem 20.11. des „Year of the depend adult undergarment“ in 1000 Seiten schmal gesetzten Text als Abbild fixiert und damit einen granitenen Solitär in das Kiesbett der Literaturgeschichte rollt, wie es nur sehr sehr wenige gibt – auch hierzulande den Status einer Art posthumen (David Foster Wallace nahm sich 2008 das Leben) Popstar für eine bestimmte soziokulturelle Kohorte. Es ist ein Werk, das dem Leser zunächst wenig schenkt außer vielleicht dem Gefühl, dazuzugehören, nicht gleich aufgegeben zu haben, Teil eines Happenings in Gestalt einer durch den Erscheinungstag fast synchronisierten Lektüre gewesen zu sein. (weiterlesen…)

Abkunft, Auskunft, Zukunft. Perspektiven auf Buch und Literatur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 6. April 2011

Ein Besprechungs-Essay zu

Jeff Martin, C. Max Magee (eds.) (2011) The Late American Novel. Writers on the Future of Books. Berkeley: Soft Skull Press. (Facebook-Seite zum Buch)

Umberto Eco, Jean-Claude Carrière (2010) Die große Zukunft des Buches. München: Hanser. (Seite zum Buch beim Verlag)

von Ben Kaden

„Angeblich soll es ja noch heute Leute geben, die Bücher lesen. /
Es gibt ja immerhin auch Leute,
die Faldbakken für einen talentierten Autor halten.“

Audio88 / Guter Vorsatz (mit K-T-I???)[1]

I

Die Zukunft des Buches bestimmt sich nicht über die Medienform, sondern um den Umgang mit der Medienform. Also: Unserem Verhältnis zu den Kulturtechniken Lesen und Schreiben. Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom 05.04.2011 entdeckt man eine Spiegelung des Feldes, das als Substrat dieser beiden Facetten kommunikativen Handelns zu begreifen ist: die Literatur. Florian Kessler zeigt sich ob der mangelnden Ausschöpfung der digitale Potentiale durch die deutsche Literatur schlicht enttäuscht.[2] Das Web ist wenig mehr als eine Art dynamische Litfasssäule, über die man seine Produkte – deren Palette das Außenimage des Autors unweigerlich einschließt – zum Markte bzw. Endverbraucher trägt. Die Wechselwirkung mit dem Publikum findet jedoch nur über die Facebook-Dependancen der Verlage statt:

„Die karge Landschaft deutscher Autorenhomepages bietet so ein geradezu spektakulär trostloses Panorama unversuchter Möglichkeiten.“

Wenn dieser virtuelle Landstrich also die webgewordene Land Art der Schriftstellerdomänen fasst, dann, so möchte man meinen, zelebriert man eine besondere Form von Minimalismus. Das wäre gar nicht schlecht, wenn dahinter ein Unterlaufen einer allzu Brave und New gedachten WWWorld läge. Aber es geht hier nicht um ein drastisches Double Negative, sondern um die Beine der Susanne Heinrich im Sunset Strip über den Dächern der Hauptstadt. Volle Pulle Leben im Negligé. Das deutsche Literaturweb kennt keinen Michael Heizer. Aber womöglich den einen oder anderen Walter De Maria, dessen vertikale Durchdringung der Digitalosphäre auch Florian Kessler entgeht, weil für sie nicht einmal litblogs.net den Marker setzt.

Denn natürlich ist Florian Kesslers Forderung an die Autoren nach stärkerer Nutzung der digitalen Werkzeuge ziemlich unverschämt, forciert sie doch fast normativ eine bestimmte Form von Autorenpräsenz im Web, die im Kern das Öffentlich- und Rückkopplungsbereitsein überbetont. Also eine Extroversion 2.0 des Literaturbetriebs. Es genügt ein flüchtiger Blick in die Literaturgeschichte, um zu erkennen, dass man damit nur eine Ecke der Blätter, die die Welt erzählen, zu greifen bekommt. Und über die Langstrecke sind das nicht immer die wirklich wertvollen. Die anderen entdeckt man vielleicht erst, wenn das Marbacher Literaturarchiv E-Mails an eine Ottla zu erschließen beginnt. (weiterlesen…)

Frame – der Weg zum Buch? Zu Nicole Krauss’ Buchhandlungstheorie.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. März 2011

