LIBREAS.Library Ideas

Das Internet, prä- und postideologisch. Ein Essay.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 18. Mai 2013

 von Ben Kaden

I

„In this Internet-centric view, the Net stands outside of history. It has brought us to an epochal moment – the culmination of all human invention.” (Ellen Ullman (2013) The Net: Key tool or creed to live by? In: Internation Herald Tribune, May 18-19, 2013, S.20)

Die in der Samstagsausgabe der International Herald Tribune abgedruckte Rezension der Software-Expertin und Autorin Ellen Ulman zu Evgeny Morozovs Streitbuch To Save Everything, Click Here (Konrad Lischkas Rezension bei spiegel.de)  ist nicht nur überaus lesenswert, sondern erinnert mich auch daran, dass ich schon längerer Zeit plante, eine serendipitöse und asynchrone Lektüre anzuregen.

Mittlerweile scheint eine Position schon fast salon-, DB-Lounge-und wahrscheinlich Sankt Oberholz-fähig, an der sich Evgeny Morozov schon seit längerem erst gegen wachsenden Widerstand und jetzt mit wachsendem Rückenwind auf- und abarbeitet: Die Kritik dessen, was Jaron Larnier einmal „cybernetic totalism” nannte, für das die Süddeutsche Zeitung die Überschrift Diktatur der Perfektion (Ausgabe vom 02.April 2013, S.11) fand und was generell als eine Kritik an der Überhöhung des Einfluss digitaler Technologien in den Stand der Ideologie bezeichnet werden kann. Morozov attackiert Lawrence Lessig, Clay Shirky, Kevin Kelley und Gary Wolf, also Protagonisten, die mehr oder weniger in digitalen Netztechnologien die beste aller möglichen Welten (einen aktuellen „zenith of human achievement”) sehen.

Aber genauso und vielleicht noch viel stärker sollte man die Post-Steve Jobs’, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg  und die Jungs von Google in den Mittelpunkt einer Reflexion über die Optimierungshohepriesterei rücken, welche die Next Big Things und die dazugehörigen Thingstätten zum Geschäftsmodell erhoben und damit die notwendigen Innovationsschritte finanzierbar machten.

Während man einen solchen Text ins Pad noch nicht aber fast diktiert, wirkt es fast kurios, wenn einem Alltagsdokumentationen der digitalen Trends aus der Frühzeit des Internets begegnen. Ich weiß nicht, weshalb sich mir ausgerechnet die Ausgabe des SPIEGELS Nr. 44/1994 vor dem Wurf in den Recycling-Container – natürlich für eine gute BinCam-Bilanz – noch einmal zum Druchblättern anempfahl (vermutlich am graubärtigen Alexander Solschenizyn auf dem Titelblatt), aber so entdeckte ich drei spannende Beiträge, die vor dem Hintergrund des aktuellen Diskurses nicht uninteressant sind. So liest man auf der Medienseite (S. 122) die Kurzmeldung

„Als erstes US-Nachrichtenmagazin hat Time grafische Informationsseiten im weltweiten Datennetz vorgestellt.“

Und das der Ausdruck World Wide Web noch nicht jedem geläufig war, wurde eine Beschreibung mitgeliefert. Das Angebot des Time Magazine startete als

„Teil des Informationssystems (…) in dem der Benutzer Texte und Bilder über das Telefonnetz auf den PC-Bildschirm holen kann.“

Die erste Webpräsenz des SPIEGELs, so die Ergänzung, wurde kurz zuvor im Oktober vorgestellt und entsprechend freuen wir uns 2014 auf das Jubiläum 20 Jahre Spiegel Online.

II

Der zweite faszinierende Artikel beschäftigt sich ebenfalls mit dem frühen elektronischen Publizieren und erinnert an den morgenluftigen Reiz der Modem-vermittelten Kommunikation. Denn wo es heute um Transparenz, Markt und Datenkontrolle geht, verfolgte die Netzaktivisten der noch jungen 1990er andere Ziele. Zum Beispiel die kreative Entfaltung. Der Artikel auf den Seiten 101 und 104 (dazwischen ist eine doppelseitige Werbehymne auf die Degussa als Umweltschutzpionier eingeschoben) beschäftigt sich mit elektronischen Zeitschriften. Damit meinte man damals keine wissenschaftlichen Publikationen sondern vor allem die Fortsetzung der Zine-Kultur mit digitaltechnischen Mitteln.

Sehr anrührend wirkt aus der heutigen Rückschau die noch ganz unfertig wirkende Beschreibungssprache für digital vermittelte Kommunikationsprozesse. SPIEGEL-typisch eröffnet der Artikel mit einem lebensnahen Beispiel:

„Viermal im Monat erhält Lars Hinrichs, 18, Post vom Roboter.“

Obwohl es den Ausdruck E-Mail bereits seit den 1980ern gab, findet er in diesem Text nur später und nebenbei eine Erwähnung – ganz im Gegensatz zum längst ausgestorbenen „Hotflash (sinngemäß Blitzmeldung)“, die dem Schüler aus Hamburg von Wired zugestellt wird und zwar durch einen „Infobot, der elektronische Informationsroboter, [der] den Leserservice“ übernimmt. Der SPIEGEL verweist zudem darauf, dass Wired „das erste kommerzielle Printmedium [ist], das sich das personalsparende Verfahren zunutze macht.“ Einer leichter früher Hauch der Optimierung, der sich aus der Perspektive des Jahres 2013 als Vorbote des Wirbelsturms einer Big Data-basierten Lebensweltanalyse herausstellt.

Auch von Verdrängung, und zwar des Mediums Print, ist bereits die Rede:

„Der PC am Datennetz beginnt bei Kleinstverlegern oder Bürgerinitiativen den Fotokopierer als Vervielfältigungsmaschine zu verdrängen. Vereinsbulletins, poetische Traktate oder ökologische Flugschriften werden im Schnelldurchgang am Bildschirm hergestellt. Ohne Drucksachen-Porto und oft nur zum Telefon-Ortstarif lassen sich auf diese Weise, theoretisch jedenfalls, Millionen Leser auf der ganzen Welt erreichen [...].“

Heute zeigt sich das Ganze fast invertiert: Während nahezu alle Publikumsverlage auf ein Geschäft mit E-Books wenigstens hoffen, erleben die Kleinauflagen in Print – beispielsweise Jason Dodges hervorragende Reihe Fivehundred places – mit streng limitierter Stückzahl eine intensive Zuwendung und haben anscheinend überhaupt nicht das Bedürfnis, sich in den unmäßigen Strom e-publizierter Botschaften zu stürzen. Wobei es ja seit je das Merkmal der Avantgarde war, das zu fliehen, was gerade als Mode angesagt ist. Insofern war es folgerichtig, dass Electronic Zines entstanden, die der Print-SPIEGEL als „bizarr“ und „hastig zusammengetippt“ charakterisieren durfte, bevor sein SPON-Portal genau mit diesen Tugenden zur dominanten Seite auf dem deutschen Online-Nachrichten-Markt aufgebaut wurde.

