LIBREAS.Library Ideas

Sie nannten es Arbeit. Eine Handreichung zu drei Informationsgesellschaftstheorien.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. März 2013

Rezension zu

Jochen Steinbicker (2011) Zur Theorie der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich der Ansätze von Peter Drucker, Daniel Bell und Manuel Castells. 2. Auflage Wiesbaden: VS Verlag. ISBN: 978-3-531-18054-0 29,95 Euro (Seite zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

I

Wer in den ausklingenden 1990er und beginnenden 2000er Jahren in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft über den Tellerrand hinaus sah und sich fragte, in welcher Gesellschaft er sich befindet, der blickte zwangsläufig in eine halb gegenwärtige, halb zukünftige Lebenswelt namens Informationsgesellschaft. Über diesem bereits an sich schillernden Begriff standen als besonders strahlende Leitgestirne die Beschreibungen von Daniel Bell (postindustrielle Gesellschaft) , Peter Drucker (Wissensgesellschaft) und Manuel Castells (informationelle Gesellschaft, Informationalismus). Allen drei Protagonisten beschäftigte, ungeachtet der Variation in der Benennung, die Transformation einerseits der ökonomischen und andererseits in dieser Folge auch der sonstigen Bereiche der Gesellschaft.

Grundlage der Entwicklung war eine Verschiebung im Bereich der Produktivkräfte (ein Ausdruck, der seinen Zenit etwa 1975 hatte und mittlerweile auch schon Staub trägt). Für die Wertschöpfung waren nun nicht mehr physische Arbeit (mitsamt der Körper, die diese verrichten mussten) und Land und nicht mehr nur Kapital, Maschinen und Energie notwendig. Entscheidend waren mehr oder minder plötzlich Wissen, Innovationsgeist, Wagnis und – wie das Beispiel der New Economy zeigt – auch Einiges an Chuzpe, Glück und richtigen persönlichen Kontakten.

Parallel dazu erkannte man, dass sich die bis dato weitgehend vorwiegend unter kulturellen bzw. sozialen Aspekten zu verortenden Phänomene Information und Kommunikation nicht nur nachrichtentechnisch in mathematische Fassungen bringen lassen, sondern generell als Waren begriffen werden und daher auch ihre Erzeugung, Verbreitung und Nutzung nach Marktmechanismen strukturiert werden können. Mit den entwickelten Formen der Informations- und Kommunikationstechnologie standen Kanäle und Werkzeuge zur Verfügung, die nahezu beliebige Quantitäten von Nachrichten bei zugleich relativ guter Kontrollmöglichkeit übertragbar machten. Die Totalisierung dieses Prinzips, dass wir mit dem Zeitalter des Smartphones und der digitalen sozialen Netzwerken bis in den kleinsten interpersonellen Austausch hinein erfahren, ist nicht nur direkte Nachwirkung dieses Gedankens, sondern zugleich Auslöser der Frage, in welche Richtung dieser Zug nun weiter rollt.

Schreibtisch

II

Möglicherweise ist die Wissensökonomie, bei der es um Individualwissen geht, schon längst wieder im Abschwung. Die Theorien der Informationsgesellschaft und deren Hauptvertreter, von denen zwei bereits verstorben sind, hinterließen dafür keine Orientierung. Ihre Arbeiten bieten tatsächlich Erklärungsmuster, die die Entwicklung bis circa in den frühen 2000er Jahre noch halbwegs begreifbar machen.

Das Gewicht ihrer Theorien liegt entsprechend noch auf dem Faktor Wissen, hier synonym mit Intelligenz und schneller Reaktionsfähigkeit bzw. Entscheidungsfreude zu verstehen. Zauderer hätten kein Google gebaut und der alte Industrieadel wäre an den frühen Bilanzen (ca. die ersten 15 Jahre) von Amazon zutiefst verzweifelt. Dennoch hat sich das Digitale in Form von Leit- und Steuertechnologie auch in den urständigsten Schwerindustrien durchgesetzt. Wer es nicht glaubt, den überzeugt jede beliebige Führung in einem gläsernen Stahlwerk oder eine anderen Art von (ehemaliger) Manufaktur in der Regel ziemlich schnell. Dass Bildung im Sinne von einer Verständnis- und Bedienkompetenz für entsprechende Steuermedien an vielen Stellen über Körperkraft geht, versteht sich von selbst. Ein bitteres Erwachen jenseits idyllischer Illusionen über das Emanzipationspotential einer digital basierten Kommunikationsgesellschaft spielte für die drei Leitbildbildner noch kaum eine Rolle. Die Entkleidung von Konzepten wie Bildung und Wissen auf ihren Verwertungskern scheint jedoch, wie wir heute leicht erkennen, ein logischer und unvermeidbarer Bestandteil der Entwicklung zu sein.