I

Es wirkt beinahe etwas vermessen, sich Gedanken zur Zukunft des Medium Buchs hinzugeben, wenn zeitgleich anderswo weitaus Grundsätzlicheres auf der Kippe steht und gerade die allumfassend vernetzte Welt, die Berichte zu den Ereignissen im Liveticker in alle Büros der westlichen Hemisphäre überträgt, dafür sorgt, dass wir nicht bis zu den Tagesthemen warten, sondern das Thema des Tages permanent in informationeller Hab-Acht-Stellung verfolgen. Während am letzten Freitag auf der ISI 2011 darüber diskutiert wurde, wie frei und sozial Wissen sein kann, verfolgte man im Auditorium, sofern man sich der Nachrichtenlage bewusst war und nicht vorher von Feuilleton-Artikeln zu den Folgen des Falls zu Guttenberg für die Wissenschaft vollauf beansprucht wurde, wie das Meer eine Küstenregion in einer Art und Weise zermalmt, die man vielleicht in der Literatur Sakyo Komatsus mit einigem Schauder beschrieben erwartet, aber deren Drastik, und sei sie nur über Youtube vermittelt, den Beobachter in ein ehrfürchtig-ohnmächtiges Staunen versetzt.

Vermutlich ist es die trotz aller basiskulturellen Unterschiede bestehende Verwandtschaft der im Untergang befindlichen Lebensraumgestaltungen, die uns beim Anblick der Bilder so berührt. Wenn die New York Times das Bild von Eltern zeigt, die auf ein zerdrücktes, kaum mehr als solches erkennbares Auto starren und die Beschreibung verrät, dass sie gerade das Fahrschulfahrzeug fanden, in dem ihre Tochter starb, dann steckt dahinter der Einbruch einer Katastrophe in die Alltäglichkeit, die man auch beim Blick von Frühstücktisch aus einem Mannheimer Fenster in den gnadenlos schönen Vorfrühling sehr nah erspürt. Die Ereignisse aus Japan konfrontieren uns überdeutlich, wie fragil das Gewebe unserer Alltagswirklichkeit vom Biohonig im Supermarkt bis hin zur politischen Debatte gestrickt ist. Gegen Fukushima und die Folgen wird die Plagiatsaffäre zu Guttenberg eine possierliche Marginalie im Jahresrückblick 2011 sein.

Andererseits ist die Nahsicht notwendig –  schlicht um zurechtzukommen. Ständig auf das Damoklesschwert eines kosmischen Zwischenfalls zu starren, der mir nichts, dir nichts alles auszulöschen vermag, was der Kulturmensch gemeinhin unter Bedeutung versteht, ist kaum hilfreich, wenn man halbwegs erfolgreich Sinn suchend oder konstruierend durch den Tag zu kommen versucht. Andererseits zeigen Fukushima und die anderen möglichen atomaren Schmelzpunkte, dass eine Hochkultur sich durchaus und ständig fragen muss, ob sie nicht manchmal in ihrem Fortschrittsglauben Wetzstahl an der Klinge spielt. Wenn man am Rheinufer auf das Leuchten der industrieromantischen Kulisse des riesigen BASF-Werkes schaut und daran denkt, wie flussabwärts Philippsburg und flussaufwärts Biblis den atomenergetischen Rahmen der Szenerie bilden, fühlt es sich trotz aller Vernunft und ungeachtet allen Vertrauens in deutsche Sicherheitsstandards so an, als sei der Grat, auf dem diese Art von Industriekultur ausbalanciert ist, nicht für alle Zeit der breiteste.

Literatur scheint in diesem Kontext eine nachgeordnete Rolle zu spielen, übernimmt aber bei genauerer Hinsicht und adäquater Umsetzung eine wichtige Aufgabe: Sie reflektiert und übernimmt dabei dann, wenn sie gelesen wird, die Rolle eines gemeinsamen Reflexionshorizontes besonders für Ereignisse, die an sich schwer rationalisierbar und verständlich sind. So bildete – um ein naheliegendes Beispiel herauszugreifen – die Literatur nach Tschernobyl, in Westdeutschland prominent durch Gudrun Pausewangs Jugendbuch „Die Wolke“ und in der DDR durch Christa Wolfs „Störfall“ markiert, einen geteilten Verständnishorizont, der nicht unwesentlich zur Politisierung der Debatte um die Atomkraft beitrug. (weiterlesen…)

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