Urheberrechtsbrüche und unseriöse Inhalte wurden für die Zines als typisch herausgestellt:

„Hemmungslos kupfern die Zine-Schreiber aus anderen Medien ab, erfundene Zitate machen manche Mitteilung erst richtig rund. Im Datennetz gibt es keinen Presserat, Pop und Politik stehen neben Abzockerei, Pornographie und Poesie.“

Man hat also schon in zwei Sätzen die gesamte Bandbreite der Kulturdebatten der kommenden Jahrzehnte umrissen und das wunderbar herablassend aus der Kanzel des schwarzen Hochhausblocks in der Brandstwiete 19: „Oft ist der Leserkreis derart klein, daß der Herausgeber jeden seiner Abonnenten persönlich kennt.“

Aber selbstverständlich hatte man die Zukunft bereits im Blick und beschrieb mit den „E-Zines neuester Machart“ in gewisser Weise die Vorstufe des E-Books:

„Der Leser kann sie, mit der Computermaus und einer speziellen Software für den Internet-Informationsverbund World Wide Web [...], am Terminal durchblättern. [...] Von den ersten hektographierten Pop-Zines sind die hypermedialen Nachfolger bereits so weit entfernt wie der Popsender MTV von der Gartenlaube.

Beide Vergleichsmedien dürften den Digital Natives nicht mehr allzu bekannt sein, aber diejenigen, die 1994 SPIEGEL lasen, waren damit sehr gut im Bilde.

III

War dieser kleine Artikel, der mit dem späteren XING-Gründer als Musterbeispiel des Web-Vorreitens ansetzte, von einer nicht ganz versteckten Herablassung geprägt, die allerdings mehr dem Stil des Hamburger Magazins als dem Thema zuzuschreiben ist, äußert im Sportteil der Ausgabe der Schachgroßmeister Viktor Kortschnoi die Digitalkritik, mit der man auch heute in der Debatte punkten kann. Ums Internet geht es ihm nicht, wohl aber um die Computer, denn diese „Nehmen dem Schach [...] seinen Zauber.“ Der „Kampf Mann gegen Maschine“ (SPIEGEL) verweist exakt auf die Probleme, die auch Evgeny Morozov und andere verhandeln (und die obendrein natürlich auch im Zentrum aller Überlegungen zu Digitalen Bibliotheken stehen): Wie viel gestehen wir den Maschinen zu, wie viel menschliches Entscheiden wollen wir erhalten und vor allem: wie viel Maschine schalten wir zwischen uns Menschen als Übermittler und was darf oder sollte für der digitale Dokumentation und Analysierbarkeit vorenthalten bleiben?

Morozov, der 1994 seinen zehnten Geburtstag begehen durfte, würde vermutlich Kortschnois Zustimmung haben, wenn er – paraphrasiert von Ellen Ullman – betont:

„[...] decries the ideology of “transparency”, reminding us that no human relationship can survive without innuendo, mystery, even lying.“

Denn was ist das Schachspiel anderes, als eine hocheleborarierte und fein destillierte Form menschlicher Interaktion. Er ist da nahe an der Position des Schachgroßmeisters, der meint:

„Früher wurde ein Spiel als Gesamtheit gesehen und mit einer Strategie gekämpft, die sich durch die ganze Partie zog. Der Computer zerhackt das Spiel in einzelne Züge. Jeder überlegt, welcher Zug in welcher Stellung einen winzigen Vorteil bringt, ohne langfristig zu planen. Das ist Fast-food-Schach. Die Kunst stirbt langsam, aber sicher.“

Wobei die Beschreibung nicht nur auf die verbrauchsoptimierte Schachfelderwirtschaft zutrifft, sondern deutlich beobachtbar auf alle möglichen Facetten des spätkapitalistisch organisierten Lebensalltags bis hin zum Wissenschaftsbetrieb. Man spricht beispielsweise zwar gern, öffentlich und noch von Forschungsstrategien. Doch wer die Untiefen der Projektförderantragspraxis kennt, weiß auch vom mehr als offenen Geheimnis, wie es an vielen Stellen Zug um / gegen Zug zugeht und was es bedarf, um überhaupt mit von der Partie sein zu dürfen.

Man braucht darüber nicht lang zu klagen, sondern könnte beispielsweise einmal überlegen, wie sich – im Zuge einer Technikbewertung – die Transformation des gepflegten Wissenschaftsideals als wertfreie Suche nach Erkenntnis zu irgendetwas viel pragmatischerem unter dem Einfluss digitaler Informationstechnologien analysieren lässt. Das Fachgebiet dafür wäre das der Science, technology and society (STS) studies und hat in Deutschland so gut wie keine Lobby und offensichtlich noch nicht einmal eine deutsche Wikipedia-Seite.

Ein wenig verfällt Kortschnoi im 1994er Interview eine zu resignative Verfallsrhetorik, wenn er sagt:

„Der Gedanke, daß eine Diskette den Weltmeister bezwingt, ist unerträglich. Alle Leute können ins Kaufhaus rennen, sich das Rechenprogramm besorgen und zu Hause den Weltmeister schlagen. Niemand wird mehr Respekt für den schachspielenden Menschen aufbringen. Der Computer relativiert die menschliche Leistung auf eine perfide Weise.“

Und, so muss man ergänzen, mischt die Karten des sozialen Rangs neu. (Stichwort Respekt) Kortschnois Argument dient ganz offensichtlich der Verteidigung des in einem prä-computerisierten Kontext erworbenen Status und niemand mag es ihm – und mochte es ähnlich argumentierenden Bibliothekaren – verübeln, wenn sie so und, wie wir heute wissen ziemlich hilflos, um die Sicherung bestimmter Positionen in der Gesellschaft kämpften. Das, was man als “Revenge of the Nerds” bezeichnen kann, also die Machtübernahme derer, die sich nicht auf die Normen, Sozial- und Kommunikationsstandards der zu dieser Zeit etablierten Akteure verstanden, dafür aber in einer Welt der algorithmischen Kontrollmodelle erfolgreich herumaspergerten, ist ein entscheidender Aspekt des Kulturkampfes um die Digitalisierung. Und wiederholt das, was jeder Handwerker mit dem Beginn der industrialisierten Konsumgüterproduktion widerfuhr: Eine Relativierung dessen, was er als professionelle Daseinsstrategie entworfen hatte.

So ganz komplett wollte sich Kortschnoi übrigens nicht in die von ihm selbst herausgezogene Schublade sortieren lassen. Auf den Einwurf des Interviewers:

„Jetzt klingen Sie wie der Kulturpessimist Neil Postman, der den vermeintlichen Verlust der Lesekultur mit dem Untergang des Abendlandes gleichsetzt“

entgegnete der Schachexperte:

„Um Himmels willen, nein.”