Wir sehen es jeden Tag: Bildung, auch universitär, besitzt auch in der universitären Praxis nur noch sehr geringe Schnittmengen mit aufklärerischen Vorstellungen und sehr große mit Fragen der Tauglichkeit für einen Arbeitsmarkt, in dem Wissen einzig dann wichtig ist, wenn es dem jeweiligen Funktionskontext nutzt bzw. sich jemand findet, um dafür etwas zu bezahlen. Der Wissensarbeiter – den beispielsweise Peter Drucker eher abstrakt beschrieb – ist zumeist tatsächlich nur Wissensproletarier (oder, vgl. S. 47, “Nachfahre des Facharbeiters”). Daniel Bells Vorstellung einer Wissenselite bleibt ebenfalls eher unterbestimmt und die Idee einer Verlagerung von Macht und Kontrolle weg vom Markt ist, wie auch Jochen Steinbicker betont, je nach Sichtweise entweder widerlegt oder noch auf dem Weg zu einem Ort, an dem sie sich einlösen kann.

III

Der Soziologe Jochen Steinbicker bündelt also in seinem Überblicksbuch die am Ende doch ähnlichen Konzeptlinien des großen Vordenkertrios unserer (ökonomischen) Gegenwart, heuer in der zweiten Auflage, zusammen und macht somit die “Pfade zur Informationsgesellschaft” (so der Titel eines weiteren Buches, das er ebenfalls 2011 allerdings beim Velbrück Wissenschaftsverlag publizierte) aus diesen drei Perspektiven recht übersichtlich nachvollziehbar. Die Abhandlung eignet sich freilich mehr als Handreichung denn als Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs, obschon die jeweilige Kritik der Ansätze eine gute Basis für Folgediskussionen böte, lägen die Defizite aller drei Versuche, die kommende bzw. seiende Gesellschaft zu bestimmen, nicht bereits derart offen auf der Hand.

Letztlich sind die referierten Theorierahmen von Bell, Castells und Drucker im Jahr 2013 über weite Strecken hauptsächlich aus historischer Sicht interessant. Im Jahr der Erstauflage des Bandes – 2001 – stellte sich die Situation noch anders dar (und das Buch selbst war, das nebenbei  vermerkt, auch noch zum halben Preis zu haben – eine auch wissensökonomischer Sicht erstaunliche Kopplung von Halbwertszeit des Wissens und dem dafür geforderten Preis).

Zum Ausstieg argumentiert Jochen Steinbicker erwartungsgemäß resolut gegen eine techno-determinstische Entwicklung. Stattdessen plädiert er für die “Identifizierung verschiedener Typen von Informationsgesellschaften ” (S.125) als Startpunkt eines kritisch-reflexiven Hinterfragens. Beispielsweise der in der Tat bisweilen dreist von den prominenten Monomaniacs (Wortschöpfung von Peter Drucker) als unveränderlich verkauften Entwicklung, die freilich oft mit dem Verkauf einer jeweiligen Produktidee korreliert und mitunter die Verbindung zur Theorie eines viel älteren Vordenkers aus der Republik Florenz nahelegt.

Die vier Beobachtungsebenen, die sich für Anschlussuntersuchungen anbieten:

  1. These des Strukturwandels der Arbeit;
  2. These der Spaltung zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und geringqualifizierten Dienstleistungsangestellten (dieses Neoproletariat wurde freilich bereits von Walter Benjamin thematisiert);
  3. Verhältnis von Wissensarbeit und Organisation inklusive Verschiebungen im Verhältnis Hierarchie und Kontrolle;
  4. Bestimmung der gesellschaftlichen Bedeutung des Strukturwandels der Arbeit (vgl. Steinbicker, S. 123)

bleiben zweifellos zeitfeste Plateaus intellektueller Deutungsarbeit und dies idealerweise auch für die Bibliotheks- und mehr noch Dokumentations- als Informationswissenschaft. Denn die Frage, wohin die Profession steuert, ist dauerhaft offen. Bibliothekare und Dokumentare (besonders letztere) standen gewissermaßen lange durchaus für eine Art Avantgarde der Wissensverarbeitung, die nun in der Informations- und Wissensgesellschaft vom Hauptfeld der Beschäftigungswelt einge- und manchmal überholt wurde. Die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sieht sich so mit einem mächtig erweiterten Gegegenstandsbereich konfrontiert und obwohl die Vorhersagen von Daniel Bell auf die 1960er rückdatieren und die Bücher frühzeitig auch in deutscher Übersetzung vorlagen, zeigte sie sich lange nicht sonderlich für diese Transformation gewappnet.