Dennoch bleibt ganz generell die Frage offen, was wir eigentlich als langfristige Perspektive, also Strategie, erwählen können, wenn wir – aus guten Gründen – die Ideologie des Internet als „god to obey” (Ullman), ablehnen. Der Ausblick, mit dem Ellen Ullman ihre Buchbesprechung beschließt, erdet zwar die Debatte sehr vernünftig, wenn sie schreibt, dass ihre Peers, nämlich die Programmierer, Entwickler und Computerwissenschaftler

„would support his [Morozovs] belief that the Net really is embedded in history, is made up of cables and routers and servesm and is created by mortal human beings.”

Er hilft aber nicht bei der Frage weiter, mit welchem übergeordneten Zweck und in welcher Form wir uns als Menschen in dem Ausmaß, in dem wir es trotz allem tun, mittlerweile ganz unvermeidlich existentiell in diese technologischen Netze einweben lassen. So eine richtige Antwort fällt mir derzeit auch nicht ein. Aber dass weder Konsum, noch Bequemlichkeit noch das wenig hinterfragte gesellschaftliche Ideal einer permanenten Daseinsoptimierung befriedigende und ausreichende Leitbilder sind, scheint mir einsichtig.

Gerade deshalb bin ich in beide Richtungen skeptisch: Sowohl hinsichtlich einer digitalen Aufbruchs- und Emanzipationseuphorie, deren Ablehnung weniger in der Furcht, eine  bestimmte Position im sozialen Gefüge zu verlieren, fußt, sondern schlicht in der (historisch verifizierten) Einsicht, dass blinde Revolutionsakte immer mit Nebenschäden und teilweise bitteren Verlusten einhergehen, für die ich in diesem Fall schlichtweg nichts Sinnvolles finden kann.

Andererseits ist das reaktionäre Beharren auf der Beibehaltung alter Ordnungsstrukturen nicht nur ohnehin im Langzeitverlauf zwecklos, sondern sorgt ebenfalls für nicht zu rechtfertigende Zurücksetzungen, Beschädigungen und Verlusten. So bleibt am Ende des Tages vermutlich nicht viel mehr, als die Grundausrichtung auf ein ganz klassisches Verstehen-wollen, das nicht auf Wertung sondern auf Anerkennung zielt und etwas solange gelten lässt, solange es nicht die Möglichkeit, der Selbstgeltung des Anderen einschränkt.

Wir befänden uns dabei unvermeidlich im Bereich dessen, was der Psychologe Lawrence Kohlberg als postkonventionelle, autonome und prinzipienorientierte Ebene der moralischen Entwicklung beschrieb und von der er selbst zugeben musste, dass sie in der Realwelt eher sehr selten anzutreffen sein. (vermerkt in: Lawrence Kohlberg et al. (1983) Moral stages : a current formulation and a response to critics. Basel, New York: Karger)

Ein Verfahren, mit dem man dies wenigstens ein wenig anzustreben versuchen kann, liegt möglicherweise in der regelmäßigen Eigenkonfrontation mit den Spuren der Vergangenheit wie sie hier am Beispiel eines SPIEGEL-Hefts angedeutet wird. Denn über die historische Verortung lässt sich in der Regel ganz einfach eine Relativierung jeweils gegenwärtig als unumstößlich gehandelter Wahrheiten erkennen. Und daraus die Demut ableiten, die nicht nur den hohen Kohlberg-Stufen innewohnen muss, sondern die auch Ellen Ullman bei Morozov vermisst und die die zumeist weitaus höher gehandelten Werte Fakten- und Regelwissens und anwendbarer Handlungskompetenzen, an denen es uns heute eher nicht mangelt, unbedingt ergänzen sollte:

„Mr. Morozov’s formidable intellect makes this a noteworthy book. A dose of humility would have made it a better one.”

(Berlin, 18.05.2013 /  @bkaden)

It’s the frei<tag> 2013 Countdown (24): Blick zurück nach vorn. 1993 als Schlüsseljahr der Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 26. Februar 2013

von Ben Kaden

„We were on tour and this guy came backstage and showed us the Internet. We were very impressed.” – Mike D., ca. 1993

Im April 1992 erschien das Album Check your head der Beastie Boys. Es dauerte wie immer eine Weile, bis jemand aus unserer kleinstädtischen Mitte in die Großstadt fuhr, die CD besorgte und wir anderen uns, wie üblich, Kassettenkopien für den Walkman erstellten. Wie es sich für Berufsmusiker gehört, tourten die Jungs aus New York im Anschluss. Aber natürlich nicht in unserer Nähe. Uns blieb nur, ausdauernd MTV in der Hoffnung zu schauen, dass sich zwischen den 4 Non Blondes, Soul Asylum und Ugly Kid Joe eines ihrer Videos zeigte. Irgendwo auf ihrer Bühnenrundreise begegneten die Beastie Boys anscheinend einem Nerd der ersten Stunden und sahen die Zukunft. Deshalb kann nun, um die 20 Jahre später, das New York Magazine Mike D.s Erinnerung in einer für uns Zeitzeugen erstaunlichen Collage unter der Überschrift Did 1993 Change Everything? abdrucken.

Das Jahr war tatsächlich eigenartig irgendwo zwischen Menace II Society, Björks Debut, dem Friedensnobelpreis für Nelson Mandela und Willem de Klerk (und damit dem Ende der Apartheid), Bill Clinton, der Entfesselung des Neoliberalismus (beispielsweise privatisierten die kurzsichtigen Briten ihre Eisenbahn), dem Vertrag von Maastricht, der Auflösung von a-ha und dem Tod von Kobo Abe, dem von Hans Jonas und dem von Pablo Escobar eingehängt. Natürlich bekommt man diese Fakten auch ohne Internet noch zusammen und weiß gar nicht, ob man sich darüber freuen soll, dass man so live dabei war, zu Siamese Dream mitträumte, zu Nuthin‘ but a „ G“ Thing mitbouncte und nicht wusste, dass man ein Jahr darauf von einer Downward Spiral noch ganz anders mitgerissen werden würde. (Und wie melancholisch stimmt es einen, wenn man beispielsweise realisiert, dass Isolda Dychauk, die das Gretchen in Alexandr Sokurovs Faust spielte, in diesem berühmten Jahr geboren wurde. Und wie erschütternd es ist, zu sehen, dass Justin Biebers Geburt damals sogar erst noch bevorstand.)

Es war das Jahr, in dem America Online (für Macintosh und Windows) kam, damit Amerika online geht. Allerdings wusste man in der ostdeutschen Provinz 1993 und noch ein wenig länger nur vom Hörensagen, was dieses Internet eigentlich sei. Dass jedoch alles, was in den USA geschieht, erst mit einem 10-Jährigen Nachhall Deutschland erreicht, stimmte selbstverständlich überhaupt nicht mehr. (Falls es überhaupt je zutreffend war.) Irgendwann hatte schließlich jemand ein Modem und eine Linkliste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die es ermöglichte, zielsicher von ganz unten in die schon früh vorhandene Vielfalt der Netzkultur einzusteigen.

Netscape also und nicht Mosaic hieß das erste (Keller)Fenster zur virtuellen (Unter)Welt. Abgerechnet wurde die Einwahl zum Minutentarif und daher assoziierte niemand das Web mit dem Schlag- und Dreschwort der Kostenloskultur. Es war eher ein Rummelplatzerlebnis, bei dem man Eintritt zahlt, um danach durch ein Verrücktes Haus zu stolpern.

Das digitale Himmelreich zeigte sich allerdings auch bald und der erste Zugriff auf Amazon.com wirkte tatsächlich als Zäsur. Denn die dort abfragbare Vielfalt an (potentiell und nur in Amerika) verfügbaren Büchern über alle denkbaren und unvorstellbaren Themen erschien uns jedenfalls schlicht als Wunder. Die uns bekannten Versandhäuser führten biedere Namen, wie sie auf Klingelschildern in der Nachbarschaft hätten stehen können und zeigten in ihren Katalogen eine Ausstattungspalette für kleinbürgerliche Vorstadtexistenzen, die von Filmen auf VHS-Videokassetten (eine Doppelseite) über Fahrräder und Heimtrainer bis zu Massagestäben reichte, die man sich anscheinend an die Wange oder Schulter halten musste. Aber unserer Sehnsucht nach Welt boten diese aufgeräumten und hausbackenen Konsumquellen keinen adäquaten Horizont. Die verästelten Flussläufe der Nischenangebote des amerikanischen Buchmarkts dagegen erlebten wir in gewisser Weise als eine mittelschwere Erweckung und neue Welt.

Amazon war zu diesem Zeitpunkt, also etwa 1995, fast noch eine Garagenunternehmung, ein Broker, der eine Datenbank zwischen Buchkunden und externen Auslieferern schaltete. Im Juni 1996 verkaufte Amazon.com dann 5000 Bücher – am Tag. (vgl. dazu auch Lyster, 2012) Vermutlich ahnte Jeff Bezos spätestens zu diesem Zeitpunkt ziemlich sicher, dass er auf das richtige Pferd gesetzt hatte und es nur auf den langen Atem (und auf das Long Tail) ankam. Ganz ohne Wagemut ging es sicher nicht, denn wohin und wie das zarte Pflänzchen WWW tatsächlich wuchern sollte, war zu diesem Zeitpunkt nicht vollends absehbar. Allerdings konnte man den 20sten Jahrestag einiger Basisinnovationen für die neue Mediennutzungskultur verbuchen: Der Strichcode nach dem UPC-Standard wurde in den USA 1973 eingeführt, machte Gegenstände maschinenidentifizierbar und somit elektronisch gestützt prozessierbar , das ARPANET überwand dank Satellitentechnik im selben Jahr den Atlantik und wurde entsprechend global und mit den Videospielen wurde eine erste Praxis der direkten Bildschirminteraktion populär, ca. 13 pralle Jahre bevor Elizabeth Grant aka Lana del Rey geboren wurde, die uns 2011 zeigte, wie man mit der Referenz auf Video Games furchtbare Nostalgiegefühle auslösen kann. Außerdem war ab 1993 die Entfaltung des E-Commerce unter der neuen Regierung Clinton/Gore in den USA mehr als gewünscht.

Dass das Web ziemlich schnell den Nimbus einer hippen Zukunftssache erhielt, ist jedoch einer Printpublikation zu verdanken, die am 02. Januar 1993 on-kiosk ging. Die Metapher „Rolling Stone of Technology“ bedeutete für Wired einen Auftakt mit Ritterschlag, denn in diesen Jahren stand das Rolling Stone Magazine auf Papier für das, was MTV auf dem Fernsehschirm galt: Das Zentralorgan der Populärkultur. Noch hipper ging es nur im Untergrund und da es noch 14 Jahren bis zur Erfindung von Issuu und Tumblr dauern sollte, fehlte den Zines selbst bei liebevollster Gestaltung die Politur, die als Brücke zu den Massen taugte. Mit Wired wurde nicht nur das Web cool sondern zugleich ein Lebensstil, der auf Digitaltechnologie und die darüber vermittelte Kommunikation (bzw. Selbstentfaltung) setzte. (Grob zwanzig Jahre zuvor (in den frühen Jahren des Barcodes) gab es übrigens mindestens drei Maßstäbe setzende Kabelagen: den Bird on a Wire (Leonhard Cohen), den Man on Wire (Philippe Petit) und natürlich die World on a Wire (von Rainer Werner Fassbinder), wobei nur der dritte Film wirklich ins Wired-Schema passt.)

frei<tag> mit Praline

Die Suche nach einer unbedingt vorhanden geglaubten Wired-Ausgabe im privaten Zeitschriftenarchiv wirbelte zwar Staub auf, erwies sich insgesamt leider als erfolglos. (Alternativ fand sich zwar die generell hochinteressante Ausgabe des Playboy No. October 1969, die mit Jean Bell die erste dunkelhäutige Frau als Centerfold dieser Zeitschrift präsentiert, aber auch ansonsten wenig bis gar nichts mit Bezug zur elektronischen Medienkultur enthält – Anzeigen für zeitgenössische Unterhaltungselektronik wie den 8-Track-Stereo-Track-Recorder Panasonic Symphony 8 – “This is our answer to the scratchy phonograph record.” – ausgenommen, wobei im Ergebnis die kratzige Schallplatte auch diese hochgespulte Ansage gelassen überpringen konnte). Daher wird die frei<tag>13-Karte hier anders inszeniert gezeigt. Nämlich vor einem soliden, goldbetupften Stückchen Pâtisserie-Kunst im nicht mehr so ganz angesagten Prenzlauer Berg. Man muss ja auch nicht immer mit dem Zeitgeist gehen. Und wie beruhigend ist doch die Undigitalisierbarkeit einer Canache.

Wer nun heute in die erste Ausgabe von Wired vermutlich eher hineinklickt als blättert, findet einen hochinteressanten Text mit dem Titel Libraries Without Walls for Books Without Pages: Electronic Libraries and the Information Economy vom für Europa zuständigen Wired-Redakteur John Browning. Aus 20 Jahren Distanz haben wir gut reden, könnte man meinen. Aber eigentlich haben wir nicht. Denn erstaunlicherweise sind sehr viele der damals formulierten Aussagen zur elektronisch und noch nicht digital genannten transformierten Bibliothek verblüffend aktuell:

Das Einstiegsthema des Artikels waren Digitalisierung und E-Books:

„Why not, the logic goes, cut out unnecessary page-turning and work directly with the electronic version of the document?”

konnte man lesen und außerdem erfahren, dass die BnF in einem Digitalisierungsprojekt (“perhaps the most ambitious”) einen Kanon von 100.000 Büchern binarisieren wollte.

E-Zeitschriften allerdings waren noch nicht unbedingt Online – sondern mehr Print-on-Demand-Journals:

„Instead of receiving a printed journal from publishers, for example, it [the British Library] now receives a CD-ROM containing digitized images of the articles from which it prints out a new hard copy each time one is requested.”