IV

Kurioserweise musste man auch in ihr ausgerechnet lange um das ringen, was Jochen Steinbicker als “dritten Weg zwischen der pauschalen Ablehnung [...] und der unkritischen Zustimmung” einfordert. (S. 125) Früher nannte man das ein vernünftiges Gleichgewicht. Die stattdessen in dem Feld lautstärker wahrnehmbaren Extrempositionen wie a) Treue zu anachronistischen Prinzipien oder b) servile Anpassung an den Zeitgeist treten, wie jeder weiß, immer besonders gern in Situationen der Unsicherheit auf. Dass die Veränderung der Beschäftigungswelt mit gegenläufigen Trends einerseits der Ausweitung der lebensweltlichen Bedeutung des Arbeitsverhältnisses (vermittelt durch das Medium Geld) und andererseits die weitreichende Flexibilisierung und potentielle Prekarisierung der Arbeitswelten, wie wir es seit 2000er Jahren in größter Entfaltung erleben, zu Verunsicherung führt, erstaunt freilich ebenso wenig wie die Tatsache, dass weder Bell noch Drucker noch Drucker in ihren Makroentwürfen sonderlich über die sozialpsychologischen Folgen der von ihnen beschriebenen neuen Gesellschaften reflektierten.

Vielmehr liest es sich so:

“Alle Konsumfreuden, wie ein Buch lesen, sich mit einem Freund unterhalten, eine Tasse Kaffee trinken, ins Ausland reisen, erfordern Zeit. Deshalb verfügen auch die Bewohner “rückständiger Länder”, die sich nicht so viele Dinge leisten können, über mehr Zeit. Besitzt jemand hingegen ein Segelboot, einen Rennwagen oder ein Konzertabonnement, ist “Freizeit” sein knappstes Gut. Will er z.B. ins Konzert, muß er entweder sein Abendessen hinunterschlingen [...] oder hinterher essen, was wiederum bedeuten kann, daß er zu lange aufbleibt und nicht genügend Schlaf hat, will er am nächsten Tag “pünktlich” zur Arbeit erscheinen.” – Daniel Bell (1979): Die nachindustrielle Gesellschaft. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 349

Das mag für irgendeine Welt korrekt sein. Aber wer heute als Wissensdienstleister zu arbeiten beginnt oder, vom Bildungsabschluss zur Wissenselite zählend, versucht im deutschen Universitätssystem Fuß zu fassen, merkt spätestens beim Blick auf seine Rentenprognose, dass ein Segelboot oder ein Rennwagen vermutlich nicht zum engsten Kreis der Probleme zählen werden. Die Frage nach der Aktualität und Aktualisierbarkeit der Arbeiten der großen Drei stellt sich so bei der Lektüre der Originaltexte nicht ganz selten. Sie zu kennen, schadet natürlich auch nicht.

Dass sich Jochen Steinbickers Arbeit vorwiegend an Soziologen und dabei vermutlich in der Hauptsache an SoziologiestudentInnen richtet, die das Buch zur Prüfungsvorbereitung lesen (vermutlich in der Bibliothek, denn für diesen Zweck ist die zweite Auflage schon etwas hochpreisig), braucht uns als Bibliotheks- und Informationswissenschaftler keineswegs daran hindern, einen (Rück)Blick in die Pro- und Diagnostik der drei genannten Theoretiker zu werfen. Man erfährt durchaus Wichtiges über die Wurzeln der heutigen Haupttrends vor allem der digitalen und wissensbasierten Ökonomien. Und erst deren Kenntnis ermöglicht vermutlich ein adäquates Handeln in einer äußerst widersprüchlich und unklaren gegenwärtigen Gesellschaft jenseits von Informations-, Wissens- oder Wissenschafts-Präfixen.

(Berlin, 08.03.2013)

Auslöschung des Papiers. Ein Beitrag im Cabinet Magazine erklärt, was die Informationsgesellschaft von der Aktenvernichtung lernen kann.