Dagegen wurde die Konkurrenz durch Konvergenz zu diesem Zeitpunkt absehbar:

„If someday in the future anybody can get an electronic copy of any book from a library free of charge, why should anyone ever set foot in a bookstore again? But if the books on a library’s electronic shelves are not free, what is left of the distinction between library, printer and bookstore – and what is left of the library’s traditional raison d’etre: namely, making information available to those who cannot afford to buy it?”

Eine schwierige Sachlage, die bis heute unter den Sigeln § 52a und § 52b auch die deutsche Gerichtsbarkeit in urheberrechtliche Auslegungsbredouillen bringt.

Wobei sich der Autor zu diesem Zeitpunkt die Elektronischen Leseplätze weitaus progressiver vorstellte, als sie das deutsche Urheberrechtsgesetz derzeit offensichtlich ermöglicht:

„The workstations will provide a network link to the card catalogs, note- taking and bibliography software, and, most ambitious, a sort of electronic notebook customized for work in electronic libraries. The workstations are still in the early prototype stage, but the plan is to allow a researcher to scan pages of text directly into a personal database instead of photocopying them for hard files. Scanned text can then be annotated, indexed, and searched by a variety of means.”

Indes füllen mittlerweile Dienste wie Scribd (Selbstbeschreibung: „a digital documents library“) die Lücke, die die Bibliotheken oft lassen müssen. Dennoch (bzw. deshalb) bleibt zeitkonstant die Aussage aktuell:

„One of the more vexing questions concerns copyright.”

John Browning wusste ebenfalls bereits von der Zeitschriftenkrise zu berichten:

„Problem is, libraries can no longer afford to have all the books and journals they feel they should have on their shelves. Over the past few decades, the number and cost of academic journals has skyrocketed.”

und sah gleich eine Lösung voraus, die freilich auch 20 Jahre später noch nicht allzuweit etabliert ist, nämlich

„to find new ways that enable researchers to get and to pay for only those journal articles that are needed. Here’s where new technology can help.“

Insgesamt enthält der für ein Rolling-Stone-Pendant eher nüchterne Text nur wenige Stellen, die aus der Zwei-Dekaden-Distanz erwartungsgemäß etwas drollig wirken. Eine davon betrifft die technologische Vorreiterposition der Grande Nation:

„For better or worse, that is how the country got the Concorde, the Airbus, its nuclear power program, Minitel – and now the electronic book.”

Zu E-Books stellte der Guardian im vergangenen Sommer immer noch fest:

„When it comes to reading books, the French are determinedly bucking the digital trend and sticking to paperbacks.”

Die Concorde und Minitel sind dagegen musealisiert, das Atomprogramm ist als Zukunftstechnologie eher ausgeglüht und wird durch die großen Urgewalten Sonne, Wind und Wasser bedroht und der Airbus besitzt in der Öffentlichkeit in etwa so viel Sex Appeal wie ein Citroën. Er soll heute vor allem störungsfrei befördern.

Ähnlich, aber erfahrungsgemäß nicht gänzlich überholt, ist auch die Aussage:

„The electronic image of a book is still a few gigabytes worth of information, and a gigabyte is a helluva lot of data – several times more than what fits into most of today’s computers or flows conveniently through computer networks.”

Es ist bemerkenswert, dass zwar elektronische Aufsätze durchaus auch als digitaler Text gedacht wurden, das Medium Buch jedoch in diesem Kontext beständig als Bilddigitalisat.

Andererseits war das Ausstiegsszenario des Aufsatzes das der Bibliothek als publizierendem Akteur – ein Thema, welches im Zusammenhang mit der Datenpublikation wieder richtig brisant werden könnte. John Browning  führte diese sich abzeichnende Rolle zur Formulierung eines Dilemmas:

„If libraries do not charge for electronic books, not only can they not reap rewards commensurate with their own increasing importance, but libraries can also put publishers out of business with free competition. If libraries do charge, that will disenfranchise people from information – a horrible thing. There is no obvious compromise.“

Zwei Absätze vorher notierte er nicht unpassend eine denkbar zeitlose Einsicht, die man durchaus – in vielleicht etwas poetischeren Worten – auch über ein Bibliotheksportal in den Sandstein meißeln könnte:

„None of these changes will happen overnight.”

Einige der prognostizierten Veränderungen stehen nämlich auch 20 Jahre später noch ziemlich aus.

Was gleichwohl zunehmend bemerkbar wird und woran die von Wired mitforcierte kulturelle Transformation der Gesellschaft nicht ganz unschuldig ist, ist die wachsende Unvorstellbarkeit der prädigitalen Welt. Carl Swanson rapportiert in seinem Beitrag zum Jahr 1993 im New York Magazine eine Anekdote aus der Familie des Wired-Mitbegründers Kevin Kelly. Dieser berichtete, so Swanson:

„My youngest son is 16, and when he was 10 or 11, he asked, ‘How did you get on the Internet without computers?‘ He kind of understood how computers might not exist […] but he couldn’t imagine the Internet not being there.”

Und Swanson ergänzt:

„It’s not easy for me, either, an I was there, calling the reference desk at the library.”

Die Zeit vor der Allgegenwart des Digitalen lässt sich 2013 (in der westlichen Lebenswelt) fast nur noch als Geschichte vermitteln. Wohin die Wege führen in 20 Jahren geführt haben werden, scheint derzeit ungewisser, als – in der Rückschau – jede Vorhersage aus dem Jahr 1993. Mutige Science-Fiction-Szenarien abseits finsterer Dystopien gibt es kaum. Offensichtlich ist sicher der Trend von wired zu wireless. Offensichtlich ist ebenfalls, dass ein Quantensprung ins Digitale (oder im Digitalen), wie er 1993+ erfolgte, heute nicht mehr mit einer Printpublikation begleitet werden wird. Nicht mal mit einer, die Wireless heißt. Die Avantgarde-Zeitschriftengründungen der letzten Jahre berühren vielmehr eine Art kritische Ausrichtung bis Gegenkultur zur Digitalität. Möglicherweise ist damit auch ein Trend für die nähere Zukunft bestimmt: Postbinäre und neoanaloge Kommunikationsformen. Im Jahr 2033 wird sicher jemand mehr darüber schreiben können. Aber wie und wo und welcher Form vermag ich nicht vorherzusagen. Dabei wird es schon spannend sein, zu sehen, wie er sich an die Medienkultur 2013 erinnert.