Posted in LIBREAS.Referate by Ben on 12. September 2011

zu: D. Graham Burnett; Sal Randolph (2011) The Memory Hole has Teeth. Toward a field guide to shred. In: Cabinet. A Quarterly of Art an Culture. Issue 42. S. 70-77

„Shred is the versicolor confetti saluting the end of the age of the book –

and the party is just getting started.“ (D. Graham Burnett, Sal Randolph)

I

Über dem digitalen Lebensalltag mit all seinen Abhängigkeiten von der Rechentechnik schwebt nicht nur eine schwerelose Cloud, sondern auch eine weitere, bisweilen sehr dunkle Wolke. Denn manchmal, wenn man beispielsweise eine arglose E-Mail an einen freundlichen Menschen schreibt, färbt sich der Bildschirm wie vom Blitz getroffen um und anstelle des Eingabefensters präsentiert sich ein Blue Screen, dessen Farbe nicht für das himmlische Datenparadies der Cloud steht, sondern für einen handfesten Hardwareschaden im physischen Laufwerk. Wenn man sich dann auf die akute Odyssee der Datenrettung begibt, offenbart die unendliche Leichtigkeit der digitalen Information die Bleischwere, die dahinter stehen kann. Jedenfalls, wenn der automatische Backup des Rescue-and-Recovery auf demselben Gerät stattfindet. Immerhin erfährt man vom Fachmann, wie viel man eigentlich in den vergangenen drei Jahren an Informationsmengen auf dem Arbeitsrechner ansammelte. 220 Gigabyte informationellen Handelns stehen derzeit am Letheufer und sind bereit zur Einschiffung. Aber man tut, was man kann.

Neben der Verzweiflung, die vielleicht drei oder vier Texten im Entwurfsstadium dreidutzend E-Mails und der Sammlung legal erworbener MP3s, die irgendwo dort abgeladen sind, gilt, hält sich – und das ist die eigentliche Überraschung – die Verlustangst in erstaunlichen Grenzen. Vermissen würde man vielleicht eines der 220 Gigabytes. Da die Lage aber keinen gezielten Zugriff erlaubt, muss man eben retten, was zu retten ist. Die Lage erzwingt ein alles oder nichts. Das Sortieren und Aussondern kann erst nach der Rettung folgen.

Ein schöner Nebeneffekt dieser Notlage sind ein, zwei kleine Überlegungen zu den verschiedenen Dimensionen der Bindungen und Lösungen in diesem Zusammenhang: (more…)

Die Zukunft von gestern. Ein Beitrag zur Open-Access-Debatte aus dem Jahr 1996.

Posted in LIBREAS.Referate, Sonstiges by Ben on 20. Juni 2011

Es fehlt mir jetzt gerade die Zeit für eine umfassende Kontextualisierung, aber da mir die Quelle sonst wahrscheinlich wieder aus dem Blick schwindet, möchte ich sie wenigstens kurz vermerken.

In der Ausgabe September-Ausgabe 1996 der Computerwoche findet sich nämlich ein Kommentar von Manuel Kiper (Wikipedia), seinerzeit Mitglied des Deutschen Bundestages zu einem forschungsinfrastrukturellen Förderansatz des damaligen “Zukunftsministers” Jürgen Rüttgers. In diese aufbruchsfreudige Epoche fällt in etwa der Zeitpunkt, zu dem die deutsche Politik das Medium Internet entdeckte. Aufgeschlüsselt umfasste die Zukunftsbetreuung im damaligen Kabinett von Helmut Kohl ein ministeriales Dasein für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie.

Der Kommentar des Sprechers der damaligen Fraktion Bündnis 90/Die GRÜNEN bezieht sich auf die finanzielle Unterfütterung des Programms Fachinformation, die ihm zu mager erscheint, nicht zuletzt da ein Großteil der langsam zwischen 1996 bis 1999 auf jährlich 1,9 Milliarden D-Mark wachsenden Förderprogramms in ” in Um- und Neubau der Frankfurter Zentralbibliothek und der Staatsbibliothek Kulturbesitz Berlin” fliesst.

Interessanter als diese pekuniären Debatten sind jedoch die konzeptionellen Aussagen, die sich auch 15 Jahre später nicht ganz überholt haben. So betont Kiper:

“Wissenschaft wie Unternehmen nutzen schon elektronische Publikationsverfahren. Im Internet veröffentlichen sie ihre Ergebnisse – ohne die Verlage. Wissensproduzenten mischen die Karten für Verlage, Bibliotheken und Archive neu. Das Problem ist zudem, dass elektronische Publikationen heute kostenlos sind.”

Damit die Verlage in diesen elektronischen Zug einsteigen, versuchte Rüttgers Zukunftsministerium offensichtlich, entsprechende Anreize zu schaffen. Man darf dabei nicht vernachlässigen, dass das Maß der Dinge im elektronischen Publizieren noch in der CD-Rom gesehen wurde und Rüttgers auf der CeBIT betonte: “Ich habe den Eindruck, dass im Multimediabereich Goldgräberstimmung herrscht.” (Peter Monadjemi (1995) Von der Kuriositaet zum Wachstumsfaktor. In: Horizont. 31.05.1995, S. 100) Damals ging man übrigens auch davon aus, dass “im Jahre 2000 rund 20 Prozent aller Titel des Buchhandels auf CDRom erscheinen werden.” (ebd.)