Quellen

John Browning (1993) Libraries Without Walls for Books Without Pages. Electronic Libraries and the Information Economy. In: Wired 1.01. Online: www.wired.com/wired/archive/1.01/libraries_pr.html

Angelique Chrisafis (2012) Why France is shunning the ebook. In: Guardian / Shortcuts Blog, 24.06.2012. Online: www.guardian.co.uk/books/shortcuts/2012/jun/24/why-is-france-shunning-ebooks

Clare Lyster (2012) The Logistical Figure. Apathy, individualism, power. In: Cabinet Magazine. Issue 47 (Fall 2012) S. 56-62

Carl Swanson (2013) Are we still living in 1993? In: New York Magazine. Februar 11, 2013, S. 28-37

Die Zukunft elektronischer Datennetze aus dem Blickwinkel des Jahres 1980. Eine Abendlektüre.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 6. Juni 2012

zu:

Anthony E. Cawkell (1980): Electronic information processing and publishing – problems and opportunities. In: Journal of Information Science Vol. 2. Iss. 3-4. 189-192   DOI: 10.1177/016555158000200309

von Ben Kaden

„[…] during the next five yeards it is hard to visualise any major shift from print-on-paper
to all-electronic systems on a global scale.“ – A.E. Cawkell, 1980

I

Gerade fiel mir ein kleiner Beitrag des heute nicht mehr unbedingt ständig präsenten, seinerseits aber durchaus bekannten Informationswissenschaftlers Anthony E. Cawkell (1920-2003) in die Hände bzw. auf den Desktop. Der kurze Text, ursprünglich als Informationspapier für die Europäische Kommission verfertigt, brachte es nach der Publikation im von A. E. Cawkell redaktionell mitbetreuten Journal of Information Science bis heute auf immerhin zwei Web-of-Knowlegde-registrierte Zitierungen. Welchen Stellenwert er im ca. 150 Artikel starken informationswissenschaftlichen Werk A. E. Cawkells besitzt, bleibt mir dennoch im Dunklen, ist aber eigentlich auch nicht so wichtig.

Vor der Horizontlinie einer Auseinandersetzung mit Diskursen aus der Geschichte der Informationsgesellschaft ist der prognostisch hochangereicherte Artikel nämlich unabhängig vom konkreten Autor interessant. Denn er spiegelt exzellent, wie man vor reichlich 30 Jahren über den elektronischen Datenaustausch sowie das elektronische Publizieren und seine Zukunft dachte bzw. denken konnte. Dazu zählt beispielsweise die Idee, dass dank EDV die Menge an Verbrauchspapier reduziert wird – einer der zwischenzeitlich vielleicht am drastischsten widerlegten Mythen der Technikgeschichte.

A. E. Cawkell hätte es prinzipiell ahnen können, denn er selbst merkt ja an: (weiterlesen…)

Absolut Gegenwart. Jürgen Mittelstraß über die Enge des Internets.

Posted in LIBREAS aktuell, LIBREAS.Referate by Ben on 25. Juli 2011

Ein Kommentar von Ben Kaden

I

Wir sind im Jetzt und Überall. Die großen Ordnungskategorien der Wahrnehmung – Raum und Zeit – schrumpfen in der digitalen Welt auf ein Pünktchen namens Gegenwart. So jedenfalls blüht ein häufig anzutreffendes Argument netzkritischer Beobachtung, das seine Wurzeln in die Tatsache treibt, dass die dematerialisierten digitalen und kommunikablen Repräsentationen von Wissen weitgehend narbenfrei, also ohne Nutzungsspuren, reproduziert werden können und uns daher ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2001 auch zehn Jahre später taufrisch ins Browserfenster geladen wird. So er denn noch geladen werden kann. Die Spuren, die die Distanz zwischen unserer aktuellen Wahrnehmungsposition und der, des kommunizierten Objekts liegen, werden nur anhand von entsprechenden metadatierenden Markierungen und auf der semantischen Ebene spürbar. Ihre Verkörperlichung ist in gewisser Weise spurlos, zeigt sich immer auf dem Jetztstand, ist On-Demand und daher auch zum sofortigen Verbrauch. Ein digitales Dokument lässt sich nicht halten, nur abrufen. (weiterlesen…)

Die Zukunft von gestern. Ein Beitrag zur Open-Access-Debatte aus dem Jahr 1996.

Posted in LIBREAS.Referate, Sonstiges by Ben on 20. Juni 2011

Es fehlt mir jetzt gerade die Zeit für eine umfassende Kontextualisierung, aber da mir die Quelle sonst wahrscheinlich wieder aus dem Blick schwindet, möchte ich sie wenigstens kurz vermerken.

In der Ausgabe September-Ausgabe 1996 der Computerwoche findet sich nämlich ein Kommentar von Manuel Kiper (Wikipedia), seinerzeit Mitglied des Deutschen Bundestages zu einem forschungsinfrastrukturellen Förderansatz des damaligen “Zukunftsministers” Jürgen Rüttgers. In diese aufbruchsfreudige Epoche fällt in etwa der Zeitpunkt, zu dem die deutsche Politik das Medium Internet entdeckte. Aufgeschlüsselt umfasste die Zukunftsbetreuung im damaligen Kabinett von Helmut Kohl ein ministeriales Dasein für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie.

Der Kommentar des Sprechers der damaligen Fraktion Bündnis 90/Die GRÜNEN bezieht sich auf die finanzielle Unterfütterung des Programms Fachinformation, die ihm zu mager erscheint, nicht zuletzt da ein Großteil der langsam zwischen 1996 bis 1999 auf jährlich 1,9 Milliarden D-Mark wachsenden Förderprogramms in ” in Um- und Neubau der Frankfurter Zentralbibliothek und der Staatsbibliothek Kulturbesitz Berlin” fliesst.

Interessanter als diese pekuniären Debatten sind jedoch die konzeptionellen Aussagen, die sich auch 15 Jahre später nicht ganz überholt haben. So betont Kiper:

“Wissenschaft wie Unternehmen nutzen schon elektronische Publikationsverfahren. Im Internet veröffentlichen sie ihre Ergebnisse – ohne die Verlage. Wissensproduzenten mischen die Karten für Verlage, Bibliotheken und Archive neu. Das Problem ist zudem, dass elektronische Publikationen heute kostenlos sind.”

Damit die Verlage in diesen elektronischen Zug einsteigen, versuchte Rüttgers Zukunftsministerium offensichtlich, entsprechende Anreize zu schaffen. Man darf dabei nicht vernachlässigen, dass das Maß der Dinge im elektronischen Publizieren noch in der CD-Rom gesehen wurde und Rüttgers auf der CeBIT betonte: “Ich habe den Eindruck, dass im Multimediabereich Goldgräberstimmung herrscht.” (Peter Monadjemi (1995) Von der Kuriositaet zum Wachstumsfaktor. In: Horizont. 31.05.1995, S. 100) Damals ging man übrigens auch davon aus, dass “im Jahre 2000 rund 20 Prozent aller Titel des Buchhandels auf CDRom erscheinen werden.” (ebd.)