Der Hintergrund für Kipers Kritik erschließt sich schnell, wenn man nachliest, welches die Kernpunkte von Rüttgers Zukunftsprogramm waren. In der taz vom 19. August 1996, also kurz vor Kipers Artikel, referierte sie diese in einem Artikel mit dem immergrünen Titel: “Die Informationsflut kanalisieren”:

“Rüttgers benennt vier Ziele: Es sollen neue Informationssysteme und Suchverfahren entwickelt werden, die deutschen Wissenschaftlern und Technikern von ihren Arbeitsplatzrechnern aus den effizienten Zugang zu den weltweit vorhandenen Informationen ermöglichen. Der Strukturwandel von der gedruckten zur elektronischen Publikation soll gefördert werden. Die elektronisch verfügbare Information soll verstärkt in der Industrie nutzbar gemacht werden – schneller Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung heisst das Stichwort. Als letzter Punkt ist die Privatisierung der bisher noch staatlich finanzierten Informationsprodukte und -dienstleistungen aufgeführt, sie sollen künftig mit kostendeckenden Preisen arbeiten.”

Politisch war der staatliche gestützte Ausbau des Internets und der entsprechenden Infrastrukturen immer vor allem mit Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung verbunden. Vorbild waren natürlich die USA. Gerade der letzte der vier Rüttger’schen Programmpunkte dürfte in der öffentlich geförderten Wissenschaft nicht ohne Grimmen registriert worden sein. Daneben zeichnet sich in der Programmatik deutlich die Bahn hin zu einer stärkeren Förderung anwendungs-, produkt- bzw. innovations orientierter Disziplinen ab. Dass die Geisteswissenschaften, die hier aus ihrer Wissenschaftsstruktur kaum punkten können, eher zurückhaltend auf die folgenreiche Transformation in Digital Humanities reagierten (und reagieren) wird bei der Gelegenheit ein stückweit verständlich.

Rüttgers kniff – meinte Kiper – gerade dort, wo es an die entscheidende Frage geht, nämlich bei der Dauerfinanzierung. Er wollte einfach die elektronischenInformationsinfrastrukturen dem Markt überlassen in der Hoffnung, dieser regele, was zu regeln wäre und die Wirtschaft erlebte zum Ende des Jahrtausends einen schönen Frühling. Wiebke Rögener bringt in ihrem taz-Beitrag die Sache auf einen Punkt:

“Wissenschaft wird hier – ganz ohne alle Verbrämung – als Zulieferer gesehen, als Produzent des Rohstoffs Information eben.”

Kiper dagegen argumentiert stärker noch aus der Position des Wissenschaftlers und eindeutig für Open Access:

“Die Wissenschaftler allerdings wollen kostenfreien Zugang. Sie produzieren die Informationen und wollen sie auch umfassend nutzen. Ihnen und den wissenschaftlichen Bibliotheken ist nicht damit geholfen, wenn sie keine Bücher und Zeitschriften mehr bestellen können und jedesmal für den Abruf einzelner Artikel im künftig elektronischen Bibliothekssystem bezahlen müssen. Vernetzte Bibliotheken sind Unsinn, wenn ihnen vorher die wissenschaftliche Substanz zusammengestrichen wurde. Den Widerspruch zwischen Wissenschaft und Markt löst Rüttgers nicht auf – er verstärkt ihn. Wer sich in die Wissensgesellschaft aufmacht, muss sich schon etwas mehr einfallen lassen.”

Die Rückschau in die jüngere Geschichte der deutschen Wissenschaftspolitik ist freilich nicht immer notwendig, um zu erkennen, dass die Grundfrage eine gesellschaftliche ist: Wem soll Wissenschaft vor allem dienen? Der Gesellschaft, der Wirtschaft oder sich selbst? Oder allen dreien und wenn ja, in welchem Verhältnis?

Aber der Blick zurück hilft mitunter, den in die Gegenwart wieder zu fokussieren. Die jüngeren Debatten um die Wissenschaftsförderung im Vereinigten Königreich zeigen, dass der eigentliche Evergreen dieser Debatte wirklich das widersprüchliche Gegensatzpaar Wissenschaft/Markt zum Refrain hat.

P.S. Übrigens klingt noch ein weiterer Oldie auf Heavy Rotation im Kommentartext zur elektronischen Zukunft des Jahres 1996: “Auch die Copyright-Probleme sind ungelöst.”

(bk)

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 73 Followern an