Der Hintergrund für Kipers Kritik erschließt sich schnell, wenn man nachliest, welches die Kernpunkte von Rüttgers Zukunftsprogramm waren. In der taz vom 19. August 1996, also kurz vor Kipers Artikel, referierte sie diese in einem Artikel mit dem immergrünen Titel: “Die Informationsflut kanalisieren”:

“Rüttgers benennt vier Ziele: Es sollen neue Informationssysteme und Suchverfahren entwickelt werden, die deutschen Wissenschaftlern und Technikern von ihren Arbeitsplatzrechnern aus den effizienten Zugang zu den weltweit vorhandenen Informationen ermöglichen. Der Strukturwandel von der gedruckten zur elektronischen Publikation soll gefördert werden. Die elektronisch verfügbare Information soll verstärkt in der Industrie nutzbar gemacht werden – schneller Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung heisst das Stichwort. Als letzter Punkt ist die Privatisierung der bisher noch staatlich finanzierten Informationsprodukte und -dienstleistungen aufgeführt, sie sollen künftig mit kostendeckenden Preisen arbeiten.”

Politisch war der staatliche gestützte Ausbau des Internets und der entsprechenden Infrastrukturen immer vor allem mit Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung verbunden. Vorbild waren natürlich die USA. Gerade der letzte der vier Rüttger’schen Programmpunkte dürfte in der öffentlich geförderten Wissenschaft nicht ohne Grimmen registriert worden sein. Daneben zeichnet sich in der Programmatik deutlich die Bahn hin zu einer stärkeren Förderung anwendungs-, produkt- bzw. innovations orientierter Disziplinen ab. Dass die Geisteswissenschaften, die hier aus ihrer Wissenschaftsstruktur kaum punkten können, eher zurückhaltend auf die folgenreiche Transformation in Digital Humanities reagierten (und reagieren) wird bei der Gelegenheit ein stückweit verständlich.

Rüttgers kniff – meinte Kiper – gerade dort, wo es an die entscheidende Frage geht, nämlich bei der Dauerfinanzierung. Er wollte einfach die elektronischenInformationsinfrastrukturen dem Markt überlassen in der Hoffnung, dieser regele, was zu regeln wäre und die Wirtschaft erlebte zum Ende des Jahrtausends einen schönen Frühling. Wiebke Rögener bringt in ihrem taz-Beitrag die Sache auf einen Punkt:

“Wissenschaft wird hier – ganz ohne alle Verbrämung – als Zulieferer gesehen, als Produzent des Rohstoffs Information eben.”

Kiper dagegen argumentiert stärker noch aus der Position des Wissenschaftlers und eindeutig für Open Access:

“Die Wissenschaftler allerdings wollen kostenfreien Zugang. Sie produzieren die Informationen und wollen sie auch umfassend nutzen. Ihnen und den wissenschaftlichen Bibliotheken ist nicht damit geholfen, wenn sie keine Bücher und Zeitschriften mehr bestellen können und jedesmal für den Abruf einzelner Artikel im künftig elektronischen Bibliothekssystem bezahlen müssen. Vernetzte Bibliotheken sind Unsinn, wenn ihnen vorher die wissenschaftliche Substanz zusammengestrichen wurde. Den Widerspruch zwischen Wissenschaft und Markt löst Rüttgers nicht auf – er verstärkt ihn. Wer sich in die Wissensgesellschaft aufmacht, muss sich schon etwas mehr einfallen lassen.”

Die Rückschau in die jüngere Geschichte der deutschen Wissenschaftspolitik ist freilich nicht immer notwendig, um zu erkennen, dass die Grundfrage eine gesellschaftliche ist: Wem soll Wissenschaft vor allem dienen? Der Gesellschaft, der Wirtschaft oder sich selbst? Oder allen dreien und wenn ja, in welchem Verhältnis?

Aber der Blick zurück hilft mitunter, den in die Gegenwart wieder zu fokussieren. Die jüngeren Debatten um die Wissenschaftsförderung im Vereinigten Königreich zeigen, dass der eigentliche Evergreen dieser Debatte wirklich das widersprüchliche Gegensatzpaar Wissenschaft/Markt zum Refrain hat.

P.S. Übrigens klingt noch ein weiterer Oldie auf Heavy Rotation im Kommentartext zur elektronischen Zukunft des Jahres 1996: “Auch die Copyright-Probleme sind ungelöst.”

(bk)

Franzens Bad in der Informationsmenge. Und: Der n+1-Diskurs zum Thema gerät in der Frühlingsausgabe zum digital-bohemischen Dorf.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 4. Mai 2011

von Ben Kaden

Es ist durchaus ein berechenbarer Blick mit einem klar fokussierbaren theoretischen Hintergrund, den die Autoren der Zeitschrift n+1 auf all diejenigen Phänomene werfen, die auch uns tagtäglich beschäftigen: Foucault, Bourdieu, Adorno, mitunter ein paar weitere Franzosen treiben die Leser regelmäßig durch das obligatorische „Information Essay“, das zudem durchweg wie von einer Dachterrasse in Brooklyn aus geschrieben wirkt. Und dabei gelingt es dem Redaktionsteam zumeist, in diesem Editorial zur „Intellectual Situation“ ihrer Zeit aus ihrem sozial-, kultur- und literaturwissenschaftlichen (im weitesten Sinne) Winkel mühelos die präzisesten und überzeugendsten Einschätzungen zur kulturell munter vor sich hin evolutionierenden Informationsgesellschaft aufs Papier zu bringen, die aktuell im Pressevertrieb zu haben sind. (weiterlesen…)

Martin Warnkes eine Theorie des Internets

Posted in LIBREAS.Referate by Karsten Schuldt on 22. April 2011

von Karsten Schuldt

Rezension zu: Martin Warnke (2011). Theorien des Internet zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag. 13,90 Euro. ISBN: 978-3-88506-679-8

Die „zur Einführung“-Reihe des Junius Verlags hat sich zu Recht einen guten Ruf erarbeitet. Für übergreifende philosophische Fragestellungen und das Denken einzelner Philosophinnen und Philosophen liefern diese Bücher relativ kurze Besprechungen, die mit der Intelligenz ihrer Leserinnen und Leser rechnen. Dass die Autorinnen und Autoren der Werke ihre intellektuelle Herkunft aus der kritischen Linken meist nicht verheimlichen, macht die Reihe ansprechend, da brennende gesellschaftliche Fragen gestellt und nicht einfach nur, wie in anderen Einführungen, Fakten berichtet werden.
Eine Eigenheit der Reihe besteht darin, dass die Autorinnen und Autoren sich eigentlich nie auf einen vorgeblich objektiven Standpunkt zurückziehen, sondern die subjektiv Prägung der Darstellung sehr schnell sehr klar wird. Das ist zum Teil sympathisch, gleichzeitig prägt damit eine Person die Interpretation einer Philosophie und besetzt mit ihrer Meinung das Thema. Insoweit ist es immer auch relevant, wen der Verlag und der Wissenschaftliche Beirat als Autorin beziehungsweise Autor für welches Thema auswählen. (weiterlesen…)

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Autorität und Schreibmaschine: Überlegungen zur Digitalkultur.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 1. April 2011

“I love the tactile feedback, the sound, the feel of the keys underneath your fingers”

In der Ausgabe des Times Literary Supplement vom 25. März 2011 bespricht der Medienwissenschaftler David Finkelstein unter der Überschrift „Textual liberation“ zwei aktuelle Bücher zur Veränderung des Schreibens unter digitalen Bedingungen. Das Thema ist nicht nur medientheoretisch, sondern auch bibliothekswissenschaftlich bedeutsam, betrifft doch der Übergang zum so genannten Read/Write-Web und die damit verbundene Wandlung der dominierenden Lese- und Schreibtechnologien und -praxen alles, was für Bibliotheken die Zeitstrahlsegmente Gegenwart und Zukunft markiert.

Nachfolgend spanne ich von diesem Rezensionstext ausgehend auf sanften 3000+ Wörtern einen regen Bogen ausgehend vom Zusammenhang zwischen dem digitalen Handeln und den dieses Handeln prägenden Institutionen hin zur Parallele von Schreibmaschine und digitalem Textwerk vor dem Hintergrund einer Studie aus dem Jahr 1932. An den Bibliotheken geht dieser Bogen ausnahmsweise etwas vorbei. (weiterlesen…)

Frame – der Weg zum Buch? Zu Nicole Krauss’ Buchhandlungstheorie.

Posted in LIBREAS.Feuilleton by Ben on 14. März 2011

I

Es wirkt beinahe etwas vermessen, sich Gedanken zur Zukunft des Medium Buchs hinzugeben, wenn zeitgleich anderswo weitaus Grundsätzlicheres auf der Kippe steht und gerade die allumfassend vernetzte Welt, die Berichte zu den Ereignissen im Liveticker in alle Büros der westlichen Hemisphäre überträgt, dafür sorgt, dass wir nicht bis zu den Tagesthemen warten, sondern das Thema des Tages permanent in informationeller Hab-Acht-Stellung verfolgen. Während am letzten Freitag auf der ISI 2011 darüber diskutiert wurde, wie frei und sozial Wissen sein kann, verfolgte man im Auditorium, sofern man sich der Nachrichtenlage bewusst war und nicht vorher von Feuilleton-Artikeln zu den Folgen des Falls zu Guttenberg für die Wissenschaft vollauf beansprucht wurde, wie das Meer eine Küstenregion in einer Art und Weise zermalmt, die man vielleicht in der Literatur Sakyo Komatsus mit einigem Schauder beschrieben erwartet, aber deren Drastik, und sei sie nur über Youtube vermittelt, den Beobachter in ein ehrfürchtig-ohnmächtiges Staunen versetzt.

Vermutlich ist es die trotz aller basiskulturellen Unterschiede bestehende Verwandtschaft der im Untergang befindlichen Lebensraumgestaltungen, die uns beim Anblick der Bilder so berührt. Wenn die New York Times das Bild von Eltern zeigt, die auf ein zerdrücktes, kaum mehr als solches erkennbares Auto starren und die Beschreibung verrät, dass sie gerade das Fahrschulfahrzeug fanden, in dem ihre Tochter starb, dann steckt dahinter der Einbruch einer Katastrophe in die Alltäglichkeit, die man auch beim Blick von Frühstücktisch aus einem Mannheimer Fenster in den gnadenlos schönen Vorfrühling sehr nah erspürt. Die Ereignisse aus Japan konfrontieren uns überdeutlich, wie fragil das Gewebe unserer Alltagswirklichkeit vom Biohonig im Supermarkt bis hin zur politischen Debatte gestrickt ist. Gegen Fukushima und die Folgen wird die Plagiatsaffäre zu Guttenberg eine possierliche Marginalie im Jahresrückblick 2011 sein.

Andererseits ist die Nahsicht notwendig –  schlicht um zurechtzukommen. Ständig auf das Damoklesschwert eines kosmischen Zwischenfalls zu starren, der mir nichts, dir nichts alles auszulöschen vermag, was der Kulturmensch gemeinhin unter Bedeutung versteht, ist kaum hilfreich, wenn man halbwegs erfolgreich Sinn suchend oder konstruierend durch den Tag zu kommen versucht. Andererseits zeigen Fukushima und die anderen möglichen atomaren Schmelzpunkte, dass eine Hochkultur sich durchaus und ständig fragen muss, ob sie nicht manchmal in ihrem Fortschrittsglauben Wetzstahl an der Klinge spielt. Wenn man am Rheinufer auf das Leuchten der industrieromantischen Kulisse des riesigen BASF-Werkes schaut und daran denkt, wie flussabwärts Philippsburg und flussaufwärts Biblis den atomenergetischen Rahmen der Szenerie bilden, fühlt es sich trotz aller Vernunft und ungeachtet allen Vertrauens in deutsche Sicherheitsstandards so an, als sei der Grat, auf dem diese Art von Industriekultur ausbalanciert ist, nicht für alle Zeit der breiteste.

Literatur scheint in diesem Kontext eine nachgeordnete Rolle zu spielen, übernimmt aber bei genauerer Hinsicht und adäquater Umsetzung eine wichtige Aufgabe: Sie reflektiert und übernimmt dabei dann, wenn sie gelesen wird, die Rolle eines gemeinsamen Reflexionshorizontes besonders für Ereignisse, die an sich schwer rationalisierbar und verständlich sind. So bildete – um ein naheliegendes Beispiel herauszugreifen – die Literatur nach Tschernobyl, in Westdeutschland prominent durch Gudrun Pausewangs Jugendbuch „Die Wolke“ und in der DDR durch Christa Wolfs „Störfall“ markiert, einen geteilten Verständnishorizont, der nicht unwesentlich zur Politisierung der Debatte um die Atomkraft beitrug. (weiterlesen…)

Der Appetit kommt beim Chatten. Adam Gopnick über das Internet als omnipräsente Bibliothek und drei Perspektiven.

Posted in LIBREAS.Referate by libreas on 10. Februar 2011

Ein Kommentar zu

Adam Gopnick: The Information. How the Internet Gets Inside Us. In: New Yorker, 14.02.2011. Online: http://www.newyorker.com/arts/critics/atlarge/2011/02/14/110214crat_atlarge_gopnik

von Ben Kaden

Gehen wir der Frage nach, wie digitale Technologie unsere Lebenswelt umgräbt, dann sind die Echogramme der Popkultur besonders aufschlussreich. Nicht zuletzt die Möglichkeit elektronischer Musik hat diese Facette des kulturellen Lebens gründlich umgegraben und spätestens mit dem Mp3-Player wurde Digitaltechnik selbst Pop. Dass thematisch direkt auf das Thema gerichtete Musikprojekte mit Namen wie Arpanet in ihrer Popularität weiter hinter andere Bezugsgrößen betonenden Bands wie The Books zurückstehen, liegt möglicherweise weniger am Namen als an der Art der Kompositionen. Für Projekte wie Digitalism sieht es z.B. ganz anders aus. Da hat auch eine informationstheoretische Konzeptcombo wie Signal keine Chance, selbst wenn sie die feiner ziselierten Klanglandschaften elaboriert. Allerdings referenziert sie auch Robotron und den Uranbergbau(weiterlesen…)

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